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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 18.11.2007

Predigt zu Jeremia 8:4-7, verfasst von Wolfgang Winter

Dem Negativen ins Angesicht schauen

 

So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: was habe ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.

 

Liebe Gemeinde,

heute ist Volkstrauertag. Heute wird der Toten beider Weltkriege gedacht. Die Erfahrung von Tod, aber auch von traumatischer Erfahrung im Bombenkrieg, bei Flucht und Vertreibung haben viele Familien gemacht. Für die Älteren unter uns ist dies noch erlebte Geschichte. Die Jüngeren werden Familiengeschichten kenne, in denen deutlich wird, wie stark etwa der 2. Weltkrieg die Familien getroffen hat und Teil des gemeinsamen Familiengedächtnisses geworden ist. So bleibt bei manchem heute die Erwartung, dass von der Kanzel aus etwas Freundliches, Besänftigendes, Tröstliches zu sagen sei. Stattdessen nun dieser Text:

Nicht Trost, sondern Konfrontation.

 

Vergegenwärtigen wir uns zunächst den historischen Zusammenhang. Der Prophet Jeremia ist unmittelbarer Zeuge der Katastrophe Jerusalems im 6. vorchristlichen Jahrhundert gewesen. Er hat die Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier und die Deportation eines Teiles der Einwohnerschaft nach Babylon miterlebt. Und er hat diese Katastrophe im Rahmen der Gottesbeziehung Israels verstanden - nämlich als schreckliches Gericht Gottes über die Gottesvergessenheit seines Volkes.

Sehen wir genauer hin, was dieser Text auch uns heutigen zumutet. Am Beginn steht die Gottesrede: so spricht der Herr! Dann die Konfrontation mit einem absurden Verhalten, das allem Alltagswissen widerspricht: wenn jemand fällt, wird er doch versuchen, sich so bald wie möglich aufzurichten. Verliert jemand den Weg, so wird er kaum blindlings weiterlaufen, sondern überlegen, wie er die verfehlte Richtung korrigieren könnte. Aber als unbelehrbar erweisen sich die Menschen. Gegen alle Lebenserfahrung und Altersvernunft halten sie fest am falschen Gottesdienst. Sie halten fest an Betrügerei und weigern sich umzukehren  -   gemeint  waren  illusionäre Hoffnungen, die die Lügenpropheten über die politische Lage Judas und Jerusalems angesichts der gewaltigen Übermacht der Babylonier verbreiteten. Niemand  bereut seine Bosheit. Die Menschen sind verbissen wie ein Militärpferd in seinem Sturmlauf, das nicht mehr aufzuhalten ist und schon gar nicht zur  Umkehr zu bewegen ist. Und dann die abschließende Diagnose: während die Zugvögel um eine Ordnung wissen, wann sie zurückzukehren haben, will Gottes Volk die Rechtsordnung seines Herrn nicht kennen, die da lautet: ihr sollt recht handeln einer gegen den anderen, keine Gewalt üben gegen Fremdlinge, Weisen und Witwen und nicht anderen Göttern nachfolgen (Jer 7,5).

 

Nicht Trost also, sondern Konfrontation mit besinnungslosem Agieren, dem die elementare Selbsterkenntnis und der elementare Realitätsbezug verloren gegangen ist. Nicht Beruhigung und Bestätigung also, sondern fundamentale Kritik.

Liebe Gemeinde, ob wir uns am Volkstrauertag diese Selbstbesinnung zumuten können? Ob wir es wagen können, dem Negativen in unseren Familiengeschichten ins Angesicht zu sehen? Eins, so denke ich, ist immerhin gewiss: nur wer dieses Risiko eingeht, wird auch das eigene Gewordensein und die eigene Familiengeschichte tiefer als bisher verstehen können.

 

 Auf zwei Versuche eines solchen vertieften Verstehens möchte ich hinweisen:

Zum einen:Neuere Studien zur Bildung von Familienüberlieferungen und Familiengeschichten haben sich mit der Frage befasst, wie in deutschen Familien über die Nazi-Zeit und den Mord an den Juden gesprochen wird und welche Bilder und Vorstellungen im „Dritten Reich" in Gesprächen zwischen den Generationen weitergegeben werden. Die Ergebnisse der Familiengespräche und Einzelinterviews mit den Familienangehörigen aus drei Generationen machen deutlich, dass in den Familien  -   anders als in der offiziellen akademischen und schulischen Geschichtedarstellung  -   vorrangig Geschichten über das Leiden der eigenen Angehörigen unter dem Nazi-Regime weitergegeben werden. „Opa war kein Nazi"! Die Familie ist trotz allem „Mensch geblieben", ist Zwangsarbeitern freundlich begegnet, hat den Kontakt zur Kirche gehalten oder  Juden heimlich geholfen. Diese Themen werden in den Familien als gemeinsame Gewissheiten von Generation zu Generation weitergegeben und dienen als Bestätigung einer gemeinsamen Einstellung zu wichtigen Angelegenheiten des Lebens, zur Aufrechterhaltung eines Wir-Gefühls, eines Gefühls, gegenseitigen Zusammenhalts.

 Dass tote Väter und Großväter auch Täter waren, dass Familien Nutznießer des Dritten Reiches waren, wird auf diese Weise aus der Wahrnehmung ausgeklammert, gewissermaßen exkommuniziert. So ist die Schuld  in den Untergrund der Familie verbannt, bleibt aber als verborgenes Schuldgefühl weiterhin bedrohlich wirksam. Könnte Trauer am Volkstrauertag nicht auch bedeuten: Diese Verzeichnung der Familiengeschichte aufzugeben, die Toten gewissermaßen aus der eigenen Kontrolle zu entlassen und sie in ihrer ganzen Lebenswirklichkeit wahrzunehmen:  mit ihren guten und ihren bösen Seiten, mit dem, was gelungen ist und mit ihrem Versagen?  Ein solches Wahrnehmen könnte in ein neues Annehmen und Akzeptieren der Toten übergehen. Sie wären dann als reale Menschen und eben nicht nur als Bilder in der Familiengeschichte aufbewahrt. Es kann gut sein, dass eine solche Erinnerungsarbeit dazu führt, dass die Lebenden den Toten wieder näher kommen, sie besser verstehen und mache  fesselnde Bindung lösen können.

 

Zum anderen:In den letzten Jahren ist in Deutschland eine intensive Diskussion über die Kinder des Zweiten Weltkrieges und ihr Leid geführt worden. Diese heute 60- bis 75Jährigen erscheinen zunächst als eine Generation der Erfolgreichen. Sie haben ihr Leben gemeistert, Familien gegründet, Kinder aufgezogen, sich beruflich bewährt und sich am Wiederaufbau Deutschlands aktiv beteiligt. Sie haben gelernt, sich Leistungen abzufordern. Sie haben gelernt, sich zusammenzunehmen und wenig Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Im Alter melden sich aber nun bei Vielen die dunklen Schatten der Vergangenheit: die Angst des Kindes im Keller während eines Bombenangriffs, die Schrecken von Flucht und Vertreibung, der Kummer, als Flüchtling nicht willkommen zu sein, die ungestillte Sehnsucht nach dem toten oder viele Jahre abwesenden Vater. Heute wissen wir, dass die Kinder damals mit ihrem Leid weitgehend allein gelassen wurden -   verständlich, weil in der Nachkriegszeit das schiere Überleben der Familie gesichert werden musste. Über 60 Jahre nach Kriegsende fangen nun Menschen aus dieser Generation an, über ihre Leid zu sprechen, Gefühle zuzulassen, die bisher für sie verboten waren und bisher weiße Flecken der eigenen Lebensgeschichte auszufüllen. Manche machen Reisen in die ehemalige Heimat, manche finden sich in Gesprächsgruppen zusammen, manche schreiben die eigene Geschichte und die Familiengeschichte neu.

 Hier geht es nicht zuerst um Schuld  -   die Kinder des Zweiten Weltkrieges sind nicht Schuld an den Verbrechen der Erwachsenen. Vielmehr geht es um den Zugang zu bisher abgespaltenen Teilen der eigenen Person, um ungelebtes Leben und um so etwas wie Mitgefühl mit dem damaligen überforderten Kind. Es kann gut sein, dass dieses Bewusstmachen des eigenen frühen Leides dazu führt, dass auch das Leiden, das den Anderen  von den Deutschen in einem unvorstellbaren Maß zugefügt worden ist, genauer und mitfühlender wahrgenommen werden kann. Es kann auch gut sein, dass auf diese Weise das Verantwortungsgefühl dafür wächst, dass die noch Lebenden  -   auch deren Kinder und Enkelkinder  -   wenigstens in Europa in Frieden künftig zusammen leben können.

 

Liebe Gemeinde, Umkehren statt blind vorwärts zu rennen. Dem Negativen ins Angesicht schauen, ja, bei ihm  verweilen (Hegel): das ist mit einem Risiko verbunden, vor dem wir uns, denke ich, alle auch fürchten. Das Risiko besteht darin, dass wir in diesem Prozess des Umkehrens, des Schauens und Verweilens selber verändert werden. Ob wir uns darauf einlassen? Unser Text jedenfalls enthält, meine ich, auch eine Hoffnung und darin eine Ermutigung: dieser Gott, der mit seinem Volk so hart ins Gericht geht, ist und bleibt auf diese Weise doch seinem Volk zugewandt. Er selbst blickt seine Menschen an  -   im Zorn,  wie er aus enttäuschter Liebe entsteht (Jer.2,2).  Aber er ist doch nicht fertig mit seinen Menschen. Er bleibt und wartet auf uns. Indem wir uns umwenden und dem Negativen ins Angesicht schauen und bei ihm verweilen, werden wir die Erfahrung machen, dass wir wahrhaftiger werden, dass früher Beängstigendes für uns  neue Lebensmöglichkeiten enthält  -   ja, dass wir darin von Gottes Leben, von Gottes Geist berührt und belebt werden.

 

Franz Kafka hat diese Erfahrung einmal so ausgedrückt:

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit.

Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit richtigem Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.

 

Literatur: Wolfgang Stegemann, Kommentar zu Jeremia 8, 4-7, in Predigtstudien 2,2006/2007, 227 - 231.  Harald Welzer u. a., „Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt 2003.  Franz Kafka, Tagebücher 1910-1923, Frankfurt 1996, 399

 



Pastor i.R. Wolfgang Winter
Göttingen
E-Mail: wolfgang-winter@gmx.de

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