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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

9. Sonntag nach Trinitatis, 02.08.2015

Ein Herz, das hören kann
Predigt zu 1. Könige 3:5-28, verfasst von Thomas Volk

 

Liebe Gemeinde,

das wäre doch was, wenn wir bei zwei ganz unterschiedlichen Versionen einer Geschichte, die wir zu hören bekommen, sofort wüssten, welche die richtige ist.

Und stellen Sie sich vor, Sie könnten bei ganz verschiedenen Ausführungen eines Streites sagen, wer angefangen hat, was der Grund der Unstimmigkeiten ist oder warum diese beiden Menschen sich einfach nicht verstehen.

Denn das kommt ja immer wieder vor, dass wir aus einem Gespräch einfach nicht schlau werden und fragen: „Stimmt das alles? Ist das wahr, was mir hier gerade erzählt wird? Oder macht mir jemand nur was vor?“

Wenn wir das könnten: Die Menschen, mit denen wir zusammenkommen, richtig einschätzen. Auch das herauslesen, was sie uns zwischen den Zeilen mitteilen, weil sie den eigentlichen Grund nicht offen aussprechen können oder wollen.

Wie viel Klarheit gäbe es auf der Welt. Keine falschen Verdächtigungen. Kein Misstrauen, ob es jemand ehrlich meint oder nicht. Die Dinge lägen deutlich auf dem Tisch. Jede und jeder wüsste, woran sie und er ist. Alle könnten die nötigen Folgerungen ziehen

Das Schriftwort für den heutigen Sonntag erzählt von einem, der ein Gespür hatte, wer die Wahrheit sagt oder nicht.

Gemeint ist der große König Salomo. Ihm wird nachgesagt, dass er sehr weise gewesen ist. Folgende Geschichte aus dem 1.Buch der Könige, im 3.Kapitel, wird ihm nachgesagt:

16 Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn.

17 Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten in "einem" Hause und ich gebar bei ihr im Hause.

18 Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und wir waren beieinander und kein Fremder war mit uns im Hause, nur wir beide.

19 Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt.

20 Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite, als deine Magd schlief, und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm.

21 Und als ich des Morgens aufstand, um meinen Sohn zu stillen, siehe, da war er tot. Aber am Morgen sah ich ihn genau an, und siehe, es war nicht mein Sohn, den ich geboren hatte.

22 Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und so redeten sie vor dem König.

23 Und der König sprach: Diese spricht: Mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene spricht: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt.

24 Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Und als das Schwert vor den König gebracht wurde,

25 sprach der König: „Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte.“

26 Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König - denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn - und sprach: „Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht!“ Jene aber sprach: „Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen!“

27 Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet's nicht; die ist seine Mutter.

28 Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten.

Als „salomonisches Urteil“ ist diese Geschichte bekannt. Damit ist nicht nur die Fähigkeit gemeint, herauszufinden, wer denn jetzt die Wahrheit sagt oder nicht, sondern vielmehr auch das Vermögen zu einem klugen und einsichtigen Urteil zu gelangen.

Salomo hat also nicht nur gewusst, wer von den beiden Frauen im Recht ist und welche nicht, sondern auch, wie man es herausfinden kann: die eigentliche Mutter kann nur die sein, die bereit ist, das Kind lieber der anderen zu überlassen, als es in zwei Stücke zerteilen zu lassen. Und so heißt es am Schluss völlig zu Recht, dass dieses Urteil im ganzen Land die Runde machte. Das ist weise, sagt die Bibel (vgl. V.28).

Ich habe eine große Achtung vor allen Menschen, die jeden Tag ein gerechtes Urteil fällen oder eine gerechte Entscheidung treffen müssen.

Vor allen Richterinnen und Richter, die bei Verhandlungen genau hinschauen und zuhören und dann die entsprechende Schlussfolgerung treffen.

Vor allen Lehrerinnen und Lehrer, die herauskriegen müssen, wer am Pausenhof tatsächlich mit dem Geschubse angefangen hat, aus dem dann ein wildes Durcheinander geworden ist.

Und vor all den vielen, die sich täglich dafür einsetzen, dass es auf dieser Welt gerecht zugeht und sich dabei nicht nur Freunde machen.

Dabei ist es ja nicht immer einfach, eine gerechte Entscheidung zu treffen. Manchmal tritt man dabei einem auch gehörig auf die Füße, vor allem dann, wenn man jemanden in die Schranken weist, der meint, immer alles für sich herausholen zu können.

Wie man dennoch das nötige Rückgrat bekommen kann, gerecht zu urteilen, davon erzählt der zweite Teil des heutigen Schriftwortes. In der Bibel steht er unmittelbar vor der Erzählung mit dem sprichwörtlichen „salomonischen Urteil“:

5 Und der Herr erschien Salomo zu Gibeon im Traum des Nachts und Gott sprach: Bitte, was ich dir geben soll!

6 Salomo sprach: Du hast an meinem Vater David, deinem Knecht, große Barmherzigkeit getan, wie er denn vor dir gewandelt ist in Wahrheit und Gerechtigkeit und mit aufrichtigem Herzen vor dir, und hast ihm auch die große Barmherzigkeit erwiesen und ihm einen Sohn gegeben, der auf seinem Thron sitzen sollte, wie es denn jetzt ist.

7 Nun, Herr, mein Gott, du hast deinen Knecht zum König gemacht an meines Vaters David statt. Ich aber bin noch jung, weiß weder aus noch ein.

8 Und dein Knecht steht mitten in deinem Volk, das du erwählt hast, einem Volk, so groß, dass es wegen seiner Menge niemand zählen noch berechnen kann.

9 So wollest du deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, damit er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist. Denn wer vermag dies dein mächtiges Volk zu richten?

10 Das gefiel dem Herrn gut, dass Salomo darum bat.

11 Und Gott sprach zu ihm: Weil du darum bittest und bittest weder um langes Leben noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, zu hören und recht zu richten,

12 siehe, so tue ich nach deinen Worten. Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, sodass deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird.

13 Und dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, nämlich Reichtum und Ehre, sodass deinesgleichen keiner unter den Königen ist zu deinen Zeiten.

14 Und wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, dass du hältst meine Satzungen und Gebote, wie dein Vater David gewandelt ist, so werde ich dir ein langes Leben geben.

15 Und als Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam nach Jerusalem und trat vor die Lade des Bundes des Herrn und opferte Brandopfer und Dankopfer und machte ein großes Festmahl für alle seine Großen.

In manchen Märchen hat man ja drei Wünsche frei und damit immer etwas Spielraum. Selbst nach dem zweiten Wunsch kann noch korrigieren und sich noch das wünschen, was man beinahe vergessen hätte und noch dringendst braucht.

Als Gott nachts Salomo im Traum erscheint und zu ihm spricht: „Bitte, was ich dir geben soll!“ (V.5), hat der junge König nur einen Wunsch.

Salomo ist damals schon ganz schön weise gewesen, dass er nicht um Reichtum oder um Ruhm bittet, sondern um „ein gehorsames Herz“, damit er die Menschen, die Gott ihm anvertraut, gerecht „richten“ und verstehen könne, „was gut und böse ist“ (vgl. V.9).

Wörtlich übersetzt müsste es heißen „ein hörendes Herz“. Das ist insofern auch viel treffender, weil es bei allen Entscheidungen und Urteilen, die man selbst treffen muss, nicht um „blinden Gehorsam“ gegenüber irgendeiner Instanz geht, sondern darum, wie man selbst, angemessen und ausgewogen, zu einem Urteil kommen kann.

Denn Entscheidungen muss man immer selbst treffen. Nach eigenem Urteilsvermögen. Nach eigenem Gewissen. Nach eigenem Kenntnisstand.

Aber man muss sie auch treffen. So manche Abteilung im Büro wünscht sich von ihrem Chef ein eindeutiges Wort, damit endlich das Durcheinander aufhört und Abläufe eindeutig geregelt sind. So manche Mitarbeiterin erhofft sich von ihrem Dienstgeber eine klare Anweisung, damit sie weiß, was jetzt endlich Sache ist. Und für eigene Klärungen ist es besser, wenn wir manche Entscheidungen nicht länger hinausschieben, nur weil wir meinen, wir könnten uns vielleicht unbeliebt machen.

Deshalb hat sich schon damals der junge König Salomo ein „hörendes Herz“ gewünscht, denn er hat mächtig Respekt vor seiner Aufgabe.

Sein Vater, der berühmte König David, hat zum ersten Mal in der Geschichte seines Volkes ein großes Reich geschaffen.

Salomo selbst ist nicht der älteste Sohn des Königs David und damit in der eigentlichen Rangfolge nicht die Nummer Eins. Außenpolitisch muss er klug taktieren. Innenpolitisch gerechte Urteile sprechen. Und er hofft, dass er nicht nur den Menschen gerecht wird, sondern auch Gott. Salomo ist also Bundeskanzler, Außenminister, Justizminister und oberster religiöser Repräsentant in einem.

Deshalb ist es bei den Menschen und bei Gott gut angekommen, dass er sich am Anfang seiner Regierungszeit ein „hörendes Herz“ wünscht, um Gut und Böse unterscheiden und gerechte Urteile fällen zu können.

Unter einem „hörenden Herz“ stelle ich mir übrigens vor, dass man sich von Gott die Fähigkeit erbittet, die Menschen genau wahrnehmen zu können. Auf die feinen Zwischentöne zu hören. Auf die Mimik des Gegenübers achten. Auf die Körpersprache, die so viel aussagen kann.

Salomo muss das gut gekonnt haben. Wohl deshalb hat man viel über ihn geschrieben und viele weisheitliche Verse der Bibel ihm zugeordnet. Und die Schreiber des Königsbuches haben noch dazu bemerkt, dass Gott ihm auch noch das dazu gegeben hat, worum er gar nicht bat, nämlich Reichtum und Ehre, sodass es niemanden gab, der sich mit Salomo messen konnte (vgl. V.10).

Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass Salomo jemand gewesen ist, der bei seinen Entscheidungen immer richtig gelegen ist. Jeder Mensch macht Fehler und schätzt manche Situationen völlig falsch ein. Aber auf alle Fälle ist er für mich ein Beispiel für jemanden, der bei allen Entscheidungen, die er zu treffen hatte, einen mit einbezogen hat: Gott.

Die Erzählung von den beiden Frauen, die sich um das eine lebende Kind gestritten haben, zeigt, dass nicht nur eigene Cleverness, sondern auch „Gottes Weisheit“ (V.28) geholfen haben, dass Salomo zu einem gerechten Urteil kommt.

Dieses Beispiel macht mir Mut, dass ich auch immer dann, wenn ich gefragt bin, eigene Entscheidungen treffen oder Urteile fällen kann.

Dann, wenn es an meiner Haustüre klingelt und mir jemand eine abenteuerliche Geschichte erzählt, wie und auf welche Weise er Geld verloren hat und jetzt bringend welches braucht, und ich eigentlich überhaupt nicht weiß, ob diese abenteuerliche Erzählung wirklich stimmt oder nicht.

Oder wenn mir beide Eheleute ihre ganz eigene Geschichte erzählen, warum und weshalb es zur Trennung gekommen ist, und ich noch überlege, wem ich mehr glauben kann und welche Anteile auf welchen Schultern liegen.

Aber ich möchte immer wieder dahin kommen, dass ich mich in solchen Situationen gerade nicht um eine Entscheidung drücke oder sie auf die lange Bank hinausschiebe, nur weil ich mir nicht sicher bin.

Und ich bitte Gott, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen entscheide. Denn das lese ich am König Salomo ab, dass man um Weisheit auch immer bitten kann.

Auch wenn Gott dem König Salomo versprochen hat, dass er ein so „weises und verständiges Herz“ bekommen wird, wie es „vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird“ (V.12), so reicht es bei uns allemal, dass wir besser hören, unterschiedliche Meinungen richtig einordnen und zu klaren Entscheidung zu kommen können.

Und die Weisheit Gottes, die umfassender ist als alles menschliche Denken und Handeln, erfülle immer mehr unser Herz in Christus Jesus. Amen.





Pfarrer Thomas Volk
Marktbreit
E-Mail: thomas.volk@elkb.de

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