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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Letzter Sonntag des Kirchenjahres - Ewigkeitssonntag, 25.11.2007

Predigt zu Jesaja 65:17-25, verfasst von Bernd Vogel

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.
Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.
Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.
Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.
Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.
Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.
Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Wer trauert, will festhalten. Und muss doch loslassen. Festhalten die Liebe. Sich klammern an den Geliebten. Bilder aufhängen und abstauben und ansehen und küssen. Festhalten, was gewesen ist an Gutem, an Glück, an Verbundenheit. Vertrautes bewahren.

Wir sind so. Wie könnten wir anders? Die Liebe will bleiben. Das Leben will leben. Wir wollen nicht Liebe und Leben verlieren. Und müssen doch.

Darum trauern. Das Menschlichste. Wissen, dass da wer war, der mir lieb war, der oder die Liebste vielleicht. Jemanden, dessen Stimme ich kannte, wusste, was er meinte, wenn er so sprach. Der Klang der Stimme, der Klang des Herzens. Jeder Mensch eine Melodie. Ich kannte sie. Ich liebte sie. Ich sang sie so oft.

Das Volk Israel trauerte auch kollektiv. Zusätzlich zu dem Verlust eines einzelnen geliebten Menschen kam die Trauer um das verlorene Ganze, um die Zerstörung des Gemeinsamen einer Familie, einer Sippe, des Volkes insgesamt. 

Jerusalem verwüstet. Der Tempel entweiht, ein Trümmerhaufen. Das Volk besiegt, gedemütigt, deportiert, zerstreut, verarmt, abhängig von der Willkür der Mächtigen.

Das Wunder: Israel gibt nicht auf. Versinkt nicht im Staub der Geschichte. Zieht keinen Schlussstrich unter das Gewesene, nun Verlorene, sondern ...

greift weit hinaus in ein Morgen, das niemand fassen kann.

Neuer Himmel und neue Erde ... ich will schaffen ... der vorigen soll man nicht mehr gedenken ... nicht mehr zu Herzen nehmen wird man sie sich ...

Wir tragen die Verwundungen an unserem Körper, in unserer Seele mit uns durch die Zeit, die uns geschenkt ist. Unser Körper ‚gedenkt' des Erfahrenen. Unsere Seele nahm sich ‚zu Herzen', was immer geschah: Gelungenes und Niederlage, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, Verletzung und Versöhnung ... alles hält die Seele aufbewahrt, ging uns zu Herzen und wird dort verwahrt, erstarrt dort im Herzen zu Stein oder wird dort gewendet, neu sortiert im Laufe der Zeit. Je nachdem, was für ein Mensch wir sind - mehr oder weniger ängstlich, traurig, vertrauensvoll, mutig oder entmutigt ... unsere ‚Seelen' gedenken und nahmen sich zu Herzen ... kostbare Schätze und Schreckgespenster, wertvolle Erinnerungen und tödlich nagende Verwundungen ...

Neue Erde aber und neuer Himmel ... man wird des Vorigen nicht mehr gedenken, sich seiner nicht erinnern, es sich nicht mehr zu Herzen nehmen; und was darin schon ist, wird vergehen; denn Neues kehrt ein ...

Israels Propheten begannen um 500 vor Christus herum zu ahnen, dass Gott im Himmel eine neue Heimstatt bereit hält für unsere verletzten Seelen. Nur im Himmel, bei Gott, ist uns von hier aus denkbar, dass wir das Gewesene ansehen können mit heiterer Distanz wie man einen Film ansieht, der einen interessiert, aber nicht fesselt.

Nur im Himmel, bei Gott, ist uns von hier aus, wo wir heute sind, vorstellbar, dass wir dann erlöst sein werden von unseren guten Taten und unseren bösen, von unserem Gelingen und Versagen, von unserer Schuld und Scham, von unserem festgehaltenen Glück - es war einmal - und unseren mit uns verwachsenen Wunden - und schmerzen uns hier doch weiter  im Verborgenen ...

Nur im Himmel, bei Gott, ist von all dem keine Rede mehr. Vielleicht, das wäre doch schön und vielleicht nicht schön, aber gerecht und wahrhaftig ... vielleicht müssen wir noch einmal hinsehen, was unser Leben denn war und wer wir denn waren, auf dieser Erde, diesem Planeten, unsere paar Jahre hier im großen Raum der Zeit ... Vielleicht werden wir noch einmal hinsehen, so wie jemand Rückschau hält, bevor er einen neuen Lebensabschnitt beginnt, alte Bilder noch einmal ansieht und dann wegpackt, ehe neue Bilder an die Wand gehängt werden ...

Vielleicht wird es so sein, dann aber neuer Himmel und neue Erde; und das Gewesene versinkt endgültig ins Gestern; denn Freude und Fröhlichkeit ist angesagt, die uns hier und heute unvorstellbar ist, weil wir noch hier sind - zwischen Festhalten - Wollen und Loslassen-Müssen, weil wir noch trauern. Trauern müssen. Trauern dürfen. Weil wir liebten und lieben.

Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.

Im alten Israel dachten sie weniger auf den einzelnen Menschen bezogen und eher im Gemeinsinn. Das Leben des Einzelnen war Teil des Lebens des Volkes Gottes. Was Gott dem Volk Gutes tat, tat er auch dem Einzelnen gut. Und es spielte sich der ‚Himmel' auf der Erde ab. Hier sollte Gott zum Zuge kommen. Hier schon und wenn nicht heute, dann morgen und schon bald.

Was hilft uns das heute und hier, da wir trauern? Was soll uns Jerusalem und das alte Volk Israel? Was sagt uns die Hoffnung des Jesaja auf eine neue Zeit in Israel, in der Kinder nicht mehr sterben und alle Menschen in Frieden uralt werden und eines Tages lebenssatt zum Gott ihrer Väter und Mütter gehen? Was sollen uns die neuen Häuser und die Weinberge Judas und Israels sagen - uns, die wir allein in unseren Häusern sitzen und unseren Wein wieder - wie einst - mit dem teilen würden, den wir heute betrauern?

Durch die alten Worte hindurch berührt uns der Lebendige Gott. Nicht die Worte sind die Wahrheit, sondern das, was ER in ihnen uns hier und heute sagt. In dieser Stunde. In diesem Gottesdienst. Und nachher zuhause und alle Tage neu und anders.

Worte sind Träger des Geistes, Fahrzeuge, Transportmittel. Ihre Bedeutung verändert sich im Lauf der Zeit. Kulturelle Wandlungen verwandeln den Sinn der Worte. Was Israel dachte, kann nicht das gleiche sein, was wir denken können. Gottes Wort aber in den Worten bleibt ewig, bleibt die lebendige Stimme, die uns heute meint.

Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Dass Wolf und Schaf, Löwe und Rind friedlich mit einander weiden werden, ist ein Hoffnungsbild Israels für den Himmel, für das Kommen Gottes auf die Erde, für das, was Jesus Reich Gottes nennt.

Kein Fressen und Gefressenwerden mehr. Die Schöpfung, in der wir leben, ist schön - und ist schrecklich. Jesaja traut sich das zu sagen. Solange Leben von anderem Leben leben muss, solange die Angst des Rindes vor dem Löwen da ist, solange auch Kinder zu früh sterben, weil die Naturgesetze so sind, ist der Gott, den Israel bekennt, auf den Israel setzte in den Katastrophen seiner Geschichte, nicht am Ziel.

Wenn wir leiden, kommen wir zu unseren tiefsten Einsichten. Menschen, die trauern, wissen mehr vom Leben, von sich selbst, vom Menschen und von Gott. Jesaja war ein Trauernder. Er sah und erlitt das Unrecht, die Verzweiflung, die Aussichtslosigkeit im Leben seiner Mitmenschen. Und er hörte den Lebendigen Gott zu sich sprechen: Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen ...

In jener Himmelswelt, bei Gott, sind Bosheit und Schaden Fremdworte und Todesangst und Gier und Fressen und Gefressenwerden. Und keine Angst mehr der Menschen, keine Trauer mehr um den Verlorenen, die Verlorenen, das Verlorene; denn „ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. "

Dann sind wir am Ziel. Wenn es so ist. So sind wir gemeint schon heute. Mit unseren offenen Fragen und Zweifeln, mit unserer Trauer, unserem Ärger auch. Wir Reisende zwischen den Zeiten, in der Zeit. Wir mit unserem Gepäck.

Einmal wird es so sein. Ehe wir rufen, in Angst, in Not, in Trauer ... wird ER da sein und uns den Himmel bereiten. Freude und Fröhlichkeit wird dort sein.

Einmal wird es so sein. Im Himmel, bei Gott. Und hier bei Gott, auf der Erde. Wann immer wir Ihn einlassen, sehen, dass ER schon bei uns ist, unsere Trauer bewohnt, unsere Ängste teilt, unseren Ärger auf sich nimmt.

Einmal werden wir lachen und fröhlich sein. Vielleicht leise noch. Vielleicht schon bald. Weil ER uns sich zu Herzen nahm. Und den, den wir liebten - den sowieso.

Amen.  



Pastor Bernd Vogel

E-Mail: Bernd.Vogel@evlka.de

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