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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Tag d. Erzengels Michaels und aller Engel/Michaelistag, 29.09.2015

Mehr als ein Bild und Symbol: der Engel an der Grenzlinie
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 21:8-21, verfasst von Ulrich Kappes

Genesis 21, 8–21 (Übersetzung: Benno Jakob) I1I

8 Es wuchs das Kind Isaak und wurde entwöhnt und Abraham gab ein großes Gastmahl, da Isaak entwöhnt wurde.

9 Da sah Sarah den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, Spott treiben.

10 Und sie sprach zu Abraham: gib Abschied dieser Magd und ihrem Sohne, denn es soll der Sohn dieser Magd nicht erben mit meinem Sohne, mit Isaak.

11 Aber die Sache war in den Augen Abrahams sehr missfällig wegen seines Sohnes.

12 Da sprach Gott zu Abraham: es sei dir nicht missfällig um den Knaben und um deine Magd. Alles, was Sarah zu dir sagt, tue, denn in Isaak soll dir Same genannt werden.

13 Aber auch den Sohn der Magd werde ich zu einem Volk machen, denn er ist dein Sohn.

14 Da stand Abraham am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch Wasser und gab es Hagar, es auf ihre Schultern legend und das Kind und entließ sie. Sie ging und irrte in der Wüste Beer Scheba.

15 Aber das Wasser ging aus dem Schlauche aus. Da legte sie ihr Kind unter einen der Sträucher.

16 Sie ging und setzte sich gegenüber, in der Entfernung wie man mit dem Bogen schießt, denn sie sprach: Ich will das Sterben des Kindes nicht mit ansehen. So saß sie gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte.

17 Aber Gott hörte die Stimme des Knaben und ein Engel rief der Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht, denn Gott hat die Stimme des Knaben gehört, wie er dort ist.

18 Erhebe dich, nimm den Knaben auf und halte ihn fest an deiner Hand, denn zu einem großen Volke will ich ihn machen.

19 Und Gott öffnete ihre Augen und sie sah einen Wasserbrunnen und sie ging und füllte den Schlauch mit Wasser und tränkte den Knaben.

20 Und Gott war mit dem Knaben. Er wuchs heran, wohnte in der Wüste und wurde ein Schütze, ein Bogenschießer.

21 In der Wüste Paran wohnte er und es nahm ihm seine Mutter ein Weib aus dem Lande der Ägypter.

 

Zwei Frauen: Hagar, die Magd Abrahams, und Sarah, die angetraute Frau Abrahams, stehen vor uns. Hagar hatte einen Sohn von Abraham, Ismael. Sarah nannte ihn abschätzig den„Sohn der Magd“.

Als Isaak seiner Mutter „entwöhnt“ war, d. h. in einen Altersabschnitt gelangt war, da alle Krankheiten, an denen Kinder in der Antike starben, überwunden waren und er nicht mehr gestillt wurde, feierte Abraham ein großes Gastmahl. Es war wohl darin „groß“, weil er die Großen des Landes eingeladen hatte. Nach dem Fest kam es zum Eklat.

Sarah forderte Abraham auf, „Abschied zu nehmen von dieser Magd und ihrem Sohne“, denn es soll „der Sohn dieser Magd nicht gemeinsam das Erbe empfangen mit Isaak“. Nach altem Recht hatte der Sohn einer „Nebenfrau“, so er am Todestag des Vaters noch im Haus lebte, Anspruch auf die Hälfte des Erbes. I2I

 

Wir sehen vor unseren Augen das harte Gesicht einer Mutter. Sie sieht nur eines und das ist die Zukunft ihres Kindes. Sie ahnt einen womöglich blutigen Bruderzwist. Das will und das muss sie verhindern.

Es geht zu Beginn der Erzählung um ein Grundsatzproblem unseres Lebens: Ist Fürsorge für einen Menschen gelegentlich nicht anders zu leisten als durch Zurückstufung eines anderen Menschen? –Wir lieben, so wir Eltern oder Großeltern sind, unsere Kinder und Enkel über alles. Würden auch wir ihre Zurückstufung unter allen Umständen verhindern wollen? Wer Sarah verurteilt, frage sich aufrichtig, ob er anders gehandelt hätte.

 

Abraham war „die Sache missfällig“. Kann er die ehemalige Geliebte und seinen Sohn einfach wegschicken? Es folgte eine vermutlich schreckliche Nacht für ihn. Was in ihr im Einzelnen geschah, verschweigt die Erzählung. Er muss so etwas wie einen Traum gehabt haben. I3I In ihm hört er die Stimme Gottes: „Alles, was Sarah zu dir gesagt hat, tue, denn in Isaak soll dein Same fortleben.“

Gott gibt Sarah recht. Es muss um der Zukunft des Abrahamerben Isaak willen gehandelt werden. Und Gott fügt hinzu: „Ich werde auch für Ismael sorgen und ihn zu einem großen Volk machen, weil er dein Sohn ist.“

Gott ergreift für Sarah Partei, aber Gott hat nicht die Unbarmherzigkeit Sarahs. Was in der vorgesehenen Heilsgeschichte geschehen muss, geschehe. Du, Abraham, trägst dafür keine Verantwortung. Ich trage sie.

 

Die drei „abrahamitischen Religionen“, Judentum, Christentum und Islam, verehren Abraham in besonderer Weise. Auf diese Erzählung hier im 21. Kapitel des 1. Mosebuches folgt das 22. Kapitel mit der Glaubensprobe Abrahams. Er soll Isaak Gott zum Opfer bringen. Kapitel 21 lehrt, wenn das möglich ist, Kapitel 22 zu verstehen. Das Verbindende zwischen beiden lautet: „Gott will es. Du trägst dafür keine Verantwortung. Dann tue es.“ Und Abraham gehorcht.

Das ist es wohl, weshalb Paulus Römer 4,11 „Abraham als den Vater aller derer, die glauben“ bezeichnet.

 

Am Morgen des nächsten Tages legte Abraham Hagar einen Schlauch mit Wasser um den Hals, gab ihr Brot, hob noch einmal Ismael hoch und wandte sich ab.

Sarah hat gewonnen, Hagar verloren. Man muss hinzufügen: Sie hat unschuldig verloren. Sie wurde ohne Schuld zum Flüchtling. I4I

Was ist, wenn ein Mensch nicht Gewinner in einem Konflikt ist? Wenn er es nicht geschafft hat, ein Bleiberecht zu erstreiten? Wenn er mit einem Mal „Hagar“ und ein unschuldiger Flüchtling wird?

Was ist, wenn ein Mensch, um sein Leben zu retten, sein Land verlassen muss und nun beispielsweise obdachlos in Deutschland wird?

Was ist, wenn er im Fall einer Freundschaft oder Partnerschaft oder Ehe „ausgewiesen“ wurde und eine Zukunft vor sich hat, die keine ist?

Was ist, wenn er den Kampf gegen eine Erkrankung verloren hat und sein Platz nicht mehr bei den Gesunden und Tatkräftigen ist, sondern jenseits davon in einem Krankenzimmer, in der „Fremde“ eines Pflegeheimes?

„Nur der Sieg zählt“, lautet die Doktrin, in einem erfolgsorientierten Leben. Hagar hat nicht gesiegt. Sie wird zum Trost derer, die verlieren.

Ihr Bild, ihr Leben ist, so meine ich, zu Unrecht unter uns vergessen.

 

Hagar und Ismael irren durch die Wüste und die Wüste war grausam und unerbittlich. Sie konnten nach einer Zeit nicht mehr weiter. Hagar hatte die Orientierung verloren und sich verlaufen. Das Wasser reichte nicht. Es war nichts mehr da.

 

Da war ein Strauch, wie Sträucher in der Wüste sind: Kaum Blätter, kaum Schatten, Dornenzweige. Unter ihn legt sie Ismael. Sie reißt sich von dem Kind so weit fort, wie ein Pfeil eines Bogens fliegt. Sie konnte das Weinen des Kindes nicht hören. Sich aber einfach davon stehlen, kam ihr nicht in den Sinn. Beide, Mutter und Kind, haben den Tod vor sich. Sie sind an die äußerste Grenze gekommen, an die ein Mensch als ein Verlierer, als ein Flüchtling kommen kann.

 

An dieser äußersten Grenze hört Gott„die Stimme des Knaben“. Gott spricht weder zu ihm noch zu Hagar. Er lässt einen Engel sprechen. Gottes Erbarmen geht über in die Rede seines Engels.

Der Engel spricht zu Hagar, was nahezu alle Engel in der Schrift zu allen Zeiten und zu ungezählten Menschen als erstes sagen: „Fürchte dich nicht!“

Stellt uns Gott seinen Boten an die Seite, hat die Furcht als erstes zu sterben. Furcht und Gotteskindschaft gehen nicht zusammen.

 

Der Engel wird danach ganz praktisch und sagt zu Hagar. „Erhebe dich und nimm den Knaben!“ Damit ist die Mission des Engels beendet. Der nächste Satz lautet: „Und Gott öffnete die Augen und sie sah einen Wasserbrunnen.“

Wo Gottes Handeln aufhört und in das Handeln des Engels übergeht und dann wieder zu Gott zurück kommt, ist nicht auszumachen. Es ist fließend.

 

„Und Gott öffnete die Augen und sie sah einen Wasserbrunnen.“

Es heißt nicht: „Und Gott machte für Hagar einen Brunnen.“ Nein, es heißt, dass ihre Augen geöffnet wurden und sie einen Brunnen sah, den sie vorher nicht sah.

Ein prominenter Ausleger des Alten Testamentes, der Leipziger Professor Franz Delitzsch meinte, dass es sich wohl um eine Quelle in der Erde handelte, die die Wüstenbewohner mit Erdharz ausgestrichen hatten. Das geschah bisweilen. So eine Quelle war nicht auf den ersten Blick zu finden.I5I

 

Was ist ein Engel? heißt naturgemäß die Frage, die wir am Gedenksonntag des Erzengels Michael zu stellen haben.

Nach unserer Erzählung lässt sie Gott dann sprechen und handeln, wenn Menschen in einer ausweglosen Situation sind und an einer Grenze stehen, wo es nicht mehr weiter geht. Als Abraham seinen einzigen Sohn Isaak auf den Berg Morija opfern sollte und das Messer in die Luft hob, schickte Gott einen Engel: „Abraham, Abraham, lege deine Hand nicht an den Knaben!“ Maria und Josef brachen aus Bethlehem auf, um nach Nazareth zurück zu kehren. Da spricht zu Joseph der Engel im Traum: „Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter und flieh nach Ägypten!“

 

Was ist ein Engel? – Die Antwort kann nur heißen. Gott hat es gefallen, uns seine Hilfe durch Engel zu Teil werden zu lassen. Ein Engel transportiert sozusagen Gottes Hilfe.

 

Der Engelsglaube hatte, so weit ich weiß und einschätzen kann, nach dem 2. Weltkrieg Hochkonjunktur. Über meinem Kinderbett hing, wie über ungezählten anderen, ein Bild von einem Engel, der zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, beschützt, die über eine morsche Brücke gehen, unter der ein reißender Bach fließt.

Es kam dann im Zuge des Zeitgefühls und der Theologie der Jahre 1960 – 1975 zu einem Verschwinden des Engelsglaubens. Dann lebte er wieder auf. Nach einer Forsa-Umfrage im Jahr 2005 glaubten 66 Prozent der Deutschen an die Existenz von Engeln, aber nur 64 Prozent an Gott.I6I Die allerneueste, aktuelle Umfrage besagt, dass es mittlerweile wieder nur 36 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind, die an einen Engel glauben.I7I Und mittendrin stehen wir, die wir als evangelische Christinnen und Christen die Heilige Schrift die Grundlage unseres Glaubens sein lassen wollen.

Mich selbst haben Worte der Züricher Theologin Ellen Stubbe angesprochen: „Die Häufigkeit der Erwähnung von Engeln im Alten und Neuen Testament steht in keinem Verhältnis zu der Vernachlässigung derselben seitens der protestantischen Theologie beziehungsweise dem Schattendasein, das ihnen in der Theologie gerade noch gewährt wird.“I8I

 

Der heutige Bibeltext von Abraham und Sarah, Hagar und Ismael lädt uns ein, … fordert uns auf, den Glauben an einen Schutzengel aus dem Schattendasein unseres Glaubens heraus zu holen. Die alte Erzählung will uns nahelegen, die Trostbotschaft von Gottes Schutzengel anzunehmen Der unergründliche und unnahbare Gott schickt uns seine Boten. Sie sprechen zu uns und sie helfen uns. Das ist, so meine ich, eine ebenso schlichte wie schöne Wahrheit, die uns hilft, in Zuversicht unseren Weg zu gehen.

 



Pfarrer Ulrich Kappes
Luckenwalde
E-Mail:

Bemerkung:
I1I Benno Jacob, Das Buch Genesis, Stuttgart 2000
I2I Jacob 2000, c.21 v 9–11
I3I Franz Delitzsch, Neuer Commentar über die Genesis, Leipzig 1887, S. 319: „Abraham vernimmt das in nächtlichem Gesichte oder Traume“…
I4I Nach Claus Westermann, Genesis, 2. Teilband, Neukirchen-Vluyn 1989, S. 421.
I5I Delitzsch 1887, 321.
I6I Wiedergabe in: Die Zeit vom 11.3.2009.
I7I Nach www.de statista.com/statistik/daten/studie 277117/Umfrage/glauben-an-engel/
I8I Ellen Stubbe, Zur Gemeindearbeit über Engel. Eine Einführung für Pfarrerinnen, Pfarrer und andere, in: Arbeitsheft Weltmission 1996, S. 38–43, S.38.



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