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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahrsabend / Silvester, 31.12.2015

Predigt zu Numeri 6:22-27, verfasst von Florian Wilk

Liebe Gemeinde,
Altjahrsabend. So heißt Silvester in manchen Gegenden des deutschsprachigen Raums; so heißt es auch in der Kirchensprache. Und das ist durchaus von Bedeutung …

Silvester: Da denke ich zuerst an Böller und Raketen, an den Fernsehsketch „Dinner for One“, an Sekt und Raclette … Auch wenn das alles mit dem Papst im vierten Jahrhundert, der diesem Tag seinen Namen gab, wenig zu tun hat: „Silvester“: dieser Name erinnert mich an Trubel, Heiterkeit, Geselligkeit.
Altjahrsabend klingt anders. Ein Jahr ist alt geworden; so alt, dass sein letzter Abend ins Haus steht: Wir nehmen Abschied …

Nun kann man Abschiede verschieden begehen. Man empfindet sie ja auch unterschiedlich.
Mancher Abschied fällt schwer: Wir trennen uns von Dingen, die uns wichtig, von Menschen, die uns lieb geworden sind, müssen uns trennen, vielleicht auf Dauer …
Und manchmal atmen wir geradezu auf: Endlich dürfen wir uns verabschieden, geht etwas zu Ende, was uns schwer oder doch lästig gewesen ist …

Abschiede vollziehen sich in vielfältigen Formen. Aber begehen muss man sie: überdenken und jedenfalls ansatzweise verarbeiten, was uns widerfahren ist; vielleicht sogar fertig werden mit dem, was hinter uns liegt. Sonst hängt das Alte uns nach, hindert uns, Neues zu empfangen. Nur wer von Vergangenem Abschied nimmt, ist offen für Künftiges.

Altjahrsabend: Wie nehmen wir Abschied vom Jahr 2015?

– Musik: EG 36 –

Wie nehmen wir Abschied vom Jahr 2015? Darauf wird jede und jeder anders antworten.
Natürlich haben wir gemeinsame Erfahrungen, auf die wir zurückblicken können –etwa weil wir in Deutschland leben, in Göttingen wohnen, an der Universität arbeiten. Bundeskanzlerin, Bürgermeister und Universitätspräsidentin schreiben und reden über solch gemeinsame Erfahrungen.
Gleichwohl führt jede und jeder ein eigenes Dasein: allein oder mit Familie; in Ausbildung, Beruf oder Ruhestand; als Mann oder Frau; in jungen oder fortgeschrittenen Jahren … Jeder und jede hat deshalb das Jahr, das nun zu Ende geht, anders erlebt; hat in ganz eigener Mischung manches genossen, manches erduldet …; dieses geschafft, jenes versäumt …; einiges verloren, anderes geschenkt bekommen …

Hier und jetzt aber sind wir miteinander verbunden, indem wir Gottesdienst feiern. So lade ich Sie ein, sich gemeinsam zu erinnern, was war, und zu bedenken, wie es war, das Jahr 2015. Und da wir dies vor Gott tun, soll uns dabei ein Wort aus der Bibel leiten, das heute als Predigttext vorgesehen ist. Sie kennen es alle, wenn auch vielleicht nicht in dem Rahmen, in dem es im 4. Buch Mose steht. Dort heißt es in Kapitel 6 in den Versen 22 bis 27:

„Und der Herr redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich:
So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
‚Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.‘
Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

– Musik: EG 36 –

„Der Herr redete …“, heißt es im Predigttext. Einmal tat er das unmittelbar – mit Mose. Fortan wurde Gottes Wort durch Menschenmund weitergegeben: von Mose an Aaron und seine Söhne, die zu Priestern berufen waren; von ihnen an die Israeliten; dann von einer Generation an die nächste.

Kenne ich das – dass Gott durch Menschenmund zu mir spricht? Gab es das im vergehenden Jahr?
Von Gott reden tue ich schon – mal ausführlicher; mal eher beiläufig: „Um Gottes willen …“
Mit Gott reden tue ich auch: in der Kirche; zu Hause; manchmal sogar auf der Straße: „O Gott …“
Aber hören, dass Gott spricht? Zu mir? Andererseits: Sollte Gott mich angeschwiegen haben, ein ganzes Jahr lang?

Zugesagt ist uns anderes. „Nachdem Gott … auf vielfältige Weise durch die Propheten zu unseren Vorfahren gesprochen hat, hat er jetzt zu uns gesprochen durch den Sohn“, heißt es im Hebräerbrief. Gottes Wort ist leibhaftig und anschaulich geworden: in Jesus Christus. Und Jesus Christus hat uns seine Gegenwart verheißen, wiederum auf vielfältige Weise. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“, versprach er seinen Jüngern. „Wer euch hört, hört mich“, sagte er – und: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Dass Gott durch Menschenmund zu mir spricht, das geschieht also überall dort, wo mir ein Mitmensch zum Christus, zum Repräsentanten Gottes wird: im Beten für mich und mit mir, im Reden und Handeln mir zugute, in Hilfsbedürftigkeit vor meinen Augen. Wo ist mir das im vergangenen Jahr widerfahren? Und habe ich es angemessen gewürdigt?

– Musik: EG 36 –

„Der Herr segne dich und behüte dich“, heißt es im Predigttext. Immer wieder hören wir diese Worte am Ende unserer Gottesdienste. Sie geleiten uns in den Alltag, schenken Zuversicht und Trost. Doch jetzt blicke ich zurück und frage: War ich in diesem Jahr gesegnet und behütet?

Antworten wir nicht zu schnell. Segen ist etwas anderes als Erfolg. Wer erfolgreich ist, hebt sich von anderen ab, setzt sich gegen sie durch oder erringt seinen Erfolg auf ihre Kosten. Segen meint ein Gelingen, das mir geschenkt ist und mich mit anderen verbindet. Solcher Segen kommt mir zu, wo Gott sein Angesicht über mir leuchten lässt; wo also Gott mich freundlich, ja, gnädig anblickt – und ich selbst dessen innewerde; wo ich mich geliebt weiß …

Und deshalb ist auch Behütung etwas anderes als ein schönes Geschick. Wer sich von Unglück verschont sieht, trennt sich von andern – und fügt sich in ein Schicksal. Behütung meint gemeinschaftliche Bewahrung, gerade inmitten von Not und Elend. Solche Behütung wird mir zuteil, wo Gott sein Angesicht auf mich erhebt; wo also Gott auf mich achtet, mich auf den Weg des Friedens leitet – und ich selbst dessen innewerde; wo ich mich Gottes Obhut anvertraue …

Wo habe ich das im vergehenden Jahr erlebt: Gottes Segen und Obhut? Und wo habe ich es vermisst?

– Musik: EG 36 –

Das Jahr 2015 ist alt geworden. Wie können wir Abschied nehmen? Vielleicht am besten im Gebet: Indem wir bedenken, wo uns ein Mensch zum Christus geworden ist; indem wir danken für Erfahrungen von Segen und Obhut, von Liebe und Vertrauen – und klagen über Situationen, in denen es uns daran mangelte. Mit andern Worten: indem wir das Jahr zurücklegen in die Hand, aus der es hervorgegangen ist – und aus der uns auch das neue Jahr zukommt als Zeit der Gnade. Amen.



Prof. Dr. Florian Wilk
Universitätsgottesdienst Göttingen
E-Mail: fwilk@gwdg.de

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