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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Valentinstag, 14.02.2016

"Let´s talk about sex" - oder: Warum das Hohelied Salomos so wichtig ist.
Predigt zu Das Hohelied Salomos 4:1ff; 2,4ff; 3,1ff, verfasst von Uwe Michelsen

Am Valentinstag geht es um die Liebe. Und das soll auch das Thema dieser Predigt sein.

Nun hat das deutsche Wort „Liebe“ zwei Bedeutungen: einmal die Liebe im Sinne der Nächstenliebe, also der persönlichen Zuwendung etwa an hilfsbedürftige Menschen. (Im Lateinischen wird dafür das Wort „caritas" verwendet, im Griechischen „agape“.) Und andererseits ist mit der Liebe die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau gemeint. (Hier geht es im Lateinischen um „amor". Im Griechischen um Eros.) Liebe hat also zwei Seiten: Erotik und Caritas/Nächstenliebe. Im Deutschen können wir diese beiden Aspekte nicht immer klar trennen, aber in den biblischen Texten ist meist klar, was gerade gemeint ist.

Wenn in der Bibel die Worte lieben oder Liebe fallen, ist sogst wie immer die Caritas gemeint. Ich denke da zum Beispiel an das Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ oder an den Ausspruch „Gott ist die Liebe“.

Um Erotik im engeren Sinne geht es jedoch immer dann, wenn von den Begegnungen zweier Liebender erzählt wird. Ja - auch dieser Aspekt kommt durchaus in der Bibel vor. Das ist besonders in erzählerisch ausgeschmückten Kapiteln oder gar ganzen Büchern des Alten Testamentes der Fall.

Dort wimmelt es von Liebesgeschichten. Die Beziehung zwischen Mann und Frau begegnet uns vom ersten Kapitel des Alten Testament an. Dort heißt es: „und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Einige Verse später: “Es ist nicht gut dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihm sein.“ Und dann wird berichtet, wie Adam - wie es bei Luther heißt - seine Frau „erkennt“, also Mann und Frau miteinander schlafen. Damit gehört von Anfang an die sexuelle Vereinigung zu den Gaben und Geschenken Gottes. Sex ist nichts Gottfremdes, sondern etwas von Gott selbst Gegebenes. Nichts Schmutziges, sondern etwas, das zu einem erfüllten Leben dazugehört. Die Freude an der Sexualität ist von Natur aus nicht Teil unserer Schattenseite, sondern etwas Wunderbares und absolut Normales.  

Wir können an Abraham und Sarah, Isaac und Rebekka, Jakob mit seinen Frauen Lea und Rahel denken. Die sogenannten Vätergeschichten sind immer auch Müttergeschichten. Die Geschichte Israels ist nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk, es ist auch die Familiengeschichte, in der es um tiefe Begegnungen zwischen Mann und Frau geht.

Mit allem, was dazu gehört: Verliebtsein, Begierde, Treue, Untreue, Verrat, Verführung, Verlust, Trennung - kurzum „amore, Erotik, Liebe“.

 

Das wohl eindrucksvollste Buch des Alten Testaments, in dem die erotische Seite der Liebe in starken Bildern ausgedrückt wird, ist das Hohelied Salomos.

 

Dies ist der Dialog eines Liebespaares und damit eines der ältesten Liebesgedichte der Welt:

 

Du bist schön, meine Freundin, ja, du bist schön!

Wie Tauben blicken deine Augen hinter dem Schleier.

Dein Haar ist einer Herde gleich von Ziegen,

die herabwogt vom Gebirge Gilead.

Weiß wie eine Herde geschorener Schafe,

die aus der Schwemme heraufsteigen,

sind deine Zähne.

Alle haben sie ihren Zwilling,

jedes hat sein Kind bei sich.

 

Wie eine scharlachfarbene Schnur leuchten deine Lippen,

lieblich ist dein Mund.

Wie eine Scheibe, geschnitten aus einem Granatapfel,

sind deine Schläfen zart hinter dem Schleier.

Wie Kitzchen sind deine beiden Brüste,

wie Zwillinge von Gazellenkindern,

die unter den Lilien weiden.

Wunderbar schön bist du, meine Geliebte,

ganz ohne Makel.

Wenn der Tag kühl wird

und die Schatten über das Land fallen,

will ich zum Myrrhenberg gehen,

zum Weihrauchhügel.

 

In ein Haus führte er mich,

ein Haus aus Reben,

und alles an ihm

ist Liebe zu mir.

Mit Traubenkuchen erquickt er mich

und labt mich mit Äpfeln,

denn krank vor Liebe bin ich.

Seine Linke liegt unter meinem Haupte,

und seine Rechte umfängt mich.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,

bei den Gazellen, bei den Hirschkühen auf dem Feld,

dass ihr nicht wecket, ja, nicht wecket die Liebe,

bis es ihr selbst gefällt!

 

Auf dem Lager, nachts,

suchte ich ihn, den meine Seele liebt.

Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

„Aufstehen will ich, umherstreifen in der Stadt,

in den Straßen, auf den Plätzen,

und ihn suchen, den meine Seele liebt!“

 

Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Mich aber fanden die Wächter,

die durchstreiften die Stadt:

„Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?“

Ich eilte an ihnen vorbei,

da fand ich ihn, den meine Seele liebt.

Ich faßte ihn und ließ ihn nicht los,

bis ich ihn in meiner Mutter Haus führte,

in das Gemach derer, die mich geboren hatte.

Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems,

bei den Gazellen, bei den Hirschkühen auf dem Felde,

dass ihr nicht wecket, ja,

nicht wecket die Liebe,

bis es ihr selbst gefällt!

 

MUSIKALISCHES INTERMEZZO

 

Man kann sich schon darüber wundern, dass ein solch erotisch aufgeladener Text ausgerechnet in der Bibel gelandet ist. Was hat das mit Gott zu tun? Warum haben unsere Vorfahren in den vergangenen Jahrtausenden das Hohelied Salomos in den so genannten „Kanon“ der Heiligen Schrift überhaupt aufgenommen?

Es gab Zeiten, in denen hätten viele sich gefreut, wenn dieses Hohelied aus der Bibel verschwunden wäre. Denn man tat sich jahrhundertelang in der Kirche mit allem Körperlichen und insbesondere der Sexualität schwer. Ja - man sah in der natürlichen Anziehung, die Mann und Frau gegenseitig auf sich ausüben, etwas Sündhaftes. Jedenfalls redete man darüber nicht. Ein Indiz dafür mag sein, dass wir bis heute mit dem Wort „Sünde“, ob wir es wollen oder nicht, sehr schnell den Bereich der Sexualität mit all seinen normalen, aber auch bizarren Spielarten assoziieren. Wenn am Aschermittwoch angeblich „alles vorbei" ist, dann denken doch viele gleich an das Ende der ungezügelten Liebeleien.

Aber weil das Hohelied nun einmal Bestandteil der Bibel war, interpretierten die Prediger diese menschliche Liebeslyrik als ein Gleichnis zwischen Gott und seiner Kirche - bzw. in der jüdischen Auslegung als eine symbolische Liebesbeziehung zwischen Gott und der Synagoge.

Es ist gar nicht solange her. In Zeiten, in denen man den Bereich der Sexualität als bedrohlich empfand und ihn moralisch abzuwerten und einzugrenzen suchte, fand man notgedrungen in diesen Texten Gleichnisse für die Liebe der Seele zu Gott oder die Liebe der Kirche zu Maria und Christus. Keine Frage, dazu gibt es wunderbare Auslegungen in der mittelalterlichen Mystik. In meiner heutigen Predigt würde ich dann sinngemäß sagen müssen: „‚Ich bin verliebt in meinen Gott“ oder „Gott liebt und sucht mich so sehnsuchtsvoll wie ein liebestoller Jüngling.“

 

Das Hohelied kann man so interpretieren - muss man aber nicht.

Denn man darf sich sehr sicher darüber sein, dass es sich bei dem Hohenlied um ein echtes Liebeslied handelt, in dem es um das Sich sehnen und Verlangen zwischen Mann und Frau geht. Im Klartext: es geht um Erotik. Und solche Sätze wie „Du bist schön, meine Freundin, ja, du bist schön!“ muss niemand schamhaft verstecken.

Es wird in der Bibel nicht trennscharf - wie wir es heute gern tun - zwischen heiligen und profanen Seiten unterschieden. Die Welt der Bibel - gerade des Alten Testamentes - ist eine Welt. Es geht immer um die Beziehung zwischen Gott UND Mensch.

Ich kann sogar sagen: Das Heilige zeigt sich im Menschlichen. Und umgekehrt: Der Mensch erweist sich als heilig - also von Gott gewollt, geschützt und mit ihm verbündet. Darum ist Gott auch nichts Menschliches fremd. Im Gegenteil. Er kennt mich bis in meine letzte Seelenwindung.

Erst dann, wenn der Mensch sich von seinem einen Gott lossagt, droht er, in die Barbarei zu fallen. Das jedenfalls war die reale Erfahrung Israels. Dann tanzt der Mensch um das goldene Kalb und verirrt sich in einem zügellosen Rausch des sexuellen Wahns. Wenn die Sexualität zur verkäuflichen Ware oder frauenfeindlichen Pornographie entartet, hat sie ihre natürliche Unschuld verloren.

So kann jede gute Gabe in ihr Gegenteil verkehrt werden. Auch die Macht der Sexualität erleben einige als etwas Menschenfeindliches und Angstmachendes. Über Missbrauchsfälle - und da brauchen wir nicht nur an die Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof oder bei uns auf St.Pauli zu denken - wird ja in den letzten Wochen und Monaten viel berichtet. Auch über schreckliche Übergriffe bei uns in der Kirche. Darüber müssen wir reden - auch im Gottesdienst. Wer die Erotik in den Bereich des Dunklen und Verbotenen verdammt, der öffnet dem Missbrauch Tor und Tür. Darum „let´s talk about sex!“ Aber lasst es uns so einfühlsam und schön tun wie es Salomo tat.

Die Liebe ist eine Gabe Gottes an freie Menschen, denen er keine Angst, sondern Freude damit machen wollte. Nicht mehr und nicht weniger. An einer Stelle des Hohenliedes heißt es „die Flammen der Liebe sind Flammen aus Gott.“

Zur erfüllten Liebe zwischen zwei Menschen gehören Treue, Verlässlichkeit und Hingabe. Darum macht das hoffnungsvolle Versprechen der Brautleute „bis dass der Tod uns scheidet“ einen tiefen Sinn: ich möchte dem Partner ein verlässlicher Freund sein, eine treue Freundin „in guten wie in bösen Tagen“. Ich weiß, das ist eigentlich ein Versprechen wider alle Vernunft - aber wie kleingläubig müssten wir sein, wenn wir dies dem liebenden Gott nicht zutrauten: unsere Liebe zu behüten, die damit höher ist alle Vernunft! „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ (Erich Fried) - aus unserer Sicht etwas Unvernünftiges, aus der Sicht Gottes etwas Lebenerhaltendes.

 

Ich empfehle allen Neu- und Altverliebten: sagen Sie sich jeden Tag „du bist schön, meine Freundin, du bist schön, mein Freund!“ Und ich wünsche Ihnen allen zum Valentinstag: mögen die Flammen der Liebe als Flammen von Gott gespürt werden.

Amen  



Jornalist, Pastor im Ehrenamt Uwe Michelsen
Hamburg
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