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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag im Advent, 23.12.2007

Predigt zu Jesaja 52:7-10, verfasst von Monika Waldeck

Der alte Mann steht ganz ruhig da. Lange Zeit sagt er nichts.
Es ist eine weite Reise gewesen, voller Spannung und Vorfreude, zurück an den Ort, an dem er als Kind mit seiner Familie gelebt hatte, an dem der Vater ein Gut bewirtschaftete, bis der Krieg die Flucht in den Westen erzwungen hatte.
„Noch einmal möchte ich dahin zurück, das Haus sehen, die Plätze der Kindheit, an denen ich mit den Geschwistern und Freunden gespielt habe, das ist mein größter Wunsch."
Jetzt im Alter, nach der Grenzöffnung, erfüllt sich der Traum.
Es freut ihn, dass seine Frau dabei ist.
Schon Wochen vorher ist er aufgeregt, berührt, erzählt viel, jede Einzelheit ist wichtig. Wie viele Erinnerungen, die er schon vergessen hatte, sich wieder beleben, nachts, tagsüber, manchmal vermischen sich die Zeiten.
Seine Sehnsucht, dorthin zurückzukehren hatte er seit damals tief in sich begraben, weil er dachte, dass es sowieso nie möglich sein würde. Doch unwillkürlich tauchte sie immer mal wieder auf und wurde bis zum Tod seiner Eltern in deren Erzählungen wachgehalten. Jetzt hat sie plötzlich ein Ziel, eine Realität, was ihn ganz durcheinander bringt.

Und nun steht er vor dem Haus. Es liegt nahezu in Trümmern, nur noch eine Ruine ist erkennbar. Da oben war sein Zimmer, daneben die seiner Geschwister, die Fenster erkennt man noch, die abblätternde Farbe ist die alte, niemand hat seither mehr gestrichen.
Er geht um das Haus herum, der Garten ist zugewachsen und verwildert, er sucht etwas, zielstrebig macht er sich auf den Weg, und da, ja, der Teich am ausgetrockneten Bachlauf, er ist noch da, verschlammt, aber erkennbar. Die Natur hat fast zurückerobert, wo damals der beliebteste Spielplatz der Kinder war.
„Wie klein alles ist, früher erschien es mir viel größer", sagt er.
„Ich hatte solche Sehnsucht nach diesem Ort. Jetzt, wo ich hier bin und den Schmerz über das Vergangene und Verlorene spüre, danke ich Gott und fühle, dass er mich reich beschenkt hat."
In die Trauer, die innere Erregung mischt sich nun etwas anderes, eine Ruhe, die ihm selbst neu ist, eine Zufriedenheit, die er bisher nicht kannte. Vor die aufwühlenden Bilder der Kindheit schieben sich die neueren seines bisherigen und jetzigen Lebens, die der Menschen, die ihn heute umgeben und die ihm wichtig sind, seine Frau, die Kinder, die Enkel. Das Leben ist weitergegangen, etwas Neues ist gewachsen, es scheint, als ob das Alte zur Ruhe kommen darf.
Eine Heimkehr in die Wirklichkeit.

Ob einen der Menschen aus Israel im 6. Jh. vor Christus ähnliche Gefühle bewegt haben, als er nach langem Aufenthalt in der Verbannung in Babylonien wieder nach Hause zurückkehren durfte?
Dort fanden die Rückkehrer nach ca. 50 Jahren noch die Trümmer des Krieges vor, verwüstete Landschaften, den zerstörten Tempel in Jerusalem.

Wenn auch äußeren Umstände andere waren, die Gefühle der vom Krieg vertriebenen Menschen mögen die gleichen gewesen sein.
Die besiegten Juden waren durch die Babylonier deportiert und im Zweistromland, dem heutigen Irak angesiedelt worden.
Sie hatten sich eingerichtet in dem fremden Land, in das die Eroberer sie gebracht hatten, Häuser gebaut, Kinder bekommen, sie konnten weiterleben. Aber sie befürchteten, dass Gott sein Volk vergessen hatte und zu ihrem Elend schwieg.
Viele sehnten sich nämlich nach Hause, sehnten sich danach, dass Gott ihnen gnädig sei, sie erlöste und verboten sich gleichzeitig doch, darauf zu hoffen. Die Zeit dehnte sich. Die Jungen kannten die Heimat nur noch aus den Erzählungen der Eltern. Die Hoffnung drohte sich aufzulösen.

Aber dann gewann sie wieder Nahrung. Man hörte von den ersten Siegen des Perserkönigs Kyros über die mächtigen babylonischen Herrscher. Bald sollten die Juden die Erlaubnis erhalten, nach Israel zurückzugehen. In dieser Zeit zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Vorfreude und Angst vor der Zukunft hinein tritt ein Prophet auf und beschreibt die Heimkehr nach Israel in jubelnden Bildern:

Jes 52:
(7) Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkünden, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
(8) Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
(9) Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
(10) Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes."

Man spürt es deutlich:
Es klafft ein Spalt zwischen dem hoffnungsvollen Jubellied und der bescheidenen Realität.
Da erzählt einer von einer Hoffnung, die über die äußere Wirklichkeit hinausreicht: „Glaubt an mehr als an das, was Ihr seht", sagt er den Menschen. "Die Trümmer des Vergangenen erzählen vom Heil des Zukünftigen. Gott tröstet Euch. Eure Sehnsucht wird gestillt werden. Er wird am Ende seine Macht sogar allen Menschen auf der ganzen Welt offenbaren."

Ob die Menschen dieser Hoffnung trauen konnten? Oder ob sie den Propheten vielleicht eher für einen Spinner hielten?
Ob er ihrer Sehnsucht Nahrung geben konnte? Oder ob die realen Trümmer, die sie bei ihrer Rückkehr fanden, allen Hoffnungen ein Ende setzten?

Der Mann, der die Heimat seiner Kindheit im Alter wiedersieht, spürt keine Enttäuschung angesichts der Realität und des Verfalls. Aber er darf und kann seinen Schmerz und die Trauer fühlen über die vergangene Zeit, den Verlust der Menschen, die zu ihm gehörten. Das versöhnt ihn mit seiner Lebensgeschichte, dort an diesem Ort, von dem allein die Bilder in seinem Kopf und in seinem Herzen von Bedeutung waren. Bis jetzt.
Nach dem plötzlichen Ende der Kindheit mit der Flucht war kein langsamer Abschied, kein Herauswachsen aus den Kinderschuhen möglich, kein aktiver Schritt ins Erwachsenwerden, der Ablösung ermöglicht hätte und eine Integration des vorhergehenden Lebensabschnittes. Gerade die Kinder des Krieges mussten in jeder Zeit der Menschheitsgeschichte zu schnell erwachsen werden.

Jetzt, angesichts der Altersreise kann er etwas nachholen und fühlt sich versöhnt mit den Trümmern seines Lebens.
Und er kann diese Lebensbrüche deuten. Als er in der Wirklichkeit ankommt, weiß er, dass Gott ihn geführt hat, dass er da war in all der Zeit seiner unruhigen Sehnsucht.

Ob wir unserer Sehnsucht Raum geben können? Oder sind wir eher Menschen, die angesichts unserer eigenen Trümmer verzweifeln? Nicht alle Hoffnungen eines Lebens erfüllen sich ja. Nicht jede Sehnsucht wird gestillt.
Auch die Juden haben diese bittere Erfahrung in den kommenden Jahrhunderten immer wieder machen müssen.
Wie gehen wir mit den Enttäuschungen, den Versagungen, den zerstörten Hoffnungen um, die in jedem Leben ein anderes Gesicht haben und vor denen doch kein Mensch geschützt ist?

Der Prophet ruft uns zu: Es lohnt sich, nicht aufzugeben, sondern an das Leben mit seinen Möglichkeiten zu glauben. Das gelingt dann, wenn wir auch der Trauer und dem Schmerz des Abgebrochenen und Verlorenen in unserem Leben nachfühlen und ihm Raum geben. Sei es der Verlust eines geliebten Menschen, einer verlorenen Heimat oder nicht verwirklichter Lebensträume. Gott will uns trösten und unsere Hoffnung wecken.

Vielleicht hilft uns in allen Zweifeln dabei das Jubellied des Propheten heute am 4. Advent, wie es den Juden damals geholfen hat, ihre Sehnsucht wachzuhalten.
Vielleicht brauchen wir gerade solch ein starkes, deutliches, klares, ganz gegen die äußere Wirklichkeit erklingendes Lied der Hoffnung, damit es unsere Herzen erreicht.

Wir leben als Christen im Advent, feiern morgen die Geburt des Gottessohnes, der für uns der Messias, der Heiland ist.
Sein Lebensthema ist die Hoffnung, mit allem, was er getan hat, zeigt er uns Gottes Nähe. Sogar sein Tod wird zum Hoffnungszeichen und zur Versöhnungsgeste in einer Welt des Zweifelns und des Hasses.
Dass wir heute hier sind, unsere Hoffnung stärken wollen, ist ein Zeichen dafür, dass wir ihr etwas zutrauen, dass wir Gott vertrauen möchten.
Er wird uns nicht enttäuschen. Die Trümmer unseres Lebens müssen uns nicht mutlos machen, sondern solange wir leben, kann aus ihnen Neues, Anderes entstehen.
Das und nichts anderes ist die Weihnachtsbotschaft, die wir morgen hören werden.
Darum lasst uns dem Lied des Propheten glauben und darin einstimmen:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkünden, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
 Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes."

Amen.



Pfarrerin Monika Waldeck
Bad Sooden-Allendorf
E-Mail: waldeck.esg-wiz@ekkw.de

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