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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Rogate, 01.05.2016

Mensch-sein heißt in Beziehung-sein
Predigt zu Jeremia 22:13-17, verfasst von Andrea Schmolke

Liebe Gemeinde,

die Propheten des Alten Testaments haben es nicht leicht. Gott ruft sie aus den anderen heraus und gibt ihnen den Auftrag, auf Unrecht und Ungerechtig-keiten aufmerksam zu machen. Nicht selten schickt Gott seine Propheten zu den mächtigen Herrschern, um sie persönlich auf ihr Fehlverhalten hinzu-weisen. So muss auch der Prophet Jeremia zu Jojakim, dem König von Juda, gehen und ihm unter anderem folgende Worte ausrichten. Ich lese aus Jeremia im 22. Kapitel, Verse 13-17:

Weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht und denkt: »Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer«, und lässt sich Fenster ausbrechen und mit Zedern täfeln und rot malen.

Meinst du, du seist König, weil du mit Zedern prangst? Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken und hielt dennoch auf Recht und Gerechtigkeit, und es ging ihm gut? Er half dem Elenden und Armen zum Recht, und es ging ihm gut. Heißt dies nicht, mich recht erkennen?, spricht der HERR. Aber deine Augen und dein Herz sind auf nichts anderes aus als auf unrechten Gewinn und darauf, unschuldiges Blut zu vergießen, zu freveln und zu unterdrücken.

 

Liebe Gemeinde,

kennen Sie eigentlich den?

Sagt die Nonne zum Bauern auf dem Markt: „Ich hätt‘ gern eine Gurke.“ Sagt der Bauer: „Nehmen Sie doch gleich zwei, dann können Sie eine essen.“

Gewiss, gewisse Witze sollte man in gewissen Umgebungen nicht erzählen. Vielleicht auch diesen über Selbstbefriedigung auf einer Kanzel?!? Noch weniger sollte man ihn allerdings in einem Nonnenkloster erzählen.

Im Kinofilm „Honig im Kopf“ von Til Schweiger tut genau dies der Großvater Amandus. Er ist zusammen mit seiner elfjährigen Enkeltochter Tilda auf der Flucht. Tilda möchte ihren Opa vor dem Altenheim retten. Er leidet an Demenz. Er ist mittlerweile so verwirrt, dass er nicht mehr zu Hause von Tildas Eltern versorgt werden kann.

Tilda tut alles, was in ihrer Macht steht, ihrem Opa ein Freude zu bereiten. Denn ihr Kinderarzt hat ihr erklärt, dass das das wichtigste sei, was sie für ihren Opa tun kann. Und freuen tut sich der Großvater Amandus immer dann, wenn er einen Witz erzählen kann, oder wenn er von seiner Reise mit seiner verstorbenen Frau nach Venedig erzählt. Diese Geschichte hat sich Tilda schon so oft angehört. Und jetzt hat sie beschlossen, dass sie mit ihm nach Venedig reist.

Die Eltern Tildas merken natürlich recht schnell, dass ihre Tochter und der Opa weg sind, und verständigen die Polizei. Von da an beginnt für die beiden Ausreißer eine abenteuerliche Flucht. Immer wieder begegnen sie aber Menschen, die ihnen helfen, ein Stück weiter zu kommen. Immer aber mit der Angst aufzufliegen und in die Heimat zurück zu müssen.

Es gibt nur einen Ruhepunkt auf ihrem Weg nach Venedig und das ist ein kleines idyllisch gelegenes Kloster in der Nähe von Bozen. Sie werden dort herzlich aufgenommen und dürfen ihren Hunger stillen. Allerdings nicht mit den saftig roten Tomaten aus dem Klostergarten – sondern mit einer dünnen Suppe und trockenem Brot. Auf den Einwand Amandus‘, dass er doch jetzt lieber auf einen Tomatensalat mit Zwiebeln Lust hätte, erklärt ihm die junge und aufgeschlossene Nonne, dass die Tomaten für den Verkauf auf dem Markt in Bozen seien.

Auf dem Markt... da fällt mir einer ein.“, erwidert Amandus und erzählt eben diesen Witz. Der Enkeltochter ist das furchtbar peinlich.
Und die junge Nonne schaut den Großvater fragend an: „Versteh ich nicht!“
Das wiederum versteht der Großvater nicht, warum sie den Witz nicht verstehen kann. Er beginnt, diesen Witz zu erklären.
Die Enkeltochter versucht die Situation irgendwie zu retten, unterbricht ihren Opa und wirft eine Frage ein, um damit die Aufmerksamkeit auf ein neues Thema zu lenken. Sie überlegt einen kurzen Moment, schaut sich im Raum um und fragt dann: „Stimmt das eigentlich, dass ihr kein Sex haben dürft?“
Schweigen und Entsetzen im Raum. Im Hintergrund hört man eine Glocke läuten.
Auch die junge Nonne braucht einen Moment, bevor sie ruhig und gelassen antwortet: „Ja, mein Kind, wir leben in Keuschheit.“
Keuschheit, was ist das?“, will das Mädchen wissen.
Die Nonne erklärt ihr: „Wir verzichten darauf einen Mann zu lieben oder von einem Mann geliebt zu werden. Wir lassen diesen Platz für Gott frei.“
Also, seid ihr alle sozusagen mit Gott verheiratet“, fragt Tilda.
Ja, so kann man das sagen.“
Dann“, so überlegt Tilda weiter, „kann ja keiner eifersüchtig werden oder fremdgehen.“ - Tilda wird nachdenklich, nach einer Weile fügt sie hinzu: „Können meine Eltern euch hier einmal besuchen?“
Wieso fragst du das, mein Kind?“, will die Nonne erstaunt wissen.
Ich glaube, die könnten eine Menge von euch lernen.“



Liebe Gemeinde,

Eifersucht kann in einer Partnerschaft zu einer zerstörerischen Macht werden. Da spürt einer der Partner einen Mangel in der Beziehung; er hat Angst, dass die Beziehung kaputt geht; sie ist sich nicht mehr sicher, ob sie für ihn noch attraktiv genug ist.

Hinter der Eifersucht versteckt sich das eigene fehlende Selbstwertgefühl. Eifersucht zerstört eine Beziehung.



König Jojakim wünscht sich ein großes Haus mit weiten Gemächern, mit Zedernholz ausgestattet und mit roter Farbe bemalt. Große und weite Gebäude, Zedernholz und die rote Farbe sind alles Symbole, die Macht und Stärke demonstrieren wollen.

Was möchte Jojakim mit diesem Bauwerk erreichen? Möchte er Neid erzeugen? Eifersucht und Neid sind Geschwister und zollen beide ihren Tribut.

Der Luxus des Königs Jojamkims hat seinen Preis: Sein Haus wird mit Sünden gebaut, seine Gemächer mit Unrecht; er lässt seine Nächsten umsonst arbeiten und verweigert ihm seinen Lohn.

Der Prophet Jeremia legt seinen Finger in Jojakims Wunde: „Meinst du seist König, weil du mit Zedern prangst? Jojakim, glaubst du wirklich, du wirst ein besserer und mächtigerer König, weil du mit Statussymbolen angibst? - Jojakim, dein Vater, hatte das nicht nötig. Aber: Hat dein Vater nicht auch gegessen und getrunken und hielt dennoch auf Recht und Gerechtigkeit, und es ging ihm gut?“



Josia, der Vater Jojakims, hatte genug. Genug zum Essen, genug zum Trinken. Es ging ihm gut. Er war zufrieden. Er hatte seinen Frieden mit sich selber. Er musste nicht ständig um sich selbst kreisen und sich um sein Ansehen vor den anderen kümmern. Dadurch hatte er noch genügend Ressourcen, sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen.

Josia hatte erkannt, warum er zum König von Juda berufen wurde: Für Recht und Gerechtigkeit sorgen. Das ist eine erfüllende Aufgabe. Da kommt Sinn ins Leben. Das stärkt das Selbstbewusstsein, das eigene Selbstwertgefühl.

Da reichen gutes Essen und Trinken. Da braucht man kein großes Haus mit weiten Gemächern, getäfelt mit Zedernholz und rot bemalt.

Und noch einmal betont es Jeremia: Er, dein Vater, half dem Elenden und Armen zum Recht, und es ging ihm gut. Heißt dies nicht mich recht erkennen?

Dem Elenden und Armen zum Recht verhelfen, das heißt Gott erkennen.



Liebe Gemeinde,

Sex und Fürsorge für die schwachen einer Gesellschaft bekommt man nicht gleich auf einen gemeinsamen Nenner. Aber sie haben einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Beides kann nur sinnvoll geschehen, wenn die Menschen eine Beziehung zueinander haben!

Geht die Beziehung zwischen den Menschen verloren, wird beides zur Ware:

Bezahlbar. Messbar. Austauschbar.

Verletzend. Unwürdig. Menschenverachtend.

Es ist ein Unterschied, ob ich einen alten, kranken, behinderten oder armen Menschen nach einem Leistungskatalog der Sozialgesetzgebung behandle und ihn damit zu einem Objekt mache, der Dienstleistungen empfängt, wofür ich genau abrechenbar bezahlt werde. Oder ob ich Zeit bekomme, ihn zu pflegen, für ihn zu sorgen. Zeit dafür, dass ich eine Beziehung zu ihm aufbauen kann.

Es ist ein Unterschied, ob ich mit jemanden Sex habe oder mit jemandem schlafe, bei dem ich mich fallen und gehen lassen kann, bei dem ich mich zeigen kann, so wie Gott mich geschaffen hat – ohne ein Gefühl von Scham. Das setzt eine verlässliche Beziehung voraus.

Mensch-sein heißt in Beziehung sein. In Beziehung-sein heißt, in der Liebe sein. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott ihn ihm. (1. Joh 4,16)

Wer in der Liebe ist, spürt keine Eifersucht. Wer geliebt wird, fühlt sich nicht minderwertig. Wer dies erleben darf, der braucht kein großes Haus mit weiten Gemächern, kein Zedernholz und auch keine rote Farbe, für den die schwachen der Gesellschaft bezahlen müssen.

Wer geliebt wird, dem reichen gutes Essen und Trinken.

Das Hohelied der Liebe im Alten Testament fasst die Erkenntnis des Propheten Jeremia in poetisch schönen und doch einfach verständlichen Worten zusammen:

Esst, meine Freunde, und trinkt und werdet trunken von der Liebe!“

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.



Pfarrerin Andrea Schmolke
Lauf an der Pegnitz
E-Mail: schmolke.andrea@web.de

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