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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heiliger Abend, 24.12.2007

Predigt zu Jesaja :, verfasst von Friedrich Schorlemmer

Stille Nacht in der schrillen Welt
Die unstillbare Sehnsucht nach Weihnachten in Liedern

Die Sehnsucht nach weißer Weihnacht reicht bis in die Meldungen der TAGESSCHAU just in den Tagen vor dem Fest, das so viel Stress macht.

Wenn sich aber dann doch noch ein Schneeflöckchen leise rieselnd ans Fenster setzt und die „Glocken süß erklingen" und „am Baum die Lichter brennen", dann ist - so verheißen es jedenfalls die Lieder - Weihnachten - so, wie man sich das im Ideal vorgestellt hat, so, wie es Ingmar Bergmann in Fanny & Alexander vorführt oder wie es Thomas Mann in den Buddenbrooks erinnert.

Und jeder versucht, sich diesem Ideal, das so stark von Gemütswallungen und Gemütssehnsüchten aufgeladen ist, nahe zu kommen.

Was dann zunächst noch beim Kartoffelsalat, Würstchen und elektrischer Baumbeleuchtung gelingt, wird schon kritisch, sowie es um den Text „O du fröhliche ..." geht. Wie war das eigentlich noch mit der „gnadenbringenden Weihnachtszeit", und ging die Welt jetzt schon verloren oder war zunächst Christ erschienen?

Unsere Entfremdung von den anrührenden Liedern ist unser Problem. Gerade unser deutsches Weihnachten ist gebunden an die Lesung jenes von Lukas berichteten Engelsgesangs über der nächtlichen Welt und armseligen Geburt im Stall von Bethlehem, auf dem die Hoffnung der Welt liegt.

Braucht nicht Weihnachten das selber gesungene Lied in der Gemeinsamkeit einer kalten Kirche mit erwärmenden Kerzen oder zu Hause, wenn die Kleinfamilie weihnachtlich zur Großfamilie anwächst? Da aber gibt es Plattenspieler, Tonbandgeräte, CDs, Internet und alles in Top-Qualität.

Aus Sängern sind Zuhörer geworden. Kaum einer traut sich noch, zu Hause zu singen.

Der Überdruss an Weihnachtsliedern war in den Wochen zuvor längst schon übermächtig geworden: in Kaufhäusern, auf Weihnachtsmärkten. Weihnachtslieder rauf und runter, von Mitte November an scharrte die Weihnachtsindustrie ungeduldig mit den Hufen. Und nun hat alles gebimmelt, gejauchzt und jubiliert, ohne dass es die Herzen erreicht hätte.

Dann doch jene Aura des Liedes „Stille Nacht" in der Weihnachtsnacht.

Stille Nacht, Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
schlaf in himmlischer Ruh!

Wenn „Stille Nacht" erklingt, dann ist Weihnachten. „Stille Nacht" hat die größte und die breiteste Faszination, bis in die Schützengrabenromantik der Weltkriege, in die deutsche Männer verwickelt waren. Es ist die tiefste Sehnsucht nach Heilsein, es ist der schärfste Kontrast zu dem biblischen Bericht von der Geburt Jesu in einem Stall in Bethlehem, wie es Lukas überliefert.

Es ist im besten Sinne jenes von Kritikern aufgespießte „religiöse Opiat": über die Härte, die Kälte, den Lärm, die Armut wird besänftigend hinweggesungen.

Franz Xaver Gruber ist 1818 ein Gedicht gelungen, das sich in Generationen tief eingeprägt hat. Und Joseph Mohr ist dazu eine kongeniale Melodie eingefallen. Wenn es keine „Stille Nacht" mehr gibt, gibt es kein Weihnachten mehr. Wenn keiner mehr weiß, was es heißt, dass der Retter da ist ...

Es ist das Lied der höchsten Harmonie: „das traute, hochheilige Paar" wacht einsam über einer schlafenden Welt und der liebliche Knabe im lockigen Haar schläft in himmlischer Ruh, in Wärme, in Sattheit, in Geborgenheit.

Über der ganzen Welt wird - fern und nah - vom Himmel herab gesungen, dass der Retter der Welt da ist, von dem zuerst die Hirten erzählt hatten und deren Nachricht wie ein Lauffeuer um die Welt gehen sollte.

Im Lächeln eines Kindes wird Liebe sichtbar. Aus einem göttlichen Mund fließt still das Heil der Welt. Allen schlägt nun die rettende Stund, in der Stunde jener Geburt: in der stillen Nacht - inmitten einer schrillen Welt.

Erfüllt jenes Lied nun die infantilen Sehnsüchte des Einzelnen und ganzer Gesellschaften nach einem Idyll, das sich wenigstens im Gefühl erfüllt und die triste Wirklichkeit des Persönlichen und des Familiären und der gesellschaftlichen Wirklichkeit im gefühligen Augenblick überstrahlt?

Dieses Lied jedenfalls sieht von der Härte des Lebens, in die Jesus gekommen ist, ab. Deshalb haben Theologen es jahrzehntelang in den weihnachtlichen Giftschrank gestellt. Nur das - meist kirchenferne - Weihnachtsvolk am Heiligen Abend hat es sich zurückgeholt. Selbst wenn das Mitsingen schon am Ende der ersten Strophe abebbt, so kommt es doch wieder beim zweitmaligen Singen der Zeile „Christ, in deiner Geburt". Die rettende Stund ist es, die das christliche Abendland die Zeitrechnung nach jener Stund' anfangen lässt: Post Christum natum.

Drei weitere Verse dieses Liedes erscheinen einfach nicht mehr, obgleich sie das theologische Programm des Autors erst komplettieren: aus des Himmels goldenen Höhen lässt der Gnaden Fülle sich sehen. Jesus in Menschengestalt, sodann die väterliche Liebe, die in dem Menschenbruder sich erweist und die Völker der Welt umschließt.

Und schließlich: Gnade vor Gericht, denn aller Welt Schonung wird verheißen. So erst wird deutlich, dass das populäre Lied sich nicht auf Seelenschmelz und Gemütskneten beschränken lässt.

Einmal absehen von den letzten Nachrichten, von der letzten TAGGESSCHAU, vom letzten Alptraum und vom letzten Streit, ob um Wichtiges oder Gewichtiges oder um Nichtiges.

Heile Welt - einen Augenblick lang! Einmal hinüberträumen und dann wieder ganz da sein, im Inneren ausgestattet mit einer Vision. Auch mit einer kleinen, nur zeitweisen Illusion lässt sich die Welt nicht nur besser bestehen, sondern sich auch auf das Erwünschte hin bewegen - solange man die schöne Vorstellung nicht mit der Wirklichkeit verwechselt. Jedes Älterwerden ist ein Abschiednehmen von Illusionen. Zugleich gilt jene Schiller'sche Mahnung: Achtung vor den Träumen der Jugend, seiner eigenen Jugend zu tragen.

Ein Leben ohne Traum ist nicht nur arm. Es ist auch kalt. Doch wer sich ständig über die Wirklichkeit hinwegträumt, wird jäh auf die Nase fallen. Selbst wenn vom Loch im Dach des Stalles von Bethlehem in der verklärenden Erinnerung nur noch der Stern übrig bliebe, der hineinsieht, wäre es doch alles sehr armselig, wenn man also nur noch vom „Loch im Dach" spräche, aber keine Vorstellung mehr von dem Stern hätte, der da über der Menschheit aufgegangen ist und aufgeht: „Christ, in deiner Geburt".

Weihnachten - das ist die ausgesparte Zeit, Zeit, in der einmal nicht von dem die Rede ist, was ist. Stille Nacht - ein Eintauchen in folkloristische Romantik. Rührung zulassen, einmal alles vergessen und alles zugedeckt lassen ...

Stille Nacht - das thematisiert unseren Umgang mit Weihnachten. Das Weihnachtsgefühl wird evoziert: stille Sehnsucht, die Sehnsucht nach Stille, die Stille der Sehnsucht.

Doch: dieser Stille-Nacht-Jesus kommt nicht in die Welt hinein, sondern träumt sich aus ihr heraus. In selig-sattem Glück schläft er „in himmlischer Ruh".

Dieser Jesus regt nicht auf. Der macht kein schlechtes Gewissen. Der schläft. Und wir können in Ruhe unseren Gänsebraten essen, nachdem all die wunderbaren Gefühle - mit dazugehörigen Gerüchen und weihnachtlichen Illuminationen - wachgerufen worden sind: Nacht, Paar, Knaben, Ruh, Engel, Stunde der Geburt. Im Mund des Retters sattes Glück. Ein Kind, lieblich, süß, himmlisch.

Die Adjektive, jene versüßenden Beiworte, machen das Maß des Heilen voll: das einsame, das traute, das lockige, das göttliche, das holde, das rettende.

In diesem wohl populärsten deutschen Weihnachtslied bildet sich die elementare Sehnsucht nach der heilen, nach der geheilten Welt ab, in einem Moment des Jahres, an dem einmal alles stimmt, alles glückt ... Dazu braucht es halt einen Schuss Verklärung.

Weihnachten - das gibt es wirklich nicht ohne die „Stille Nacht". Du wirst schon früh genug wieder aufwachen. Also: stille Nacht in der schrillen Welt!

Ist da uns Zeitgenossen am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht das Adventslied des Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld viel näher? Er hatte in einem höchst expressiven Lied gedichtet:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab, vom Himmel lauf!
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloß und Riegel für!

Als ob der Heiland der Welt noch nicht gekommen wäre, aber dringend herbeigerufen werden müsse, beschwört so drängerisch wie bildreich der Jesuit Friedrich Spee 1622 eine erlösungsbedürftige Welt: wolkendunkel verhangener Himmel, nach Regen dürstendes Land, verriegelter Eingang in die Welt des Lichts, ein Tal des Jammers, ein elendes Leben, fern vom Vaterland „in der Fremde", in Not, vor Augen das Nichts, den endgültigen  Tod, der jeden Lebenssinn auslöscht.

Zehnmal in sechs Strophen das O-Pathos, verbunden mit ausdrucksstarken, imperativischen  Verben:
Reiß auf - reiß ab, gieß und fließ, bring und spring, brecht und regnet aus! Schlag aus!

18 Imperative! Die lebenssprühende - auch antithetische - Korrespondenz zwischen dem Himmel, aus dem der rettende Regen kommt, und der Erde, die grünt, bis sie auf Berg und Tal das ersehnte Blümlein bringt. (Es muss keine ganze blühende Landschaft sein. Dies eine Blümlein reicht!)

Die Sonne - Wärme, Licht, Leben schenkend - ist der schöne Stern, der der deprimierenden Finsternis ein Ende macht. Hoffnung für die Welt!

Geführt aus der Fremde, dem „Elend im Ausland" ins Vaterland, ins Zuhause, ins behauste Dasein unter einem gnädigen Himmelszelt.

Gedacht war der Text ursprünglich als Katechismuslied, das die messianischen Prophetien des Jesaja komprimiert aufnimmt:

„Die Wüste und die Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnenquellen sein.
(Jesaja 35, Vers 1-2.5-7) 

„Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf!"
(Jesaja 45, 8)

„Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen; ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."
(Jesaja 66, 12-13)

Friedrich Spees Reimgedicht wirkt selber wie ein prophetisches Werk, das zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges geschrieben wurde. Es scheint, als würde das  Erschrecken an dessen Ende reflektiert und zur kräftigenden Hoffnung werden. Ein Adventslied im eigentlichen Sinne, das Kommen des Retters sehnlichst herbeirufend, mit geradezu schmetternder Melodie. Leicht missverstehbar diese inbrünstigen Verse als bisheriges Ausbleiben des Heilands, verstehbar als Kommen des Gekommenen ins Hier und Jetzt einer Welt, die nicht nur nach Trost und Hoffnung verlangt, sondern auch den segnenden Regen auf die Wüsten erfleht, die wachsen, auf kahle Berge, deren Wälder einst die Feuchtigkeit für satte Täler speicherten, die Oasen der Fruchtbarkeit, die nun zu verdorren drohen.

„Die größte Not" - das ist auch die Hungersnot, die Wassernot von Milliarden Erdbewohnern am Anfang des 3. Jahrtausends.

Ein zum Himmel schreiendes Lied um ein Einsehen des Himmels. Eine Kümmerimperativkaskade der Sorge um das Klima - ökologisch und sozial und zugleich eine Selbstvergewisserung für den Einzelnen, der - seine Tage zählend - im Glauben um sein Ende weiß, das nicht ein Nichts ist, weil es geführt ist „von starker Hand."

Einer der wirkmächtigsten Texte des Propheten Jesaja wurde zweitausend Jahre lang mit der Weihnachtsgeschichte verbunden. Das Jesus-Kind wird in der Christenheit als der lang erwartete Messias, als der Friedenskönig begrüßt und gefeiert.

Alle, die im Finsteren leben, sehen ein Licht. Dieses Licht ist ein Kind, das im Stall von Bethlehem geboren wird. Über diesem Kind steht ein guter Stern.

Bei Jesaja heißt es:
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht
und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell."
Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude ...
denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht,
und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.
(aus: Jesaja 9,1 ff)

Ein Kind wird geboren, die Welt fängt neu an, mit jenem Kind, mit jedem Kind. Es ist der Mensch, der königliche Mensch, der als ein Gerechter und ein Helfer - nicht als ein Herrscher, Auspresser und Unterdrücker kommt.

Er erscheint indes mit aller menschlichen Verletzlichkeit. Das ganz Große fängt ganz klein an. Deshalb soll die Freude ganz groß sein. Von unten, von ganz unten, vom Kleinen her, von den Kleinen her, kommt Rettung. Alle Hoffnung liegt auf dem erwarteten Kind. Herrschaft wird neu definiert.

Der Name dieses Kindes, auf dem Herrschaft ruht, ist Programm. Das hat nichts mit Sicherheitskabinett, Generalstab, Rüstungsprogramm, Vater aller Schlachten, oberster Kriegsherr, Heiliger Krieg, New war, Enduring freedom, auch nichts mit KGB oder FSB, mit Mossad und CIA zu tun.

Seine Name ist: Wunderbarer Rat, von Gott bestimmter Held, gütiger Vater, Fürst des Friedens. Solche Herrschaft soll groß werden. Der Friede soll ohne Ende und nicht der Anfang eines neues Krieges sein. Durch Töten lässt sich kaum das Töten verhindern.

Sein Friede - der SCHALOM - beruht auf nichts anderem als auf Recht, auf dem Lebensrecht, gestützt und gestärkt durch die Herrschaft des Rechts und nicht durch das Recht der Herrschaft.

SCHALOM ist der Friede als Glück, als Heilsein, als Ganzsein. Und er soll kein Ende haben. Herrschaft beruht auf der Autorität dessen, der Frieden macht und der Frieden will.

Es gibt keinen Weg zum Frieden, wenn er nicht der Weg des Friedens ist.

Das Fest des Friedens, mit jener Verheißung Jesajas verbunden, an dem Kind von Bethlehem festgemacht, ist auch ein „Fest der Abrüstung", eine Ermutigung für alle, die Frieden schaffen ohne Waffen.

Wenn die Friedensbotschaft von Weihnachten nicht in uns hineinkommt, nicht in uns Raum greift und alles in uns selbst auflöst, was hart, was hassverzerrt, was unerbittlich oder unversöhnt ist, was über andere überlegen sein will, statt mit ihnen zu überlegen, wie diese Welt eine Zukunft bekommt, wenn also die lösende und erlösende Botschaft nicht in uns hineinkommt, dann kommt der Frieden auch nicht in die Welt.

Das Christkind wird geboren - nicht irgendwo, nicht irgendwann, nicht irgendwem. Dir ist er geboren. Und wer das glaubt, dem kann, wenn er in der Finsternis tappt und nichts als Dunkel vor sich sieht, wenn er sich ausgeliefert fühlt, und meint, nichts machen zu können, wenn er sich ohnmächtig erfährt, kein Licht mehr sieht, ein großes Licht erscheinen, ein Hoffnungsschein, eine Erleuchtung kommen,  für die Augen und für das Herz. Lauter Jubel. Überströmende Freude. Außer Rand und Band vor Freude sein, so wie man bei der Ernte froh ist, wenn die Früchte eingebracht werden.

Früchte der Erde einbringen. Die Früchte des Friedens einbringen! Das meint und das will Weihnachten. Das ist kein Opiat. Das suggeriert nichts. Das will das Außen und das Innen zusammendenken, zusammenbringen und zusammensehen. Die „Bedingungen des Friedens" sind das eine, der Friede in jedem Menschen das andere.

Es bleibt eine tiefe Sehnsucht des Menschen in der lauten und schrillen Welt, einmal zu erfahren, dass Frieden ist, Weihnachts-Frieden.

Wenn Jesus nur vor zweitausend Jahren geboren wäre und nicht uns heute geboren wird, wird nicht Weihnachten.

Das evoziert ein weiteres Weihnachtslied.

Zu Bethlehem geboren
Ist uns ein Kindelein
Das hab ich auserkoren,
Sein eigen will ich sein.
Eia, eia, sein eigen will ich sein.

Es ist wohl wahr: Wenn Jesus nur in Bethlehem geboren würde und nicht in mir, er wäre umsonst geboren. Das Wir, das Ich und das Es des Glaubens spielen sich in der Seele ab.

„Groß bleibt nicht das Große / und klein nicht das Kleine." Dieser Brecht-Vers passt zu Bethlehem, ein winziger Ort wird zum Hoffnungsort, mitten in einer Machtwelt, in der Welt-Macht gilt, kommt ein Kind, kommt eine Hoffnung zur Welt.

Es ist die Geburt einer neuen Welt durch die Geburt dieses Kindes, das „von ganz oben kommt" und das „ganz unten ankommt", bei denen „ganz unten" wirkt und Wirkungen hinterlässt: Frieden stiftend, Brot brechend, Natur schützend. Segnend, nicht drohend. Verzeihend, nicht richtend. Wortmächtig, nicht waffenstrotzend. Einladend, nicht abweisend. Fremdenfreundlich, nicht feindbesessen. Dialogisch, nicht ideologisch. Mit geöffneten Armen lehrend und nicht ex cathedra belehrend.

Wie aber kommt nahe, was räumlich, zeitlich und kulturell so fern geschehen ist? Wie wird überschritten der garstige Graben zwischen dem Einst und dem Jetzt, zwischen der zufälligen Geschichtswahrheit und der ewigen Vernunftwahrheit, zwischen dem objektiv Geltenden und dem persönlich Erfahrenen?

Durch Erinnerung und Verinnerung, durch Vergegenwärtigung und Öffnung des Innenraums, wo Herz und Verstand in Liebe verschmelzen, im Beschenktsein, im Sich-Schenken und im Verschenken.

Beth-Lechem - Haus des Brotes.

Das Lied knüpft eine wiegende Beziehung zu Bethlehem: sich in das besungene Kind einwiegen: sich selbst in seine Empfindsamkeit, seine Sehstärke, seinen Durchhaltemut und seine Sprachkraft einfinden.

„In Freud und Schmerzen" ein Liebesband aus Herzensgrund erspüren. Glauben - das ist eine Variation des Kindelwiegens: Die Welt kommt von Bethlehem her in Ordnung. Denn uns ist das Kind geboren.

Der Mystiker Friedrich Spee, der dieses Lied 1637 verfasste, hatte sehr gut verstanden, dass man sich das Fest nur ersingen kann, wo das Innere, jener echolose Hohlraum, sich in der Lernzeit ein Echo ersingt, es mit dem Zauber eines Namens füllt, wo Gegenwelt wahre Welt wird, Welt des Wahren, des Warmen, des Weiterführenden.

Hier geht es nicht um einen fühllosen Glaubensakt. Hier geht es um eine Liebesbeziehung, in die sich der Singende einwiegt.

Das hingebungsvoll gesungene  „Eia" wird kein „Eiapopeia" - es ist - ohne jede Ironie - lieblich.

Das Materielle („alles, was ich hab'"), das Temporäre („je länger mehr und mehr"), das Wertbestimmende („mein höchstes Gut"), das Kommunikative („sein eigen will ich sein") und das Emotionale („nimm hin, mein Herz zum Pfand") werden von Strophe zu Strophe aufgerufen.

Das kommt im Inneren an oder es ist alles aus.

 



Pfarrer Friedrich Schorlemmer
Wittenberg
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