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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach Trinitatis, 29.05.2016

Hoffnung auch für Lots Frau
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 18:16-33, verfasst von Martin Schewe

Das erste Buch Mose erzählt, dass Gott in Gestalt von drei Männern zu Abraham kommt und ihm und seiner Frau Sara einen Sohn und eine große Zukunft verspricht. Als die Besucher wieder aufbrechen, begleitet Abraham sie, und Gott verrät ihm, wohin er als nächstes gehen will. „Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra“, sagt Gott, „es ist groß geworden, und ihre Sünde, sie wiegt schwer. Ich will hinabsteigen und sehen, ob all ihr Tun dem Geschrei über sie entspricht, das zu mir gedrungen ist; wenn nicht, will ich es wissen.“ Als er das hört, erzählt das erste Buch Mose, stellt sich Abraham Gott in den Weg.

 

Und Abraham trat herzu und sprach: Willst du wirklich den Gerechten zusammen mit dem Frevler wegraffen? Vielleicht sind fünfzig Gerechte in der Stadt. Willst du sie wirklich wegraffen und dem Ort nicht vergeben um der fünfzig Gerechten willen, die in seiner Mitte sind? Das sei ferne von dir, so zu tun, den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, so dass es dem Gerechten wie dem Frevler erginge. Das sei ferne von dir! Der Richter der ganzen Erde, sollte der nicht Recht üben? Der Herr sprach: Wenn ich in Sodom fünfzig Gerechte in der Stadt finde, werde ich dem ganzen Ort um ihretwillen vergeben. Abraham antwortete und sprach: Sieh, ich habe es gewagt, zu meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen von den fünfzig Gerechten fünf. Willst du wegen der fünf die ganze Stadt verderben? Er sprach: Ich werde sie nicht verderben, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Und er fuhr fort, zu ihm zu reden, und sprach: Vielleicht finden sich dort vierzig. Er sprach: Ich werde es nicht tun um der vierzig willen. Da sprach er: Mein Herr, zürne nicht, wenn ich rede. Vielleicht finden sich dort dreißig. Er sprach: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Da sprach er: Sieh, ich habe es gewagt, zu meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort zwanzig. Er sprach: Ich werde sie nicht verderben um der zwanzig willen. Da sprach er: Mein Herr, zürne nicht, wenn ich dies eine Mal noch rede. Vielleicht finden sich dort zehn. Er sprach: Ich werde sie nicht verderben um der zehn willen. Als er aufgehört hatte, zu Abraham zu reden, ging der Herr. Abraham aber kehrte an seinen Ort zurück.“

 

(1) Und wenn es fünf Gerechte in Sodom gibt? Oder einen einzigen? Lot wohnt in Sodom, Lot mit seiner Familie. Lot ist Abrahams Neffe. Wenn er für die fünfzig, vierzig, dreißig, zwanzig oder zehn Gerechten bittet, die Gott vielleicht in Sodom findet, dann bittet Abraham nicht nur für sie, sondern immer auch für Lot. Dabei erwähnt er ihn überhaupt nicht. Abraham appelliert vielmehr an Gottes Gerechtigkeit. „Das sei ferne von dir“, sagt er, „den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, so dass es dem Gerechten wie dem Frevler erginge. Das sei ferne von dir! Der Richter der ganzen Erde, sollte der nicht Recht üben?“ Abraham ruft Gott gegen Gott an, Gottes Gerechtigkeit gegen Gottes Entschluss, das sündige Sodom zu zerstören. Gott lässt sich darauf ein und verspricht schließlich, die Stadt zu verschonen, wenn sich dort zehn Gerechte finden. Mehr noch: Obwohl es in Sodom keine zehn Gerechten gibt, verschont Gott Lot. Die Geschichte geht so weiter, dass Gott Lot und seiner Familie befiehlt, die Stadt zu verlassen und sich unterwegs nicht umzusehen. Dann lässt er Schwefel und Feuer regnen und zerstört Sodom und Gomorra. Lot selbst und seine Töchter kommen davon. Lots Frau jedoch hält sich nicht an Gottes Befehl. Sie sieht zurück und erstarrt zur Salzsäule.

 

Um eine Geschichte besser zu verstehen, liebe Gemeinde, hilft es manchmal, ihr eine Überschrift zu geben und darin die Hauptsache zusammenzufassen. Wenn wir das bei dieser Geschichte versuchen, könnte die Überschrift lauten: „Gott lässt mit sich reden.“ Abrahams hartnäckiges Bitten für seinen Neffen ist ja erfolgreich. Lot wird gerettet. Andererseits bleibt es dabei, dass Sodom und Gomorra zerstört werden. Die Einwohner kommen um. In diesem Punkt gibt Gott nicht nach. Womöglich finden wir, er sollte noch großzügiger sein und den Menschen in den beiden Städten vergeben. Könnte er sie nicht wenigstens weniger hart bestrafen? Und Lots Frau? Muss sie zur Salzsäule erstarren, bloß weil sie sich noch einmal umdreht?

 

Wenn wir länger darüber nachdenken, merken wir, dass die Überschrift „Gott lässt mit sich reden“ aus noch einem Grund nicht richtig passt. Erinnern wir uns an den Anfang der Geschichte. „Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra“, sagt Gott da, „es ist groß geworden, und ihre Sünde, sie wiegt schwer. Ich will hinabsteigen und sehen, ob all ihr Tun dem Geschrei über sie entspricht, das zu mir gedrungen ist; wenn nicht, will ich es wissen.“ Gott will sich vergewissern, ob die Leute in Sodom und Gomorra wirklich so böse sind, wie es von ihnen heißt. Was er herausfindet, erfahren wir nicht im Einzelnen. Die Fortsetzung der Geschichte spricht jedoch dafür, dass sich Gottes schlimmste Befürchtungen bestätigen. Soll er sogar dann gnädig sein? Was wäre das für eine Gnade, was wäre das für ein Gott, für den es keinen Unterschied zwischen den Tätern und den Opfern gäbe? Eine Gnade, in deren Glanz sich alle gleichermaßen sonnen könnten, die Unterdrücker genauso wie die Unterdrückten, die Schläger wie die Geschlagenen – eine solche Gnade wäre kalt und grausam. Eine so billige Gnade wäre überhaupt keine Gnade. „Das sei ferne von dir“, sagt Abraham, „den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten, so dass es dem Gerechten wie dem Frevler erginge.“ Das Umgekehrte gilt ebenso: Das Böse darf nicht behandelt werden, als wäre es gut. „Das sei ferne von dir! Der Richter der ganzen Erde, sollte der nicht Recht üben?“ Abraham appelliert an Gottes Gerechtigkeit, damit Lot gerettet wird. Aber zu Gottes Gerechtigkeit gehört auch das Gericht über Sodom und Gomorra, über die Täter, die Schläger und Unterdrücker.

 

(2) „Gott lässt mit sich reden“ sollte die Geschichte zunächst heißen, weil Abrahams Bitten für Lot erfolgreich ist. Jetzt scheint es so, als wäre „Strafe muss sein“ die bessere Überschrift. Strafe muss sein, weil es Gott nicht gleichgültig ist, wie wir einander behandeln und mit denen umgehen, die schwächer sind als wir und sich nicht selber wehren können. Trotzdem, glaube ich, trifft auch die neue Überschrift noch nicht die Hauptsache an der Geschichte aus dem ersten Buch Mose. Strafe muss sein, ja – aber noch wichtiger als das Strafgericht über Sodom und Gomorra ist das, was vorher passiert. Sehen wir noch einmal hin. Sehen wir uns genau an, was Abraham tut.

 

Als er merkt, was Gott mit Sodom vorhat, stellt sich ihm Abraham in den Weg und gibt sich nicht damit zufrieden, dass Gott die Stadt verschonen will, wenn er dort fünfzig Gerechte findet. Abraham rechnet nicht damit, dass es in Sodom fünfzig Gerechte gibt. Deshalb sagt er: „Sieh, ich habe es gewagt, zu meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen von den fünfzig Gerechten fünf. Willst du wegen der fünf die ganze Stadt verderben?“ Ein raffiniertes Argument und ganz schön dreist von Abraham. Als hätte es Gott in Sodom mit nicht mehr als fünf Gottlosen zu tun. In Wirklichkeit wimmelt die Stadt von ihnen. Dennoch willigt Gott ein: „Ich werde sie nicht verderben, wenn ich dort fünfundvierzig finde.“ Auch das genügt Abraham nicht. Auch fünfundvierzig Gerechte wird es in Sodom nicht geben. Noch nicht einmal vierzig, dreißig oder zwanzig. Abraham lässt nicht locker und bewegt Gott zu immer neuen Zugeständnissen. Am Ende ist Gott bereit, um zehn Gerechter willen von seinem Plan abzulassen. Abraham ist damit noch nicht am Ziel. Denn im Hintergrund der Auseinandersetzung steht unausgesprochen und unbeantwortet die Frage: Was wird aus Lot? Um ihn streitet Abraham mit Gott, und Gott gibt sich noch einmal geschlagen.

 

Abraham stellt sich Gott in den Weg und streitet mit ihm. Ein ungleiches Duell. Was hätte Abraham Gott entgegenzusetzen? Alles, was er ist, was er kann, was er hat, hat er von Gott. Dennoch nimmt er den Kampf mit ihm auf. Das Geschöpf fordert den Schöpfer heraus. Hoffnungslos, sollte man meinen. Aber Gott gibt sich geschlagen. Schritt für Schritt weicht er zurück und akzeptiert einen Einwand nach dem anderen. Abraham weiß sehr gut, auf wie dünnem Eis er sich bewegt. Darum bittet er nicht nur für Sodom und für Lot um Milde, sondern auch für sich selbst: „Mein Herr, zürne nicht, wenn ich rede. Vielleicht finden sich dort dreißig.“ „Sieh, ich habe es gewagt, zu meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort zwanzig.“ „Mein Herr, zürne nicht, wenn ich dies eine Mal noch rede. Vielleicht finden sich dort zehn.“ Gottes bloßer Anblick kann einen Menschen töten. So mächtig ist Gott. Doch Abraham hat einen ebenso mächtigen Verbündeten: Er ruft Gott selbst gegen Gott an und bekämpft ihn mit seinen eigenen Waffen. „Das sei ferne von dir, den Gerechten zusammen mit dem Frevler zu töten. Das sei ferne von dir! Der Richter der ganzen Erde, sollte der nicht Recht üben?“ Abraham streitet mit Gott, weil er auf ihn seine Hoffnung setzt.

 

(3) „Gott lässt mit sich reden“ war die erste Überschrift, die ich der Geschichte geben wollte. Richtig daran war, dass Abraham sein Ziel erreicht. Lot wird gerettet. Dass Gott mit sich reden lässt, bedeutet allerdings nicht, dass seine Gnade billig ist. Die zweite Überschrift lautete daher: „Strafe muss sein.“ Schon besser, aber immer noch nicht die ganze Wahrheit. Zu Gottes Gerechtigkeit gehört das Gericht über die Täter, die Schläger und Unterdrücker; das stimmt. Zu seiner Gerechtigkeit gehört jedoch auch, dass Gott sich Abraham geschlagen gibt. Abrahams Position scheint hoffnungslos. Dennoch setzt er seine Hoffnung auf Gott, streitet mit ihm, und der, mit dem er streitet, gibt Abraham Recht. Diese Hoffnung, finde ich, liebe Gemeinde, muss in der Überschrift zur Sprache kommen, die wir der Geschichte zu geben versuchen: Abrahams Hoffnung, dass wir von Gott, der das Böse bestraft, noch viel mehr zu erwarten haben. Sogar über Sodom und Gomorra, die Täter, Schläger, Unterdrücker, hat er noch nicht sein letztes Wort gesprochen.

 

Und Lots Frau? Sie hält sich nicht an Gottes Befehl, sieht zurück und erstarrt zur Salzsäule. Gottes bloßer Anblick kann einen Menschen töten. Lots Frau blickt dem strafenden Gott ins Gesicht. Was sie dort sieht, weiß Gott allein. Vielleicht sollte auch sie in unserer Überschrift vorkommen. Ich schlage deshalb vor, wir nennen die Geschichte „Hoffnung auch für Lots Frau“. Amen.

 

 

 

[Den Bibeltext zitiere ich nach der Zürcher Bibel 2007.]

 



Pfarrer Dr. Martin Schewe
Gütersloh
E-Mail: marschewe@yahoo.de

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