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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag im Advent, 23.12.2007

Predigt zu Jesaja 52:7-10, verfasst von Matthias Petersen

7Wie alieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! 8Deine bWächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, daß aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. 

liebe gemeinde

gerade zwei wochen liegt er zurück
der furchtbare tod der fünf jungen von darry
er hat nicht nur uns erschüttert
die unmittelbaren nachbarn
sondern alle menschen in diesem land
die tragödie hat sich auf uns gelegt wie eine dunkle wolke
und gott erschien furchtbar fern

warum hat er das alles zugelassen
die erkrankung der mutter
das zerbrechen der ehe
die furchtbare tat

wir wissen
es gibt keine antwort auf diese fragen
wir wissen
es sind ohnehin die falschen fragen
aber was hilft es
sie werden ja doch gestellt
warum?
und
wo warst du gott?

um das bild der jesajaworte zu gebrauchen
die seelen der familienangehörigen
der nachbarn
der freunde der klassenkameraden
trümmerlandschaften
wie seinerzeit das zerstörte jerusalem
orte ohne hoffnung und leben
und diese tragödie
unmittelbar vor unserer haustür
sie erinnert ja auch an die vielen
die täglichen tausendfachen tragödien
die sich abspielen in dieser welt
weit entfernt oft
und doch erschreckend nah
die verhungernden kinder im sahel
das schicksal der aids-waisen in ost-afrika
die jugendlichen opfer von
minenexlosionen und menschenhandel
die not minderjähriger sexsklaven in bangkok
oder das schicksal der strassenkinder
in dehli dar-es-salaam rio de janeiro

da ist ja die sehnsucht des advent mit händen zu greifen
o heiland reiß die himmel auf
und
hier leiden wir die größte not
vor augen steht der ewig tod

welche antworten kann man dieser sehnsucht geben
diesem leiden und trauern
antworten die nicht vertrösten
sondern trost geben
wo sind sie
die füße der freudenboten
die botschaft der erlösung

diese frage beschäftigt uns
nicht nur in diesen tagen des advent
sondern doch weit darüber hinaus

ich will hier
ganz vorsichtig
den versuch einer antwort wagen

auf die häufig gestellte frage:
was ist kirche?
hat mir neulich einer geantwortet
kirche
das ist eine notgemeinschaft von menschen
die warten auf die verheißene wiederkehr
ihres herrn und heilandes jesus christus
eine notgemeinschaft von menschen
die die wartezeit ausfüllen
mit der verkündigung ihrer hoffnung
und der sorge um die schwachen

das ist ja
tatsächlich
das thema des advent
das warten auf sein kommen
mitten in den trümmern von jerusalem
mitten in den brüchen unseres lebens
in persönlichen katastrophen
in leid und verlust und lebensangst
wir warten wir auf den anbruch des neuen
auf die wiederkunft christi
darauf dass
endlich endlich
schluss sein möge
mit dem leiden der menschen

advent heißt ja nicht
"wir warten auf weihnachten"
sondern
advent ist die zeit
die uns erinnert an die hoffnung unseres glaubens
die hoffnung
die leicht droht vergessen zu werden
und unter die räder des alltags zu geraten

eine zeit der selbstvergewisserung ist der advent
dass wahr werden möge
was die alten geglaubt und verkündigt haben
angefangen von den propheten israels
jesaja triumphiert
dein gott ist könig!
bis hin zu den propheten unserer tage
gustav heinemann
deutscher bundespräsident
der bekannte
"die herren der welt gehen
unser herr kommt"
das hat er gesagt
und
überzeugend
geglaubt und gelebt
an ihm konnte jeder sehen
wer aus der hoffnung des advent lebt
der/die lebt anders
redet anders
entscheidet anders als andere

aber was heißt das für uns
für uns heutige
für diese gemeinde der wartenden
die von ihrer hoffnung reden sollen
und die das leid doch oft stumm macht
die der not der schwachen sich annehmen sollen
wo doch unsere kräfte oft nicht einmal für uns selbst reichen

angesichts der tragödie von darry
da waren wir uns einig im kreis der kollegen:
es ist nicht unsere aufgabe
nicht unsere aufgabe als gemeinde
uns zu beteiligen
an spekulationen und mutmaßungen über den hergang des unglücks
und ob das unglück hätte verhindert werden können
es ist auch nicht der anlass
die fehlende kinderfreundlichkeit dieser gesellschaft zu beklagen
oder sich an der suche nach sündenböcken zu beteiligen

sondern
unsere aufgabe als gemeinde ist es
zu helfen
die sinnlosigkeit auszuhalten
und das fehlen von sündenböcken
das ist ja gerade das schwere
wenn ich keinen schuldigen habe auf den ich mit dem finger zeigen kann
wenn ich niemanden verantwortlich machen kann
wenn es keinen sinn gibt der mir hilft das unglück zu verstehen

als wartende gemeinde hier von unserer hoffnung zu reden
das ist es was wir den menschen schuldig sind
von dem zu reden
der auf die suche nach sündenböcken verzichtet
und die sinnlosigkeit ausgehalten hat
daran zu erinnern
dass der verzweifelte schrei
"mein gott mein gott warum hast du mich verlassen"
am ende doch mündet in das "in deine Hände befehle ich meinen geist"
und nicht zu schweigen von unserer hoffnung:
auf die katastrophe des karfreitag folgt
die botschaft des ostermorgen

das ist unsere botschaft
als
auf die wiederkehr des auferstandenen herrn
wartende gemeinde
und das ist darum unsere aufgabe:
unsere kirchen zu öffnen
raum zu geben für klage und trauer und zorn
stillen seelsorgerlichen dienst zu tun
und die verheißung des evangeliums zur sprache zu bringen
mit kerzen und stille
mit musik und gebet
den aufgewühlten seelen einen ort der geborgenheit zu geben

sind wir damit schon freudenboten?
ausgerechnet wir
die wir selber trost brauchen?

freudenboten vielleicht noch nicht
aber
das wäre doch schon etwas:
die boten der freudenboten könnten wir doch sein
zumindest dies
hinzuweisen auf den chor der engel
der
morgen nacht
singen wird auf den kalten feldern von bethlehem
das könnten wir doch
hinweisen auf unseren gott
der da kommt auch in wüstes land
kommt in die trümmer unseres lebens
in all das zerbrochene und zerstörte
und den menschen sagen was wir lesen bei jesaja:
denn der herr hat sein volk getröstet und jerusalem erlöst.

die freudenboten
die da morgen nacht singen werden in unseren kirchen
die singen ja mitten hinein in armut und kälte
in verlorensein und dunkelheit
sie singen ihre trostbotschaft
obwohl der karfreitag doch erst noch kommen wird
sie singen
gewissermassen im vorgriff schon auf den ostermorgen
christ ist erstanden
des wolln wir alle froh sein
da spannt sich der der bogen
von bethlehem über golgotha zum licht des ostertages

noch ist advent
noch warten wir
aber
die freudenboten stehen schon bereit
und daran erinnern
das können wir schon heute
und
uns selber immer wieder daran erinnern lassen:
advent ist noch erwartung
noch ist nichts vollbracht
und doch steht unser leben
schon jetzt
unter dem licht der kommenden erfüllung
vielleicht
dass dieser gedanke uns tröstet
angesichts der tragödien unserer zeit
uns hoffnung schenkt und kraft gibt zum handeln

in solchem vertrauen konnte
in schwerer persönlicher bedrängnis
der dichter jochen klepper schreiben

noch manche nacht wird fallen
auf menschenleid und -schuld
doch wandert nun mit allen
der stern der gotteshuld
beglänzt von seinem lichte
hält euch kein dunkel mehr
von gottes angesichte kam euch die rettung her

amen



Propst Matthias Petersen

E-Mail: propst@kirchenkreis-ploen.de

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