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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Advent, 27.11.2016

‚Siehe‘ – es gibt etwas zu sehen
Predigt zu Jeremia 23:5-8, verfasst von Andreas Schwarz

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit«.

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,

8 sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

 

 

Liebe zum Advent versammelte Gemeinde.

Es gibt etwas zu sehen, wenn es Advent wird. Lichter, die die Dunkelheit erhellen; Kerzen, die Helligkeit, Leben und Wärme ausstrahlen.

Weil wir Menschen oft von der Dunkelheit umgeben sind, weil wir das Licht übersehen, darum bekommen wir von Gott Sehhilfen.

Gott selbst sagt: ‚Siehe‘.

Menschen übersehen so oft, was wichtig und gut und hilfreich ist. Menschen sind gefangen im Dunkel, sie sehen das Schlechte, sie stöhnen und jammern, sie klagen und schimpfen und übersehen das Helle, das Gute.

So sind sie nicht nur heute – ob in der Kirche oder draußen – so sind sie schon immer gewesen. Und darum gibt Gott seine Sehhilfe. Er sagt: ‚Siehe‘

Fast 1200 Mal steht dieses Wort in der Bibel und es hat ganz besondere Bedeutung, wenn Gott selbst es sagt oder wenn er es seine Boten sagen lässt.

Schon ganz am Anfang bei der Schöpfung heißt es:

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

Und als das Volk Israel das gelobte Land erreicht und sich sorgt, was denn nun kommen wird, sagt Gott: Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist.

Als adventliche Botschaft verkündet der Prophet Sacharja voller Freude und es ist das Wort, das gerade den 1. Adventssonntag prägt: Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.

Der Engel redet mit Maria, um sie auf die Geburt des Gottessohnes vorzubereiten und zitiert den Propheten: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.

Die Hirten hören in der Heiligen Nacht auf dem Feld die Botschaft. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

Und schließlich ist es Christus selbst im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, der seine Gemeinde in aller Angst und Sorge tröstet: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Siehe ist meist ein gutes Wort, ein hilfreiches, denn Gott lässt uns Dinge sehen, die wir sonst leicht übersehen, die wir nicht wahrnehmen oder die an uns vorbeirauschen.

Es ist auch ein Wort gegen unsere Erfahrung.

Die lässt uns oft genug das Schlechte sehen, die eigene Hilflosigkeit und deswegen die Aussicht, so wird es bleiben oder eher noch schlechter werden. Erfahrung raubt Illusionen und verdunkelt den Blick auf das Leben. Menschen werden müde und resignieren. Das ist weder ein Wunder noch eine Überraschung, sondern sehr verständlich.

Am Volk Israel in der Gefangenschaft ist genau diese Beobachtung zu machen.

Es leidet unter machtgierigen und rücksichtslosen Königen. Die denken an sich, führen ein angenehmes Leben, aber sind nicht für die Menschen da. Da besteht auf das Recht kein Anspruch mehr und die Gerechtigkeit wird an persönlichen Interessen gebeugt und gebrochen. Menschen leiden und sind ausgeliefert, es ist niemand da, der ihnen hilft. Denn die, die es könnten und die die Macht dazu haben, wollen nicht helfen, wollen ihre Verantwortung nicht annehmen.

Wie Menschen, die in dieser Weise leiden, oft genug reagieren, ist auch an den Israeliten zu sehen. Es ist der Blick in die Vergangenheit, der wehmütige Blick zurück. Früher war alles toll, früher war alles besser. Und dann stehen Menschen da, schauen zurück in die Vergangenheit und wenden der Zukunft den Rücken zu. Sie fangen an zu träumen und trauern den Zeiten hinterher, die vorbei sind und die auch nicht wiederkommen. Und die niemals so schön und gut waren, wie der glasig-verklärte Rückblick ihnen einreden will.

Früher, ja früher war das Gemeindeleben toll. Da haben wir zusammen gehalten und eine Kirche gebaut. Da hatten wir zwar nicht viel Geld, aber da sind noch alle Konfirmierten in den Chor und in den Jugendkreis gegangen. Wir hatten eine wundervolle Gemeinschaft und haben uns alle richtig gut verstanden, alle waren zufrieden. Ach, war das schön – aber heute?

Ja, damals. Da hat Gott unsere Gemeinschaft sichtbar gesegnet, da hat er Wunder geschehen lassen. Da hat er uns aus der Gefangenschaft in Ägypten herausgeführt. Von dieser Erfahrung und dieser Erinnerung leben wir bis heute. Die sind wir, die Gott so gerettet hat.

Heute leiden wir nur, heute fühlen wir uns elend, ohne Zukunft, hoffnungslos; es macht keine Freude und hat ganz offensichtlich auch keinen Sinn. Wir können nur traurig sein und resignieren – und an die schönen Zeiten in der Vergangenheit denken.

Aber der wehmütige Blick in die Vergangenheit gibt keine Kraft für das Leben jetzt, er ermöglicht auch keine Zukunft. Der Blick zurück lässt weder Vertrauen noch Hoffnung gedeihen. Darum versinken rückwärtsgewandte Menschen in der Dunkelheit des Leidens.

 

Weil wir so empfinden, weil wir in der Unzufriedenheit und der Unsicherheit, mit der Gegenwart zurecht zu kommen, immer wieder nach hinten schauen, darum lässt Gott selbst sein ‚Siehe‘ verkündigen und laut werden.

Das ist so, als ob Gott uns umdrehen würde. Weg mit dem Blick nach hinten in die ach so wundervolle aber leider vergangene Vergangenheit hin in die Zukunft. Mit seinem ‚Siehe‘ lässt Gott Dinge sehen, die wir nicht sehen, die wir nicht für möglich halten, an die wir nicht mehr zu hoffen wagen.

Außerhalb dessen, was wir selbst bewerkstelligen können, über das hinaus, was wir uns vorstellen können, sagt Gott: ‚es kommt die Zeit‘.

Es gibt eine Zukunft, die Gott selbst ankündigt und die er selbst gestaltet. ‚Ich will‘ – sagt er und was er will, das tut er auch.

So, wie er die Vergangenheit gestaltet hat – er hat ja Israel aus Ägypten geführt, er hat ja die Gemeinde in all den vergangenen Jahren und Jahrzehnten geführt – so ist er auch jetzt, auch in schweren Zeiten bei seinem Volk. Und gegen alle Vermutung und Befürchtung liegt das Beste nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Gott hat eine noch viel größere Geschichte mit uns vor, als wir sie schon erlebt haben.

Er wird das schaffen, was wir vermissen und was wir für unmöglich halten: es wird Recht und Gerechtigkeit geben, von denen wir nur träumen können und die es auch in der Vergangenheit nicht gegeben hat.

Dass jeder seinen Platz hat im Reich Gottes, dass niemand übersehen oder an den Rand gedrängt wird, dass niemand zu viel und niemand zu wenig hat, sondern jeder das, was er braucht. Dass jeder die Achtung und Zuwendung bekommt, die Gott allen in gleicher Weise schenkt, die ihm vertrauen. Da muss niemand mehr um Wertschätzung bitten, die ihn aus der Menge heraushebt, weil er scheinbar mehr tut als andere. Sondern alle haben ihren Wert allein in der Liebe, die Gott ihnen schenkt. So wertvoll sind sie – alle gleich und niemand mehr und niemand weniger. Es kommt eine Gerechtigkeit, die kein oben und unten mehr kennt, kein vorn und hinten, kein wichtig und unwichtig, kein Zentrum und keinen Rand, kein besser und schlechter. Das Recht, das er bringt, ist sein Blick auf den Menschen und in sein Herz. Unsere Gedanken von Recht, die nach Sympathie urteilen, nach Oberflächlichkeit, nach scheinbar Offensichtlichem haben mit Gottes Recht wenig zu tun. Um dies muss niemand mehr kämpfen, das macht ihm niemand mehr streitig, das ist nicht abhängig von menschlicher Macht und Einfluss. Sein Recht ist Geschenk, ist Zuwendung, damit nicht jeder bekommt, was er verdient, sondern das, was er zum Leben braucht.

 

Unser Leben auf der Erde – egal in welchem Staat und in welchem politischen System – ist von Dunkelheit geprägt. Immer gibt es welche, die oben sind und solche, die unten sind, solche, denen es mehr als gut geht und solche, die nichts haben. Es gibt welche, die bekommen das, was sie für ihr Recht halten und andere haben keine Chance.

Auch in der Kirche Jesu Christi auf Erden herrscht nicht wirklich Recht und Gerechtigkeit, Macht und Tradition, scheinbar mangelnde Wertschätzung, beleidigt sein, das Gefühl, zu kurz zu kommen, Rückzug.

Und grundsätzlich ist ja die Sorge, dass das Evangelium nicht zum Zuge kommt, dass die Botschaft wenig gehört und noch weniger geglaubt wird.

In der Summe unserer Erfahrungen führt das auf den Abweg, zu resignieren, wehmütig nach hinten zu schauen, wo scheinbar alles besser war.

Heute, am 1. Sonntag im Advent, der Zeit, die uns mit der Ankunft Jesu und seiner Wiederkunft konfrontiert, hören wir: das Beste liegt nicht hinter uns, sondern vor uns.

Gegen unsere Erfahrung hören wir das göttliche: ‚Siehe‘ und unser Blick wird nach vorn gerichtet. Gott war nicht nur in der Vergangenheit, in früheren Zeiten bei uns; er ist jetzt da und hat eine wundervolle Zukunft für uns. Damit wir nicht zweifeln und resignieren, weil wir unseren Erfahrungen mehr vertrauen als ihm, hören wir die Botschaft des Advent: es kommt die Zeit, Gottes Sohn ist kommen, es kommt der Herr der Herrlichkeit, unser König kommt, unser Heiland kommt. Ihm vertrauen wir für die Zukunft unserer Gemeinde und für die Ewigkeit. Amen.



Pfarrer Andreas Schwarz
Pforzheim
E-Mail: p.andreas.schwarz@gmail.com

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