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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Advent, 27.11.2016

Predigt zu Jeremia 23:5-8, verfasst von Winfried Klotz

5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.

6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«.

7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,

8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Liebe Gemeinde!

Lasst uns heute am 1. Advent – Advent heißt ja Ankunft- einen Augenblick darüber nachdenken, was bisher in unserem Leben angekommen ist und ankommt und welche Ankünfte wir dringend erwarten. Ich rede zuerst einmal ganz persönlich: Bei mir/uns ist hat sich in diesem Jahr die Suche nach einem passenden Haus erfüllt, es ist bei uns angekommen und seit wir darin wohnen, sind wir dort angekommen. Es hat ziemlich lange gedauert bis sich unser Suchen und Warten erfüllt hat. Wir sind sehr dankbar für dieses Haus.

Jemand unter uns wird vielleicht von sich sagen: Bei uns ist in diesem Jahr unser erstes Kind angekommen, eine große Freude und eine große Aufgabe. Unser Kind stört manchmal unseren Schlaf, aber es ist zugleich Erfüllung unseres Lebens. Wir haben seine Geburt, seine Ankunft, mit großer Spannung erwartet.

Noch jemand wird sagen: Endlich habe ich die passende Arbeitsstelle gefunden, endlich bin ich da angekommen, wo wir als Kolleginnen ein Team bilden und nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Jetzt gehe ich gerne zur Arbeit.

Und um es noch etwas weiter zu fassen: Dass wir ankommen und darin schwingt immer auch mit, dass wir angenommen werden; dass jemand bei uns ankommt und das bedeutet auch, dass jemand unser Leben bereichert, erfüllt, uns erfreut, ist ein Grundgeschehen unseres Lebens. Wir leben- um es einmal so zu sagen- immer im Advent als Erwartende und Empfangende. Erwarten und empfangen ist der Atem des Lebens. Als Christen ist unsere Erwartung immer auch auf Gott gerichtet, von dem wir das Leben empfangen haben.

Um eine große Erwartung geht es auch in unserem Abschnitt aus Jeremia 23, eine große Erwartung erweckt Jeremia bei seinen Zuhörern damals. Gott wird dem David einen gerechten Spross erwecken, einen Nachkommen schenken, der verständig und gerecht regieren wird und Recht und Gerechtigkeit im Land schafft. Er wird nicht so handeln wie die Regierenden bisher, von denen Jeremia im 1. Vers unseres Kapitels sagt: „Weh euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umkommen lasst und zerstreut! spricht der HERR.“ Aber Gott wird nicht nur die schlechten Hirten entmachten, er wird einen Hirten nach seinem Herzen einsetzen, einen, an dem er Wohlgefallen hat. Gott wird in die Geschichte seines Volkes eingreifen, richtend und rettend. Zu retten ist Gottes Herzensanliegen. Der Hirte und König nach Gottes Herzen wird Frieden schaffen, so dass die Menschen sicher im Lande wohnen können. Durch ihn verwirklicht Gott seine Gerechtigkeit, deshalb trägt er den Namen „Der HERR unsere Gerechtigkeit“.

„Der Herr unsere Gerechtigkeit“, oder etwas freier, vom beschriebenen Geschehen her gedacht: Der Herr unsere Rettung, der Herr unser Heil, ja auch der Herr unser Friede. Denn genau das tut Gott durch diesen Hirten nach seinem Herzen: Er schafft Gerechtigkeit, seine Menschen leben so miteinander, dass jeder zu seinem Recht kommt, zu dem, was er/sie braucht, denn sie halten sich an Gottes Weisung. Es leuchtet hier schon etwas von dem auf, was Jeremia in Kap. 31 vom neuen Bund schreibt, in dem das Gesetz ins Herz geschrieben ist. Denn Gott hat das Trennende weggenommen durch die Vergebung der Schuld. Oder Hesekiel in Kap. 36 vom neuen Herzen und neuen Geist, durch den die Menschen fähig werden Gottes Gebote zu halten. Gottes Volk, regiert von einem guten Hirten und wieder eingepflanzt in sein Land, das ist die von Jeremia beschriebene Zukunftsschau.

Eine große Erwartung weckt Jeremia mit diesen Worten, eine Erwartung, die im jüdischen Volk bis heute lebendig ist. Eine Erwartung, die, was das Land betrifft, seit dem 19. Jahrhundert in der Rückwanderung der Juden nach Palästina/Israel und schließlich in der Gründung des Staates Israel 1947 für manche Gestalt gewonnen hat. Auch wenn der Staat Israel nicht das Reich des Messias ist, regiert von einem Spross aus der Nachkommenschaft Davids, sondern ein demokratischer Rechtsstaat (das gilt trotz einiger Fragezeichen), von seinen Nachbarn bekämpft und in seiner Existenz immer wieder bedroht. Mit dem Staat Israel ist aus meiner Sicht etwas von Gottes Zusagen in unserer Welt angekommen.  Denn Gott steht in Treue zu seinem Volk.

Advent, Ankunft, Erwartung, Zukunftsschau, die Hoffnung weckt. Die nicht vertröstet, sondern tröstet und das heißt, den Weg in die Zukunft möglich macht. Aber doch immer so, dass es aus Glauben geht. Gottes heilvolle Zukunft bleibt immer in seiner Hand und wir bleiben immer Erwartende und Empfangende. Wir sind immer angewiesen auf seinen Geist, auf das von Gott geschenkte neue Herz, auf die Gerechtigkeit, die Gott durch den schafft, der den Namen trägt: Der Herr unsere Gerechtigkeit, unsere Rettung, unser Heil! Damit aber geht unser Blick hin zu Jesus, der den Titel Christus- Messias trägt. Er hat nicht das Land Israel regiert, er war, er ist kein irdischer König, aber in ihm ist wahr geworden der Name des von Jeremia angekündigten Hirten nach dem Herzen Gottes: „Der Herr unsere Gerechtigkeit“. Alle, die ihm folgen, empfangen Gottes Gerechtigkeit, erfahren Rettung, Heil durch ihn, Jesus, denn ER nimmt weg, was von Gott trennt. Er verbindet wieder mit Gott, der Quelle des Lebens. ER schafft eine heilvolle Ordnung im Leben derer, die ihm vertrauen.

Manche meinen, sie könnten sich Schuld selbst vergeben und leiden dann ewig unter den Folgen der unbereinigten, verdrängten Vergangenheit. Manche haben sich angewöhnt, Fehler und Schuld immer nur bei ihrem Gegenüber zu sehen und leben ewig im Unfrieden. Manche sind so abgestumpft, dass es ihnen gar nicht mehr auffällt, dass sie das Gute verlassen und das Böse gewählt haben. Es ist ihnen egal, wenn sie nur das haben, was sie für „Leben“ halten.  Manche wollen auf dem Weg der Wiedergeburt sich selbst reinigen, um ins Göttliche aufzusteigen. Wir Christen aber bekennen: Befreiung aus den Fesseln der Schuld schenkt Gott durch Jesus, der Atem des Lebens fließt durch Jesus in unser Herz und Leben.

Jeremia nennt als Namen des Hirten nach Gottes Herzen: „Der Herr unsere Gerechtigkeit“. So kennen wir Jesus! Gott handelt durch ihn, damit wir Frieden haben, Frieden des Herzens, Frieden mit uns selbst, Frieden mit unseren Nächsten, jedenfalls soweit es an uns liegt. Jesus, verworfen und gekreuzigt, doch von Gott auferweckt; er ist der gute Hirte nicht nur für Menschen seines Volkes, sondern auch für Menschen aus allen Völkern.

Advent, Ankunft, Erwartung; was, wen erwarten wir? Wer soll bei uns ankommen und wo wollen wir ankommen? Welche Zukunft erwarten, ersehnen wir? Heben wir bei diesen Fragen nur noch müde den Kopf, weil wir vom Leben nichts mehr erwarten? Oder, ganz im Gegenteil, rennen wir wie von Sinnen hinter einem Lebensziel her, von dem wir das große Glück erwarten? Gut, wenn wir noch Ziele haben. Aber besser, wenn wir den erwarten und bei uns ankommen lassen, der den Namen „der Herr unsere Gerechtigkeit“ trägt. Und wenn wir bei ihm erfahren, dass Gott es gut meint mit uns. Und wir unsere Zukunft mit seiner verbinden lassen. Er hat uns nicht den Himmel auf Erden versprochen, keine glanzvolle irdische Zukunft, aber doch die Erneuerung unseres Lebens vom Zentrum her durch die Vergebung der Schuld. Ein Leben unter Gottes Güte und Freundlichkeit, ausgerichtet auf das Ewige, den Ewigen, der kommt. Amen.



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König
E-Mail: wkl-bad.koenig@t-online.de

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