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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Sonntag nach dem Christfest, 30.12.2007

Predigt zu Jesaja 49:13-16, verfasst von Klaus Bäumlin

Frohlocke, Himmel, und juble, Erde!
Ihr Berge, brecht in Jubel aus,
denn der HERR tröstet sein Volk,
und seiner Elenden erbarmt er sich.
Zion aber hat gesagt: Der HERR hat mich verlassen,
und vergessen hat mich der HERR.
Würde eine Frau ihren Säugling vergessen,
ohne Erbarmen mit dem Kind ihres Leibs?
Selbst wenn diese es vergessen würden,
werde doch ich dich nicht vergessen!
Sieh, ich habe dich in die Handflächen geritzt,
stets sind deine Mauern mir vor Augen.
(Jesaja 49,13-16 in der Übersetzung der Neuen Zürcher Bibel)

 

Liebe Gemeinde! Was für ein wunderbares, tröstliches Bild: Gott hat mich, hat uns in seine Handflächen geritzt, hat meinen, hat unsere Namen, und damit uns selbst sozusagen auf seine Hand tätowiert. Unauslöschlich. Mögen wir uns noch so vergessen und von Gott und allen guten Geistern verlassen wähnen, bei Gott sind wir nicht vergessen. Um es zu veranschaulichen, braucht Jesaja das Beispiel der Mutterliebe. Die Liebe der Mutter zu ihrem kleinen Kind ist wohl die elementarste, innigste, stärkste Beziehung, die es unter Menschen gibt. Und doch kann es vorkommen, dass Mütter in verzweifelten Situationen ihr neugeborenes Kind aussetzen, verhungern lassen oder gar zum Fenster  hinaus werfen. Gottes Mutterliebe aber ist stärker und zuverlässiger als selbst die Liebe irdischer Mütter zu ihren Kindern. Sie hält durch, selbst wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen, ihrer Mutter Kummer und Leid verursachen, gar von ihr nichts mehr wissen wollen und die Beziehung zu ihr abbrechen. Ihre Namen bleiben in Gottes Hand gezeichnet.

 

Doch bevor wir die Worte des Propheten auf uns beziehen, sollten wir einen Augenblick innehalten und darauf achten, zu wem sie ursprünglich gesagt sind und wem sie in erster Linie gelten. Zu Zion sind sie gesagt, zu Jerusalem, zu Juda und Israel. Gesagt sind sie in einer Zeit und Situation, als Israel allen Grund hatte, sich von seinem Gott verlassen und vergessen zu fühlen. Jerusalem war von der babylonischen Weltmacht erobert, seine Mauern geschleift und der Tempel, das Wahrzeichen von Gottes schützender Gegenwart, zerstört worden. Ein Teil seiner Bewohner war nach Babylon ins Exil deportiert worden. Es schien wirklich definitiv zu Ende zu sein mit dem Volk Gottes; die ihm gegebenen Verheissungen schienen sich ins Nichts aufgelöst zu haben. „Zion aber hat gesagt: Der HERR hat mich verlassen, und vergessen hat mich der HERR."

 

In dieses Elend, diese zukunfts- und aussichtslose Situation hinein spricht Gott durch den Propheten sein Wort des Trostes, lässt Israel wissen, dass er es ja gar nicht verlassen und vergessen kann, weil dessen Name unauslöschbar in seine Hand geritzt, untrennbar mit ihm verbunden ist. Die Juden und Jüdinnen werden es noch erfahren. Ihr Exil wird zu Ende gehen; sie werden zurückkehren in ihre Heimat, die zerstörten Mauern wieder aufrichten, die Stadt und den Tempel neu bauen.

 

Etwas weiter vorne in diesem 49. Kapitel des Jesaja-Buches lesen wir, wie Gott seinen Diener, den Propheten, aussendet und bevollmächtigt. Nicht nur die Stämme Jakobs soll er aufrichten und die Deportierten Israels zurückbringen. Sein Auftrag erhält einen universalen Horizont: „Zum Licht für die Nationen werde ich dich machen, damit mein Heil bis an das Ende der Welt reicht." (49,6) Israel soll zum Zeichen werden für alle Völker. Am Beispiel Israels will Gott zeigen, wie er es mit allen Menschen meint. Es wird zum Zeichen und Bürgen seiner Treue zu allem Geschaffenen. Die Namen anderer Menschen sind nun neben dem Namen Israel in seine Hand geritzt, die Namen von uns „armen Heiden", auch dein und mein Name - nicht verlassen und nicht vergessen.

 

Nicht verlassen und nicht vergessen? Wie viele Menschen auf unserer Erde können diese Erfahrung nicht machen! Sie sehen sich verlassen und vergessen in ihrem Elend. Und immer öfter beschleicht uns der Zweifel, die bange Frage, ob unsere Erde und die Menschenwelt von ihrem Schöpfer nicht ganz vergessen und verlassen seien. So wenig ist sichtbar und spürbar von seiner Gegenwart. So gross sind die Zerstörungen im Kleinen und im Grossen. Zusammen mit Zion möchten wir sagen: „Der HERR hat mich verlassen, und vergessen hat mich der HERR."

 

Wir brauchen uns dessen nicht zu schämen. Genau wie Zion hat Jesus es gesagt. Am Kreuz, in der Stunde seines qualvollen Todes, hat er es laut geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!"  In diesem Schrei ist zusammengefasst alles Schreien der ermordeten Juden und Jüdinnen, das Weinen aller Mütter über ihre verlorenen Kinder, das Wimmern der Verhungernden, das wortlose Seufzen der Kranken und Sterbenden, das ganze Elend und Leid geplagter und geschundener Kreatur.

 

Gott hat dem Schrei seines Kindes am Kreuz Antwort gegeben. Es ist eine stille, eine verborgene Antwort, ein tiefes Geheimnis, das wir in seiner Grösse und alles umspannenden Weite noch gar nicht erfassen können. Er hat Jesus von den Toten zum Leben aufgeweckt. Er hat den, dessen Name in seine Hand gezeichnet ist, nicht vergessen und nicht verlassen. Er ist ihm, weit über alles Verstehen hinaus, treu geblieben: als Bestätigung seiner Treue zu allen Menschen und der ganzen Schöpfung. In seiner Treue sind wir geborgen, waren es im zu Ende gehenden Jahr und werden es sein im neuen Jahr, was auch immer es bringen mag.

 

Das Neue Testament und mit ihm die Christen und Christinnen bekennen, dass die Worte des Propheten sich in Jesus Christus erfüllt haben, weit hinaus über den geschichtlichen Horizont Jesajas, und über Israel hinaus zu allen Völkern und Menschen. „Denn der HERR tröstet sein Volk, und seiner Elenden erbarmt er sich." Weil wir einer erlösten und von ihrer Vergänglichkeit befreiten Schöpfung entgegen gehen, sollen Himmel und Erde frohlocken, und die Berge in Jubel ausbrechen. Und wir dürfen es ihnen mit unseren schwachen Stimmen gleichtun.



Pfarrer i.R. Klaus Bäumlin
Bern (Schweiz)
E-Mail: klaus.baeumlin@bluewin.ch

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