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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christnacht, 24.12.2016

Der unbehauste Gott
Predigt zu 2. Samuel 7:4-6.12-14a, verfasst von Rudolf Rengstorf

Liebe ^Leserin, lieber Leser!

Zwei Nachtgeschichten haben wir eben gehört. Die eine vertraut und lieb - die Geschichte von der Geburt im Stall und den Hirten auf dem Felde, denen nachts ein Licht aufgeht. Darüber ist die erste Geschichte mit Sicherheit in den Hintergrund gereten. Sie aber soll der

Predigt heute Nacht zugrunde gelegt werden. Deshalb lese ich sie noch einmal:

 

 In der Nacht aber kam das Wort des Herrn zu Nathan:  Geh hin und sage zu meinem Knecht David: So spricht der Herr:

Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne?

 Habe ich doch in keinem Hause gewohnt seit dem Tag,

da ich die Israeliten aus Ägypten führte, bis auf diesen Tag.

sondern ich bin umhergezogen in einem Zelt als Wohnung.

Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst,

will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird;

dem will ich sein Königtum bestätigen.

Der soll meinen Namen ein Haus bauen, dem will ich sein Königtum bestätigen ewiglich.

 Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. (2. Samuel 7, 4-6.12-14a)

 

 

Zunächst erscheint das ja alles ganz weit weg zu sein von Weihnachten. Aber es gibt Gemeinsamkeiten: Die erste: In beiden Geschichten spielt König David eine Rolle. Josef

musste nach Bethlehem, weil er zum Geschlecht Davids gehörte. David - das ist mit Abstand der beliebteste König Israels bis heute. Zum einen weil der Staat Israel unter ihm so groß und mächtig geworden war wie nie wieder in seiner Geschichte. Und zum andern war David ein König nach dem Herzen Gottes. Er hat seine Herrschaft so ausgeübt, dass die Menschen dabei zu ihrem Recht gekommen sind. Unter ihm waren Macht und Recht, Politik und Religion miteinander versöhnt. Lange hat der König das zwar nicht durchgehalten, Aber immerhin für eine Zeit war unter ihm aufgeleuchtet, wie das ist, wenn Friede und Gerechtigkeit sich küssen - etwa zwischen Israeliten und Palästinensern, das war damals der Fall. Und deshalb gehört es zu den uralten Hoffnungen Israels, dass Gott dem David einen Nachkommen erwecken wird. Den Messias, Christus, der auf Dauer unter die Menschen bringt, was die Engel in der Heiligen Nacht proklamieren: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den

Menschen ein Wohlgefallen!

 

Die alte Geschichte vom König David scheint in der Geschichte vom Krippenkind also ständig durch. Sie will uns davor bewahren, im Stall und an der Krippe nur die Innerlichkeit, Esoterik gar, zu pflegen. Sie hat von Anfang an eine hochpolitische Bedeutung, weil sie der Herrschaft des Kaisers Augustus die Herrschaft des Davidsohnes entgegensetzt. Und deshalb dürfen bei der Geburt des Davidsohnes die ökonomischen und politischen Verhältnisse von den Christen nicht ausgeblendet werden. Wenn der Wille dieses Kindes gilt, dann kann es nicht dabei bleiben, dass immer mehr Menschen am Existenzminimum leben und Selbstachtung und Wohlgefallen gar nicht aufkommen können, während bei den übrigen Spaß und Lustgewinn höchste Ehre genießen.

 

 

Die zweite Gemeinsamkeit der Nachtgeschichte aus der Zeit des König David mit der Geschichte von der heiligen Nacht ist dies: Beide Male spielen Haus und Bleibe und Leben in der Unbehaustheit eine Rolle. Der König David, unter dem das alte Nomadenvolk Israel sesshaft und ein ansehnlicher Staat geworden war, der legte Wert darauf, dass neben den

Palästen in seiner Hauptstadt auch ein Tempel errichtet wurde. Damit deutlich wurde: Es geht bei uns nicht nur um König, Beamte und Offiziere, nicht nur um Schatzkammern, Reitställe und Zeughäuser, es geht um die Ehre dessen, dem wir das alles verdanken und der auch etwas erwartet von uns. Stellen Sie sich vor, es hätte in unserer Stadt keine Obrigkeit gegeben, die für den Bau von Kirchen gesorgt hätte. Museum und , Theater, Fabriken und Kaufhäuser, Versicherungen und Banken, Spielhallen und Restaurants - das wärs. Und nichts zu sehen wäre davon, dass der Mensch nicht vom Brot und Spaß allein lebt und seine Würde nicht aufgeht in dem, was er produziert und konsumiert.

 

Desto merkwürdiger ist es, dass dem Propheten Nathan in der Nacht kla wird: Der Gott Israels will keinen Tempel, und er braucht ihn auch nicht. Sein Zuhaus ist die Welt im ganzen. Und darum möchte er sich nicht einengen lassen - nicht auf einen Ort, als sei er hier mehr als anderswo, und ebensowenig auf eine bestimmte Atmosphäre, als sei er nur zuständig für unsere Seele und ihre Bedürfnisse und nicht auch für unseren Leib und unsere Sinne und unsere sozialen Bezüge.. Im Hin und Her des Lebens, in Arbeit und Stress ist er uns genauso nahe wie in Zeiten der Ruhe und der Besinnung. Gerade in der Wüste, wo es keine Kirchen und keine Klöster gibt - nur den Kampf um das nackte Überleben, Hitze und Durst ebenso wie Kälte und Angst, da - so ruft er dem Nathan in Erinnerung - da habt ihr mich kennengelernt am Berge Sinai. Mir reichte ein Zelt mit den Gesetzestafeln. Denn mir ging und geht es darum, mit meinem Willen auf eurem Weg zu bleiben. Auch wenn mir - spricht der Herr - unter dem Nachfolger Davids in Jerusalem dann doch ein Tempel gebaut werden mag. Um der Menschen willen wird das zugestanden. Als unübersehbarer Hinweis auf Gott und als Einladung, sich ihm ganz zuzuwenden. Zu fassen aber ist Gott damit nicht.

Das kam im Innersten des Tempels in Jerusalem in aller Deutlichkeit auch zum Ausdruck. Das Allerheiligste dieses Tempels - also der Raum, in dem in allen Religionen die Gottheit in einem Standbild erscheint - in Jerusalem war dieser Raum - einzig in der Welt - leer, weil der allmächtige Gott sich nicht in Formen, Bildern oder Begriffen fassen lässt. Die Frommen können ihn nicht beweisen, und die Atheisten müssen damit leben, dass ihr Nichts nicht gegen den Gott Israels spricht. Zu Hause ist er überall, auch da, wo es mir gar nicht passt und wo er nach meinem Geschmack auch nicht hingehört. Auch dort ist er zu Hause. Und das Lamentieren von Menschen in unserer Stadt, sie könnten nur in ihrer Kirche Gottesdienst feiern, geht an ihm vorbei und hat von ihm her nichts zu sagen

.

"Und sie legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Platz in der Herberge …" Das passt zu dem Gott Israels, der auf Häuser und Herbergen nicht angewiesen ist. Zu ihm passt das Kind, für das kein Platz war und das dennoch in die Welt kam - und aus dem ein Mann wurde, der umherzog wie ein Vagabund, nirgends ganz hinpasste, bei den Frommen ebenso aneckte wie bei den Gottlosen, die er ja nicht so ließ, wie sie waren, sondern die sich in seinem Gefolge ganz schön umstellen mussten.

 

"Der soll meinem Namen ein Haus bauen" - so heißt es in der Hintergrunderzählung zur Weihnachtsgeschichte. Gemeint war da zunächst der Tempel des Davidsohnes Salomo. Doch als die Weihnachtsgeschichte geschrieben wurde, da war der Tempel in Jerusalem zerstört. Er ist auch nie wieder errichtet worden. Die Christen sahen diese Nachtankündigung "Der soll meinem Namen ein Haus bauen" in Wahrheit erst erfüllt in dem Mann, der sagte: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“, der zum Nachhausekommen bei Gott einlud und der dabei an niemandem vorbeiging. An Fischern, Zöllnern und Soldaten ebensowenig wie an gestressten Hausfrauen und Mädchen, von denen Männer nur das Eine wollten, an Menschen

von Rang und Namen ebensowenig wie an Gehandicapten und Ausgeflippten. Und mittendrin der Eine, der im Gedränge des Lebens Raum schafft für sie als Töchter und Söhne Gottes, deren Würde nicht angetastet werden darf. Jesus - im Stall geboren, am Kreuz gestorben - den Mächtigen ausgeliefert von Anfang bis Ende, und doch so bei Gott zu Hause, dass er

Halt und Geborgenheit geben kann im Leben wie im Tode. Halleluja. Amen.



Superintendent i.R Rudolf Rengstorf
Hildesheim
E-Mail: Rudolf.Rengstorf@online.de

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