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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend, 24.12.2016

Predigt zu Jesaja 9:1-6a(dänische Perikopenordnung), verfasst von Eva Třjner Götke

Jesaja 9,1-6a; Lukas 2,1-14

 

Nun lassen wir den Weihnachtsfrieden über uns kommen.

Nun sind wir hier.

Und das, was wir nicht geschafft haben, das haben wir eben nicht geschafft.

Und Friede auch damit.

 

Jetzt kann man keine Weihnachtsgeschenke mehr kaufen.

Keine Weihnachtskarten verschicken.

Kein Essen mehr einkaufen.

Da ist der Rotkohl, der da ist.

Es ist, wie es ist. Friede sei damit.

 

Darum geht es hier zu Weihnachten.

Dass wir den Frieden bei uns einkehren lassen. Den Weihnachtsfrieden.

Ihn zu uns kommen lassen.

Damit wir Frieden miteinander halten können.

Mit unserer Familie. Mit unserem Ex. Friede mit unseren alten Eltern. Friede mit unseren Kindern.

Und vielleicht vor allem, Friede mit uns selbst.

Denn jetzt ist Weihnachten.

Und wir sind hierhergekommen – in den Krippenraum – um das Kind anzubeten und zu feiern, dass der Friede des Himmels mit diesem Kinde, dem Jesuskind, gekommen ist.

Hier brauchen nicht unsere Forderungen und die der anderen zu erfüllen.

Hier werden wir nicht gemessen oder gewogen oder getestet.

Wir brauchen nicht irgendwelchen zertifizierten Standards entsprechen.

Wir können hier kommen – wie die armen Hirten, ohne Gaben, ohne überhaupt mit etwas zu kommen.

Nicht einmal Glauben. Was sonst viele für eine Bedingung für den Zugang halten. Den richtigen Glauben zu haben.

Aber Glaube ist nicht etwas, was wir haben.

Das ist etwas, das glücklicherweise zu uns kommt.

Glaube ist keine Leistung.

Wir können die sein, die wir sind.

 

Wir sind alle gleich viel wert.

Das wird uns hier verkündigt.

Denn hier kommt die Botschaft der Liebe, die zur Weihnacht geboren wurde, uns jeden Sonntag entgegen:

Fürchtet euch nicht!“ wie es der Engel sagte:

Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“.

 

Alle Menschen sind etwas wert.

 

Auch die, die keine großen Weihnachtsgeschenke machen können wie wir hier, und die keine großen Weihnachtsessen servieren und das Haus schmücken können.

Es waren arme Hirten, für die die Engel sangen.

Sie waren es nicht einmal wert, bei der Volkszählung von Kaiser Augustus mitgezählt zu werden!

Und darin liegt natürlich eine Botschaft.

Das kleine Kind im Stall kündigt eine neue Zeit an, eine neue Weise, sich selbst als Mensch zu verstehen, eine neue Weise, in der Welt zu leben, mit dem Tod zu leben, einander als Menschen zu sehen, ja sich zu Gott zu verhalten – Gott, der Mensch wurde, wie einer von uns – und hier mitten unter uns mit dem Geist seiner Liebe.

 

Diese Geschichte ist für uns so selbstverständlich geworden, dass wir ganz blind werden für ihre epochale und erlösende Botschaft.

 

Alle Menschen sind etwas wert. Ja, wir wissen es sehr wohl.

Das sagen wir jedenfalls.

Aber trotzdem können wir uns manchmal fragen, ob es wirklich so ist.

 

Und wenn wir erst anfangen, so zu fragen, dann darum, weil wir vergessen haben, warum es so ist.

Nicht weil es jemand so bestimmt hat.

Der Gedanke hat seine Wurzel in der Grunderzählung, nach der wir Weihnachten feiern.

Nämlich im Glauben an die Liebe, die uns gleich macht.

 

Und wir merken es, wenn wir in der Kirche versammelt sind, quer durch Generationen, soziale und politische Unterschiede – ja trotz allem, was uns trennt – hier sind wir alle gleich.

Wir sind alle Menschen, die sich nach Liebe und Frieden sehnen, dass wir zu uns selbst finden und stehen, so wie wir sind.

 

Niemand kann den Gedanken der Gleichheit erzwingen.

 

Ja es gibt viele Beispiele dafür, dass es jemand versucht hat.

Aber das ist nur durch Zwang und Gewalt geschehen, indem man Furcht schafft, und es hat alles nur schlimmer gemacht.

 

Aus irgendeinem merkwürdigen Grund bewirkt der Glaube an die Liebe etwas bei uns.

Nicht weil jemand sagt, dass es so ist und sein soll.

Wenn es geschieht, ist es etwas, was geschieht, ohne dass wir davon wissen. Es geschieht eben.

Ich glaube, Gott ist da am Werk.

 

In der Weihnachtszeit merken besonders, dass die Liebe etwas bei uns bewirkt.

Unsere Augen dafür öffnet, wieviel wir für einander tun können.

Und wohl auch dafür, wie gut es uns geht. Hier bei uns.

 

Wir merken, dass wir Lust haben, etwas für andere zu tun.

Zeit aufwenden. Das voranstellen, was uns immer schlechtes Gewissen macht, wenn wir es im Betrieb des Alltags nicht fertigbringen.

Und wir können merken, dass es uns gut tut.

Uns allen, der Gemeinschaft, der Zusammengehörigkeit zwischen uns.

Merken, dass da jemand ist, der an uns denkt, merken, dass da jemand ist, der etwas für einen bedeutet.

Deshalb tut Einsamkeit weh zu Weihnachten.

 

Möge Weihnachten und Frieden andauern, sagen wir sehnsuchtsvoll – länger als bis zum zweiten Weihnachtstag oder den Heiligen drei Königen, wenn das Weihnachtsfest in der Kirche zu Ende geht.

 

Aber denkt daran, wie viele gute Geschichten auch der umtriebige Alltag für uns bereithält. Vielleicht vergessen wir das, weil wir immer alle möglichen höheren Ziele vor Augen haben und immer irgendwo anders hin unterwegs sind.

 

Wir verachten den umtriebigen Alltag als etwas, was man nur überstehen muss – aber denke daran, wie gut es eigentlich geht.

Wieviel Liebe und Geborgenheit in den kleinen Dingen ist, die wir tun: Wenn wir frühstücken, unseren Kindern die Zähne bürsten, einkaufen, Wäsche waschen, Abendessen machen.

OK, das ist dasselbe Tag für Tag.

Aber denke daran, welche Geborgenheit so ein Alltag schenkt.

Denke daran, wie geborgen wir sind, wo wir sind.

Wieviel vertrauen wir zu einander haben.

Wir können auf die Straße gehen ohne Furcht, geschlagen oder bestohlen zu werden.

Wir beachten das Gesetz, nicht aus Furcht vor den Konsequenzen, sondern weil – ja weil das selbstverständlich tun!

Wir bezahlen unsere Steuern. Mehr oder weniger gern, aber wir tun es. Denn das tun man ja – hier bei uns.

Die Botschaft der Liebe wohnt in uns – schon seit Jahrhunderten.

Sie hat uns zu denen gemacht, die wir sind.

Langsam hat sie uns aufgebaut, jeden für sich und als Gemeinschaft.

Liebe nicht verstanden als Gefühle.

Sondern verstanden als dies, dass wir uns einander annehmen und nicht nur für uns selbst sorgen.

Denn das tun wir. Nehmen uns einander an.

Weil wir wissen, dass alle Menschen etwas wert sind.

 

Können wir ihn verlieren, den Glauben an die Liebe?

Können wir unsere Mitmenschlichkeit verlieren?

Natürlich können wir das.

Das kann von einem Tag auf den anderen geschehen.

All das, was langsam zwischen uns gewachsen ist, kann verschwinden, denn es ist ja keine Selbstverständlichkeit.

Der Glaube an die Liebe ist keine Selbstverständlichkeit.

Er kommt von dem, was gehört wird – von den Erzählungen, die wir unsere Grunderzählungen sein lassen, in denen wir uns spiegeln und von denen wir uns in unserem Leben mit einander inspirieren lassen.

 

Der Glauben kommt von dem, was gehört wird.

Und wenn wir nur davon hören, dass es sich lohnen muss, dass du danach streben sollst, dir neue und höhere Ziele zu setzen, dass du einen Test nach dem anderen bestehen sollst – dann werden wir zu Konkurrenten gegen einander.

Und dann nehmen wir uns nicht einander an – freiwillig.

 

Der Glaube an die Liebe muss stets am Leben erhalten werden, aufgebaut werden, gestärkt werden.

Dazu ruft uns Weihnachten auf, darum versammeln wir uns hier und hören den Gesang der Engel.

Gott gebe uns Ohren für diesen Klang. Frohe Weihnachten! Amen.



Pastorin Eva Třjner Götke
DK-5230 Odense M
E-Mail: Etg(at)km.dk

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