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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Christnacht, 24.12.2016

Gottesgeschenk
Predigt zu 2. Samuel 7:4-6.12-14a, verfasst von Martin Herche

Predigt zu 2. Samuel, 7, 4-6, 12-14a (Der Text wird während der Predigt in abweichender Versauswahl gelesen)

 

Liebe Gemeinde,

wie gut, dass wir jetzt hier zusammen sein können. – Die Ereignisse der letzten Tage haben wohl keinen von uns unberührt gelassen. Wir wissen noch besser als zuvor, wie kostbar es ist, in Frieden und Freiheit zusammen kommen zu können. Möge Gott alle, die sich hier und an all den anderen Orten dieser Welt zu den Weihnachtsgottesdiensten versammeln, vor Gewalt und Anschlägen schützen. –

Wie gut, dass wir jetzt hier zusammen sein können: alle, die Heilig Abend lieben, die diese besondere Stunde nicht missen wollen, die sich hier zu Hause fühlen, am Klang der Orgel erfreuen und am Glanz der Kerzen, an den Liedern und der Weihnachtsgeschichte,

alle, die selber schon Hirten oder Engel oder Könige oder Maria oder Josef waren,

aber auch alle, die jetzt hier sind, obwohl ihnen nicht nach Weihnachten zumute - Sie alle, wir alle bilden jetzt eine große Gemeinschaft. Zu dieser Gemeinschaft gehören auch Sie, die sich jetzt, selbst hier in der Kirche, mit ihren Gedanken und Gefühlen einsam vorkommen.

 

Wir alle sind eingeladen, die Weihnachtsbotschaft zu hören. Sie strahlt wie ein helles Licht in die Dunkelheit der Welt hinein. Und deshalb möchte ich mich heute Abend besonders an Sie wenden, die Weihnachten hassen. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Es ist so gut, dass Sie in dieser Stunde hier sind. Sie würden uns sonst fehlen. Unsere Gemeinschaft wäre ohne Sie um vieles ärmer, denn die Weihnachtsbotschaft gilt ja allen Menschen. Aber Sie haben gewichtige Gründe, dass Ihnen Weihnachten ein Gräuel ist. Weihnachten ist das Fest der Familie und des Friedens, heißt es. „Aber ich habe kein Fest der Familie“, sagen Sie. Sie dürfen Ihre Kinder schon seit Jahren nicht mehr sehen. Ihre Ehe war nicht mehr zu retten. So ist es gerade heute Abend besonders schwer für Sie. Ja, Sie gönnen den anderen ein frohes Weihnachtsfest. Sie gönnen es ihnen, im Kreise ihrer Lieben dieses fest zu begehen. Aber für Sie ist die Situation unerträglich. Ich verstehe Sie gut, dass Sie Weihnachten hassen. Und ich glaube, die meisten unter uns, ja wir alle wünschten, Sie könnten heute Abend auch glücklich sein. Ein bisschen wenigstens.

So, wie wir es den Familien der Opfer des Anschlages in Berlin wünschen möchten. Und den Kinder im Südsudan, die am meisten unter der Hungerkatastrophe dort zu leiden haben. Und den Menschen in Aleppo und all den anderen Orten, die von Krieg und Gewalt gezeichnet sind. So viele Menschen erleben 2016 alles andere als eine romantische Weihnachtsidylle!

Sie haben Recht! Wir können hier nicht so sitzen, als ob alles gut wäre in der Welt.

Nein, es ist nicht alles gut, auch nicht an diesem Abend. Aber umso besser ist es, dass wir jetzt hier sind. Jetzt, wo Weihnachten beginnt. „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein“, heißt es in einem Lied zum Fest.

 

Von diesem Licht erzählt auch eine jahrtausendealte Geschichte aus dem 2. Samuelbuch im 7. Kapitel. Sie ist noch viel älter als die Geschichte von Maria und Josef und ihrem Kind:

 

Es ist Nacht. Auch für Nathan. Nathan ist ein Mann im Hause des Königs David. Lange schon liegt er wach. Es war heute ein außergewöhnlicher Tag. Er lässt ihn nicht los. Denken die Herrscher dieser Welt nicht allzu oft zuerst an sich? An ihren Einfluss? An ihre Macht?

Doch sein Herrscher, König David, fragte nach Größerem. „Ich“, hatte er gesagt, „wohne in einem Zedernhaus, die Lade Gottes aber wohnt unter Zeltdecken“. (2. Sam. 7,2) Und Nathan, hatte wie unter einer Eingebung geantwortet: „Wohlan, alles, was in deinem Herzen ist, das tu, denn der Herr ist mit dir.“ Daran muss Nathan denken, jetzt in der Nacht. Es ist eine stille Nacht.

Was in deinem Herzen ist, das tu, denn der Herr ist mit dir.“ – Es war wie ein Weihnachtswort! Was gibt es Schöneres als die Zusage ‚Der Herr ist mit dir‘? Gott - mit Nathan. Mit David. Mit den Hirten auf dem Feld. Mit den Menschen in Berlin, im Südsudan, in Syrien. Mit uns.

 

Der Herr ist mit Dir! Auch mit Ihnen, die Weihnachten hassen. Die das Fest kaum ertragen können. Denen das Herz schwer ist. Es weine, wem zum Weinen ist. Und wer sich sorgt, der wisse, es ist Gott nicht egal. Und wer Angst hat vor den Folgen der Kriege, bitte Gott um Frieden und wer sich fürchtet um seine Sicherheit, vertraue sich Gott an.

Der Herr ist mit Dir‘, hatte Nathan zu David gesagt. Daran muss er denken in dieser Nacht. Dann schläft er ein. Schläft, wie die Hirten auf Bethlehems Feld. Und hört im Schlaf die Stimme Gottes. Er hört die frohe Botschaft für seinen König David:

 

So spricht der HERR Zebaoth: Ich habe dich genommen von den Schafhürden, damit du Fürst über mein Volk Israel sein sollst, und bin mit dir gewesen, wo du hingegangen bist …. Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern schlafen legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein.“ (2. Sam. 7,8b-14a i.A.)

 

Ob Nathan ahnt, dass Menschen sich einst an diese Botschaft erinnert werden, wenn sie von der Geburt Jesu hörten? Jedenfalls überbringt er seinem König diese Botschaft. Und David spricht ein Dankgebet: „Du bist groß Herr. Denn es ist keiner wie du und ist kein Gott außer dir. (2. Sam. 7,22a)

 

So preist der große König David seinen Gott, wie später die kleinen Leute von Bethlehem, die Hirten. Und wie heute Abend so viele hier in dieser Kirche und ja, auch im Südsudan und in Syrien und überall, wo die Botschaft verkündet wird ‚Gott ist mit Dir, Jesus ist geboren‘ und wo Menschen einstimmen in die Lob- und Danklieder der Weihnacht, weil es Hoffnung gibt, für uns und für unsere friedlose Welt. So wird aller Weihnachtsgesang zum friedlichen Protest gegen die Feinde der Mitmenschlichkeit, gegen die Feinde des Friedens und der Nächstenliebe. Sie werden nicht das letzte Wort behalten, denn in dem kleinen, armen Kind im Stall von Bethlehem hat Gott seine Verheißungen erfüllt. Dieses Kind ist ein Gottesgeschenk.

 

Ja, es ist gut, dass wir so unterschiedlichen Menschen heute Abend als Weihnachtsgemeinde versammelt sind. Es ist gut, dass Sie, die Weihnachten hassen, hier sind – und Sie, die Weihnachten lieben. Uns allen, ohne Unterschied, gilt die Weihnachtsbotschaft: Das Licht scheint in die Finsternis. Das Kind ist geboren. Verheißen schon zu König Davids Zeiten. Erwartet in dunklen Tagen der Gewalt und des Unfriedens, erhofft von den Liebenden und den Leidenden. Das Kind ist geboren - als Freude der Herzen und Trost der Trostlosen. Als Hoffnung der Welt.

Für uns. Woher wir auch kommen, wohin wir auch gehen. – Ja, auch für uns. Amen.



Generalsuperintendent Martin Herche
Görlitz
E-Mail: m.herche@ekbo.de

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