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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend, 24.12.2016

"Friede auf Erden..."
Predigt zu Jesaja 11:1-9, verfasst von Florian Wilk

Liebe Gemeinde,

können wir einander wirklich „Fröhliche Weihnachten!“ wünschen? Diese Frage las ich vor wenigen Tagen in der Zeitung. Gestellt wurde sie – natürlich – mit Blick auf den Terrorakt in Berlin.

Können wir einander wirklich „Fröhliche Weihnachten!“ wünschen? Die Frage ist nur zu berechtigt. Denn die Empfindung von „Freud und Wonne“, die wir soeben mit Paul Gerhardt besungen haben [Ev. Gesangbuch 37,3], will sich nur schwer einstellen – jedenfalls dann, wenn man sich nicht einfach zurückzieht aus dem Elend, das uns Tag für Tag bedrängt.

Da sind die Katastrophen, über die die Medien berichten: zer­bombte Krankenhäuser im syrischen Aleppo – gesunkene Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer –Dürre und Hunger im südlichen Afrika … Da ist die Not, die in unseren Dörfern und Städten erlebt wird: wenn Männer oder Frauen ihren Arbeitsplatz verloren haben, am so genannten Existenzminimum existieren oder schlicht vereinsamen … Da sind die Katastrophen im privaten Umfeld: der plötzliche Tod eines lieben Menschen, die schwere Erkrankung, die zerstörte Beziehung …

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“, so haben wir im Advent gesungen – und den „Heiland“ herbeigerufen, dass er uns tröste und rette. Hat sich dieser „Held“ jetzt wirklich „eingestellt“? Wo ist denn das Licht zu sehen, das „der Welt einen neuen Schein“ geben soll? Bringen die Kerzen an unserem Weihnachtsbaum oder auf dem Breitscheidplatz in Berlin mehr als eine kurze Atempause? Und wirkt der Verweis der Weihnachtslieder auf den himmlischen „Freudensaal“ nicht wie blanker Hohn? Es geht doch laut Weihnachtsgeschichte um „Friede auf Erden“. Wo wird er sichtbar, spürbar, real?

Musik: Brich an, du schönes Morgenlicht

Die Sehnsucht nach Frieden auf Erden ist uralt. Schon das biblische Jesajabuch bringt sie zur Sprache. In dem Text, der vorhin als Lesung zu hören war, wird ein Herrscher erhofft, der dem Gewalttäter Einhalt gebietet; wird ein Land beschrieben, dessen Bewohner einander weder Bosheit noch Schaden antun. Ja, der Prophet entwirft ein geradezu paradiesisches Bild: „Kalb und Löwe werden miteinander grasen …, und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter“.

Dieser utopische Text widerspricht jeder Fortschrittsideologie. Wenn schon vor über 2500 Jahren so vom Frieden geträumt werden musste, dann hat sich der Zustand der Welt offenbar nicht wesentlich verbessert.

Ist die Sehnsucht damit als ziel- und sinnlos erwiesen? Müssen wir aus den alten Worten Jesajas den Schluss ziehen, dass die Menschheit unentrinnbar in den Kreislauf aus Elend und Gewalt verstrickt ist? An sich würde mir das einleuchten. Und doch weigere ich mich, der Hoffnungslosigkeit Recht zu geben.

Das tue ich schon deshalb nicht, weil der jesajanische Traum aufbewahrt und fortgeschrieben wurde. Über Jahrhunderte haben erst Juden und dann auch Christen sich diese Verheißung zu eigen gemacht, haben sie jeweils auf ihre eigene Zeit bezogen und an nachfolgende Generationen weitergereicht. Nur darum steht der Text ja heute in unserer Bibel. Sie hat die Träume der Gläubigen durch die Zeiten hindurch festgehalten.

Und außerdem hat gerade die Utopie des Jesajabuches etwas ganz Realistisches. Denn das Bild von der Bärin, die friedlich neben der Kuh auf der Weide liegt, ist nur auf den ersten Blick ein Idyll. Genau besehen zeigt es, womit Frieden auf Erden beginnt: damit, dass Feindschaft überwunden wird, dass Menschen aufhören, auf Kosten anderer zu leben. Wenn ein Gewalttäter, wie der Prophet es ausmalt, sich durch ein bloßes Wort stoppen lässt, dann muss er ein neuer Mensch geworden sein …

Musik: Brich an, du schönes Morgenlicht

Dass Mensch und Welt von Grund auf neu werden – davon spricht der jesajanische Text von Anfang an.

„Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais …“, so beginnt er. Nicht ein würdiger Nachfolger Davids wird erhofft, wie es in älteren Prophetien geschieht. Die Königsgeschichte soll noch einmal von vorne beginnen, bei Isai, dem Vater Davids. Es muss gleichsam ein ganz neuer David auftreten: einer, der erfüllt ist vom „Geist der Weisheit und des Verstandes“.

Dieser neue David wird, so heißt es, gewaltfrei herrschen: Er richtet nicht aufgrund äußeren Anscheins; er schafft den Armen im Lande Recht; ja, er überwindet den Frevler „mit dem Stab seines Mundes“. Er regiert also allein durch sein Wort. Das setzt natürlich voraus, dass sein Wort Macht hat; nicht, weil es Furcht und Schrecken verbreitet – sondern weil es den Menschen, der es hört, von innen her verwandelt. Die Bösen werden nicht beseitigt, sie werden der Bosheit entwunden.

Da kann dann in der Tat, wie es heißt, „der Wolf beim Lamm wohnen und der Panther beim Böckchen lagern“. Dieses Bild ist einfach grandios. Es besagt ja nicht nur, dass das Raubtier gezähmt wird. Es besagt, dass Wolf und Panther der Impuls zum Töten abhandengekommen ist – und Lamm und Böckchen keine Angst mehr spüren.

So entwirft das Jesajabuch die Vorstellung einer neuen Welt: einer Welt des Friedens, der auf ‚Entfeindung‘ gründet.

Solch neue Welt ist natürlich ein Wunder; ein Wunder, so groß, wie die Entstehung der Welt, auf der wir leben. Nur Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, kann es also ins Werk setzen. Und genau das ist die Hoffnung des Propheten: dass Gottes Geist noch einmal so machtvoll weht wie bei der Schöpfung; dass der neue Herrscher geleitet wird vom Geist des Herrn; und dass das ganze Land erfüllt wird mit der Erkenntnis Gottes …

Musik: Brich an, du schönes Morgenlicht

Von dieser neuen Welt handelt die Weihnachtsgeschichte. In der Krippe zu Bethlehem hat sie ihren Anfang genommen.

Wer’s glaubt, wird selig? Ja, genau: Welche das glauben können, werden den Hirten von Bethlehem gleich: Sie erblicken das „Licht“, das „der Welt ein neuen Schein gibt“ – weil „die Klarheit des Herrn“ sie „umleuchtet“. Sie treten ein in den Raum der Freude – weil sie von der Geburt des Retters hören. Sie erleben Frieden – weil Gott selbst sich ihnen zuwendet.

Zu schön, um wahr zu sein? Keineswegs. Allerdings ist diese Wahrheit noch im Werden. Sie sucht Menschen, die ihr vertrauen. Doch wo sie Vertrauen findet, wird alles neu. Denn im Christkind hat Gott sich ein für alle Mal mit uns Menschen vereint – so, dass uns nichts mehr scheiden kann von der Liebe Gottes. Im Christkind schaut Gott uns unendlich gütig an – so, dass das Herz weit werden und die Angst dahinschwinden kann. Und im Christkind heißt Gott ohne Unterschied uns alle willkommen – so, dass wir auch miteinander verbunden werden, über alle Stufen von Sympathie und Antipathie hinweg.

Im Angesicht des Christkindes, da „kann es werden Friede auf Erden“. Nicht auf einen Schlag natürlich, und auch nicht überall. Wer alles will, und zwar sofort, wird sich enttäuscht oder auch triumphierend abwenden. Doch wer sich anrühren lässt vom Kind in der Krippe, wird selbst zum Teil der großen Friedensbewegung, die Gott ins Leben gerufen hat.

Und deshalb kann der Blick in die Krippe auch Freude wecken. Nicht dass schon alles vollbracht sei. Aber auch nicht bloße Vorfreude. Vielmehr Freude, wie sie die Geburt neuen Lebens hervorruft: anfängliche Freude, die sich paart mit Unsicherheit, was alles kommen mag; staunende Freude, die noch nicht zu begreifen vermag, was da geschieht; stille Freude, die weiß, dass Leid und Schuld auf dem begonnenen Lebensweg unvermeidlich sind. Und bei alledem eine Freude, die voller Verheißung ist auf die Fülle, die Gott für uns bereithält.

Fröhliche Weihnachten! Amen.



Prof.Dr. Florian Wilk
Göttingen
E-Mail: Wilk, Florian

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