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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahresabend, 31.12.2016

Trotz allem: Anno Domini 2016
Predigt zu Jesaja 30:15-17, verfasst von Rudolf Rengstorf

Liebe Leserin, lieber Leser!

2016 – ein Jahr, das man so schnell wie möglichn hinter isch lasse möchte. War es doch, als hätte es die ganze Welt ins Wanken gebracht. Mit der Wahl von Donald Trump, von dem niemand weiß, was da kommt. Mit dem Austritt Englands aus der EU und den Korrosionserscheinungen dieser Gemeinschaft, die sich wegduckt davor, dass die Opfer aus Kriegs- und Elendsgebieten in Afrika und Asien massenhaft auf unseren Kontinent drängen. Mit den unbeschreiblichen Grausamkeiten, die sich in aller Öffentuichkeit in Syrien vollziehen, ohne dass der Sicherheitsrat dem Völkermord dort Einhalt gebieten kann.Mit den allgegenwärtigen globalen Informationsnetzen, in denen Lügen so leicht als Wahrheiten daherkommen und die Möglichkeiten der Manipulation voll genutzt werden. So düster hat es seit langem nicht mehr ausgesehen in der Welt

So sehr uns dies alles belastet, so sehr entziehen diese politischen Entwicklungen sich einer Predigt, die es immer mit dem zu tun haben muss, worauf wir persönlich einen Einfluss haben..

2016 war aber auch ein Jahr, in dem ich selber vorgekommen bin. Zu einer Art Bilanz kann mir mein Taschenkalender verhelfen, der mich das ganze Jahr begleitet hat, wenn er nicht verzweifelt gesucht wurde. Heute wird er Makulatur. .

 

Doch bevor ich ihn wegpacke, blättere ich ihn noch einmal durch Vieles war dabei, wofür ich einfach nur dankbar sein kann: Höhepunkte im familiären Leben, anregende Reisen, Arbeiten, die gelungen sind, Krankheiten, die ich überstanden habe, viele Begegnungen mit alten Freunden und mit Menschen, die noch Freunde werden können, beglückende Konzerte und Gottesdienste.

Und dann die Tage, die schwer waren, weil die in sie gesetzten Erwartungen bitter enttäuscht wurden. Das lag oft an anderen, aber nicht nur. Warum habe ich mich bei dieser oder jener Gelegenheit zum Streit reizen lassen? Warum bin ich im Umgang mit Menschen, an denen mir liegt viel zu unaufmerksam gewesen, sodass ich sie – ohne es zu wollen – tief verletzt habe? Und manche Tage waren dadurch verdunkelt, dass ich Menschen in ihrer Not nicht wirksam helfen konnte, wobei die psychischen Krankheiten mich besonders hilflos machen. Ja, und dann die Kreuze, die eine ganze Reihe von Tagen dieses Jahres markieren. Die Geburtstage standen immer schon fest und waren im vorhinein lange eingetragen. Die Sterbetage aber kamen oft ganz plötzlich, und wir brauchten lange, das Geschehene zu begreifen, und noch länger, es zu akzeptieren. Und auch da, wo ein Tod sich lange angekündigt hatte, ist der Abschied enorm schwer gefallen. Ich erlebe es viel zu selten, dass ein Mensch mit seinem Leben wirklich abschließen, alles ordnen und ganz in Frieden gehen kann. Meist bleibt da so viel Unausgesprochenes, Ungeklärtes, noch Ausstehendes und Unversöhntes. Und das tut weh und hängt nach. Am schlimmsten aber war, dass ich oft nicht die Zeit gefunden habe, die Besuche zu machen, die nötig gewesen wären und wohl auch erwartet wurden, nicht nur bei den Gestorbenen. Überhaupt – das Gefühl, keine Zeit zu haben, von der Zeit getrieben zu werden und mit dem,was ich mir vorgenommen habe, nicht nachzukommen – das hat dieses Jahr ebenso geprägt wie seine Vorgänger

Was wird mit diesem Jahr, das jetzt zu Ende geht? Was wird aus dem, was es mit mir gemacht hat? Was wird aus abgebrochenen Beziehungen, aus dem, was ich schuldig geblieben bin? Und was wird aus meinem Leben, wenn dieses Treiben und Getriebenwerden von der Zeit – wie ja anzunehmen – weitergeht und sich bei allen guten Vorsätzen, von denen es in all den zurückliegenden Jahren ja genug gegeben hat, nichts ändern wird?

 

 

 

Um uns hier weiterzuhelfen, ist uns für diesen Abend ein Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja vorgegeben.. Er kommt von weit her, hat eine völlig andere Situation im Auge und schaut doch weit über diese hinaus: So heißt es bei Jesaja im 30, Kapitel:

 

So spricht Gott der Herr, der Heilige Israels:

Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde e;uch geholfen;

Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein:

Aber ihr wollt nicht und sprecht:

Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen“ –

darum werdet ihr dahinfliegen,

und auf Rennern wollen wir reiten“, -

darum werden euch eure Verfolger überrennen.

Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen,

ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen,

bis ihr übrifbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge

und wie ein Banner auf einem Hügel.

 

Diese Worte stammen aus einer Zeit, in der das Volk Israel durch die ins Land drängende Großmacht der Assyrer in schwere Bedrängnis geraten war. Jesaja hatte dem König in Jerusalem geraten, auf jede militärische Gegenwehr zu verzichten und sich allein auf den Gott Israels zu verlassen. Doch hatte man sich anders entschieden.Mit den Ägyptern hatte man sich gegen die Assyrer verbündet, hatte nach Kräften aufgerüstet, fühlte sich nun stark, ließ die Muskeln spielen und war davon überzeugt, die Assyrer erfolgreich aus dem Lande vertreiben zu können. Doch die Getriebenen waren die Israeliten selbst. Ihnen blieb am Ende gerade noch die Hauptstadt. Das ganze Land aber war an die Assyrer gefallen.

Voll Bitterkeit hält der Prophet den Oberen seines Volkes nun vor: Hättet ihr auf mich gehört und euch auf den Herrn verlassen, dann wäret ihr stark gewesen, und ihr wäret verschont geblieben. Ihr seid selber schuld an eurer Lage, und am Ende wird kaum noch etwas von euch übrig bleiben.

Das war vor mehr als 2.700 Jahren. Was haben wir mit dieser verspielten Chance zu tun? Obwohl Jesaja natürlich auch wusste, dass seine Worte sozusagen nur vergossene Milch beklagen, so hat er gleichwohl großen Wert darauf gelegt, dass seine Wort - wie es wenige Sätze vorher heißt – aufgeschrieben werden, dass sie bleiben immer und ewiglich. Weil seiner Auffassung nach auch in Zukunft Menschen immer wieder vor d die Alternative gestellt werden: Entweder nimmst dein Geschick eigenmächtig in die Hand und rennst mit aller Kraft an gegen alles, was dich bedroht, oder du hältst still und verlässt dich auf Gott.

 

Doch diese Alternative zwischen einer von Menschen und einer von Gott bestimmten Welt gibt es für uns nicht. Es ist eine Illusion zu meinen, man könne aus der von Menschen bestimmten Gesellschaft und Welt einfach aussteigen und sich in großer Gelassenheit ganz allein auf Gott ausrichten. Nein, ob wir wollen oder nicht, zur eigenmächtigen Welt- und Lebensgestaltung gibt es keine Alternative. Getrieben zu werden von der Zeit, statt sie einfach zu haben, das hört nicht auf .Sich immer von neuem auf Veränderungen in allen Lebensbreichen einstellen zu müssen, statt einfach bleiben zu können bei dem, was uns liegt und zufriedne macht, das geht immer weiter.

Also eigenmächtiges Leben, Hetzen und Gehetztwerden, im Gange sein gegen das, was unser Leben einzuschränken droht und dem – je nach Temperament – nachzujagen oder nachzugehen, womit wir unser Leben erleichtern und und bereichern können – dazu gibt es für uns keine Alternative.

 

Und doch gewinnt dieses Prophetenwort von weither an diesem Abend neue Bedeuitung. Auch wenn es die Alternative – das Entweder-Oder zwischen Menschenhandeln und Gotteshandeln für uns nicht gibt: zur Ruhe kommen, still werden – das können wir. Und wozu? Umzukehren, uns umzuwenden zu dem, von dem wir kommen. Und festzustellen: er verschwindet ja nicht in einer Vergangenheit, in die wir nie und nimmer hineinkommen. Er ist zu uns gekommen und hat sich der von den Menschen bestimmten Welt ausgesetzt. Hat dafür gelebt, um deutlich zu machen, dass Gott seine mündig gewordenen Töchter und Söhne im Herzen behalten hat. Hat wichtige Orientierung dafür gegeben, wie eine menschenwürdige Welt aussieht. Hat nicht damit gedroht. Wenn ihrs nicht mit eigenen Kräften schafft, geht alles zum Teufel. Hat stattdessen die froh machende Botschaft gebracht, dass Gott es schafft mit der menschenwürdigen Welt, weil sie sein Reich ist, auf das alles zuläuft.

Ja, dieses Umkehren ist wichtig, weil wir das Evangelium im Drunter und Drüber des Lebens so schnell aus den Augen verlieren. Ich brauche diese Vergewisserung, ganz und gar in - aber nicht nur von - dieser Welt zu sein, sondern letztlich in die Welt des Gottes zu gehören. der mich ins Leben gerufen und zur Kindschaft berufen hat. So kann ich den Kopf oben behalten und achten auf die vielen Zeichen, die in dieser von Menschen bestimmten Welt auf Gottes Reich hinweisen.. Und wenn ich unheilvolle Entwicklungen in der Welt – wie die ungerechte Weltwirtschaftsordnung und das massenhafte Vertreiben von Menschen und das Wüten religiöser Fanatiker – wenn ich das auch nicht zu verhindern vermag – natürlich nicht; aber Zeichen kann ich setzen und unterstützen, die in die von Gott gewollte und betriebene Richtung weisen. Zeichen dafür, dass fairer Handel möglich ist, dass Flüchtlinge Recht auf ein neues Zuhause haben und dass wir aufkeimendem Fanatismus bei uns mit entwaffnender Liebe den Boden entziehen können.

Es hat seinen guten Sinn, dass wir das Jahr mit dem Blick auf den brennenden Christbaum beschließen. 2016 war ein Jahr, das nach dem Zeitpunkt berechnet wird, an dem Gott zu uns Menschen gekommen ist und sein ewiges Reich in der vergehenden Zeit hat aufleuchten lassen. Amen.

 

 



Superintendent i.R Rudolf Rengstorf
Hildesheim
E-Mail: Rudolf.Rengstorf@online.de

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