Göttinger Predigten

deutsch English espańol
portuguęs dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahresabend, 31.12.2016

Innehalten
Predigt zu Jesaja 30:15-17, verfasst von Wolfgang Vögele

Friedensgruß

Der Predigttext für den Altjahresabend steht Jes 30,15-17:

„Denn so spricht Gott der Herr, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein. Aber ihr habt nicht gewollt und spracht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen. Denn tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen, ihr alle vor dem Drohen von fünfen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn es ihn gäbe, könnte man ihn an Silvester und Neujahr gut gebrauchen. Janus heißt der römische Gott, der als einziger mit zwei Gesichtern ausgestattet ist. Das erst blickt wie bei allen Menschen nach vorn, das zweite blickt im Rücken nach hinten. Und so kann der antike Gott gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken. Er sieht Gleiches oder Widersprüchliches, er erstaunt und erschrickt. Doppelt sieht er mehr. Das neue Jahr wird das alte fortsetzen, wiederholen, steigern. Vielleicht auch: Das neue Jahr überrascht, weil plötzlich Teufelskreise und Abwärtsspiralen, Sinkflüge und der freie Fall unterbrochen werden. 2016 offenbart der Blick auf die vergangenen 365 Tage Enttäuschungen, Trauer über verheerende Terroranschläge, verlorene Wahlen, politische Fehlentscheidungen, die Fortführung von Bürgerkriegen im Nahen Osten, zunehmende Verhärtungen an vielen politischen Fronten, Ukraine, Syrien, Irak, die Türkei.

Der Sprung ins neue Jahr gelingt, aber die Blick in die nahe Zukunft weckt Sorgen. Anfang Januar wird vor dem Capitol in Washington ein neuer amerikanischer Präsident seinen Amtseid leisten, vermutlich auf eine Familienbibel. Niemand weiß von diesem Präsidenten, wie er die Innenpolitik der Welt von Afghanistan bis Taiwan durcheinander bringen wird. Niemand weiß, ob er Mauern bauen, Verträge brechen oder alte nationale Freundschaften aufkündigen wird. Nicht nur seine Gegner sehen das mit einer gewissen Sorge.

Wer wie der römische Janus gleichzeitig in die Vergangenheit des letzten und in die Zukunft des kommenden Jahres schaut, der wird auch die Zangen und die Schraubpressen der Enttäuschung, der Angst, der Trauer und der Furcht spüren. Vielleicht wäre es besser, die Vergangenheit schnell zu vergessen und über das Kommende nicht so genau Bescheid zu wissen.

Silvester, der Tag der Zeitschwelle, liegt am Übergang vom alten zum neuen Jahr, in der Sprache der Arbeitszeitkontrolle: ein Brückentag. Von der Brücke kann man ebenfalls zurück in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken. Aber die Brückengänger haben nicht wie der römische Gott die Möglichkeit, gleichzeitig nach vorn und zurück zu blicken. Sie müssen sich für die Vergangenheit oder die Zukunft entscheiden. Oder sie lassen das ganz bleiben und decken jeden Anflug von Angst oder Zweifel mit Lärm, Feier, Aktion zu.

Jahresende und -anfang bedeuten selbstverständlich: viele gute Freunde, laute Musik, Feiern, gutes Essen, vor Mitternacht Luftschlangen und Tischdekoration, um Mitternacht Raketen, Böller, Wunderkerzen, Glockenläuten, ein wenig mehr Alkohol als sonst, lange Aufbleiben auch für die Kinder, an Neujahr lange ausschlafen. Liebe Gemeinde, ich will das gewiß niemandem madig machen, das soll so sein, und Feiern hat seine Berechtigung. Aber ein paar Stunden, bevor die Sekunden bis Mitternacht heruntergezählt werden, kann es sich lohnen, ohne Lärm, Störung und Unruhe im Gottesdienst zu Nachdenken und Trost zu kommen. Wer dauernd Bilder, Events, Lärm, laute Musik auf sich einprasseln läßt, der wird taub und blind für die Stimmen des Unscheinbaren. Er hört die Stimmen der Leisen nicht mehr, und beim Beten wird er taub für die Worte Gottes. Wer dauernd Lärm und Feste auf sich einprasseln läßt, der wird irgendwann schwerhörig und nimmt die Risiken, Zufälle und Gefahren des Lebens nicht mehr wahr.

Der Prophet Jesaja hat vor 2500 Jahren keine Silvesterpredigt gehalten, aber er hat gesagt: „Durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.“ Der Lärm einer großen Party übertönt alles andere, er läßt Sorgen und Ängste vergessen, und das ist auch manchmal gut so, aber im Anschluß an den Propheten kann man die Frage stellen: Was würde sich verändern, wenn ich den Übergang ins neue Jahr in Ruhe und Stille verbringen würde?

Stille heißt zunächst einmal, den Lärm draußen auszuschließen, sich an einen Ort zu begeben, an dem ich mich konzentrieren kann. Dort setze ich mich so hin, daß ich nicht gestört werde, daß ich warten und lauschen kann, was an Geräuschen trotzdem noch geblieben ist, welche Gedanken aus meinem Innern aufsteigen. Die eigene Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr wie von selbst auf das Schreiende, Dröhnende, sondern sie beruhigt sich gleichsam. Der still gewordene Mensch achtet auf die leiseren Töne und auf das, was im Hintergrund geschieht. Stille hilft, das Unscheinbare zu registrieren. Wer sich an einen ruhigen Ort zurückzieht, der stellt für eine gewisse Zeit alle Aktivitäten ein. Er hört auf zu handeln. Er hat sich aus der lärmenden Welt zurückgezogen und greift umgekehrt in diese nicht mehr ein. Er hat sich für einige Momente freigemacht von den Zusammenhängen seines Alltagslebens und wartet ab, was nun geschieht.

Wer das an Silvester oder Neujahr tut, der kann die Erfahrung des doppelgesichtigen Gottes Janus machen. Nichts verändert sich. Die Trauer über die Vergangenheit und die Sorgen um die Zukunft werden bleiben. Die Schwelle von Silvester und Neujahr ist in Wahrheit gar keine Schwelle. Die Vergangenheit setzt sich nahtlos in die Gegenwart und die Zukunft fort. Bürgerkriege in Syrien, Irak und Afghanistan gehen einfach weiter. Erdbeben, Stürme, Wetterkatastrophen kommen und gehen, aber auch der normale Alltag geht weiter wie bisher. Kinder werden gezeugt und geboren, Menschen erhalten aus dem Mund ihres Hausarztes die Diagnose von schlimmen, schwer zu heilenden Krankheiten. Alte, bettlägerige Menschen verlieren an Gewicht und Lebenslust und sie sterben irgendwann, im neuen Jahr nicht anders als im letzten Jahr.

Auch der Mensch, der sich gelegentlich und vor allem an Silvester ein paar Momente Zeit nimmt für Stille, wird die Zufälle und Abgründe des Lebens nicht vermeiden oder im kommenden Jahr ganz an ihnen vorbeisteuern können. Den Gewinn der Stille faßt der französische Schriftsteller Julien Green mit folgenden Worten zusammen: „Mit den Jahren habe ich gelernt, dankbar für alles zu sein, für die Stille, die in diesen Mauern herrscht, für das Trommeln der Regentropfen auf dem Schieferdach, dafür, daß meine Hand lebendig ist, um diese Worte niederzuschreiben, dafür, daß ich atme. Jedesmal wenn ich aufblicke und über den Bäumen die Wolke sehe, erlebe ich eine Art Offenbarung, und das seit meiner Kindheit, doch wie ließe sich dergleichen in Worte fassen?“ Green wurde achtundneunzig Jahre alt, und bis zu seinen letzten Tagen hörte er nicht auf, über das Einfache zu staunen.

Die Stille bringt, gerade an Silvester, einen deutlichen Zugewinn an Gelassenheit. Den nachdenklichen Menschen trifft der Zufall nicht ganz so unvorbereitet. Um des Gewinns der Gelassenheit willen der still gewordene Mensch noch nicht den Glauben an Gott. Das aber ergibt sich aus den Worten der Stille, die Jesaja mitteilt.

Gerade hier, in diesem Predigttext, haben die Überarbeiter der Lutherbibel eine Änderung vorgenommen. Die Lutherbibel von 1984 sprach von Stillesein und Hoffnung, während die neue revidierte Ausgabe – Luther 2017 – von Stillesein und Vertrauen redet. Bezogen auf den Jahreswechsel richtet sich das Wort Hoffnung eher auf das neue Jahr, während Vertrauen auch auf die Gegenwart bezogen ist. Gelassenheit bringt den still gewordenen Menschen in ein besonderes Verhältnis zur Lebenswelt um ihn herum. Bei Jesaja bringen Hoffnung und Vertrauen den Menschen in ein besonderes Verhältnis zu Gott.

Dieses Verhältnis zu Gott bezieht sich erstaunlicherweise zuerst auf die Politik. Zur Zeit Jesajas war Israel ein kleiner, unbedeutender Staat in einem schwierigen Kräftefeld, das zwischen den Assyrern im Norden und den Ägyptern im Süden aufgespannt war. Ähnlichkeiten zur heutigen Zeit bleiben rein zufällig. Für die Propheten in Israel war realpolitisch klar, daß das kleine Land gegenüber keiner der beiden Großmächte selbständig bestehen konnte. Das führte zur politischen Versuchung, gegenüber beiden Großmächten zu taktieren, und offensichtlich war es das, was die Ratgeber am Königshof vorgeschlagen hatten. Dagegen erhebt Jesaja Einspruch. Er sagt: Wartet ab! Tut erst einmal gar nichts! Vertraut einfach auf Gott. Dann können wir sehen, ob die Ägypter oder die Assyrer sich durchsetzen und danach unsere Politik darauf einstellen. Das erinnert an die deutsche Bundeskanzlerin, die schon viele Konflikte durch Abwarten gelöst hat. Das ist das berühmte Handzeichen der Raute: Es könnte in diese oder jene Richtung gehen. Die Empfehlung des Abwartens könnte daneben auch für den kommenden amerikanischen Präsidenten gelten, in der Hoffnung, daß die vielen, sich widersprechenden Ankündigungen in den politischen Notwendigkeiten der Amtsführung einfach untergehen. So verstanden gelten Warten und Geduld als Tugenden politischer Klugheit, die im übrigen auch im privaten Leben des Alltags ihren guten Sinn haben.

Aber Jesaja unterscheidet sich doch von der regierenden Dame mit der Raute. Er versteht Abwarten und Geduld darüber hinaus als Tugend des Glaubens. Und damit erscheint Gott als politisch Handelnder, der das Geschick zweier antiker Großmächte bestimmt, mit dem Hintergedanken, das kleine Israel zu bewahren.

Dahinter steckt ein Bild von Gott, der unmittelbar in das politische Geschehen eingreift, der in Schlachten mitkämpft, der Könige inthronisiert und Großmächte stürzt. Heute dagegen sind wir es gewohnt, Politik als ganz menschliches Geschäft von Zwecken, Interessen und Intrigen zu begreifen. Für den Glauben sind beide Begriffe des Politischen heute fragwürdig geworden. Nach der menschlichen Seite hin ist zu bemerken, daß viele Politiker zwar gute, vernünftige Zwecke befolgen, aber im Ergebnis sehr selten das herauskommt, was sie sich vorgenommen haben. Die Verhältnisse des Lebens und die Verhältnisse der Politik sind viel komplexer als daß sie nach einem simplen Schema von Ursache und Wirkung gestaltet werden können.

Nach der göttlichen Seite hin kann sich niemand mehr Gott als Kämpfer in der Schlacht oder als Begleiter eines Außenministers (heute) oder eines Großwesirs (damals) vorstellen. Gott greift nicht unmittelbar ein, auch nicht so, daß durch den Eingriff die Naturgesetze aufgehoben wären. Die Bibel stellt dafür andere theologische Modelle bereit.

Wer still wird, nimmt sich aus den komplexen und unverständlichen Wirkungsketten des Lebens heraus. Er hält für einen Moment inne, um zuerst ins Nachdenken und dann zum Glauben zu kommen. Stille bedeutet auf keinen Fall, einfach damit aufzuhören, in der Welt etwas zu tun. Das wäre eine Haltung der Resignation und auch der Verweigerung. Für den Glaube bedeutet Stille: Ich halte für einen Moment inne und denke betend über zwei Fragen nach. Die erste Frage lautet: Was kann ich erreichen mit meinem Reden und Handeln? Wie weit reicht der Radius meines Handelns und wo sehe ich die Begrenzungen menschlichen Lebens? Die zweite und wichtigere Frage lautet: Wo kommt Gott in mein Leben? Er kommt in mein Leben nicht als General in der Schlacht, auch nicht als spin doctor für politische Intrigen, und auch nicht als Arzt, der auf Gebetszuruf Krankheiten heilen würde.

Gott kommt ins Leben als Gegenwart des Heiligen Geistes, obwohl Jesaja hier davon gar nicht spricht. Er kommt ins Leben als eine Gegenwart, die jeden Glaubenden, jede Gemeinde, mich selbst, aber auch alle anderen, in jedem Moment begleitet, gleich ob er in eine wunderbare Silvesternacht geht, mit Freunden feiert und fröhlich lachen kann, oder ob er in dieser Neujahrsnacht im Sterben liegt und weiß, daß er den ersten Monat des neuen Jahres nicht überleben wird.

In einem der tröstenden Lieder Paul Gerhardts heißt es:

„Auf, auf, gib deinem Schmerze
Und Sorgen gute Nacht!
Laß fahren, was dein Herze
Betrübt und traurig macht!
Bist du doch nicht Regente
Der alles führen soll;
Gott sitzt im Regimente
Und führet alles wohl.“

Daß Gott die Geschicke dieser Welt und mein eigenes Geschick zu einem guten Ende führen wird, das ist (noch) keine Tatsache. Auf das Wort „noch“ kommt es hier. In ihm stecken der Glaube und die Hoffnung, daß Gott zu seinen Verheißungen steht und „im Regimente“, wie Paul Gerhardt sagt, diese Welt dorthin führen will, wo sie nach seinem Willen und seiner Gnade sein soll: in Gottes Reich. Amen.



Pfarrer Dr. Wolfgang Vögele
Karlsruhe
E-Mail: wolfgangvoegelel1@googlemail.com , www.wolfgangvoegele.wordpress.com

(zurück zum Seitenanfang)