Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahresabend, 31.12.2016

Die Langsamkeit wiederentdecken
Predigt zu Jesaja 30:8-14(15-17), verfasst von Bernd Giehl

„John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baumes reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut, wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geeignet wie kein anderes Kind in Spilsby oder sogar in Lincolnshire. Aus dem Fenster des Rathauses sah der Schreiber herüber. Sein Blick schien anerkennend.

Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte. Er stand so ruhig wie ein Grabkreuz, ragte wie ein Denkmal. ‚Wie eine Vorgelscheuche!‘ sagte Tom Barker.“

Wenn diese leise Ironie nicht wäre, die da in den Worten Grabkreuz und Vogelscheuche aufblitzt, dann könnte man diese Worte wie eine Illustration zur Förderung von Behinderten hören. So ins Leben von uns normalen Menschen sind sie ja immer noch nicht hineingenommen. Wäre doch gut, wenn man etwas für sie tun könnte. Das würde doch gut zum Selbstbild einer Kirche passen. Sie noch ein bisschen mehr ins Leben mit hineinnehmen. Sie fördern, soweit es nur irgend geht. Eigentlich eine humane Idee. Nur, die Ironie setzt ein Fragezeichen dahinter. Ganz so schlicht ist dieser Text wohl nicht gedacht. Hören wir also noch ein bisschen weiter:

„Dem Spiel konnte John nicht folgen, also nicht Schiedsrichter sein. Er sah nicht genau, wann der Ball die Erde berührte. Er wußte nicht, ob es wirklich der Ball war, was gerade einer fing, oder ob der, bei dem er landete, ihn fing oder nur die Hände hinhielt. Er beobachtete Tom Barker. Wie ging denn das Fangen? Wenn Tom den Ball längst nicht mehr hatte, wußte John: das Entscheidende hatte er wieder nicht gesehen.“

 

*

 

Ein schöner Anfang. Mit welcher Ruhe da erzählt wird. Der Ton schmiegt sich ja geradezu an diesen langsamen Menschen an. So kann nur jemand von ihm erzählen, der sich tief in ihn einfühlen kann. So wie vielleicht eine Mutter von ihrem etwas zurückgebliebenen Sohn erzählen könnte. Wenn ihr denn eine so differenzierte Sprache zur Verfügung stehen würde. Aber was will dieser Text? Was ist das überhaupt für ein Text?

Gestatten Sie mir, dass ich Sie damit noch eine Weile im Dunkeln lasse. Ich möchte lieber noch etwas weiter über ihn nachdenken: Was einem auffällt, ist, dass er eine Art Antiheld in den Mittelpunkt stellt, einen Menschen, der ungefähr alles anders macht als wir selbst und damit an ein Dogma rührt, dass sich tief in uns alle eingefressen hat: Zeit ist Geld. Zeit ist kostbar. Man muss die Dinge, die man zu erledigen hat, schnell erledigen.

Eigentlich ist uns das selbstverständlich. Unseren Umgang mit der Zeit haben wir nicht von uns selbst gelernt. Und nur selten denken wir über ihn nach. Er ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Er ist uns eingetrichtert worden, von klein auf. Wir wurden gelehrt, pünktlich zu sein. Wir hatten an der Schultür zu stehen, wenn die Glocke um fünf Minuten vor acht läutete. Wenn wir dann alle in Reih und Glied standen, aufgereiht wie die Zinnsoldaten, wurden wir als Klasse von unserer Lehrerin in den Unterrichtsraum geführt. Und natürlich mussten wir auch lernen, die Aufgaben, die man uns gestellt hatte, in der Zeit zu erledigen, die man uns gegeben hatte. Ich erinnere mich noch, dass ich zumindest in den Jahren in der Realschule Schwierigkeiten hatte bei Mathematikarbeiten. Fast nie reichte die Zeit. Und die Angst vor der schlechten Note, die immer größer wurde, je mehr die Zeit fortschritt, machte es wahrhaftig nicht besser.

Wenn ich heute darüber nachdenke, erkenne ich: So wurden wir auf das Leben vorbereitet. Man muss pünktlich sein. Man muss seine Aufgaben in der Zeit, die einem vorgegeben wird, erledigen. Und dabei muss man lernen, immer komplexere Aufgaben in der gleichen Zeit zu erfüllen.

Ob es gut so ist, wie es ist? Zunächst einmal kann ich nur feststellen: So ist es. So funktioniert unser gesellschaftliches Leben. Es beruht auf Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Im Lauf der Jahre sind die Abläufe immer schneller geworden. Man erwartet von uns, dass wir das Tempo schaffen. Selbst im Bereich der Kirche spürt man das. „Just in time“, das ist das Modell der letzten Jahrzehnte. Unmögliches wird sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger. Aber bitte nicht zu lange. Und wenn die Gesellschaft umgebaut werden muss, dann aber bitte schnell. Nur ja keinen Reformstau entstehen lassen. Nicht nur wir selbst sind schneller geworden, auch die Krisen, die über uns kommen, sind es. Könnte irgendjemand noch die großen Krisen der letzten Jahre aufzählen? Und bitte auch noch in der richtigen Reihenfolge? Angefangen bei den Verwerfungen in der Bankenlandschaft, die mit Goldman-Sachs anfing und dann die ganze Welt erschütterte? Die Krise, die Griechenland fast in den Abgrund riss und in ihrer Folge die Stabilität des Euro erschütterte? Die womöglich auch am Brexit schuld ist? Und dann die Flüchtlingskrise, das Heraufziehen der AFD. Nicht zu vergessen, den Terror, der uns in den letzten Tagen, Wochen und Monaten immer nähergekommen ist. Die Geschwindigkeit, mit der das alles passiert ist immer rasanter geworden oder jedenfalls kommt es uns so vor. Das waren noch Zeiten, als wir noch ein Problem nach dem anderen angehen konnten. Heute ist alles mit allem verzahnt, oder zumindest scheint es so. Und vielleicht ist das Bild von John Franklin, der einem Ball nachsinnt, der schon lange nicht mehr an dem Ort ist, an dem er ihn gesehen hat, gar nicht so weit von uns entfernt, wie wir das gerne hätten.

Gut möglich, dass er uns näher ist als wir das gerne hätten. Oder begreift jemand noch das große Ganze?

 

*

 

Und plötzlich fängt das Bild von John Franklin, der dem Ball nachsieht und nicht weiß, wie man ihn fängt, an zu changieren. Verwandelt sich in das Bild eines Propheten aus einer lange zurückliegenden Zeit. Die Umstände sind ganz anders, aber die Haltung ist ähnlich. Der Prophet Jesaja ist es jetzt, der ebenso bedächtig zu sein scheint wie Franklin. „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch stille sein und Hoffen würdet ihr stark sein.“ Jeder verantwortliche Politiker, der das damals gehört hat, wird sich an den Kopf gegriffen haben. Wie kann dieser Mensch vom still sein reden? Wie kann er das nichts Tun fordern? Begreift der denn nicht? Wir werden von der Großmacht Assyrien bedroht. Die haben einen Kriegszug gestartet, der sie immer weiter nach Westen führt. Land um Land haben sie schon erobert. Nur noch ein paar Wochen, dann werden sie auch uns plattmachen. Und da sollen wir einfach zusehen? Oder vielleicht warten, bis unser Gott geruht, selbst ein bisschen einzugreifen? Tut uns leid, lieber Jesaja, so lang können wir nicht warten. Da verbünden wir uns doch lieber mit Ägypten. Wenn überhaupt ein Land Assyrien widerstehen kann, dann der Pharao.

Der Feind meines Feindes – na Sie wissen schon. Ob Jesaja klüger ist als die Politiker? Er würde das wohl nicht behaupten, sondern sagen, er erfülle nur den Auftrag Gottes. Aber wie auch immer: Es ist eine Konstellation, die man kennt. Auf der einen Seite ein Prophet, der ebenso beharrlich wie vergeblich vor dem sich Verlassen auf Macht und Stärke warnt und auf der anderen Seite ein König und seine Getreuen, die auf ebendiese Macht vertrauen. Die womöglich gar nicht anders können als den scheinbar ehernen Gesetzen der Politik zu folgen. Die sich nicht vorstellen können, dass Abwarten und Stillhalten besser ist als politische Zweckbündnisse und das sich Verlassen auf Waffen, Soldaten und politische Bündnisse. „Durch Stille sein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: Nein, auf Rossen wollen wir dahinfliegen, darum werdet ihr dahinfliegen und auf Rennern werden wir reiten, darum werden euch eure Verfolger überrennen.“ (Jesaja 30,15) Stille sein gegen dahinfliegen, Bewegungslosigkeit gegen rasende Geschwindigkeit, das klingt poetisch und zugleich merkwürdig modern. Das klingt nach dem ständig gehetzten Wertpapierhändler, der jeden Tag Millionen umsetzt, der mit Derivaten und Subprime Papieren handelt, zum Wochenende nach Mailand oder New York zum Shoppen fliegt und seine zwei Wochen Urlaub im Zen Kloster verbringt, wo er endlich wieder zu sich selbst kommen will. Abstand gewinnen. Das Wesentliche finden. Nur dass er am Ende genauso wieder in die tägliche Mühle zurückkehren wird. So einfach ist es eben nicht, auf Status und Geld zu verzichten. So ernst hat er es denn doch nicht gemeint mit der Stille. Nur der Prophet meint es ernst, bitterernst sogar und so klingt sein Resümee bitter und voller Resignation. Klingt nach einem Propheten, der Abschied nimmt von seinem Amt mit den Worten: „Ihr wollt ja doch nicht hören. Also höre ich auf, tauben Ohren zu predigen.“

 

*

 

Nein, so tief wollten wir eigentlich nicht hinabsteigen. So tief wollten wir unsere Lebensweise nicht in Frage stellen lassen, wie es hier geschieht. Also wirklich, lieber Herr Pfarrer, wie kommen Sie dazu, uns diesen Text zuzumuten? Soll es an Silvester wirklich so hart zur Sache gehen?

Gemach, liebe Freunde. Ich möchte erst noch einmal einen Schritt zurücktreten. Das hilft manchmal, die Dinge ein wenig gelassener zu betrachten. Allerdings möchte ich es mit einem Rückblick tun, wie er – zumindest auf den ersten Blick – paradoxer nicht sein könnte. Ich möchte mich noch einmal mit der Reaktion auf den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt beschäftigen. Ich nehme an, Sie erinnern sich noch.

 

*

 

Knapp zwei Wochen ist es jetzt her. Am Montag, 19. Dezember fuhr ein schwerer Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche und hinterließ eine Spur der Verwüstung. 12 Tote und 48 Verletzte war die vorläufige Bilanz. Ich weiß nicht mehr, ob irgendjemand das Wort „unfassbar“ in den Mund nahm, obwohl es genau das war. Jedenfalls dann, wenn der Fahrer nicht etwa einen Herzinfarkt erlitten hatte, sondern seinen LKW mit Absicht in die engen Gassen gesteuert hatte. In Frankreich war so etwas schon einmal passiert, aber doch nicht in Deutschland.

Abends habe ich die „heute“ Nachrichten gesehen. Natürlich hatte ich erwartet, dass etwas ausführlicher über dieses Ereignis berichtet würde, aber diese Nachrichtensendung war so unglaublich, wie das Ereignis selbst. Nicht nur, dass alles, was sonst noch so in der Welt passiert war, in den Schatten trat. Es war so, als ob dieser sonst so distanzierten und objektiven Sendung die Regie abhandengekommen wäre. Da führte die Moderatorin gerade ein Gespräch mit Bettina Schausten, der Chefin des Berliner Hauptstadtstudios, als sie plötzlich unterbrach und sagte, man müsse jetzt sofort zum Sprecher der Berliner Feuerwehr schalten; der gebe gerade ein Interview. Und dann sah man das Interview mit dem Mann von der Feuerwehr, welches man fünf Minuten vorher schon einmal gesehen hatte. Und danach sagte der Sprecher der Berliner Polizei noch einmal ungefähr das Gleiche. Niemand wusste etwas Genaues zu diesem Zeitpunkt, aber jeder, der irgendein Amt hatte, kam ausführlich zu Wort. Danach war man zwar immer noch nicht schlauer, aber vielleicht hatten ja die Verantwortlichen des Fernsehens das Gefühl, sie würden damit ihre Pflicht erfüllen. Die Hilflosigkeit der Zuschauer wurde durch die Hilflosigkeit des Fernsehens noch potenziert. Natürlich stand die Angst vor den sozialen Medien, vor Facebook, Twitter und Co. im Hintergrund. Und ebenso natürlich wurde das nicht gesagt, aber es war mit Händen zu greifen. Es war der Wettlauf zwischen Hase und Igel, der da gezeigt wurde, und es war klar, dass das Fernsehen diesen Wettlauf nicht gewinnen konnte.

Selten habe ich solch ein Dokument der Hilflosigkeit gesehen. Natürlich sind die sozialen Medien schneller. Das Foto eines Ereignisses mitsamt dem entsprechenden Kommentar ist innerhalb einer Minute hochgeladen. Recherche und Bewertung brauchen schon ein bisschen länger. Und wenn man dann noch Falsches von Richtigem trennen, Vermutung von Gewissheit unterscheiden will, dann dauert es womöglich noch länger. Es ist wie mit dem Unterschied von Gefühl und Denken. Wenn das Fernsehen sich auf das Niveau von Facebook herablassen will, dann ist es mit solchen Sendungen auf dem richtigen Weg.

Aber eben auch nur dann.

 

*

 

Vielleicht ist das ein besonders extremes Beispiel dafür, was passiert, wenn man versucht, der rasenden Beschleunigung zu folgen. Manchmal ist es gut, sich dem zu verweigern, nicht mitzumachen, es anders zu machen als all die anderen. Sich auch einmal Ruhe zu gönnen, eine Pause einzulegen, Entscheidungen in Ruhe reifen zu lassen. Sich nicht dem Strom derer anzuschließen, die immer das neueste haben, dem neuesten Trend folgen müssen. Vielleicht auch mal den Erinnerungen nachzuhängen, ohne schon gleich wieder an die nächste Aufgabe, den nächsten Termin zu denken. Auch das gehört zum Leben dazu, und ich denke, es ist gut so.

Und was machen wir dann mit der Angst, etwas zu versäumen? Eine Chance, die sich uns bietet, zu verpassen? Ganz einfach: Wir überlassen es dem Vertrauen auf Gott. Dass er es schon richtigmachen wird.

 

*

 

War da noch etwas? Ach ja, da war noch was. Der Anfang nämlich. Der Anfang mit John Franklin, der zu langsam war, um mitspielen zu können. Sten Nadolny hat diese Figur geschaffen in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Oder vielmehr: er hat dem realen John Franklin, der 1819-22 einer der ersten Menschen war, der in Richtung Nordpol unterwegs war und der 1845 den Versuch unternahm, die Nordwestpassage zu entdecken und dabei umkam, ein paar Eigenschaften angedichtet. Vor allem also die Langsamkeit. Bei Nadolny ist es Franklins Gründlichkeit, die seinen Männern bei der Expedition Richtung Nordpol zwei Mal das Leben rettet.

Auch Langsamkeit und Geduld kann also zu etwas gut sein. Manchmal entdeckt man damit Wege, die die anderen nicht sehen.



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)