Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Altjahresabend, 31.12.2016

Was uns über die Schwelle trägt
Predigt zu Jesaja 30:8-17, verfasst von Elisabeth Nitschke

Liebe Gemeinde!

I Bestimmt haben Sie in den vergangenen Tagen verschiedene Jahresrückblicke gelesen, angeschaut oder -gehört. Und daneben Ihre ganz eigenen gehalten: Was habe ich im vergangenen Jahr erlebt? Was ist toll gelungen, wofür bin ich dankbar? Wo bin ich den Anforderungen nicht gerecht geworden? Welche Veränderungen waren gut? Was trägt?

Wie an jedem Jahreswechsel wird uns einmal mehr bewusst, dass die Zukunft ungewiss ist, so wie natürlich an jedem neuen Tag, zu jeder Minute. Allerdings markiert die neue Jahreszahl, die wir in wenigen Stunden auf unsere Briefköpfe schreiben und über unseren Emails lesen werden, eine sichtbare Schwelle. Wir hoffen, die gottesdienstliche Unterbrechung unserer Silvesterfeierlichkeiten und Partyrituale hilft uns beim Vergewissern, was uns „über die Schwelle trägt“.
Rein statistisch gesehen wird das deutsche Volk immer pessimistischer, was zahlreiche Umfragen belegen. Wir suchen Sicherheiten und wünschten, die Antworten auf brennende Fragen wären nicht so kompliziert.

Doch auch unser Predigttext mutet uns was zu. Er ist dem Buch Jesaja entnommen, und zwar der Situation einer politischen Entscheidung. Gerade hat Jesaja in Gottes Namen die Politiker in Jerusalem vor einer falschen Bündnispolitik gewarnt. Gott fordert ihn auf, diese Warnung niederzuschreiben, damit sie dauerhaft schwarz auf weiß vorliegt.


Wir hören den Predigttext, Jesaja 30,8-17:
8 So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, dass es bleibe für immer und ewig. 9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Kinder, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN,

10 sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!«, und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schaut, was täuscht! 11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Lasst uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«

12 Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verlasst euch auf Frevel und Mutwillen und trotzt darauf, 13 so soll euch diese Schuld sein wie ein Riss, der aufbricht und klafft an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt;
14 wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, sodass man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stille sein und Hoffen würdet ihr stark sein.

Aber ihr habt nicht gewollt 16 und spracht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, – darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, – darum werden euch eure Verfolger überrennen.
17 Denn tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen; ihr alle vor dem Drohen von fünfen, werdet fliehen, bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.

II Liebe Gemeinde, machen wir uns kurz die historische Situation klar. Ein Teil des Landes von Jesaja ist schon komplett besetzt von der expandierenden Großmacht im Nordosten und wird in der Versenkung verschwinden. Im südlichen Landesteil mit Jerusalem überlegt man fieberhaft, wie man sich vor den Feinden schützen kann, die sich früher oder später auch bis hierher werden ausdehnen wollen. Bündnispolitik mit der Großmacht Ägypten ist eine Denkmöglichkeit. Sie erscheint naheliegend und geradezu alternativlos.

Jesaja warnt allerdings davor. Solltet ihr diesen Weg gehen, so werdet ihr zwischen den Großmächten zerrieben, selbst wenn ihr vorläufig auf der sicheren, stärkeren Seite stehen solltet. Wer das nicht sehen will, verschließt die Augen vor der Einsturzgefahr, vor den unausweichlichen Bildern zerschmetterter Städte, Häuser, Hausrat. Ein versprengter, verschüchterter Rest von euch wird dann irgendwann übrigbleiben, das ist das Ende der Fahnenstange. Und noch schlimmer: Allen, die es sehen, die euch mit der unangenehmen Wahrheit konfrontieren, verbietet ihr den Mund. Ihr wollt es gar nicht so genau wissen. Doch wer jetzt auf ägyptische Rosse und Renner setzt, wird fliehen statt fliegen und selbst überrannt werden.

Und mitten in diesen handfesten Analysen stecken Zumutungen, die tragen. Durch Stille sein und Hoffen würdet ihr stark sein.

Eine Aufforderung zum Stille sein – was für eine Zumutung schon damals in dieser politisch brisanten Situation! Jesaja regt an, die Geschichte mit diesem Gott noch einmal durchzugehen, zu bedenken, wie er immer half, all die Jahre – lang, lang ist es her – in der Wüste und bei der Besiedlung des Landes. Besinne dich auf deine Identität, die mit dem Heiligen Israels zutiefst verbunden ist.
Soweit zur Situation von Jesaja, die wir verstehen müssen, bevor wir versuchen, bleibend Gültiges auf uns zu übertragen.

III
Eine Aufforderung zum Stille sein – was für eine Zumutung in der Silvesternacht! Später werden auch wir die Feuerwerke genießen oder selbst abfeuern, bis dahin vielleicht äußerst angeregt mit Freunden feiern, Partyspiele spielen wie Bleigießen oder aus Glückskeksen Orakelsprüche ziehen. (Ganz ehrlich, haben Sie so etwas noch nie gemacht?)  

Eine Aufforderung zum Stille sein – was für eine Zumutung in einer aufgewühlten Zeit voller Unsicherheiten. Immer ist das Ärmelhochkrempeln gefragt, einen Gang hoch- statt runterschalten, nicht nur an unseren Arbeitsplätzen, auch im Ehrenamt. So erwarten wir das auch von denen, die uns auf verschiedenen Ebenen lenken und leiten. Die eine oder andere Entscheidung ist doch überfällig und auch alternativlos. Da passt Stille sein nicht dazu!  

Doch Stille sein, das ist nicht die Ruhe eines „lass uns in Ruhe“. Das ist nicht Nichtstun, aber erst recht kein blinder Aktionismus. In der Besinnung liegt die Kraft zur richtigen Entscheidung. Wenn das Feiern vorbei ist, wir Orakelsprüche und Bleigebilde im Sondermüll entsorgen, dann ist vielleicht auch Zeit zur Besinnung. Wenn nicht, sollten wir sie uns nehmen.

„Eine Führungskraft, die nicht jeden Tag einmal fünfzehn Minuten lang das Telefon abschaltet und die Prioritäten sortiert, ist in meinen Augen ungeeignet“, sagte mir vor kurzem ein Herr aus der Gemeinde, der lang in einer entsprechenden Etage tätig war. Er hatte das verinnerlicht: Vor der Außenpolitik muss die Innenpolitik liegen. Jesaja erinnert daran, dass die nur durch die Rückbindung an die Erfahrungen mit Gott zu entwickeln ist.

Wenn unsere Denkmuster nichts mehr hergeben oder unsere Verhaltensmuster nicht mehr taugen, wenn uns die Dinge allzu schnell als alternativlos erscheinen, dann ist Phantasie gefragt. Dann lassen wir uns in der Stille überraschen von Gottes Alternativen!

IV Um so eine Phantasie zu entwickeln, schauen wir mal auf eine göttliche Denkfigur. Ich möchte mich über die Hintertreppe mit Ihnen an sie annähern, damit uns das Überraschende an ihr klar wird. Und daher jetzt ein kleines Gedankenexperiment mit Ihnen.

Wagen wir dazu mal einen Jahresrückblick der anderen Art. Schließlich ist jetzt der Moment zum Innehalten, zum Stille sein mitten in allem Trubel, bevor wir die Schwelle überschreiten. - Stellen Sie sich folgendes vor: Sie sind, Du bist allmächtig. Niemand setzt Ihrem Geist und Körper Grenzen. Was für ein geniales Gefühl! Losgelöst von den Grenzen von Raum und Zeit, überlegen Sie, was Sie nun mit Ihrer Kraft und Ihrer grenzenlosen Vernunft anfangen. Oder so gefragt - was hätten Sie als Allmächtige, Allmächtiger im sich neigenden Jahr getan? Schauen Sie doch einmal in einer kurzen Pause auf das Jahr 2016 zurück und überlegen.

[Pause]

Mancher hätte sich wohl einen kleinen Traum vom persönlichen Glück erfüllt, sich ein bisschen mehr Schönheit, vor allem stabilere Gesundheit verschafft. Vielleicht mehr Wissen und mehr Können. Andere würden etwas tun, um die Lebensqualität der Menschen in ihrem Umfeld zu steigern. Vielleicht hätten Sie einen Schicksalsschlag im letzten Jahr verhindert. Angehörige weiterleben lassen, wenn es in Ihrer (All)macht gestanden hätte. Manche wären wohl so waghalsig und würden ins aktuelle Tagesgeschehen eingreifen. Die Ausstattung an Krankenhäusern und Schulen würden sie verbessern oder etwas dieser Art.
 
Manche hätten sich vielleicht an den Terror herangewagt, ihn unterbunden. Den Anschlag auf ein Nachtlokal in Orlando und den von Berlin verhindert. Den Beschuss von Aleppo. Dem zunehmenden Rechtspopulismus in der Mitte von Europa Einhalt geboten. Vielleicht hätten Sie etwas getan, um den Flüchtlingsstrom nach Europa zu stoppen. Worin auch immer dann die Lösung bestünde. Aber dann wären Sie ja auch allwissend und hätten eine weitsichtige Lösung parat, in der ein Schritt vor dem anderen gemacht worden wäre und nicht eine Kettenreaktion von Katastrophen in Gang käme.
Oder Sie hätten wenigstens die weichenstellende Niederlage des VFB Stuttgart gegen Werder Bremen verhindert.
In all diesen edelstrebenden Maßnahmen greifen unsere typischen Verhaltensmuster, nehme ich an. Eine Verlängerung zur Erfüllung unserer sonstigen Wünsche wäre unsere Allmacht dann. Und vieles wäre sicher nicht unvernünftig. Aber wäre es die Lösung?  

Wären Sie denn als Allmächtige, als Allmächtiger ausgerechnet auf die Idee gekommen, ein Mensch zu sein? Gott macht es so – er wird ein Mensch. Das ist paradox. Der, den wir den Allmächtigen nennen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, macht sich klein, begrenzt sich freiwillig und stellt so die Menschheitsgeschichte verändernde Weiche. Und, auch nach Weihnachten sei es noch einmal gesagt, was für eine Liebeserklärung an die Menschheit ist das!

V Vergessen wir das nicht, wenn Feuerwerkskörper, Partyreste und die gesamte Weihnachtszeit hinter uns liegen – und nehmen diese Gedankenbewegung mit hinein ins neue Jahr: Gottes Möglichkeiten sind so viel größer oder viel kleiner, als wir sehen können. 
Unsere Muster zu denken und handeln bestehen oft entweder in der Ausblendung – „Lass mich in Ruhe, ich will es gar nicht so genau wissen – da kann doch ich nichts machen“, oder im Aktionismus, dem vieles als alternativlos erscheint.

Es braucht die Stille, um lähmende Passivität und Aktionismus zu unterbrechen.
Die Stille konfrontiert. Sie konfrontiert uns mit unserer Begrenztheit. Und so liegen Stille und Umkehr, Besinnung und Besonnenheit eng beieinander.

Stille zwingt uns zum Nachdenken: Mit wem bin ich denn im Bunde? Mit Gott? Oder doch mit den alternativlos scheinenden Glaubensgrundsätzen, die vielen gesellschaftlichen Überlegungen zugrunde liegen: Solche wie „Die Wirtschaft muss kontinuierlich wachsen.“ „Wir müssen unsere Militärausgaben hochfahren, wenn die USA uns jetzt stärker in die Pflicht nehmen.“ „Die Zuwanderung in unser Land muss endlich verringert werden.“ Sind das inzwischen die eigenen Glaubenswahrheiten? Dann bleibt nicht so viel Spielraum zum Handeln.

Wenn wir uns von Gottes paradoxer weihnachtlicher Denkbewegung, seiner Menschwerdung, im neuen Jahr inspirieren ließen, dann würden wir vielleicht insgesamt auf neue Ideen kommen. Dann würden wir nicht alles so unhinterfragt stehen lassen. Die gesellschaftlich durchgesetzten Glaubensgrundsätze, sie nerven uns vielleicht, aber man muss die Augen nicht vor ihnen verschließen – nach dem Motto von Jesajas Zeitgenossen: „Lasst uns doch in Ruhe“. Und gleichzeitig muss kein alternativloser Aktionismus ausbrechen. Mit Besonnenheit aus der Stille kämen wir auf weitere Ideen und würden vielleicht mehrere Fragen gleichzeitig stellen:

„Wie kann mit der langsam, aber stetig wachsenden Wirtschaft gleichzeitig eine gerechte Verteilung des Reichtums gelingen?“ „Wie können wenigstens im Gleichschritt mit unserer militärischen Aufrüstung die Möglichkeiten der Diplomatie weiterentwickelt werden?“ „Wie können wir das Potenzial der zu uns Flüchtenden so einbinden, dass alle davon etwas haben?“

Das sind nur einige auf der Hand liegende Alternativfragen; andere, ganz persönliche, werden sich in Ihrem Leben abspielen. Nie ist etwas alternativ- und damit ausweglos.

Gott wird Mensch – das ist ein Gedanke, der gewissermaßen „neben der Spur“ liegt, aber er stellt die entscheidende Weiche, die unser Denken weiten kann. Und weit über die Weihnachtszeit hinaus können wir von seinem Denken lernen, unmöglich Scheinendes einzubeziehen in unsere Überlegungen.

Gott wird Mensch, einer von uns, das heißt auch, er will uns Gutes. Der Gott des Bundes hat uns all die Jahre unseres Lebens begleitet, so wie er Jesaja und seine Landsleute begleitete. Erwarten wir seine Begleitung. Finden wir ihn in der Stille, vielleicht reichen ein paar Minuten am Tag. Durch Stille sein und Hoffen werden wir stark sein.

Amen



Pfarrerin Elisabeth Nitschke
Leonberg
E-Mail: elisabeth.nitschke@elkw.de

(zurück zum Seitenanfang)