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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag n. Epiphanias , 15.01.2017

Mose in der Krise seines Lebens
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 33:12-23, verfasst von Bernd Giehl

Fangen wir doch einmal gemütlich an. So, wie wir’s gewohnt sind in der Kirche. So ganz versteht man’s ja nicht, worüber hier verhandelt wird. Na ja, wenn man lang genug zuhört und nicht vorher wegdämmert, dann merkt man, dass es hier um eine Art Krisengespräch geht. Irgendetwas ist gewaltig schiefgelaufen und nun ist der Angestellte beim Chef. Es geht um Kündigung. Nein, nicht der Chef dem Angestellten. Eher schon umgekehrt.

Ob Sie das auch so gesagt hätten, wenn ich Sie gefragt hätte, worum es hier eigentlich geht? Ehrlich gesagt, ich zweifle daran. Ich glaube, man muss ein gewisses Hintergrundwissen mitbringen, um diese Szene zu verstehen. Man wird als Predigthörer plötzlich hineingeworfen in einen Dialog, dessen Anfang man nicht mitbekommen hat. So als ob man mitten im Film eingeschaltet hätte. Das liegt natürlich daran, dass man der Predigt nicht ellenlange Lesungen voranschalten kann. Ganz abgesehen davon, dass die Bibel ist nun einmal nicht in einer Sprache geschrieben, die wir gewohnt sind; sie ist nicht aufgebaut wie ein Roman.

Nicht so ganz einfach da hineinzukommen. Man muss schon ein wenig Mühe aufwenden. Aber dann lohnt es sich auch.

Ach ja; eins muss ich noch hinzufügen: Sehr gemütlich wird es nicht. In der Umgebung der Erzählung vom „Goldenen Kalb“ kann es wohl nicht gemütlich werden.

 

*

Verzeihen Sie, ich will ja nicht pedantisch erscheinen, aber bevor ich nun richtig loslege, muss ich wohl doch noch eine Korrektur anbringen. Viele von uns werden diese Geschichte seit Kindergottesdiensttagen kennen. Und ebenso viele werden sie unter der Überschrift „Das Goldene Kalb“ kennen. Und sich entsprechend wundern über den Fortgang. Über den lodernden Zorn Gottes, der da plötzlich entbrennt, als er sieht, was die Menschen unten am Berg Sinai getan haben, während er dem Mose oben auf dem Berg die Zehn Gebote diktiert hat. Die Israeliten unten am Fuß des Berges haben sich also ein Goldenes Kalb gemacht und es als ihren Gott angebetet. Und einen Augenblick stutzt man: Ist ein Kalb denn so gefährlich? Ein Kalb wird von der Mutter gesäugt, mit einem Kalb kann man spiele und es soll Leute geben, die Kalbfleisch essen, aber ein Kalb ist süß, zutraulich, niedlich. Könnte sein, dass Luther es eher spöttisch gemeint hat, als er an dieser Stelle von einem Kalb sprach. Aber falls es denn Ironie war, was ich nicht weiß, dann hat sie ihre Zähne verloren. Hier mag von allem Möglichen die Rede sein; nur harmlos ist es nicht. Vorstellen muss man sich wohl eher ein Wesen von großer Kraft. Eins wie man es vielleicht noch aus Filmen wie „Der Herr der Ringe“ kennt. Selbst von einem Stierbild zu reden, trifft die Sache nicht ganz. Dieses Wesen hat Macht, oder sie wird ihm zumindest zugeschrieben. Es ist etwas, was wir aufgeklärten, mit allen Wassern der Kritik gewaschenen, vernunftorientierten Menschen kaum noch vorstellen können. Hier stehen die Auseinandersetzung der Propheten mit dem Stierbild in Beth-El im Hintergrund, die ihr Echo im Alten Testament gefunden haben. Vermutlich auch an die Götterbilder von Baal, von denen ebenfalls immer wieder die Rede ist.

Ja wirklich: hier tobt ein Kampf. Der bilderlose Gott kämpft gegen die Götterbilder. Der, der sich nicht festlegen lassen will, dessen Name so heilig ist, dass man ihn nicht aussprechen darf, der ihn übersetzt als „Ich werde sein, der ich sein werde“ kämpft gegen die Götter der Fruchtbarkeit und des Krieges. „Du sollst dir kein Bild machen“ lautet das zweite Gebot. Für uns spielt es kaum noch eine Rolle, aber für Israel war es wichtig wie kaum ein anderes. In der Bedeutung folgt es gleich nach dem ersten „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland geführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

Aber Menschen gehen nun einmal nicht gern ins Unbekannte. Schon gar nicht, wenn sie sich von dem, der da vorausgeht, der sich ihnen nur als Wolke oder Feuersäule präsentiert, keine Vorstellung machen dürfen. Sie brauchen ein Raster, in das sie die Dinge einordnen können. Sie wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Menschen brauchen Bilder. Sie müssen einordnen können. Manchmal hängt ihr Leben davon ab. Nur von dem, der an erster Stelle in ihrem Leben stehen soll, von dem sollen sie sich kein Bild machen.

Wenn das mal gutgeht.

 

*

Nein, natürlich ist das nicht gutgegangen und an der Stelle stehen wir nun. Die Schlacht ist geschlagen und es hat eine Menge Tote gegeben. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Mose hat die Leviten beauftragt, durchs Lager zu gehen und ihre Verwandten und Freunde umzubringen, und die Leviten haben es getan. Schwer das alles zu glauben, schwerer vielleicht noch es zu fassen, aber ich will es noch einmal und in aller Deutlichkeit sagen: Das ist eine so symbolisch aufgeladene Geschichte, wie es nur wenige in der Bibel gibt. Eine Geschichte, an der die Erfahrung von vielen Jahrhunderten mitgeschrieben hat, und darum ist es auch eine Geschichte, die wir nicht so leicht zu fassen bekommen.

Aber nun ist es vorbei. Mose steigt wieder auf den Berg. Wieder ist er allein mit Gott. Und nun geht es um alles. Um die Frage, ob er versagt hat. Um die Frage, ob es noch weitergeht. Ob es noch Sinn macht. Ob Gott noch immer vorhat, das Volk Israel ins Gelobte Land zu führen. Ob er es ist, der es führen soll.

Es steht Spitz auf Knopf. Gut möglich, dass er das Gefühl hat, sie hätten beide versagt. Er und Gott. Will er noch weiter? Kann er noch weiter? Will Gott noch weiter? Spürt Mose nicht doch Verständnis für sein ungehorsames Volk? Tun ihm die Toten leid, die auf seinen Befehl hin ihr Leben lassen mussten? Aber hier reicht die Sprache nicht mehr aus. Jedenfalls nicht die Sprache der Predigt. Einen Tsunami im Kopf kann man zwar darstellen; beschreiben kann man ihn aber nicht.

Und so entwickelt sich schließlich dieser merkwürdige Dialog. Mose sagt: Ich will wissen, was du mit uns vorhast. Gott erwidert: Ich werde weiter bei euch bleiben. Mose ist das nicht genug. Dafür ist viel zu viel passiert. Fast kommt er mir vor wie ein trotziges Kind, das unbedingt wissen will, ob die Mutter es auch wirklich liebt. Gott bestätigt es ihm noch einmal.

Aber Mose ist immer noch nicht zufrieden. „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“, fordert er.

 

*

Müsste Ihnen an dieser Stelle nicht der Atem stocken? Und Mose selbst – müsste der nicht im Boden versinken? Wie war das doch gleich? Es hat Tote gegeben, weil die Israeliten Gott sich vorstellbar machen wollten – wenn auch nur in der Form einer Statue? Soll man sagen, die Statue ist Mose noch nicht genug, er will Gott sehen wie er ist?

Ich denke, man wird es so sagen können. Und dabei ruhig den Schrecken zulassen, der einen bei diesem Gedanken überfällt. Aber zugleich sollte man auch den anderen Gedanken zulassen: Hier geht es wirklich einmal um alles. Selbst wenn die Sprache, in der die Geschichte aufgeschrieben ist, das nicht hergibt.

 

*

Mose und Gott. Fast sind sie gleichwertig. Jedenfalls in diesem Moment. Vielleicht ist es ein blasphemischer Gedanke, aber ich möchte doch sagen: In diesen Minuten kann keiner ohne den Anderen. Andernfalls würde Gott ihn wohl niederstrecken. Ihn fällen, wie der Blitz einen Baum fällt. Das Unglaubliche ist: Gott lässt sich auf die Bitte ein. Mose wird ihn nicht von vorn sehen, sondern er wird ihm nachsehen dürfen. Die einen dürfen sich nicht einmal ein Bild von ihm machen und er darf zumindest den Rücken Gottes sehen. Nur einer, Elia, hat Gott noch einmal nachsehen dürfen, eine Ausnahmegestalt auch er. Und ebenso wie Mose befindet auch er sich in der größten Krise seines Lebens. Und man wird auch nicht einfach sagen dürfen, hernach ist es gut. Beides sind Geschichten auf Leben und Tod, da kann man den Ausgang nicht einfach so voraussagen.

 

*

Kann man davon erzählen? Ich weiß es nicht. Gut möglich, dass Sie an dieser Stelle längst ausgestiegen sind. Das Sie sagen: So nahe wollte ich nicht heran. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch; ich habe Frau und Kinder, hier gehe ich nicht mehr mit. Ich kann das verstehen. Diese Geschichte führt in Tiefen, an denen es einen schnell graut.

Möglich aber auch, dass Sie sagen: Doch, diese Geschichte kenne ich. Sie ist mir nah, selbst noch in ihrer Unheimlichkeit. An dieser Stelle habe ich ein- oder zweimal auch schon gestanden. Dort, wo vor einem nur noch die Wand ist. Und man das Gefühl hat: wenn er mir jetzt kein Zeichen gibt, dann war’s das. Nicht jeder erlebt sie, aber es gibt Menschen, die es erfahren haben. Meist ist es ein Unglück oder ein plötzliches Leid, das einen vor die Frage stellt, wo Gott ist. Und vor allem: Wer er ist. Und es sind durchaus nicht Menschen, die von Gott nichts wissen wollen, sondern eher Menschen, die nach ihm fragen. Die ihm glauben wollen. Menschen, die auch Erfahrungen mit ihm gemacht haben. Menschen, denen Gott wichtig ist.

Und dann verdüstert sich der Himmel. Antworten? Vielleicht gibt es sie. Aber sie genügen nicht. Denn natürlich fragt der, der das Unglück erlebt hat. Fragt aggressiv, vielleicht unangemessen. Fragt: „Warum?“ fragt: „Wo ist Gott? Warum antwortet er nicht?“ Fragt Leute, die glauben, sie müssten Gott in Schutz nehmen. Vielleicht müsste man ihn einfach einmal reden ihn sich seinen ganzen Kummer von der Seele reden lassen; ihm einfach nur zuhören. Mag sein, dass das, was er sagt, empörend in unseren frommen Ohren klingt. Und doch wäre es gut, wenn wir dann nicht vorschnell anfangen würden, Gott zu verteidigen. Wenn wir einfach nur zuhören würden.

Es wäre möglich, dass manchem schon dadurch geholfen würde.

 

*

Nein, ich werde das Rätsel jetzt nicht für Sie auflösen. Ich habe keine Antwort darauf, warum Mose und Elia Gott zumindest nachblicken konnten; seither aber keiner mehr. Und ich weiß auch nicht, wie die Geschichte von der verzweifelten Gottessuche ausgehen wird. Möglich dass sie damit endet, dass der Betreffende zu seinem Glauben zurückfindet. Möglich aber auch, dass sich der Betreffende sich von seinem Glauben abwendet.

Manchmal ist es besser, eine solche Geschichte einfach stehenzulassen. Ihr kein vorschnelles Happy End zu geben. Selbst wenn wir es uns wünschen. Es wäre nicht ehrlich. Es würde nichts bringen. Manchmal muss man es aushalten. So wie man auch die Suche nach Gott manchmal einfach aushalten muss.

Möglich, dass man am Ende sagt: Doch ja, ich habe ihn gefunden. In der Begegnung mit einem anderen Menschen. Oder in der Rückschau aufs eigene Leben.

Das zumindest wäre dann ein wirkliches Happy End.



Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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