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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag n. Epiphanias , 15.01.2017

Gott - fern und nahe
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 33:17b-23, verfasst von Luise Stribrny de Estrada

Gnade sei mit euch und Friede

von dem, der da ist

und der da war und der da kommt.

Amen.

 

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

„Lass mich deine Herrlichkeit schauen“, bittet Mose Gott. „Lass mich dich sehen, zeige dich mir“, drängt er ihn, „ich möchte begreifen, wer du bist.“ Und Gott geht tatsächlich darauf ein: Er lässt seine Herrlichkeit an Mose vorübergehen. Aber ganz so, wie Mose es sich vorgestellt hatte, ist es nicht, Gott gibt sein Geheimnis nicht preis: Sein Angesicht kann Mose nicht schauen. Aber er darf hinter ihm hersehen.

Mich fasziniert dieser vertraute Umgang zwischen Gott und Mose. Sie reden miteinander, Gott antwortet Mose so, wie es ein Freund tun würde. Sie ringen miteinander, der eine geht einen Schritt vor, der andere einen zurück. Es erinnert mich an eine Leibesbeziehung, in der der eine mehr Nähe möchte als der andere, der immer noch einen Raum um sich braucht, der nur ihm gehört. – So vertraut wie Mose würde ich auch gerne mit Gott umgehen. Gott sehen oder zumindest hinter ihm hersehen und mit ihm sprechen können wie mit einem vertrauten Freund, das müsste gut sein. Wenn das ginge, fiele es leichter zu glauben.

Wie kommt es zu diesem Gespräch und dieser Bitte des Mose? Im Exodus-Buch, dem Zweiten Buch Mose, geht unserer Geschichte der Bericht vom goldenen Kalb voraus. Das Volk Israel war tief verunsichert, weil Mose so lange auf dem Gottesberg blieb, und es schien, dass er nie wieder zurückkäme. Deshalb baten die Israeliten Aaron, ihnen einen Gott herzustellen, der sie anführen sollte. Da fertigte Aaron ihnen ein goldenes Stierbild, wie sie es aus Ägypten kannten. Gott bestrafte das Volk für diesen Abfall vom Glauben an den einzigen Gott. Mose aber bat für die Israeliten, und Gott bereute, dass er vorgehabt hatte, das Volk zu vernichten. Jetzt beginnt unsere Geschichte. Sie fängt mit Gottes Worten an Mose an: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, ich kenne dich mit Namen.“ „Ich kenne dich bis auf den Grund deines Herzens.“

Da bittet Mose Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Gottes „Herrlichkeit“, das ist seine Macht, sein leuchtender Glanz. Mose will ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott da ist. Einen Beweis, dass er sich auf ihn verlassen kann. Er braucht das nach den Auseinandersetzungen, die er mit seinem Volk und mit Gott gehabt hat, um den Weg durch die Wüste in das verheißene Land fortzusetzen.

Bei allem, was mich an dem Gespräch zwischen Gott und Mose fasziniert, ist es auch durchweht von dem Hauch des Archaischen, des Urtümlichen. Es entspricht nicht der Welt, in der ich, in der wir leben: Wir kämen nicht auf die Idee, einen goldenen Stier als Gott anzubeten. Aber bei genauerem Hinsehen ist unsere Aufgeklärtheit eine dünne Schicht an der Oberfläche. Wenn wir ein wenig daran kratzen, merken wir, dass wir uns Ersatzgötter schaffen und unser Herz an Dinge hängen, die mit Gott nichts zu tun haben.

Unsere Überlegungen kreisen gerne um das Geld, das wir haben oder gerne hätten: Wie kann ich mein Geld richtig anlegen? Wie sinnvoll ist es, angesichts niedriger Zinsen zu sparen? Was möchte ich mir als nächstes kaufen und leisten? Wie wichtig Geld ist, spiegelt sich auch in den täglichen Nachrichten über die Börsenkurse und den langen Gesichtern der Börsenspekulanten wieder, wenn der DAX mal wieder gefallen ist. - Neben dem Geld beten wir das Auto an: an ihm lesen wir ab, welche soziale Stellung jemand hat. Je größer und schneller das Auto, desto bedeutender muss der Fahrer oder die Fahrerin sein. Viele kümmern sich um ihr Auto, als wäre es ein Kind, das Zuwendung braucht. - Andere hängen ihr ganzes Herz an den Fußball und fiebern mit, wenn ein Tor geschossen wird oder ihr Verein in Gefahr ist abzusteigen. Wenn der Pokal gewonnen ist, gibt es kein Halten mehr, und vielen stehen Tränen in den Augen. - All das sind Ersatzgötter, die unsere Gedanken und Gefühle mit Beschlag belegen und unsere Herzen höher schlagen lassen, oft mehr als der Glaube an Gott.

 

Aber kehren wir zu Mose zurück. Ihm geht es um Gott, an dem er hängt und dem er alles Gute zutraut. Von ihm will er ein Zeichen haben, dass er ihm nahe ist. Mose fühlt sich allein, und hat, so scheint es ihm, das ganze Volk gegen sich. Keiner ist auf seiner Seite, er steht allein gegen alle anderen. Die Führung droht ihm zu entgleiten. Aber da ist einer, der ihn unterstützt und ihm Halt gibt, seiner will er sich vergewissern. Ich kann Mose gut verstehen, wenn er zu Gott sagt: „Lass mich deine Herrlichkeit schauen.“ „Ich brauche dich jetzt. Ich muss mir deiner wieder sicher sein können.“

Wichtig ist, wie es jetzt weitergeht. Wichtig, weil wir heute ähnliche Erfahrungen mit unserem Gott machen können. Gott geht auf Moses Bitte ein und wendet sich ihm freundlich zu. Er antwortet ihm: „Ich will alle meine Güte, alles, was du und dein Volk Gutes von mir erfahren haben, an dir vorüberziehen lassen.“ Es gibt viel Gutes, angefangen damit, dass er sie aus der Unterdrückung in Ägypten befreit und vor dem Heer der Ägypter gerettet hat, das sie verfolgte. Danach hat er sie durch die Wüste geführt und dafür gesorgt, dass sie nicht vor Durst oder Hunger starben. - Wenn ich genau hinschaue, hat Gott auch in meinem Leben immer wieder Gutes getan. Er hat mich in gefährlichen Situationen bewahrt, wo ich im Nachhinein denke: Da hätte mir etwas Schlimmes passieren können. Er hat mir Menschen geschickt, die mir lieb sind und für die ich wichtig bin. Und noch viel mehr…

„Ich will alle meine Güte an dir vorübergehen lassen,“ sagt Gott zu Mose, „und ich will dir meinen Namen nennen.“ Der Name ist etwas ganz Wesentliches, er trifft den Menschen in seinem Kern und meint ihn als ganze Person. Wer den Namen eines anderen kennt, so dachten die Menschen des Altertums, hat Macht über ihn. Wenn Mose Gottes Namen kennt, dann kann er sich immer an ihn wenden, wenn er ihn braucht. Wenn Gott Mose seinen Namen offenbart, ist das ein Beweis seiner Liebe.

Der Blick zurück auf das Gute, das gewesen ist - hilft das Mose, hilft mir das? Ja, Gott war an meiner Seite, manchmal ohne dass ich es gemerkt habe, und hat für mich gesorgt. Krisen, die es gab, hat er mir geholfen zu bestehen. So kann ich mein Leben im Rückblick lesen. - Aber ich lebe doch jetzt, ich brauche Gottes Nähe und Hilfe in diesem Augenblick. Was hilft mir da ein Schatz von Erinnerungen?

Moses Bitte, Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, weist Gott ab. Wer ihn sieht, unmittelbar und ungeschützt mit ihm zusammenprallt, der muss sterben. Vor Gottes Macht sind Menschen so winzig, dass sie nur im Boden versinken können. So war es in der Zeit des Mose. Wir aber leben nach Christus, in dem wir Gottes Angesicht gesehen haben. Seit seiner Geburt zu Weihnachten, seinem Leben für uns, seinem Tod und seiner Auferstehung wissen wir, dass Gott ein menschliches Antlitz hat. Wir können ihn sehen und bleiben doch am Leben.

In unserer Geschichte stellt Gott Mose abseits in eine Felsenkluft und hält seine Hand schützend über ihn, während er mit all seiner Güte an ihm vorüberzieht. Gott bemüht sich nach allen Regeln der Kunst darum, Mose keiner Gefahr auszusetzen: Er stellt ihn in eine Felsspalte, hält seine Hand über ihn und sorgt dafür, dass er nur hinter ihm hersehen kann. Vor der Erfahrung des gefährlichen und unheimlichen Gottes wird Mose bewahrt – und wir in unserem Leben sehr oft auch. Stattdessen bekommt Mose eine Zusage, mit der auch wir etwas anfangen können. Gott sagt zu ihm: „Du darfst hinter mir hersehen.“ Das ist keine billige Vertröstung. Ich kenne das aus meinem eigenen Leben: Wenn es mir schlecht geht und ich durch ein dunkles Lebens-Tal hindurch gehen muss, spüre ich nichts von Gott und seiner Begleitung. Ich fühle mich allein und von allen verlassen. Aber wenn ich dann hindurch bin und es wieder aufwärts geht, erkenne ich, dass Gott mich nicht vergessen hatte. Er war da, und hat mich vor Schlimmerem bewahrt. Am Ende erkenne ich, dass sich doch alles gefügt und mein Leben einen Sinn hat. Vielleicht kennen Sie diese Erfahrung auch.

Wir können beten mit allem Nachdruck und aller Leidenschaft und Gott damit in den Ohren liegen. Und doch steht das immer unter dem Vorbehalt: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“. Oder wie wir im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe.“                                                    Amen.



Pastorin Luise Stribrny de Estrada
Lübeck
E-Mail: pastorin.stribrny@gmx.de

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