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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Sonntag n. Epiphanias , 15.01.2017

Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 33:17-23, verfasst von Birgit Weyel

17b Der Herr sprach zu Mose: du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.

18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

21 Und der Herr sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.

23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

 

Mose will es wissen. „So lass mich deinen Weg wissen, damit ich dich erkenne“. Das ist keine philosophische Frage, sondern eine existentielle. Eine solche Frage stellt man sich, wenn man begreifen will, was im Leben trägt und worauf man sich verlassen kann. Wie geht es weiter, Gott? Wer bist Du? Wie sieht es aus – Dein Angesicht?

Und Mose will es auf dem Berg Sinai wirklich wissen – noch einmal ist er den Berg hinaufgestiegen und jetzt fragt er nach. Es geht ja nicht nur um ihn, sondern um die ganze Gruppe der Israeliten, mit denen er aus Ägypten geflohen war und mit denen er seit vielen Jahren durch die Wüste zieht. Denkbar harte Bedingungen sind das: Hunger und Durst, Hitze und Kälte, auf dem Weg in das gelobte Land sind sie schon mehrfach im Kreis gelaufen, seine Führungskompetenz hatte man in Frage gestellt. Immer wieder dieses Murren hinter seinem Rücken, mal lauter, mal leiser, mal offene Rebellion und mal verstecktes Misstrauen – eine schwierige Situation und das verheißene Land nicht in Sicht. Wie geht es weiter, Gott? Wer bist Du? Ich möchte Dich einmal sehen können.

Vielleicht würden wir es etwas anders formulieren, aber ähnliche Fragen treiben Menschen auch heute um: Welchen Sinn hat es, sich Tag für Tag auf den Weg zu machen, die vielen Umwege, die Mühe? Und: Wie geht es weiter? Wie sieht die Zukunft aus? Hoffnungen und Wünsche, Erwartungen und Befürchtungen verdichten sich. Was mag das Jahr uns bringen? Uns persönlich, unseren Familien und Freunden, und auch der Welt, in der wir leben. Werden Menschen auf der Flucht ein Land finden, in dem sie leben können? Werden sie und ihre Nachkommen eine Zukunft haben? Werden wir eine Zukunft haben als offene, tolerante und mitmenschliche Gesellschaft? Wie geht es weiter in den USA? Und an vielen anderen Orten der Welt, in der wir leben.

Nicht immer fragen wir ausdrücklich nach Gottes Angesicht, aber die Frage nach dem Weg, die Frage nach der Zukunft, diese Frage ist immer auch die Frage nach dem, was größer ist als unser endliches, menschliches Leben. Es ist die Frage nach Gott, wer er ist und wo er für uns sichtbar werden kann.

Der Dialog zwischen Mose und Gott ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer langen Erzählung. Liest man diese Erzählung im Ganzen, dann zeigt sich, dass Mose und das Volk Israel bereits eine lange Geschichte miteinander haben und dass sich Gott im Laufe der Geschichte schon mehrfach gezeigt hat. Gleich zu Beginn ergreift Gott die Initiative, indem er Mose beruft. Ein brennender Dornbusch symbolisiert seine Präsenz. Und als Wolke und Feuersäule weist Gott Tag und Nacht den Weg. Den größten Wert aber legt die Erzählung auf die Worte, die Gott spricht. Die Zusagen, die Verheißungen, in denen Gott sich Israel mitteilt.

Ganz zu Beginn der Geschichte, noch in Ägypten, als Mose zögert und fragt: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Da sagt Gott: Ich will mit dir sein. Und schon hier beharrt Mose und fragt, was soll ich denn sagen, wenn die Israeliten mich fragen, wer mich zu ihnen geschickt hat: Wie ist dein Name? Und hier stellt sich Gott selbst vor mit den Worten: Ich bin, der ich bin. Vielleicht übersetzt man besser: Ich werde sein, der ich sein werde. Das ist kein Name und es ist doch ein Name. Es ist ein Name, dessen Sinn und Bedeutung sich allmählich erschließt. Als die Flucht aus Ägypten gelingt. Als in der heißen Wüste unerwartet frisches Wasser aus einem Felsen fließt. Als die Israeliten hungrig ihr Lager aufschlagen und am nächsten Morgen der Tisch für sie gedeckt ist. Dort in der Wüste, wo nichts wächst, gibt es plötzlich Wachteln und Manna für alle. Ich werde sein, der ich sein werde.

Was vielleicht am Anfang noch ganz vage und offen, auch ein bisschen rätselhaft klingt, das ergibt mit der Zeit ein Bild; ein Bild von Gott, ein Charakterbild oder auch Gesichtszüge, in denen wir sein Wesen erkennen können.

Wenn man als Leserin der Geschichte im 2. Buch Mose die einzelnen Etappen der Erzählung Revue passieren lässt, dann zeigt sich: Gott hält, was er verspricht. Er ist mit den Menschen in Not und Gefahr. Er zeigt ihnen den Weg. Er deckt ihnen auf ihrer Wüstenwanderung den Tisch.

Und es ist beinahe so, als wollte Gott im Gespräch mit Mose noch einmal daran erinnern: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Und doch wird man Mose verstehen können, wenn er sich hier oben auf dem zerklüfteten Felsen und bei dünner Luft so beharrlich zeigt. Denn es gibt ja auch die anderen Erfahrungen, die sie auf dem Weg gemacht haben und die sich nachdrücklich in der Erinnerung festgesetzt haben. Denn, ja: Sie haben gehungert. Sie haben gefroren. Sie sind im Kreis gegangen, zeitweise haben sie die Orientierung völlig verloren. Der Zweifel hat an ihnen genagt. Nicht wenige von ihnen sind unterwegs gestorben. Und noch ist offen, ob sie jemals ankommen werden. Wer neugierig ist und weiterblättert, weiß schon: Mose wird das gelobte Land zwar noch sehen, aber es selbst nicht mehr betreten können.

Sich auf ein Wort hin auf den Weg gemacht, der Verheißung vertraut. Das muss ein Menschenleben erst einmal alles aushalten können: Knechtschaft und Freiheit, das Glück und den Schmerz, die Liebe und den Hass, das Leben und den Tod. Die Widersprüchlichkeit und Uneindeutigkeit des Lebens. Gegensätzliche Erfahrungen, die nebeneinander und auch gegen einander stehen. Sich überlagernde, zwiespältige Erfahrungen. Warum sollte man da nicht fragen: „So lass mich deinen Weg wissen, damit ich dich erkenne“.

Christoph Schlingensief, Künstler und Theaterregisseur schreibt in seinem Tagebuch einer Krebserkrankung: „Es gibt sicher noch viele Dinge, die noch nicht ausgestanden sind, wo man noch mal abwarten muss, aber das Ende zu beschwören bringt auch nichts. Das habe ich heute vielleicht gelernt. Na gut, ich spucke jetzt große Töne. Wenn es mir morgen wieder schlechter geht oder irgendetwas anderes passiert, dann werde ich bestimmt wieder genug Gründe haben, das anders zu sehen. Wie auch immer: Heute bin ich mehrmals extrem belohnt worden, nachdem ich gestern gedacht habe, es ist alles zu Ende. Dass diese Stimmungen so nah beieinanderliegen, ist etwas, was zu begreifen unglaublich wichtig ist. Man kann sich nicht herbeiwünschen, keine Angst zu haben. Wünschen kann man es sich schon, aber man kann es sich nicht herbeiwünschen, sodass es auch tatsächlich eintritt. Gestern war ich der festen Überzeugung, dass es jetzt zu Ende geht, heute hoffe ich, dass alles gut wird. Schon anstrengend alles.“ (143f).

Dass Mose so beharrlich mit Gott verhandelt, lese ich vor dem Hintergrund der Uneindeutigkeit unserer Lebenserfahrungen. Gleich mehrmals spricht Gott ihm zu: „Ich kenne dich mit Namen und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden.“ Und Mose wird hier in dieser kleinen Szene an die vielen Erfahrungen von Rettung und Bewahrung erinnert, die er doch schon mit Gott gemacht hat. Und Gott erneuert seine Zusage und sagt: „Mein Angesicht soll vorangehen; ich will dich zur Ruhe leiten.“ Und dennoch insistiert Mose: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Mose bekommt keinen Gottesbeweis, keine ultimative Gotteserfahrung, zweifelsfrei und eineindeutig. Eine solche Eindeutigkeit gibt es unter den Bedingungen menschlichen Lebens nicht, „denn kein Mensch wird leben, der mich sieht“, sagt Gott. Auch hier hat die Szene so gar nichts von einem philosophisch-theologischen Gedankenaustausch, sondern Gott ist fürsorglich, ja, beinahe zärtlich und kreativ, einen Weg für Mose zu finden: „Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“ Und dass ein Glanz auf seinem Gesicht liegt, als Mose vom Berg Sinai zurückkehrt, wird auch noch erzählt. Die Herrlichkeit Gottes strahlt auf ihn ab, sie erfasst ihn und er bringt ihre Strahlen mit, als er zu den Israeliten zurückkommt. Ein Leuchten, das sie auf ihrem Weg begleiten wird. Ein Glänzen, das sie daran erinnern soll, dass man sich auf Gott verlassen kann, auch wenn man ihn nicht sehen kann. Dass er nahe ist, auch wenn man das nicht spüren kann.

Von dem Glanz und der Nähe Gottes zu den Menschen erzählen auch die Evangelien. Gott macht sich in der Jesus Christus-Geschichte anschaulich. Mehr noch: Gott wird Mensch, kommt in unsere Welt und zieht mit seiner Herrlichkeit in die Zwiespältigkeit menschlicher Lebens- und Leidenserfahrungen ein. „Und wir sahen seine Herrlichkeit“ – so fasst das Johannesevangelium das Zentrum unseres Glaubens zusammen. Gott ist das schutzlose Kind im Stall in der Krippe, der Wanderprediger, der Kranke heilt und bei den Zöllnern am Tisch sitzt. Gott erscheint leibhaftig in der Welt und zeigt uns im Leben und Sterben des Jesus von Nazareth seine Liebe. Vielleicht werden unsere Gottesbilder dadurch irritiert. Denn die Widersprüchlichkeit und Uneindeutigkeit des Lebens wird nicht aufgelöst. Sie bleibt bestehen, solange wir leben. Und doch strahlt die Herrlichkeit Gottes auf uns ab und legt einen Glanz auf unser Leben. Gott bleibt nicht fern, er ist uns nahe. Und wir können uns auf sein Wort verlassen, dass er der ist, der er ist: ein den Menschen zugewandter Gott, ein Gott der sich erbarmt und uns gnädig ist.

Amen

 



Prof. Dr. Birgit Weyel
Tübingen
E-Mail: birgit.weyel@uni-tuebingen.de

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