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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 05.02.2017

Gott-wer bist du?
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 3:1-14, verfasst von Klaus Wollenweber

Liebe Gemeinde,

Immer wieder taucht in unserem Freundes- und Bekanntenkreis die Frage auf: „Glaubst du wirklich an den Gott im Himmel?“ Oder anders formuliert: „Glaubst du tatsächlich an ein transzendentes, ewiges Wesen?“ oder argumentativ: „Sprechen nicht die naturwissenschaftlichen Ergebnisse und die Realität unserer heutigen Welt mit den schrecklichen Taten von Menschen gegen eine Existenz Gottes? Wenn es einen allmächtigen Gott gäbe, dann …. Wie kann dieser das alles zulassen?“

Ich habe keine schnelle, fertige Antwort auf diese philosophische oder mehr weltanschauliche oder sogar existentielle Frage parat. Aber im Blick auf eine mögliche Antwort hilft mir der biblische Text aus dem 2.Buch Mose, aus dem Buch Exodus, der als Predigttext für diesen letzten Sonntag nach Epiphanias ( Erleuchtung ) vorgeschlagen ist.

Ich lese 2.Mose 3, 1-14 ( Zurcher Bibel )

1 Und Mose weidete die Schafe seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Und er trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Gottesberg, den Choreb.

2 Da erschien ihm der Bote des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er sah hin, und sieh, der Dornbusch stand in Flammen, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt.

3 Da dachte Mose: Ich will hingehen und diese grosse Erscheinung ansehen. Warum verbrennt der Dornbusch nicht?

4 Und der HERR sah, dass er kam, um zu schauen. Und Gott rief ihn aus dem Dornbusch und sprach: Mose, Mose! Und er sprach: Hier bin ich.

5 Und Gott sprach: Komm nicht näher. Nimm deine Sandalen von den Füssen, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.

6 Dann sprach er: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Angesicht, denn er fürchtete sich, zu Gott hin zu blicken.

7 Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Schreien über ihre Antreiber habe ich gehört, ich kenne seine Schmerzen. 8 So bin ich herabgestiegen, um es aus der Hand Ägyptens zu erretten und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes und weites Land, in ein Land, wo Milch und Honig fliessen, in das Gebiet der Kanaaniter und der Hetiter und der Amoriter und der Perissiter und der Chiwwiter und der Jebusiter.

9 Sieh, das Schreien der Israeliten ist zu mir gedrungen, und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie quälen.

10 Und nun geh, ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, heraus aus Ägypten.

11 Mose aber sagte zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?

12 Da sprach er: Ich werde mit dir sein, und dies sei dir das Zeichen, dass ich dich gesandt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr an diesem Berg Gott dienen.

13 Mose aber sagte zu Gott: Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage: Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch gesandt, und sie sagen zu mir: Was ist sein Name?, was soll ich ihnen dann sagen?

14 Da sprach Gott zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Ich-werde-sein hat mich zu euch gesandt.

 

Liebe Gemeinde, diese ernste Frage nach Gott und seinem Namen kennen gläubige Menschen schon seit altersher. Beispielhaft aufgezeichnet ist sie in der Geschichte des Mose mit Gott, in dessen Berufung durch Gott: Mose soll das Volk Gottes aus der Sklaverei in Ägypten herausführen und in das gelobte Land Kanaan bringen. Im Blick auf unsere Frage nach Gott gibt es in dieser Erzählung zwei klare Antworten.

Erstens: Gott ist keine Erfindung des Mose, keine Idee oder Vorstellung eines Men-schen, sondern er ist bereits längst der handelnde Gott der Vorfahren. Er ist der Gott der Geschichte mit den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob. Gott und die Menschen können sich auf eine lange, gemeinsame Geschichte berufen.

Zweitens: Der Gott der Bibel ist kein namenloses, höheres Wesen, keine Transzen-denz, keine philosophisch erdachte Größe, sondern er ist eine Person, ein Ich und für Mose ein Du . Er stellt sich dem Mose vor und spricht: „ich bin, der ich bin.“ – „ich werde sein, der ich sein werde.“ – „ich werde für dich wirksam sein.“ Dieser Gott existiert nicht losgelöst von Menschen, sondern in direkter, ansprech-barer Beziehung zu menschlichen Personen.Das ist einzigartig: Der Gott der Bibel ist kein Gott der Philosophen und Gelehrten. Gott ist auch kein Denk- oder Gefühlsergebnis von Menschen, die ihre eigene Fehlbarkeit und Schwachheit erkannt haben und sich nun deshalb etwas einbilden, was größer und perfekter ist als sie selbst, als die sterblichen Menschen. Nein! Der biblische Gott Israels ist ein personaler Gott. Er existiert zwar unabhängig vom Denken und Glauben der Israeliten, aber er hat sich an sie gebunden: er existierte in seiner Zuwendung schon gestern, er existiert heute und er wird morgen existieren. Er ist der rettende Gott, der im Leben der Menschen und besonders in aussichtlosen Situationen seine Hilfe erweist.

Diese existentielle Beziehung des biblischen Gottes zum Menschen besteht nicht ohne Folgen für das menschliche Miteinander. Dafür ist wiederum Mose ein Beispiel. In der biblischen Erzählung geht es zunächst um ein Alltagsgeschehen. Mose ist Schafhirte. Auf dem Weg mit seinen Tieren zu Futterplätzen erlebt er in der Mittagshitze der Wüste einen eigenartigen Vorgang. Er sieht in der Gluthitze einen brennenden Dornbusch, der aber nicht verbennt. Was für ein Symbol! Die Hitze läßt die Luft über dem heißen Sand flirren. Alles scheint zu brennen – nicht zuletzt der eigene Kopf. Mose ist jedoch ein suchender und neugieriger Mensch. Er will hingehen; denn von diesem Dornbusch geht auf ihn eine ungeheure Anziehungskraft und Dynamik aus.

Da erfährt er die Anrede Gottes und bestätigt selbst, dass er der Mose ist, der mit Neugierde dem Naturschauspiel nachgeht: „Hier bin ich.“ Doch bei der Anrede bleibt es nicht. Es folgt die Bekanntgabe Gottes, dass er ein Gott der Geschichte der Vorfahren ist. Und Gott verbindet damit eine Beschreibung der jetzigen Situation seines Volkes in Ägypten. Er hat das Elend seiner Menschen gesehen; er hat ihr Klagen gehört; ihre Leiden gehen ihm zu Herzen. Gott hat ein brennendes Interesse an der Rettung bedrohten Lebens und braucht dazu einen Menschen wie Mose. So endet diese Rede Gottes mit der Beauftragung des Mose, das Volk Gottes aus der Knechtschaft in Ägypten zu retten.

Und Mose? Er ist keineswegs begeistert von dieser Beauftragung und bringt einen entschiedenen Einwand. Ja, er wehrt sich aufgrund seiner eigenen früheren Lebensgeschichte in Ägypten: „Wer bin ich?“ Ich bin doch ein Mörder! Ich habe einen Ägypter umgebracht. Das mußt du, Gott, doch wissen! Und sein Einwand gipfelt in der Frage nach Gott, nach dessen Namen. -

Liebe Gemeinde, da spüre ich in dieser Haltung des Mose ganz viele menschliche Züge und Verhaltens-weisen, die bis heute in ähnlicher Art zum Menschen gehören. Da ist zunächst die negative Neugierde. Ich denke an Unglücksstellen und Katastrophen. Dort gibt es schnell viele neugierige Gaffer, zu viele tatenlose Zuschauer, keine Helferinnen und Helfer, so dass man jetzt heute diese gaffende Behinderung unter Strafe stellen will. Doch ich kann auch Neugierde positiv beschreiben. Denn ohne sie gäbe es z.B. auf dem Gebiet der Forschung keine Fortschritte. Neugierig fragen wir doch: Was passiert in unserem Kopf, in unserem Hirn, wenn wir vergesslich werden? Neugierde ist der brennende Antrieb der medizinischen Forschung. So eine Neugierde ist ganz wichtig. Oder was wäre die Weltraumforschung ohne sie? Ist die Erde der einzige Planet mit Lebewesen oder gibt es auch Leben auf dem Mond, dem Mars, dem Juppiter? Neugierde gehört grundsätzlich zur Entwicklung des Menschen; denn ein Kind könnte nicht lernen ohne Neugierde.

Diese gehört hoffentlich auch zu uns im christlichen Glauben. Ich möchte sagen: Glauben heißt – neugierig sein, hingehen, fragen, sich öffnen, zu Gott in Kontakt treten und etwas erleben. Waren oder sind Sie nicht auch neugierig auf den Gott, dessen Sohn am Kreuz stirbt? Wie kann er das zulassen? Warum und wozu?

Was ist das für ein Bild von Gott, der durch Jesus von Nazareth neu mit uns Menschen in Beziehung tritt? Im Neuen Testament, in den Evangelien, können wir erfahren: Gott will uns das sinnvolle Leben mit Nächsten- und Feindesliebe zeigen. Er will mitten in unserem Leben dabei sein – auch da, wo durch Schicksalsschläge unsere Lebens-grundlagen kaputt zu gehen drohen. Er will Mut machen und trösten und die Schuld und Angst von unseren Schultern nehmen. Nicht Hass und Ausgrenzung machen das christliche Leben wertvoll, sondern Zuwendung und Verantwortung im vielfältigen Miteinander. Wagen wir so einen neugierigen Aufbruch, dann werden zugleich immer neue Fragen freigesetzt, Fragen nach uns selbst und unserem Handeln und ebenso Fragen nach dem Ursprung unseres neugierigen Fragens. Wer steht eigentlich hinter unseren Fähigkeiten, neugierig zu fragen, zu sehen, hinzugehen und Antworten zu finden, die wieder neue Lebensaufgaben herausfordern?

Schließlich kennen viele von uns auch die Situation,dass wir im Zusammenleben manchmal an einen Punkt kommen, wo wir nur noch fragen können: wer bin ich? Wieso immer ich? Gibt es nicht auch andere Menschen, die dieses oder jenes übernehmen können? Muß ich allein dem Gebot der Nächsten-liebe folgen? Kann der Gott der Liebe nicht auch mal mit mir barmherzig sein und mir nicht alles auferlegen? Jetzt sind mal die anderen dran, die sich auch Christen nennen!

Abwehr ist ein menschlicher Zug, der sicher manchmal notwendig ist, um selbst nicht unterzugehen oder krank zu werden. Aber was ist, wenn dieser Gott, der sich durch Jesus Christus als Gott des Lebens gezeigt hat, gerade Sie oder mich sucht, um sein Ziel der Befreiung in Gang zu setzen und zu erreichen, z.B. heute Befreiung von der Angst vor den fremden Religionen, vor den manchmal Furcht erregenden anderen Kulturen und vor den Menschen, die wir in ihrer Haltung nicht verstehen?

In der Welt habt ihr Angst“, stellt Jesus fest, aber er bleibt bei dieser Feststellung nicht stehen. Er schließt die befreiende Botschaft an: „aber ich habe die Welt überwunden!“ Jesus Christus hat hier auf der Erde als Sohn Gottes gehandelt, nicht irgendwo im Jenseits. Sein Vater, der Schöpfergott, ist nicht der ferne Gott, der sich zurückgezogen hat und alles weltliche Geschehen der Verantwortung der Menschen überläßt. Nein! Gott ist in Jesus Christus ganz neu und sichtbar mit uns Menschen in Beziehung getreten. Er hat uns die Aufgabe gegeben, unser Herz und unsere Sinne zum sinnvollen Leben miteinander zu entwickeln. Dabei hat Jesus Christus uns – wie damals Gott dem Mose - zugesagt, dass er an unserer Seite bleiben wird in allen Mühen, in den Rückschlägen und in den Zeichen des Gelingens. „Ich will mit dir sein.“ – das ist das tröstende, stärkende und verheißungsvolle Wort, das die Abwehr des Mose ganz schnell schmelzen läßt. Der Gott der Geschichte mit Abraham, Isaak, Jakob - und für uns mit Jesus Christus bindet sich an Menschen und sieht und hört. In seiner Zuwendung macht er uns stark und frei, um Nächstenliebe und Menschenwürde, Güte und Gelassenheit zu leben.

So wünsche ich uns, dass wir wie Mose unsere eigenen Widerstände gegenüber einem möglicherweise falschen Gottesbild überwinden und neugierig sind auf den sich uns zuwendenden Gott der Bibel, der uns von unserer eigenen Befangenheit befreit. Lassen Sie sich ermutigen, neugierig ein angstfreies Leben im Miteinander zu entwickeln. Hoffentlich geht uns ein Licht auf, damit wir erkennen, was der personale Gott alles in uns und mit uns bewirken kann.

Von Jochen Klepper ist der Ausspruch überliefert: „Sieh nicht an, was du selber bist in deiner Schuld und Schwäche. Sieh den an, der gekom-men ist, damit er für dich spreche.“

Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen



Bischof Klaus Wollenweber
Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

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