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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 05.02.2017

Die Kraft der Stille
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 3:1-7, verfasst von Christoph Rehbein

Liebe Gemeinde,

ein paar Nächte ist es jetzt her, da hatte ich folgenden Traum. Ich laufe mit dem Hund durch den nahe gelegenen Wald und trage dabei meinen Talar. Ein kleiner Junge spricht mich. Er ist etwa sieben Jahre alt. „Woher kennst Du Gott?“, fragt er mich. Offenbar weiß er, wie ein Pastor aussieht. Mit offenen Augen erwartet er Antwort. „Meine Mutter hat jeden Abend mit mir zu Gott gebetet als ich so alt war wie Du.“, sage ich. „Seitdem glaube ich, dass da einer ist, der mehr kann als ich.“

Ich erwachte aus meinem Traum. Und sofort fragte ich mich, ob der Junge wohl etwas mit meiner Antwort anfangen konnte. Vielleicht hätte er lieber eine gute Geschichte gehört...

So wie Mose eine erzählen könnte. Wie das damals war mit ihm und mit Gott. Ich stelle mir einen Moment lang vor, was Mose dem Jungen erzählt hätte.

Weißt Du, Junge, ich bin der aus dem Wasser Gezogene. Das bedeutet mein Name, Mose. So wie ich heißt in Deiner Schulklasse bestimmt keiner, oder? Genau hat mir meine Mutter, die Tochter des Pharao, aber nie erklärt, was ich mit dem Nil zu tun habe. Der Pharao, das war die Bezeichnung für den König von Ägypten. In der Familie bin ich sozusagen groß und stark geworden. So stark, dass ich eines Tages einen von den Ägyptern erschlug. Weil der einen Sklaven getötet hatte. Einen von den Flüchtlingen, die bei uns auf dem Bau arbeiteten. Warum ich so ausgerastet bin, weiß ich nicht. Ich hatte eine riesige Wut im Bauch. Und ich wollte für Gerechtigkeit sorgen. Das wollte ich schon immer. Aber mein Opa, der Pharao, wollte mich dann bestrafen. So bin ich dann selbst zum Flüchtling geworden. Seitdem weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Zu welchem Volk ich gehöre. Ich ging ohne viel Gepäck nach Osten, in die Wüste. In der Wüste sind viele Steine. Darum sind mir meine Sandalen das Wichtigste. Obwohl an denen noch Blut klebte von meiner Missetat. Ich bin inzwischen Familienvater geworden da draußen, im Land Midian. Zippora heißt meine Frau. Das bedeutet: weiblicher Vogel. Unser Sohn heißt Gerschom. Dieser Name bedeutet: Als Fremder bin ich aufgenommen im fremden Land. Der Vater meiner Frau ist jetzt mein Chef. Ich bin für seine Schafe und Ziegen da und bin mit dem Vieh in der Wüste unterwegs. Ich habe meine Arbeit und bin mit meiner neuen Familie zusammen. Und doch suche ich immer noch danach, wer ich eigentlich bin. Stell Dir vor, da sehe ich plötzlich so etwas wie einen Engel. Ein Bote des Himmels muss es sein. Denn auf der Erde habe ich so etwas Merkwürdiges noch nie gesehen. Ein Dornbusch in der Wüste, der brennt und doch nicht verbrennt. Ob es daran lag, dass ich in der Nähe eines besonderen Berges mich befand? Die Flamme sah jedenfalls aus wie ein lebendiges Wesen. Ich bin neugierig, das kannst du dir vorstellen! Nicht wegen der Wärme des Feuers. In der Wüste ist es ja heiß genug. Aber wegen dieses Lichtes! Und des Lebewesens, das halb aussah wie ein Mensch, ja, und halb wie...Gott?? Und dann, du glaubst es nicht, rief eine klare Stimme meinen Namen: Mose! Mose! Aus dem brennenden Busch heraus, in die Stille der Wüste hinein: Mose! Mein Name! Mir war so, als ob ich noch einmal aus dem Wasser gezogen würde. Hier bin ich, habe ich sofort gesagt. Denn irgendwie musste ich antworten auf diese Stimme. Erfahre ich jetzt, wer ich bin? Ich bin bereit. Und dann wieder diese Stimme. Über das, was nun kam, denke ich noch immer nach: Komm nicht näher. Nimm deine Sandalen von den Füßen, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.

Ich merke, jetzt beginnt etwas Neues. Ich werde nicht länger nur Familienvater und Angestellter von Zipporas Vater sein. Gott ruft mich. Darum spricht er vom heiligen Boden. Ich befinde mich an einem ganz besonderen Ort.

Liebe Gemeinde. Ich denke, jetzt wird selbst Moses spannende Geschichte für den Siebenjährigen zu lang. Und zu geheimnisvoll. Mose könnte ihm vielleicht noch sagen: Dieser Ort, wo du Gott findest, das kann auch dieser Wald sein. Das wichtigste ist: Halte diene Ohren offen, ob Gott dich ruft.

Ich habe letzte Woche mit zwei jungen Männern über diesem Text gebrütet. Die sind in der neunten Klasse und haben bei uns eine Woche Sozialpraktikum gemacht. Und beim Pastor, finde ich, gehört dazu ja auch die Arbeit an guten Texten. Also geben wir uns Mühe, die beste Übersetzung zu finden. Und vergleichen drei, welche am verständlichsten ist: Die Gute Nachricht, Luther 2017 und die Neue Zürcher Bibel. Letztere schneidet am besten ab, auch an der besagten Stelle. Sie übersetzt den besonderen Ort nicht mit heiliges Land, was doppeldeutig wäre. Sondern so, wie ich es an dieser Stelle nochmals wiederhole: Komm nicht näher. Nimm deine Sandalen von den Füßen, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.

Also, liebe Gemeinde, wir sehen einmal mehr, wie sehr das genaue Lesen der Heiligen Schrift unseren Horizont weitet. Denn woran denken wir, wenn wir heiliger Boden hören? Und zum Ausziehen der Schuhe aufgefordert werden? Die Praktikanten waren mit mir einig: An das Betreten einer Moschee. An diesen irgendwie ja auch beeindruckenden Brauch, nicht allein mit leeren Händen vor Gott zu treten. Sondern auch mit bloßen Füßen. Ich habe wenig, ich bin wenig – du bist alles, Gott!

Und was ist dann mit uns und unserer schmucklosen Kirche? Die soll ja gerade kein heiliger Ort sein, keine sakrale Dunkelkammer, sondern mitten in der Welt! Mit klaren Fenstern und spärlicher, allgemein verständlicher Möblierung. Ja ist es dann ein Wunder, dass der evangelischen Kirche die Leute weglaufen? Das Bedürfnis nach heiligen Orten ist doch gewachsen in unserer Zeit! Und wir befriedigen es nicht, oder?

Allein – wer, auch welcher Protestant kann sich der Faszination unseres Textes entziehen? Wer wäre nicht bereit, seine Sandalen abzustreifen oder gar die geliebten Hausschuhe, wenn eine Begegnung mit dem lebendigen Gott anstünde?

Ich möchte noch eine Frage dranhängen: Haben nicht am Ende doch diejenigen recht, die sagen: Was soll ich am Sonntag zur Kirche rennen, wenn ich Gott doch am ehesten in der Natur begegne? Schaut euch doch Mose an, ihr klugen Theologen mit eurem leidigen Appell, zur Kirche zu kommen? Da gab es weder Moschee noch Synagoge geschweige denn eine Kirche – da gibt es nur Natur pur! Schafe, Wüste, Dornbusch heißt die heilige Dreifaltigkeit der Gottesbegegnung!

Liebe Gott suchende Gemeinde, ich für mein Teil finde eine doppelte Spur zwischen den Zeilen. Und auf die möchte ich Sie führen. Wo findest du Gott? Du findest ihn, du findest sie erstens an einem besonderen Ort. Mose hat nicht allein seine erste Heimat Ägypten hinter sich. Er hat auch seinen Berufsalltag für eine Weile verlassen. Denn da steht ganz am Anfang unseres heutigen Abschnitts der unscheinbare Satz: Und er trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Gottesberg, den Choreb.

Das ist der Berg, an dem Israels Gott sich später seinem Volk offenbaren und ihm die Gebote geben wird. Aber das weiß Mose noch nicht. Das weiß allein der, der später alles aufschreiben wird.

Jetzt gilt: Mose verlässt seinen gewohnten Aktionsradius. Er geht über die Wüste hinaus. Wie eine Managerin, die sagt: Ich verlasse die Wüste der unbearbeiteten Emails auf meinem Rechner und gehe für eine Zeit ins Kloster. Wer nicht managen muss, macht eine Kur oder eben Urlaub. Oder, noch einfacher, nimmt den freien Sonntag. Und ist dann doch in der Kirche zu finden...Also doch: heiliger Boden?

Lieber Gott suchender Mitmensch: Gott lässt sich da finden, wo Du den Alltag hinter Dir lässt. Also auch jetzt und hier. Wo das zweite Kriterium für eine Gottesbegegnung auch erfüllt ist: Stille!

Da wo Mose Gottes Stimme aus dem Busch hört, da ist Stille. Da ist es wüster als wüst, stiller als still. Also geht das auch hier in der Kirche, Gott begegnen, SEINE Stimme hören? Ja, wenn der Predigende nicht sich selbst predigt, sondern Gottes Wort hörbar werden lässt. Wenn leise Gebete vor Gott gesammelt laut werden. Und wenn ich selbst für IHN auf Empfang bin...und sagen kann: Hier bin ich. Gott, ich höre.

Es kann Grosses entstehen, wenn solche Gottesbegegnung sich ereignet. Wie spannend es ist, in 2. Mose 3 weiterzulesen! Eine Befreiungsgeschichte beginnt in unserem heutigen Text. Gott ruft Moses Namen. Und bald wird ER sich selber vorstellen. Mit den Worten: Ich werde sein, der ich sein werde. (Exodus 3,14)

Früher gab es mal eine eindringliche Fernsehwerbung mittels einiger Klötze und den markigen Worten: Auf diese Steine können Sie bauen. Ich weiß nicht, ob diese Bausparkasse heute noch angesagt ist.

Dafür ist mir klar, welche Zusage nach wie vor gilt, von Mose bis zu Dir und mir. Gott spricht: Ich werde für dich da sein als der ich für Dich da sein werde.

Amen.



Pastor Christoph Rehbein
Hannover
E-Mail: christoph.rehbein@reformiert.de

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