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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Invokavit, 05.03.2017

Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:, verfasst von Gert-Axel Reuss

Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis,

der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob, Ehr und Preis.      [Ev. Gesangbuch Nr. 27, Str. 6]

 

Liebe Gemeinde,

rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse erscheint ein Essay des Autors Friedrich Christian Delius (Pastorenkind; Veröffentlichungen u.a.: Der Sonntag, an dem ich (Fußball-)Weltmeister wurde) mit dem Titel: „Warum Luther die Reformation versemmelt hat“. Der Verlagsankündigung ist zu entnehmen, dass Delius mit Witz und Leidenschaft dafür streitet, die „Reformation zu vollenden“ und das Dogma der Erbsünde zu zerschlagen.

Die Tat ist kurz, die Reue lang. … Eva und das bisschen Apfel …“ - so hatte schon vor ihm (Delius) der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bissig bemerkt [Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983, S. 24].

 

Liebe Gemeinde,

wir haben ein Problem mit der Erbsünde. Vor wenigen Tagen erst erhielt ich eine Zuschrift mit genau diesem Kritikpunkt: „Die Kirchen pflegen mit Hingabe ein Klima des schlechten Gewissens.“

Ich hatte anlässlich der Eröffnung der – gerade jetzt im Ratzeburger Dom zu sehenden – Ausstellung „Neue Anfänge nach 1945 – wie die Landeskirchen Nordelbiens mit ihrer NS-Vergangenheit umgingen“ in einem Zeitungsbeitrag geschrieben: Schuld und Vergebung, Umkehr und Buße – das sind auch die Themen der Passionszeit, die bald beginnt. In den Kirchen erinnern wir daran. Nicht um die Menschen zu erniedrigen, sondern weil wir daran glauben, dass Gott uns aus den Fesseln der Vergangenheit befreien kann.

Wie konnte es zu diesem Missverständnis kommen? Ich meinte, Befreiung zu predigen, aber mein Leser hörte nur Schuld. Ich rief auf zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Vergangenheit, damit wir frei werden für die Herausforderungen der Gegenwart. Aber mein Leser verstand den Zusammenhang nicht, wollte ihn vielleicht auch nicht verstehen. Er warf mir vor, „…die von der Vergangenheit geschlagenen Wunden durch eifriges Lecken am Heilen zu hindern.“

[Anm.: die kursiv gedruckte Formulierung stammt nicht aus der Zuschrift, sondern von P. Watzlawick, a.a.O., S. 26, steht dort aber in einem konträren Zusammenhang; bei Watzlawick geht es um die Verweigerung, sich mit der Vergangenheit produktiv auseinanderzusetzen.]

 

Was also tun mit der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, die manches Unheil gestiftet („Die Frau ist an allem schuld.“) und falsche Machtverhältnisse legitimiert hat („Deshalb hat jetzt der Mann das Sagen.“).

Noch einmal Paul Watzlawick [a.a.O., S. 26f]: „Das Non plus ultra aber, das freilich Genialität voraussetzt, besteht darin, die Vergangenheit auch für Gutes verantwortlich zu machen und daraus Kapital für gegenwärtiges Unglück zu schlagen.“

 

Liebe Gemeinde,

das gegenwärtige Unglück – zumindest soweit es über das persönliche Schicksal hinausgeht, uns alle betrifft – liegt ja offen zu Tage:



Dompropst Gert-Axel Reuss
Ratzeburg
E-Mail: gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de

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