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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Invokavit, 05.03.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 3:1-7,14-19, verfasst von Juraj Bándy

Das altkirchliche Evangelium des heutigen Sonntags gibt uns die Erklärung darauf, warum die Fastenzeit vierzig Tage dauert. Es ist deswegen so, weil unser Herr Jesus Christus vor seinem öffentlichen Auftritt vierzig Tage fastete. Am Ende des Fastens wurde er einer Prüfung, der Versuchung, ausgeliefert. Jesus wurde also versucht. Auch in dieser Hinsicht wurde er uns, den Menschen, ähnlich. Er hat aber diese Prüfung bestanden. In dieser Hinsicht können wir nicht sagen, dass wir ihm ähnlich sind.

            Am Anfang des Neuen Testaments, wo von dem Beginn der öffentlichen Wirkung Christi berichtet wird, befindet sich die Geschichte von der Versuchung des Heilandes (Mt 4, 1 – 11). Am Anfang des Alten Testaments, wo von dem Beginn der Geschichte des Menschengeschlechts berichtet wird, befindet sich auch eine Versuchungsgeschichte. Eben diese Geschichte bildet unseren heutigen Predigttext. Wir dürfen schon die Geschichte der Versuchung der ersten Menschen im Lichte der Versuchung Christi sehen. Das bedeutet Folgendes: Wir müssen die Versuchung nicht mehr als solche Prüfung betrachten, wo man nur durchfallen kann.

            Was ist die Versuchung? Die Versuchung ist eine Situation, wo ich die Wahl zwischen dem Gehorsam und dem Ungehorsam dem Willen Gottes habe und wo ich dazu gelockt bin, gegen den Willen Gottes zu handeln.

            Nicht nur Adam und Eva wurden versucht, wie der Anfang des Alten Testaments berichtet. Nicht nur Jesus Christus wurde versucht, wie der Anfang des Neuen Testaments berichtet. Wir alle sind den Versuchungen ausgesetzt. Deswegen sind wir den Versuchungen ausgesetzt, weil das Leben eines Christenmenschen ein Kampf ist. Zum Kampf ist aber auch ein Feind nötig. Dieser Feind ist der Teufel, der uns versucht. Eben deswegen, weil wir alle den Versuchungen ausgesetzt sind, wird es für uns lehrhaft, wenn wir die Geschichte der Versuchung und des Sündenfalles der ersten Menschen genau betrachten. Diese Geschichte zeigt uns

  1. welchen Versuchungen wir ausgesetzt sind.
  2. was die Folge unseres Versagens ist,
  3. wie wir gegen den Versucher siegen können.

 

Ad 1.

  1. a) Auch uns will der Versucher einreden, dass der Herr Gott unsere Freiheit beschränkt. Er hat unsere Urmutter gefragt: „Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ (V. 1). Wenn Eva mühelos diese Annahme widerlegte, kam die Schlange mit dem Einwand: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern…ihr werdet sein wie Gott“ (V. 4 – 5).

            Auch für uns ist es eine Versuchung, die Grenzen, die für uns Gott bestimmt hat, zu übertreten. Auch uns kann passieren, dass wir die große Menge der Bäume nicht sehen, aus denen uns Gott zu essen erlaubt hat, sondern richten unsere Aufmerksamkeit nur auf den einzigen Baum, der für uns verboten ist. Wir sehen nicht die riesige Freiheit, die uns Gott gegeben hat, sondern nur das, was verboten ist.

            Die Geschichte von der Versuchung der ersten Menschen berichtet auch darüber, dass eine absolute Freiheit nicht existiert. Sogar im Paradies gab es keine absolute Freiheit. Nicht aus allen Bäumen durfte man essen. Auch dort gab es einen Baum, der verboten war. Auch im Paradies war der Mensch im Verhältnis des Gehorsams gegenüber Gott. Nicht deswegen verlangt Herr Gott Gehorsam, weil er uns einschränken will, sondern deswegen, weil er uns schützen will. Der Baum in der Mitte des Paradieses war nicht deswegen verboten, damit der Mensch nur eine beschränkte Freiheit hätte, sondern deswegen, damit er sich nicht den Tod zufügte.

  1. b) Auch uns will der Versucher einreden, dass der Gott lügt. Er sprach mit Eva darüber, dass Gott nicht den wahren Grund des Verbots mitgeteilt habe. Auch uns will der Versucher einreden, dass das Wort Gottes nicht wahrhaftig ist. Von dem Wort will er uns einreden, dass wir es nicht so sehr, wie das Brot, brauchen (Mt 4, 4), dass es für uns Geist und Wahrheit ist.
  2. c) Auch uns will der Versucher einreden, dass durch das Übertreten der Gebote Gottes sich uns unerhörte Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen. Die Schlange spricht mit Eva darüber, dass sie nicht nur nicht stirbt, sondern auch das breiteste Wissen haben wird, wenn sie aus der verbotenen Frucht essen wird. Sind wir manchmal auch nicht der Ansicht, dass wir die Gebote Gottes übertreten sollten, damit wir klüger, glücklicher, reicher und was weiß ich, was noch, würden?

 

Ad 2. Die Geschichte der Versuchung und des Sündenfalles der ersten Menschen spricht auch von den Folgen unseres Versagens. Manche Dinge, die wir als schmerzlich, schwer, unnatürlich und abnormal betrachten, sind eben die Folgen unseres Versagens im Kampf gegen das Böse.

            Von den Schwierigkeiten der Schwangerschaft und den Geburtswehen sagt die Heilige Schrift, dass sie die Folgen der Sünde und nicht der normale Zustand sind. Es ist auch die Folge der Sünde, dass die Frauen, die sich nach der Ehe sehnen, anstatt solcher Männer, die sie lieb hätten, solche Partner bekommen, die sie erniedrigen und terrorisieren. Es ist auch die Folge der Sünde, dass die Arbeit, die wir tun, mühsam ist. Manchmal macht uns die Arbeit kein Spaß und bringt nicht das erwartete Ergebnis. Es ist auch die Folge der Sünde, dass viel Schweiß nur wenige Früchte bringt.

            Der Mensch, der dachte, dass sich nach dem Übertreten der Gebote Gottes für ihn neue Horizonte und unerhörte Möglichkeiten eröffnen, musste feststellen, dass er anstatt klug und mächtig zu sein, nackt ist. Wir können zwar unsere Nacktheit verhüllen, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass wir uns vor Gott, dessen Willen wir nicht folgten, nicht verstecken können.

            Jeder Bereich des Lebens – mit dem Familienleben angefangen, bis zur Arbeitswelt – ist von der Sünde beeinflusst und gestört. Es ist die Folge unseres Versagens in den Versuchungen.

 

Ad 3. Wie können wir den Versucher besiegen?

  1. a) Die erste Voraussetzung ist die Selbsterkenntnis, besonders das Erkennen unserer schwachen Punkte. Unsere große Schwäche ist, dass wir leicht beeinflussbar sind. „Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß“ (V. 6). Wenn jemand dächte, dass nur die Frauen so leicht beeinflussbar sind, würde er sich irren. Unsere Geschichte erzählt davon, dass die Schlange nur die Frau überreden musste, damit sie gegen den Willen Gottes tue. Darüber gibt es aber keine Erwähnung, dass auch der Mann überredet werden sollte, sondern wir lesen nur Folgendes: „und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß“ (V. 6). Kein Zaudern, kein Protest, keine Zeichen des Widerstandes. Er hat nach dem ersten Angebot von der verbotenen Frucht genommen. So sind wir also leicht beeinflussbar sowohl die Frauen als auch die Männer. Wir sollen diese, unsere Schwäche kennen. Wenn wir dessen bewusst sind, dann bitten wir den Herrn Gott, damit er uns die Fähigkeit der Unterscheidung gäbe, damit wir unter verschiedenen Einflüssen, denen wir ausgegeben sind, richtig unterscheiden könnten (1J 4, 1).
  2. b) Es ist keine gute Verteidigung gegen den Versucher, wenn wir die Gebote Gotte verschärfen wollen. Eva hatte der Schlange behauptet, dass der Baum in der Mitte des Gartens sogar nicht berührt werden darf (V. 3). Es war nicht wahr. Gott hat nur das Essen verboten. Die Verschärfung der Gebote und das Vermeiden der Orte, wo wir in Versuchung geraten könnten, ist keine Lösung. Letzen Endes müssten wir die Welt räumen (1Kor 5, 10).
  3. c) Mit unseren eigenen Kräften können wir gegen den Teufel nur mit abwechselnden Erfolgen kämpfen. Manchmal sind wir es, die der Schlange den Kopf zertreten, und manchmal sticht sie uns in die Ferse (V. 15). Auf den totalen Sieg oder Endsieg haben wir nur dann Aussichten, wenn wir in Jesus Christus neue Menschen werden. Wenn wir nur Nachkommen von Adam und Eva bleiben, dann schaffen wir nur dasselbe, wie unsere Ureltern. Wenn wir aber in Christus neue Menschen geworden sind, wenn wir mit ihm verbunden sind, dann können wir in den Versuchungen, so wie unser Herr und Meister, bestehen. Er erschien nämlich deswegen, damit „er die Werke des Teufels zerstöre“ (1J 3, 8). Wir sind getauft, also mit Christus verbunden, und so haben wir alle Voraussetzungen für den Sieg im Kampf gegen das Böse.
  4. d) Von Jesus Christus können wir die Art und Weise des Kampfes „abgucken“. Wenn wir genauer die Geschichte seiner Versuchung betrachten, können wir feststellen, dass er die Versuchungen des Teufels mit der Heiligen Schrift abwehrte. Wenn wir uns an die Heilige Schrift halten, wenn sie unsere geistliche Waffe ist (Ef 6, 17), können wir auch die listigen Anschläge des Teufels (Ef 6, 11) parieren.

 

            In der Geschichte der Versuchung und des Sündenfalles der ersten Menschen können wir Folgendes betrachten: Was ist das Böse? Woher kommt es? Wo beginnt es? Warum haben wir eine Neigung zu ihm? Wir konnten beobachten, dass wegen des Versagens der ersten Menschen „die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen“ (R 5, 12). Dank Jesus Christus wurde aber die Macht der Sünde, des Teufels und des Todes überwunden. Deswegen können wir im Kampf gegen die Versuchungen erfolgreich sein. Ringen wir also mit den Versuchungen mit der Hoffnung auf den Sieg, aber vergessen wir nicht zu beten. „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ (Mt 6, 13). Amen.



Prof.Dr. Juraj Bándy
Bratislava
E-Mail: bandy@fevth.uniba.sk

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