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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 02.04.2017

Nachdenken über das Schweigen
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-12, verfasst von Bernd Giehl

Liebe Gemeinde,

schwer zu beschreiben, wie diese Geschichte auf mich wirkt. Soll ich sie „faszinierend“ nennen? Das würde ich gern tun, aber damit fürchte ich missverstanden zu werden. Soll ich sagen: Sie ist zum Fürchten? Das trifft es ebenfalls, und ist doch nicht die ganze Wahrheit. Aber hören wir erst noch einmal in die Geschichte hinein:

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham. Und er antwortete: Hier bin ich. Und Gott sprach: Nimm, Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir zeigen werde.“

Was macht man mit so einer Geschichte? Nimmt man sie und stopft sie in die nächste Mülltonne? Fängt man an zu schreien, wenn sie auch nur in die Nähe kommt? Weicht man ihr aus, wenn sie an der Reihe ist, nimmt vielleicht den nächsten Flieger auf die Kanaren, um nur ja nicht da zu sein, wenn sie an der Haustür klingelt?

In den mehr als dreißig Jahren, in denen ich jetzt Pfarrer bin, habe ich mich das jedes Mal gefragt, wenn sie wieder am Horizont erschien. Diesmal habe ich beschlossen, mich ihr nicht nur zu stellen, sondern diesen Text für die „Göttinger Predigten im Internet zu bearbeiten.

Einmal muss man es ja tun.

 

Und Abraham kehrte zurück zu Sara. Er setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Eine Stunde oder mehr saßen sie sich gegenüber, ohne dass einer von beiden ein Wort sprach. Schließlich fragte sie: „Wo ist Isaak, mein Sohn?“ „Er ist tot“, sagte Abraham. „Ich musste ihn opfern. Gott wollte es so.“

„Geh mir aus den Augen“, sagte Sara mit einer Stimme, wie Abraham sie noch nie zuvor gehört hatte. „Geh, oder du wirst der nächste sein, der geopfert wird.“

 

War es so? Natürlich nicht. Es ist ja noch einmal gutgegangen. Es war ja nur eine „Versuchung“, wie die Bibel gleich zu Anfang sagt.

Fragt sich nur, wie Abraham das wissen konnte.

 

Womöglich ist das hier nun der Ort zu erklären, warum diese Geschichte mich sowohl fasziniert aber auch ängstigt. Und warum ich gar nicht anders kann als mich immer wieder neu mit ihr zu befassen. Es hat mit meiner Biografie zu tun. Mit etwa 18 Jahren wurde ich plötzlich mit der Frage konfrontiert, was Gott mit dem Bösen zu tun hat. Ob er verantwortlich ist, ob er es zulässt oder ob er es einfach nicht ändern kann. Bis dahin war ich in einem tiefen Glauben und in einem tiefen Einverständnis mit diesem Gott aufgewachsen und von einem Moment auf den Anderen stand ich vor einer Frage, die ich unter allen Umständen beantworten musste, auf die ich aber keine Antwort fand. Sie drohte das Wichtigste zu zerstören, was ich hatte. Meinen tiefen, innigen Glauben.

Ist Gott vielleicht verantwortlich für das Böse?

 

Und Abraham kehrte zurück zu Sara. Er setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Eine Stunde oder mehr saßen sie sich gegenüber, ohne dass einer von beiden ein Wort sprach. Schließlich fragte Sara: „Wo ist Isaak, mein Sohn?“ Abraham antwortete nicht. Nach fünf Minuten fragte sie noch einmal. „Wo ist Isaak, mein Sohn?“ Noch immer gab Abraham keine Antwort. Sie stand auf und berührte seine Schulter, wollte ihn schütteln. Aber es ging nicht. Abraham war zu Stein geworden.

 

Wenn es einen Schlüssel gibt zu der Frage, die mich seit so vielen Jahren umtreibt, dann muss er hier zu finden sein.

 

II

Nein, so leicht ist das nicht, sich dieser Geschichte zu stellen. Es ist eine Geschichte an der Grenze, und was hinter dieser Grenze wohnt, das wissen wir nicht. Es ist also nicht ohne Risiko, diese Grenze zu überqueren. Sie werden sich jetzt entscheiden müssen, ob Sie mitgehen oder hierbleiben.

Aber wo ansetzen? Vielleicht ist ja das Wort „Versuchung“ der Schlüssel zu allem. Dieses Wort kommt ja noch ein paar Mal in der Bibel vor. Es bedeutet: Jemand wird auf die Probe gestellt.

Hiob fällt mir da ein, der seinen Reichtum und seine Kinder verliert und am Ende auch noch mit Aussatz geschlagen wird. Aber bei Hiob kommt das Unglück von außen und zudem ist es auch noch der Satan und nicht Gott, der ihn und seinen Glauben auf die Probe stellt. Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, spürt man auch hier den Versuch, Gott zu entlasten. Da haben offensichtlich noch mehr Menschen gespürt, wie schwer der Gedanke auszuhalten ist, dass Gott das Böse nicht verhindert. Und noch einen Unterschied gibt es: Hiob protestiert und fordert Gott heraus. Abraham schweigt.

Kaum etwas kann dem Bild von Gott gefährlicher werden, als wenn man sagt: Gott selbst schickt die Versuchung. Gott selbst stellt den Menschen auf die Probe.

Aber hier steht es, schwarz auf weiß: „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham.“ „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast und geh hin in das Land Morija und opfere ihn zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir zeigen werde.“

Und Abraham protestiert nicht, er sagt nicht: „Rutsch mir den Buckel runter.“ Er bleibt stumm. Wie eine Maschine, die nur das tun kann, was man ihr befohlen hat, setzt er den Mechanismus in Gang.

Und das, denke ich, ist das Schlimmste von allem.

 

III

Wahrscheinlich ist es gerade die Unzugänglichkeit dieser Geschichte, die mich so reizt. Karger kann man wohl kaum erzählen. Dabei habe ich das Gefühl, der Erzähler sei sich der Ungeheuerlichkeit, die er erzählt, durchaus bewusst. Es ist ja nicht die erste Geschichte, die er von Abraham erzählt. Zehn Kapitel lang hat er von diesem Menschen erzählt. Und eben nicht nur von diesem Menschen, sondern von ihm und seiner Freundschaft mit Gott. Es war dieses ungeheure Vertrauen, das uns faszinierte, wie er auf die Verheißung des Sohnes hin die Forderung Gottes, er und seine Frau sollten aus ihrer Heimat weggehen, annimmt und losgeht. Gott würde ihm Weg und Ziel schon zeigen. Gott würde ihnen, den beiden Alten, den Sohn schon schenken und sie eines Tages zum großen Volk machen. Beinah möchte man als Leser dieser Geschichte sagen: So grenzenlos wie die Verheißung Gottes, so grenzenlos ist auch Abrahams Vertrauen in diesen Gott, den er seinen Freund nennt.

Und dann wendet sich das Blatt. Von einem Augenblick auf den Anderen „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast und geh hin in das Land Morija und opfere ihn zum Brandopfer.“ Kein Wort vom Erzähler über den Gott, der einmal ein Freund war. Kein Wort über Abraham, der nicht aufschreit, nicht protestiert, nicht lieber seine Freundschaft zu Gott opfert als seinen Sohn. Einfach nichts.

Dieser Erzähler weiß, was er tut. Dieser Erzähler ist fast so unheimlich wie Abraham selbst. Oder wie sein Gott. Im Schweigen vereinen sich alle drei.

 

IV

Einen Augenblick lang muss noch von diesem Schweigen die Rede sein. Es ist wahr: Es macht diese Geschichte erst richtig unheimlich. Wir suchen nach Gründen, aber wir finden sie nicht. Bis in Popsongs haben Menschen versucht, dieses Schweigen zu deuten. Bei Bob Dylan wird Gott zum Mafiaboss, der einen anderen Mafioso dazu zwingt, sein Kind auf dem Highway 61 zu opfern und Leonard Cohen macht ihn zum Oberbefehlshaber einer Armee, die ihre Kinder in den Tod schickt. Sie opfert für eine Idee, die nichts ist als ein Hirngespinst.

Natürlich schreit die Geschichte nach einer Deutung. Aber auch wenn ich es momentan noch nicht begründen kann, glaube ich, dass solche Art der Deutung noch zu kurz greift. Sie hält das Schweigen nicht aus.

 

Womöglich kommen wir ihr von einer anderen Seite auf die Spur. Wenn wir sie für ein paar Augenblicke verlassen und nachschauen, wo sie uns am meisten trifft, kommen wir wahrscheinlich weiter. Gewiss ist es ein Wagnis, aber ich will es trotzdem versuchen: Hin und wieder erfahren wir Gott so ähnlich, wie Abraham, als den rätselhaften Gott, an dem alle Versuche, ihn zu verstehen, zerschellen wie ein Glas an einer Felswand.

 

Manchmal zerreißt eine Sehne

mitten im Sprung

die Kraft die uns getragen hat, lässt uns fallen

und wir wissen nicht warum.

 

Manchmal versagt unsere Stimme

mitten im Lied

noch schwingt die Ahnung von einem Ton

in unserem Herzen zitternd, weil sich die Vollendung verweigert

                          und wir wissen nicht warum

 

Manchmal gehen die Lichter aus mitten im Fest.

Noch ist der Wein in den Krügen nicht geleert

aus der Umarmung der Liebe

taumeln wir ins Dunkel

und wir wissen nicht warum.

 

Manchmal ist es so als ob

die große Hand einhält in der Bewegung.

Wir sitzen erstarrt in der Mitte der Zeit.

Kein Wort des Trostes trägt in der Einsamkeit

und wir wissen nicht warum

                                     (Reinhild Traitler)                                  

Auch dies: ein Wagnis. Ich weiß nicht, wie andere dieses Gedicht hören. Für mich ist es eine ganz tiefe und zu Herzen gehende Beschreibung jener Augenblicke, in denen alles fraglich wird. Alles, woran wir bisher geglaubt haben, alles, was unserem Leben einen Sinn gibt, ist auf einmal weg. Vor uns gähnt nur noch der Abgrund.

In diesem Augenblick gibt es nur noch eine Entscheidung: In den Abgrund springen oder den Weg in die tiefe Dunkelheit gehen, in der Hoffnung, dass da irgendwann wieder ein Licht kommt.

 

V

Und jetzt, so denke ich, können wir wieder zu Abraham zurückkehren. Wir verstehen sein Schweigen jetzt besser. Es gibt keine Worte, mit denen er seinen Schmerz ausdrücken könnte.

Aber eine Frage gibt es doch noch: Es muss etwas geben, was ihn hält auf diesem Weg. Ob es ein letzter Funke Hoffnung ist? Dass der Gott, der einmal sein Freund war und der sich nun in eine Art von Monster verwandelt hat, sich wieder zurückverwandeln wird. Anders jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, warum Abraham sich auf den Weg macht mit Isaak an seiner Seite. Er muss darauf hoffen, dass er am Ende den Sohn nicht opfern muss, weil er sonst beide verlieren würde: Isaak und Gott.

Aber was auch immer es nun ist: Abraham bleibt nicht am Abgrund stehen. Er stürzt sich auch nicht hinein. Stattdessen geht er los. Und am Ende gewinnt er.

Amen



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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