Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 02.04.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-13, verfasst von Ulrich Wiesjahn

Liebe Gemeinde!

Zu dieser mich innerlich sehr erregenden Geschichte möchte ich Ihnen am Schluss der Predigt ein Gedicht von mir vorlesen. Ich habe es einmal im Rahmen von Engelgedichten des Alten Testaments geschrieben. Immer wenn Gott rätselhaft, herausfordernd, unverständlich, mal bedrängend, mal segnend wirkt, erscheint er wie in einer zweiten Gestalt als Engel. So war es bei Mose am Dornbusch. So war es bei Jakob im Gotteskampf am Jabbok. So war es bei Abraham zuerst in Mamre, als dem betagten Ehepaar der Sohn verkündet wurde. Und so ist es nun auf dem Berg Morija, wo dieser selbe Sohn geopfert werden soll. Da greift am Ende ein rettender Engel ein.

   Jedes Mal geht es um etwas Tiefbewegendes. Und nun sage ich etwas ganz Verwegenes: Was da im Herzen Gottes vorgeht, das geht auch in unserem Herzen vor. Allerdings muss ich begreifen, was in mir vorgeht. Und da ist sie nun, diese Vater-Sohn-Geschichte. Muss nicht ein Vater tief erschüttert sein, wenn er seinen Sohn verliert – und dazu noch durch ihn selbst? Oder tut er es auf Befehl? Ich kann erst einmal diese Geschichte nicht verstehen, nicht akzeptieren.

   Natürlich gibt es ein paar Erklärungen, die aber nicht in die dunkle wahre Tiefe reichen. Ethnologen erklären, dass es hier um die Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer geht. Theologen neigen dazu, hier eine Glaubensprüfung, eine Gehorsamsprobe Gott gegenüber zu sehen. Ist das also die Geschichte eines Gottesdespoten, frage ich? Da wehrt sich in mir alles.

   Und so trete ich ein paar Schritte zurück und begebe mich vor einen Spiegel und frage: Wer bin ich als Sohn? Wer bin ich als Vater? Durch den Krieg bin ich vaterlos aufgewachsen und habe manchmal gedacht, dass es auch von Vorteil sein könnte, keinen Vater zu haben. Denn ein Vater hätte mich vielleicht eingeengt, dominiert, mich nicht zur Entfaltung kommen lassen. Dann dachte ich aber auch wieder das Gegenteil. Und dann die Frage: Wer war und bin ich selbst als Vater für meine Kinder? War ich hinderlich oder förderlich? Habe ich dirigiert oder frei gelassen? Habe ich unwissentlich unterdrückt oder losgelassen? Was bedeutet es, wenn jemand Fleisch vom eigenen Fleisch und Blut vom eigenen Blut ist? Klebt man dann zusammen oder kann man doch den eigenen Weg gehen? Das sind alles rätselhafte Fragen, vor denen jeder von uns steht. Jeder von uns hat da ja seine eigenen Erfahrungen.

   Hier nun im kirchlichen, im christlichen, im gläubigen Bereich beschäftigt uns in der Passionszeit der Weg und das Schicksal Jesu. Das lief, wir wissen es, auf das Leiden und Sterben zu. Aber war das ein Opfer? Ich habe lange darüber nachgedacht, bzw. in den Evangelien nachgelesen und bin zum Ergebnis gekommen: der Tod war für Jesus etwas ganz Bewusstes, ganz Aktives, ganz Provoziertes und Risikoreiches. Er lief mit seinem ganzen Leben, Leiden und Sterben auf Gott zu in der Hoffnung, dieser würde den Tod aufheben, nicht akzeptieren, sondern das irdische Leben in ein ewiges Leben verwandeln. Denn bei Gott, so glaubte Jesus, gibt es nur das Leben. Was aber ist dann der Tod für Gott? Eine Prüfung? Eine Gehorsams-, eine Glaubensprobe? Vielleicht könnte ich das verstehen, weil es mich selbst betrifft. Auf jeden Fall lautet meine ganz persönliche Frage: Wie kann ich tapfer sterben?

 

 

Liebe Gemeinde!

Es geht also nicht einfach darum, Gott zu verstehen und Jesus zu verstehen, sondern sich selbst zu verstehen. Denn das bleibt niemandem erspart. Aber mit Gott und Jesus als Begleiter und Helfer wird es uns leichter gelingen. Mit oder ohne Gott geht es immer um Schmerzen, Verlust, Loslösung, Opfer, Sterben und Tod. Aber es gibt da auch die erlösenden Erfahrungen. Dazu gehören Kinder und Enkel und mein Ausruf: Kinder sind das Beste! Andere wiederum haben geistige Gewissheiten, die ihnen wirklich das Beste sind.

   Und nun begleitet uns Jesus in ganz besonderer Weise mit seinem Weg, seinen Taten und Worten und am Ende mit seinem Mut zur Hoffnung. Auch er weinte vor seinem Sterben. Aber am Ende sagte er: Es ist vollbracht.

   Und nun ganz im Rückblick zu dem allen taucht die Vater-Sohn-Geschichte von Abraham und Isaak auf. Ich habe daraus ein Gedicht gemacht. Es beschreibt einmal die äußere Szenerie, mehr aber noch den inneren Kampf. Und darin erklingt die Stimme des Sohnes, die den Vater rettet. Ja, Kinder können ihre Eltern retten. Und nun lese ich das Gedicht.

 

Isaaks Opferung

 

Isaak, der Mutter Liebling,

Isaak, der kleine Knabe,

trug sein kleines buntes Röckchen,

wie der Vater es befahl.

 

Abraham, der Stummvertraute,

rüstig noch im hohen Alter,

rüstig in den braunen Herden,

rüstig noch das alte Herz.

 

Saras Augen weinten, weinten

in der dürren Luft des Zeltes,

auf dem Lager ihrer Tränen,

und sie hörte: „Lasst uns gehen!“

 

Stumm zog er mit beiden Knechten

Und dem kleinen grauen Esel,

mit den harten Opferscheiten

durch das stumme, harte Land.

 

Ach, am Tage fiel die Sonne

auf des Weges dünne Schlange,

und zur Nacht erstarrt‘ der Himmel

über ihrem Bett aus Stein.

 

So drei Tage gingen alle,

gingen in dem Takt der Füße,

folgten jener alten Schlange,

so drei Tage ging ihr Herz.

 

„Bleibt zurück hier mit dem Esel,

dort ist schon der Berg Morija.“

Abraham durchbrach die Stille,

spaltete sie wie das Holz.

 

Ach, der Sohn fing an zu fragen,

fragte wie die Kinder fragen,

wie der Vogel dort im Winde,

ihn, der selber nur ein Kind.

 

„Ach, mein Sohn, der Herr ist milde,

er ist härter als das Eisen,

wie mein Messer ist sein Wille,

milder als mein eignes Herz.“

 

Und so greift er nach dem Messer,

es ins eigne Herz zu stoßen,

taumelnd in das Herz der Sonne,

fällt er in den heilgen Dorn.

 

„Vater, bist du so zerrissen,

Blut rinnt über deine Stirne,

Vater!“ schreit der Sohn vom Holze,

schreit der Engel in sein Ohr.

 

                                                                      A m e n.



Pastor Ulrich Wiesjahn
Goslar
E-Mail: ulrich.wiesjahn@web.de

(zurück zum Seitenanfang)