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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Judika, 02.04.2017

Grauen und Glaube
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 22:1-13(14-19), verfasst von Dieter Splinter

Liebe Gemeinde,

1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. 2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. 3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. 4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne. 5 Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. 6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. 7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? 8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. 9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. 13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. 14 Und Abraham nannte die Stätte »Der HERR sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt. 15 Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her 16 und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, 17 will ich dich segnen und deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; 18 und durch deine Nachkommen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast. 19 So kehrte Abraham zurück zu seinen Knechten. Und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und Abraham blieb daselbst.

 

I.

Liebe Gemeinde!

Sechs Schreie soll Sarah ausgestoßen haben, als sie nach der Rückkehr Abrahams erfuhr, was geschehen war. Kurz darauf starb Abrahams Frau Sarah. So erzählt es eine alte Legende. In den Schreien Sarahs wird noch einmal das ganze Grauenvolle der vorangegangenen Ereignisse hörbar. „Nimm deinen Sohn!“ Mit eigener Hand soll Abraham seinen Sohn Isaak töten. So wie die Heiden in seiner Umgebung ihren Erstgeborenen den Götzen zum Opfer brachte, weil ihr Gott oder ihre Götter es so wollten.

Dies ist denn auch das erste, was vielen zu dieser Geschichte einfällt: Es geht in ihr um den Gehorsam des Glaubens. So sehen es manche Christen. So sieht es ein Teil der jüdischen Auslegung. So sieht es vor allem der Islam. Im Koran lesen wir: Abraham teilt seinem Sohn mit, er habe im Traum den Auftrag erhalten, ihn zum Opfer zu bringen. Der antwortet daraufhin: „Tu, mein Vater, wie dir geheißen worden ist, und du wirst mich mit Allahs Willen ganz geduldig finden.“ Beide, so wird damit gesagt, sind ihrem Gott gehorsam.

Sicher ist in der Geschichte vom Gehorsam des Glaubens die Rede. Doch wenn wir sie darauf reduzieren, werden wir ihr nicht gerecht. Der bekannte Filmemacher Woody Allen bringt es auf seine Weise auf den Punkt. In seiner Auslegung dieser Geschichte lässt er Gott und Abraham ein Gespräch führen. Am Ende dieses Gespräches sagt Abraham zu Gott: „Aber beweist das nicht, dass ich dich liebe, wenn ich willens war, meinen einzigen Sohn deiner Laune zum Geschenk zu machen? Und der Herr sprach: Das beweist, dass einige Menschen jedem Befehl folgen, ganz egal wie kreuzdämlich er ist, so lange er von einer wohlklingenden Stimme kommt.“

In der Tat. Es geht in dieser Geschichte um weit mehr als um eine Gehorsamsprobe. Isaak ist ja nicht ein nebensächlicher Gegenstand, an dem sich seines Vaters Gerechtigkeit zu erweisen hat. Isaak ist keine Trainingschance für Abrahams Frömmigkeit. Er ist der Sohn der Verheißung.

 

II.

Lange hatten Abraham und Sarah auf diesen Sohn warten müssen. So lange, dass Sarah lachte, als man ihr sagte, dass sie in ihrem hohen Alter noch Mutter werden würde. Bis sich ihr ungläubiges und spöttisches Lachen in das Lachen der Freude verwandelte. Isaak ist nicht irgendein Kind. Er ist der lebende Beweis dafür, dass Gott sein Wort hält, dass er keine leeren Versprechungen macht. Diesen Sohn soll Abraham opfern. Er soll damit zugleich seine eigene Zukunft opfern, die Zukunft zum Stammvater eines großen Volkes zu werden. Wer kann, wer soll das begreifen?

Deshalb ist für Abraham das Angesicht Gottes auch nicht mehr das Gesicht eines alten, erfahrenen Erziehers, der durch Leiden läutert, und der es bei aller Strenge nur gut mit seinem Schüler meint. Gottes Angesicht ist ihm vielmehr zu einer finsteren, rätselvollen Maske geworden. Denn nicht das steht nunmehr zur Diskussion, ob Abraham treu und gerecht ist. Die Frage lautet, ob man so etwas überhaupt noch von Gott sagen kann. Seinem eigenen Versprechen, Abraham zum Stammvater eines großen Volkes zu machen, scheint er in den Rücken zu fallen. Mitten durch diesen Selbstwiderspruch Gottes hindurch muss Abraham seinen Weg gehen. Eine wahrhaft „patriachalische Versuchung“ - so hat Martin Luther diese Geschichte im Blick auf den Erzvater Abraham kommentiert.

Eine „patriachalische Versuchung“, eine Versuchung in grauer Vorzeit – fast sieht es so aus als könnten wir uns aufatmend zurücklehnen. Aber so einfach macht es uns die Bibel nicht. Wenn darin eine Geschichte wie diese erzählt wird, dann deshalb, weil sich in ihr die Erfahrung von Generationen spiegelt. Diese Geschichte von Abraham und Isaak handelt davon wie anders, wie fremd Gott einem Menschen begegnen kann.

Die Geschichte dieser Erfahrung kommt in Geschichten der Bibel immer wieder vor. Hiob kann davon ein trauriges Lied singen. Und der Psalmbeter, dessen Worte Jesus am Kreuz aufnimmt, fasst diese Erfahrung in eine Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Diese Erfahrung zieht sich hin bis zu den Augenblicken, in denen wir selber nicht mehr wissen, was wir denn eigentlich von Gott halten sollen. Weil das, was wir erleben oder in den Nachrichten mitansehen müssen, allem ins Gesicht zu schlagen scheint, was wir bisher von ihm und seiner Liebe gehört haben. Weil sich die Unglücke und Katastrophen häufen. Weil Unmögliches von uns verlangt wird. In solchen Augenblicken kann sich die Vermutung nahelegen, Gott sei eher gleichgültig oder grausam als voller Güte.

 

Nun wissen wir jedoch, dass damit die Geschichte nicht endet, die wir heute miteinander bedenken. Sie geht weiter. Sie erzählt, dass es gerade nicht zum Opfer kommt. Gott verhindert das. Er greift ein und erneuert seine Verheißung an Abraham. So zeigt er, dass er seinem Versprechen treu bleibt, selbst dann, wenn alles, ja sogar sein eigenes Verhalten dagegen zu sprechen scheint. So wird diese Geschichte von Abraham und Isaak auch nicht in erster Linie erzählt, um von der Versuchung und dem Gehorsam Abrahams zu berichten, sondern darum, weil sich in ihr noch etwas ganz anderes spiegelt.

 

III.

 

Es gibt Tage, da erkennen wir die Güte Gottes nicht. Und doch ist seine Treue größer als das, was uns vor Augen steht. Abraham und die vielen, die sich in seiner Geschichte wiederfanden, haben das freilich nur erkannt, weil sie der fremden, der ganz anderen Seite Gottes nicht auswichen. Sie sind nicht geflohen, weder in falsche Beschwichtigungen, noch in den Unglauben. Dass Gott sein Wort hält, dessen konnte Abraham nur gewiss werden, weil er den ihm gewiesenen Weg weiterging. „Mein Sohn, Gott wird sich das Lamm zum Opfer selbst ersehen.“

 

Die Geschichte berichtet davon, dass dies der Fall ist. Abraham „hob … seine Augen auf und sah einen Widder … und opferte ihn an seines Sohnes statt.“ Um die Gottheit zu besänftigen, um den abwesenden Gott zu Erweisen seiner Nähe und Güte zu bringen, sind keine Menschenopfer, erst recht keine Kinderopfer nötig. Das zu sagen, ist das Ziel dieser Geschichte. So meinen es zumindest zahlreiche Ausleger. Sie tun das mit dem Hinweis auf die Umwelt Israels, wo das kultische Opfer von Menschen, auch das von Kindern, üblich war.

 

Nun könnte man sagen, dass solche Zeiten längst vorbei sind. Wohl wahr. Doch immer noch werden Menschen von anderen Menschen zu Opfern gemacht, auch und gerade Kinder. Die Begründungen und Motive dafür wechseln. In China etwa wurde zwei Generationen lang die Ein-Kind-Politik besonders in den Städten rigoros durchgesetzt. In manchen Ländern Afrikas werden insbesondere Jungen als Soldaten missbraucht.   Doch immer ist tatsächlich Gewalt im Spiel, wenn Kinder zu Opfern gemacht werden. Streit um das Sorgerecht nach einer Scheidung tut es auch. Oder um eines vermeintlich zukünftigen Glückes willen opfern so mache Eltern ihr Kind auf dem Altar des eigenen Ehrgeizes. Die Motive wechseln. Die Taten bleiben.

 

Da sei Gott vor. Und das ist er auch. Christen glauben das. Wir sagen: Auf unserer Seite ist einer, den hat Gott für uns zum Opfer gemacht. Der Völkerapostel Paulus hat es einmal so gesagt: „Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ Das Erbringen des Opfers ist zu einem innergöttlichen Geschehen geworden. Wir müssen es nicht mehr tun. Wir müssen, aus welchen Motiven auch immer, uns selbst oder andere, und Kinder schon gar nicht, zu Opfern machen. Das ist die Botschaft des Kreuzes Christi. Der vermeintlich abwesende Gott zeigt in ihm sein uns zugewandtes Gesicht. Es ist das der Gnade. Und es ist das Gesicht der Rechtfertigung allein aus Glauben.

 

Das zu verstehen aber braucht seine Zeit. Für Paulus ist Abraham jedenfalls jemand, der es verstanden hat. Im Römerbrief (Kapitel 4) beschreibt er es so: „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit geworden.“ Abraham geht davon aus, dass Gott – gegen jeden Augenschein - seinen Verheißungen treu bleibt. Was vor Augen ist, ist, dass auf dieser Erde das Grauen nicht aufhört. Väter und vor allem Mütter wissen das nur zu genau. Ihre Entsetzensschreie hallen wider von vielen Enden der Erde. Doch aus diesem Grauen kann keiner leben. Aber aus dem Glauben. Der bewahrt nicht vor Anfechtungen. Aber er führt uns, wie einst Abraham zu der Gewissheit, dass wir Nachkommen haben auf dieser Erde. Und er lehrt uns, dass - trotz allem! - über dieser misshandelten Erde ein Segen liegt und Frieden und Gerechtigkeit sie erfüllen werden.

 

Und so bewahre der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.



Pfarrer Dr. Dieter Splinter
Freiburg i. Br.
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

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