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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Osternacht, 15.04.2017

Eine besondere Nacht
Predigt zu Jesaja 26:13-14.19, verfasst von Dieter Splinter

Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du, aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens. Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf; denn du hast sie heimgesucht und vertilgt und jedes Gedenken an sie zunichte gemacht. Du hast vermehrt das Volk, Herr, vermehrt das Volk, hast deine Herrlichkeit bewiesen und weit gemacht alle Grenzen des Landes.

Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben.

 

I.

 

Diese Nacht ist eine besondere Nacht. Sie verbindet Karfreitag mit dem Ostermorgen. Sie verbindet den Tod mit dem Leben. Und: die Osternacht verbindet Realität und Hoffnung. Die Worte Jesaja wirken darum wie gemacht für diese Nacht.

 

Da wird zunächst die Realität klar ins Auge gefasst: „Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du...“. So ist es. Hierzulande können wir die Herren und Herrinnen, die über uns herrschen, wenigstens in Wahlen wählen oder abwählen. In anderen Ländern werden den Menschen die Herren aufgezwungen. Oder sie versuchen durch Propaganda mehr Macht anzuhäufen. So geht es am 16. April in einem Referendum in der Türkei darum, ob die Verfassung geändert und Staatspräsident Erdogan noch mehr Macht bekommen soll. Dass diese Entscheidung am Ostersonntag getroffen wird, ist in der vom Islam bestimmten Türkei wohl Zufall. Die türkischen Christen dort werden allerdings an diesem Wahltag noch mit anderen Gedanken am Referendum teilnehmen: Wie wählen am Tag an dem wir die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus feiern? Wie bei dieser Entscheidung zwischen Ja und Nein des Namens des Herrn gedenken?

 

Vor dieser Frage standen jene nicht, die vor vielen hundert Jahren sagten „...aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens.“ An Ostern konnten sie noch nicht denken. Jesus Christus war noch nicht auf Erden gewesen. Seine Auferstehung hatte noch nicht stattgefunden. Wohl hatten die, die sagten „... wir gedenken allein deiner und deines Namens“, so etwas wie eine „innerweltliche Auferstehung“ in ihrer Geschichte erlebt. Gott, der Herr, hatte sie aus der Knechtschaft in Ägypten befreit. Jedes Jahr gedachten sie beim Pessachfest der Befreiungstat Gottes. So wie es Juden heute noch tun. Doch jenen, die damals des Namen des Herrn gedachten, war es noch ganz fremd sich das vorzustellen: die Toten stehen auf.

 

II.

 

Im Gegenteil - für sie war klar: „Tote werden nicht lebendig, Schatten stehen nicht auf; denn du hast sie heimgesucht und jedes Gedenken an sie zunichte gemacht.“ Für die, die das sagen, ist Gott noch ganz der Schöpfergott. Er hat dem Leben eine Grenze gesetzt: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre … denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Ps 90, 10) Wohl war Gott für sie der Gott, der Lebende und Tote in seiner Hand hielt. So konnte der Beter eines Psalms selbstverständlich beten: „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist auch da.“ (Psalm 139, 8) Und ein anderer Psalmbeter konnte sagen: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ Doch auch für diesen Beter ist klar: auch wenn ich „alt und lebenssatt“ (Hiob 42,17) sterbe, am Ende werde ich zu den Vätern versammelt (vgl. Gen 25,8 u.ö.). Das ist es dann gewesen. Und so gab es zur Zeit des Alten Testaments, anders als in anderen Kulturen der Antike, in Israel auch keine Grabstätten, die besonders ausgeschmückt waren und als Sinnbild für ein Leben nach dem Tod anzusehen waren. Vielmehr galt: die Toten sind tot. Darum die deutlichen Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja: „... du hast sie heimgesucht und jedes Gedenken an sie zunichte gemacht.“

 

Der Trost angesichts des Todes war ein innerweltlicher: „Du hast vermehrt das Volk, Herr, vermehrt das Volk, hast deine Herrlichkeit bewiesen und weit gemacht die Grenzen des Landes.“ Die Toten sind tot. Aber die Nachkommen, die sie als Lebende gezeugt und geboren haben, leben. Und in diesen Nachkommen lebt ein Stück von ihnen weiter. Vor allem dann, wenn das Volk, zu dem diese Nachkommen gehören, anwächst und zahlreich wird.

 

Die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja, die wir bisher miteinander bedacht haben, sind also zunächst noch ganz beim Karfreitag. Menschen sterben: eines natürlichen Todes, bei Naturkatastrophen, bei Unglücken oder sie werden, wie Jesus Christus, gewaltsam zu Tode gebracht. So oder so – am Ende sind die Toten tot. Wenn es einen Trost gibt dann den, dass es Nachkommen gibt. Das, so vermute ich, ist auch heutzutage die Einstellung vieler.

 

III.

 

Dann aber malen die Worte Jesajas eine ganz andere Hoffnung an den Horizont: „Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt in der Erde!“ Wie diese Worte in das Buch des Propheten Jesajas hineingekommen sind, weiß man nicht genau. Es ist ohnehin über einen längeren Zeitraum hin entstanden. Die frühesten Teile stammen wohl aus dem achten Jahrhundert vor Christi Geburt, andere kamen viel später hinzu. Was man weiß, ist dieses: Um das Jahr 200 v. Chr. gab es auch im Judentum die Vorstellung von der Auferstehung der Toten. Allmählich bildete sich danach das heraus, was wir auch heute noch von den Juden kennen: Nach der Bestattung sollen die Grabstätten erhalten bleiben. Denn am Ende der Zeiten wird der Messias kommen und für die Gerechten des Volkes Israel wird dann gelten: „... deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen.“

 

Jesaja hat diese Hoffnung unter die Leute gebracht. Ein paar Zeilen vor den Worten, die wir miteinander bedenken, heißt es bei Jesaja sogar: Gott „wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird abwischen die Tränen von allen Angesichtern...“. (Jesaja 25,8) Wir kennen ähnliche Worte aus dem letzten Buch der Bibel: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. … Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 3-5)

 

Bei Jesaja und im letzten Buch der Bibel wird eine Hoffnung in Worte gefasst, die nun ein für allemal in der Welt ist. Ja, es stimmt zwar: Wir Menschen sterben noch. Wir sterben noch den Krebstod, den Herztod, den Unfalltod, den gewaltsamen Tod. Wir leiden noch. Wir weinen noch. Wir schreien noch nach Erlösung. Und ja – die Toten sind noch tot. Aber um Gottes willen ist nun eine Hoffnung in der Welt, dass sie von einem neuen Himmel und einer neuen Erde nicht mehr ausgeschlossen werden und ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird. Für Jesaja – und das letzte Buch der Bibel – ist die Auferstehung der Toten eine kollektive Auferstehung am Ende der Zeiten. Es wird dann einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, weil Gott alles neu machen wird.

 

IV.

 

Dieses ganz Neue deutet Jesaja mit einem zarten Bild an: „Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten herausgeben.“ Die Osternacht ist eine besondere Nacht. Sie führt zum Ostermorgen. Die Osternacht endet mit dem Jubel des Ostermorgens: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

 

Bevor der Jubel aufsteigt, steigt der Morgen auf. Man stelle sich vor: Felder und Wiesen. Tau liegt auf ihnen. Er taucht die Felder und Wiesen in ein dunkles, sattes, feuchtes Grün. Darüber geht die Sonne auf. Ihr Licht lässt die Tautropfen auf den Wiesen und Feldern glänzen wie Perlen. Das Grün wird allmählich von diesem Licht der Sonne mit einem goldgelben Glanz überzogen.

 

Lichttau am Morgen – ein schönes, ein poetisches Bild für die Auferstehung Jesu. Etwas ganz Neues, etwas, was nicht für möglich gehalten wird, ist in seiner Auferstehung schon Wirklichkeit geworden. In der Taufe sind wir mit dieser neuen Wirklichkeit verbunden worden. Wir sind, wie Paulus schreibt (Römer 6) in Jesu Tod, aber eben auch in die Auferstehung Jesu hinein getauft worden. Gewiss: wir werden sterben. Wir werden einmal zu den Toten gehören. Und irgendwann werden wir nur noch ein Schatten unserer selbst sein. Wir sind von Erde genommen und werden wieder zu Erde werden. Und doch muss uns das nicht mehr schrecken. Mit der Auferstehung Jesu wird unser aller Leben vom Lichttau Gottes überstrahlt – und wir werden einmal, so wie Jesus Christus jetzt schon, ganz bei Gott sein werden.

 

Wie das gehen wird am Ende der Zeiten mit meiner und deiner Auferstehung, wenn wir längst bloß noch ein Schatten unserer selbst sein werden? Wie wird dann die Erde „die Schatten herausgeben“? Die Mutter des Kirchenvaters Augustin hieß Monika. Sie wurde einmal gefragt: „Wie stellst du dir das denn vor mit der Auferstehung, wenn die Gräber einmal verschwunden sind?“ Monika antwortete darauf: „Er, Jesus Christus, wird mich schon zu finden wissen!“

 

Amen.

 



Pfarrer Dr. Dieter Splinter
Freiburg
E-Mail: dieter.splinter@ekiba.de

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