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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Misericordias Domini, 30.04.2017

Predigt zu Hesekiel 34:1-16, verfasst von Rainer Stahl

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit Euch allen!“

 

 

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Heute tauchen wir in die Geschichte ein. An drei Stationen unterschiedlicher Bedeutung will ich mit Euch anhalten. Bei der ersten brauchen wir nur ganz kurz stehen zu bleiben. Die beiden nächsten aber machen längere Aufenthalte und intensivere Begegnungen nötig. An allen drei Stationen kommen wir auch wieder direkt in unsere Gegenwart.

 

Die erste Station:

 

3. Advent 1975 – also vor 42 Jahren. Das war damals der 14. Dezember. Gottesdienste in Möhra und in Ettenhausen. So steht es in meinem Terminkalender jenes Jahres. Damals war ich zum ersten Mal in Eurer Gemeinde zu Besuch. Danach bin ich oft wiedergekommen. Euer Pfarrer – vielleicht erinnern sich einige – war Hans-Christoph Werneburg. Er und weitere Freunde haben einen so genannten „Möhraer Salon“ organisiert, in dem wir über Fragen des Verhältnisses von Naturwissenschaft und Glauben diskutiert und gearbeitet haben. Ich habe sogar noch Protokolle und eigene Vorträge – vom Februar und Mai 1977 und vom Dezember 1978! An jenem 3. Advent 1975 habe ich Euch zu Jesaja 40 gepredigt: „Denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden.“ Mit diesem Wort grüße ich Euch auch heute. Es sei unser Motto: „Denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden.“

 

Die zweite Station:

 

Nicht vor 42 Jahren sondern vor 496 Jahren: Martin Luther ist auf dem Rückweg vom Reichstag in Worms. Anfang Mai wird er auch durch den Stammort seiner Familie, Euer Möhra, kommen. Auf den Stationen der Reise schreibt er immer wieder Briefe. Am 28. April 1521 in Friedberg in Hessen hat er einen langen Brief in lateinischer Sprache an Kaiser Karl V. geschrieben. Dieser Brief hat seinen Adressaten nie erreicht. Georg Spalatin, der Sekretär des sächsischen Kurfürsten und Freund Martin Luthers, wird Sorge tragen, dass dieser Brief nicht abgeschickt wird und in Wittenberg liegen bleibt. Deshalb haben wir noch heute das Original. Es kann in Wittenberg im Lutherhaus betrachtet werden. 2015 wurden diese Blätter in das Welt-Dokumenten-Erbe der UNESCO aufgenommen. Dem Ausstellungsstück ist eine digitale Darstellung der deutschen Übersetzung angefügt, aus der ich Euch einige Ausschnitte mitgebracht habe:

 

Weil mein Gewissen durch die Heilige Schrift, welche ich in meinen Büchern angeführt habe, gebunden sei, so kann ich ohne bessere Belehrung auf keine Weise etwas widerrufen. [...] Denn in zeitlichen Sachen, welche Gottes Wort und die ewigen himmlischen Güter nicht betreffen, schulden wir einander gegenseitiges Vertrauen. Wenn wir das auch gefährden oder gar verlieren, entsteht der Seligkeit kein Schade [...]. Aber bei Gottes Wort und den ewigen Gütern duldet Gott nicht, dass man diese einem Menschen unterordnet. Denn er will, dass ihm alle und alles unterworfen sei. [...] Denn meine hohe Meinung und Treue Eurer kaiserlichen Majestät gegenüber habe ich aufrichtig bewiesen. Eure kaiserliche Majestät kann das daraus leicht erkennen, dass ich unter Eurer kaiserlichen Majestät Geleit gehorsam erschienen bin und nichts befürchtet habe, obwohl ich wusste, dass meine Bücher von den Widersachern verbrannt sind und mittlerweile ein Mandat gegen mich und meine Bücher unter Eurer kaiserlichen Majestät Namen öffentlich und an vielen Orten angeschlagen ist. Das hätte einen armen Mönch wohl mit Recht abschrecken und zurückhalten können, wenn ich mich zu Gott dem Allmächtigen, zu Eurer kaiserlichen Majestät und zu den Ständen des Reichs nicht alles Guten versehen hätte und noch versähe. Auf keine Weise habe ich nun die Widerlegung meiner Bücher durch die Heilige Schrift erreichen können und bin gezwungen gewesen, unwiderlegt davon zu ziehen.“

 

Luther unterscheidet ganz modern: Bei alltäglichen Problemen im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft und im Staat müssen wir uns verständigen, müssen wir Regeln des Zusammenlebens entwickeln und einhalten. So hat Luther trotz der Verfolgung durch staatliche Macht diese nie grundsätzlich in Frage gestellt und zum Beispiel 1528 den Kaiser und die Fürsten bei ihrer Verantwortung zum Verteidigungskampf gegen türkische Angriffe behaftet und ein Jahr später seine Mitbürger daran erinnert, dass sie nur im Auftrag der weltlichen Obrigkeit, letztlich des Kaisers, in einen Verteidigungskrieg ziehen dürfen.

 

Aber in Glaubensfragen, bei der Beziehung zu Gott, „bei Gottes Wort und den ewigen himmlischen Gütern“ – wie Luther an Kaiser Karl V. schreibt –, gibt es kein Diskutieren und kein Verhandeln. Da heißt es, treu zu bleiben. Da – ganz neuzeitlich! – greift das Gewissen und bindet uns.

 

1523 wird Martin Luther auf ein interessantes Beispiel eingehen. Er hatte auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Seit September 1522 ist dieses so genannte „September-Testament“ im Buchhandel zu kaufen. Politische Verantwortungsträger wie der Bischof von Meißen und der Herzog von Bayern haben aber festgelegt, dass dieses Buch den Menschen, die es teuer gekauft haben, wieder abgenommen, also konfisziert werden soll. Dazu schreibt Luther ganz Überraschendes: Die Untertanen „sollten nicht ein Blatt, nicht einen Buchstaben abliefern, bei Verlust ihrer Seligkeit! [...] Sondern: Wenn man auch befiehlt, die Häuser zu durchsuchen und die Bücher oder [anderen] Besitz mit Gewalt zu nehmen, sollen sie es leiden. Dem Frevel soll man nicht widerstehen, sondern ihn erdulden […]. Man darf ihn aber nicht billigen oder gar unterstützen oder ihm Folge leisten oder gehorchen, nicht mit einem Schritt noch mit einem Finger“ (Die weltliche Obrigkeit und die Grenzen des Gehorsams).

 

Was hätten wir mit diesem Rat damals in der DDR gemacht? Haben sich manche an ihn gehalten? Heute dagegen müssen wir die Freiheit des Glaubens für uns Christen und – hier gehe ich weit über Luther hinaus – auch für andere Religionen verteidigen und stärken. In unserem eigenen Land ist diese Freiheit wohl besser als je zuvor – aber immer gefährdet. In vielen anderen Ländern sind die Verhältnisse ganz erschreckend. Können wir da etwas tun?

 

Die dritte Station:

 

Heute ist ein Abschnitt aus dem Alten Testament Predigttext – aus dem Propheten mit den verschiedenen Namen – will ich einmal sagen: Im Hebräischen „Jechäzqel“, im Griechischen und Lateinischen „Ezechiel“, bei Luther „Hesekiel“. Die Bibellesungen in diesem Gottesdienst haben wir in der Originalsprache Martin Luthers des 16. Jahrhunderts gehört. Deshalb darf ich unser Bibelwort in einer eigenen Übersetzung vortragen. Es ist ein Bildwort, das uns in das Jahr 590 v.Chr. führt, also in eine Zeit vor 2.607 Jahren:

 

Wehe den Hirten Israels, die Hirten sind für sich selbst. Sollen die Hirten nicht vielmehr die Herde weiden?“ (Vers 2b).

„Die Schwächlichen stärktet ihr nicht.

Das Kranke heiltet ihr nicht.

Dem Gebrechlichen legtet ihr keine Binden an.

Die Herumirrenden habt ihr nicht zurückgebracht.

Das Verirrte habt ihr nicht gesucht.

Aber mit Gewalt herrschtet ihr über sie und mit Misshandlung“ (Vers 4).

So spricht mein Herr, Jahwe: Siehe, ich bin gegen die Hirten. Ich fordere meine Herde aus ihren Händen“ (Vers 10aα).

Denn, so spricht mein Herr, Jahwe:

Siehe ich, ich bin da und suche meine Herde und nehme mich ihrer an“ (Vers 11b):

„Das Verirrte suche ich.

Die Herumirrenden bringe ich zurück.

Dem Gebrechlichen lege ich Binden an.

Das Kranke stärke ich.

Das Starke aber vertilge ich.

Ich weide sie mit Gerechtigkeit“ (Vers 16).

 

Ist das nicht hochaktuell? Gibt es nicht viele in unserer Gesellschaft, die vor allem sich selbst weiden? Aber ich möchte jetzt der Versuchung widerstehen, hier von meinem begrenzten Erfahrungsbereich her Schuldige zu benennen. Wir alle gehören doch sicher zu denen, die Einnahmen und Ausgaben korrekt und ehrlich dokumentieren, die ihrer Steuerverantwortung nachkommen und so ihren Beitrag zur Gesamtgesellschaft leisten. Von dieser Basis aus andere zu benennen, die das vielleicht nicht tun, oder Lücken und Problembereiche im ganzen System aufzudecken, ist sehr schwierig. Wir sind ja auch hier nicht in einer politischen Versammlung. Deshalb lasse ich diese immense Anklage als allgemeine Warnung für uns alle so stehen.

 

Denn: Welche Alternative kann Hesekiel, kann Ezechiel, kann Jechäzqel anbieten? Er erfährt von Gott her, dass menschliche Sachwalter, irdisches Bodenpersonal also, keine wirkliche Lösung bewirken werden. Gott selbst werde direkt eingreifen und die – ich darf das einmal so sagen – „Geschäftsführung“ übernehmen.

 

Anfangs sagte ich, dass jede der drei Stationen immer auch in unsere Gegenwart führt. Ich muss mich korrigieren: Diese dritte Station führt in die Zukunft, in eine andere Dimension und in eine andere Wirklichkeit, als es unsere nüchterne Welt ist.

 

Diese dritte Station ist zum Beispiel gebündelt in dem Bibelwort, das uns heute Motto sein kann: „Denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden.“

 

Und diese dritte Station ist auch gebündelt in der zweiten Bitte des Vaterunsers: „Dein Reich komme!“ Diese Bitte wollen wir heute besonders engagiert beten: „Dein Reich komme!“ Dabei wollen wir uns erinnern, was Luther 1529 dazu geschrieben hat:

 

Dein Reich komme.

Gottes Reich kommt wohl ohne unser Gebet von sich selbst; aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.“

Amen.

 

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!“



Pfarrer i.R. Dr. Rainer Stahl
Erlangen
E-Mail: rainer.stahl.1@gmx.de

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