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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Misericordias Domini, 30.04.2017

Predigt zu Hesekiel 34:1-2(3-9)10-16.31, verfasst von Winfried Klotz

Text: Ez 34,1-2 (3-9) 10-16. 31 (Text nach Gute Nachricht Bibel)

 

1 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte:   (34,1-6) Jer 10,21S

2 »Du Mensch, kündige den führenden Männern in Israel das Strafgericht an. Sag zu ihnen: 'So spricht der HERR, der mächtige Gott: Weh euch! Ihr seid die Hirten meines Volkes; aber anstatt für die Herde zu sorgen, habt ihr nur an euch selbst gedacht.

3 Die Milch der Schafe habt ihr getrunken, A aus ihrer Wolle habt ihr euch Kleider gemacht und die besten Tiere habt ihr geschlachtet. Aber für einen guten Weideplatz habt ihr nicht gesorgt.                   A) Die Milch …: mit alten Übersetzungen; H Ihr aßt das Fett.

4 War ein Tier schwach, so habt ihr ihm nicht geholfen; war eins krank, so habt ihr es nicht gepflegt. Wenn eins ein Bein gebrochen hatte, habt ihr ihm keinen Verband angelegt. Die Verstreuten habt ihr nicht zurückgeholt, die Verlorengegangenen nicht gesucht. Alle Tiere habt ihr misshandelt und unterdrückt.

5 Weil meine Schafe keinen Hirten hatten, verliefen sie sich und fielen den Raubtieren zur Beute. (34,5-6) Num 27,17S

6 Sie irrten überall umher, auf Bergen und Hügeln, denn niemand war da, der sie suchte, niemand, der sich um sie kümmerte.

7 Darum, ihr Hirten, hört, was der HERR, sagt:

8 So gewiss ich lebe, der HERR, der mächtige Gott: Ich schaue nicht mehr länger zu! Meine Schafe wurden geraubt und von wilden Tieren gefressen, weil sie keinen Hirten hatten; denn meine Hirten haben nur für sich selbst gesorgt und nicht für meine Herde.

9 Darum hört, ihr Hirten, was der HERR sagt!

10 So spricht der HERR, der mächtige Gott: Die Hirten meiner Schafe bekommen es mit mir zu tun, ich fordere meine Herde von ihnen zurück! Ich setze sie ab; sie können nicht länger meine Hirten sein; sie sollen nicht länger mein Volk ausbeuten! Ich reiße meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen ihnen nicht länger zum Fraß dienen!'     Jer 23,2

11 'Der HERR, der mächtige Gott, hat gesagt: Ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich um sie kümmern.     (34,11-16) Jes 40,11S; 40,10S; Ps 23,1-4S

12 Wie ein Hirt seine Herde wieder zusammensucht, wenn sie auseinander getrieben worden ist, so suche ich jetzt meine Schafe zusammen. Ich hole sie zurück von allen Orten, wohin sie an jenem unheilvollen Tag vertrieben wurden.     (34,12-13) 28,25S; Jer 23,3S

13 Aus fremden Ländern und Völkern hole ich sie heraus; ich sammle sie und bringe sie in ihre Heimat zurück. Die Berge und Täler Israels sollen wieder ihr Weideland sein.

14 Ich lasse sie dort auf saftigen Wiesen grasen; auf den hohen Bergen Israels sollen sie ihre Weide finden und sich lagern.

15 Ich will selber für meine Herde sorgen und sie zu ihren Ruheplätzen führen. Das sage ich, der HERR, der mächtige Gott.

16 Ich will die Verlorengegangenen suchen und die Versprengten zurückbringen. Ich will mich um die Verletzten und Kranken kümmern und die Fetten und Starken in Schranken halten. B Ich bin ihr Hirt und sorge für sie, wie es recht ist.   B) in Schranken halten: mit alten Übersetzungen; H ausrotten.

31 Ihr seid meine Herde, für die ich sorge, und ich bin euer Gott. Das sage ich, der HERR, der mächtige Gott.'«     Ps 100,3

Liebe Gemeinde!

Heftige Kritik übt der Prophet Ezechiel, von Luther eingedeutscht als Hesekiel, an den Regierenden seiner Zeit, genauer, den gerade 587 vor Christus bei der Eroberung Jerusalems (vgl. 33, 21) durch die Babylonier gestürzten Regierenden in Israel. Hesekiel gehört zu denen, die 10 Jahre vorher, 597, aus Jerusalem ins Zweistromland verschleppt wurden. Hier wirkt er als Prophet, von hier aus schaut er immer wieder visionär das Geschehen in der Heimatstadt Jerusalem und kündigt das Gericht Gottes an, hier verkündigt er Gottes Weisung an die mit ihm Deportierten, hier kündigt er Gottes richtendes Handeln an den Israel umgebenden Völkern an.

Heftige Kritik übt der Prophet Hesekiel an den Regierenden; sie haben nicht aus Schwäche versagt, sondern sie haben aus Egoismus und Bosheit das Volk zugrunde gerichtet! Sie haben gehandelt wie Hirten, die einerseits ihren Profit aus der Herde ziehen, andererseits sich aber nicht um Wohlergehen und Bestand der Herde kümmern. Sich selbst haben sie geweidet, für sich selbst gesorgt! Das Ergehen und Schicksal der ihnen Anvertrauten war ihnen gleichgültig. Ausbeuter sind sie! Deshalb ist die Herde zerstreut, das Land Israel mit seiner Hauptstadt Jerusalem zerstört worden. Die schlechten Hirten aber bekommen ihre Strafe. In Vers 10 sagt Gott durch Hesekiel: „Die Hirten meiner Schafe bekommen es mit mir zu tun, ich fordere meine Herde von ihnen zurück! Ich setze sie ab; sie können nicht länger meine Hirten sein; sie sollen nicht länger mein Volk ausbeuten! Ich reiße meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen ihnen nicht länger zum Fraß dienen!“

Kommt uns diese prophetische Kritik nicht bekannt vor, beschreibt sie nicht Geschehnisse, die uns fast alltäglich in dern Fernsehnachrichten begegnen? Machthaber, die ihr Volk ausbeuten und zugrunde richten, denen nur die eigene Haut wichtig ist, die eigene Familie, die eigene Klientel? Ich rede bewusst allgemein und bin weit davon entfernt, Regierende in Deutschland anzugreifen. Verglichen mit dem, was der Prophet Hesekiel schildert, verglichen mit Regierungen in Asien oder Afrika leben, wir noch in einigermaßen erträglichen Verhältnissen. Obwohl, stösst es uns nicht auf, wenn leitende Verantwortliche von großen Wirtschaftsunternehmen übel wirtschaften und trotzdem stolze Boni kassieren? Ärgert es uns nicht, in welchem Maß Managergehälter gestiegen sind, während einfache Beschäftigte kaum mehr verdienen?

Macht es uns nicht traurig, und ich richte einen persönlichen Blick auf uns selbst, die Kirche, wenn leitende Menschen viel Kraft, Zeit und Geld in Strukturreformen stecken- es scheint immer noch die Maßgabe zu gelten- große Einheiten sind zukunftsfähiger als kleine, aber die geistliche Erneuerung nicht in den Blick kommt? Wenn also der Abbau, der Rückbau geplant wird, aber nicht der Neuaufbau?! Ich weiß, ein Neuaufbau von Kirche und Gemeinde lässt sich nicht einfach planen und machen, es braucht die Ausrüstung des heiligen Geistes (vgl. Epheser 6), es braucht das anhaltendes Gebet und Suchen in der Schrift. Es braucht die Einsicht und das ehrliche Bekenntnis: Wir können es nicht! Läge darin nicht ein Neuanfang, wenn auf allen Ebenen von Kirche und Gemeinde eine Bewegung entstünde, deren Bekenntnis es ist: Gott, wir sind müde und ideenlos, unsere Gottesdienste sind schlecht besucht, wir reden von deiner Freundlichkeit, aber es strahlt nichts von uns aus; bei den Menschen unserer Umgebung erfahren wir Kälte und Ablehnung; auch wir selbst wissen gar nicht mehr richtig, was uns zusammenführt und zusammenhält. Ist eine solche selbstkritische Suchbewegung in unserer Situation institutioneller, äußerer Stärke, aber innerer, geistlicher Schwäche nicht das Gebot der Stunde? Weit wichtiger als alle Strukturüberlegungen? Erweisen wir uns nicht gerade dadurch auf allen Ebenen von Kirche und Gemeinde als gute Hirten, dass wir die begrenzte Kraft der Herz-Lungenmaschine stabiler Kirchensteuereinnahmen zugeben, unsere geistliche Schwäche bekennen und Gottes Hilfe suchen?

Hesekiel übt heftige Kritik an den Regierenden seiner Zeit, so habe ich begonnen. Gott wird ihre ausbeuterische Bosheit bestrafen. Aber das ist nur die eine Seite der Botschaft des Propheten. Die andere Seite finden wir in den Versen 11-16 underes biblischen Wortes. Daraus drei Verse:

„Ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich um sie kümmern.“ (V. 11) „Aus fremden Ländern und Völkern hole ich sie heraus; ich sammle sie und bringe sie in ihre Heimat zurück. Die Berge und Täler Israels sollen wieder ihr Weideland sein.“ (V. 13) „Ich will die Verlorengegangenen suchen und die Versprengten zurückbringen. Ich will mich um die Verletzten und Kranken kümmern und die Fetten und Starken in Schranken halten. Ich bin ihr Hirt und sorge für sie, wie es recht ist.“ (V. 16)

Für die aus der Heimat Vertriebenen, die Ausgebeuteten, die im Stich Gelassenen gibt es eine Zukunft des Friedens. Diese Zukunft beginnt nicht damit, dass jemand sich aufrafft, gerechte Verhältnisse schafft, es besser macht, wie die früher Regierenden. Nein, der Neuanfang geschieht als Gottes Tat! Betont sagt Gott in unserem Wort: „Ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich um sie kümmern.“ Der Neuanfang beginnt, bildlich gesprochen, ganz oben. Es braucht mehr als ein gutes Programm und ein paar Überzeugungstäter. Wie wir in Jesaja 45 sehen, wird Gott für diesen Neuanfang große Politik machen und den nichtjüdischen Perserkönig Kyrus beauftragen. Ja, es hat wirklich eine Heimkehr ins Land Israel gegeben.

Der Neuanfang beginnt ganz oben: Das sollen wir bejahen gerade auch in den Fragen der Erneuerung von Kirche und Gemeinde! Und deshalb müssen wir ganz oben nachfragen, Hilfe suchen, eigene Pläne und Ideen zurückstellen. Und uns auf den besinnen, durch den doch schon ein grundlegender Neuanfang, nicht nur für uns, sondern die ganze Welt nach Gottes Willen geschehen ist, Jesus Christus. Er sagt: „Ich bin der gute Hirt. Ein guter Hirt ist bereit, für seine Schafe zu sterben.“

Das Besondere an diesem guten Hirten Jesus ist nicht seine irdische Macht, durch die er gerechte Verhältnisse schafft. ER ist nicht der, der durch sein vorbildliches Handeln alle in dieser Welt Regierenden übertrifft. Dieser Jesus hat nie einem Kabinett mit Ministern vorgestanden und nie über ein Heer befohlen. Er hat nie eine Verwaltung mit Beamten zur Verfügung gehabt oder Steuern eintreiben lassen. Dieser Jesus hat aber Gottes Regieren sichtbar gemacht. Gott sucht und erlöst sein Volk, er rettet es von seinen Sünden, und deshalb hat Jesus gerade auch die gerufen, die die Verbindung zu Gott verloren hatten. Auf diesem Weg der Barmherzigkeit Gottes ist Jesus unter die Räder geraten, die Gerechten konnten den barmherzigen Gott Jesu nicht ertragen. Jesus löst auf, was uns heilig ist, er bricht das Gesetz, so ihr Vorwurf, der ihn ans Kreuz brachte. Der Hirte Jesus stirbt für seine Schafe. Nicht nur, weil er ‚die Verlorengegangenen gesucht hat und die Versprengten zurückbringen wollte‘. Sondern Jesus stirbt nach Gottes Willen und gerade so öffnet er die Tür für die Verlorenen aller Länder und Völker weit, die Tür zu Gott, zu einem neuen Leben im Frieden mit Gott, zu Heilung nach Leib und Seele.

Genau das aber ist doch die Aufgabe von Kirche und Gemeinde, Gottes Regieren durch das Evangelim von Jesus anzukündigen, darin zu leben und vielen den Zugang dazu zu ermöglichen. Gott sucht und erlöst durch Jesus.

Verlieren wir dabei nicht aus den Augen, dass wir durch Jesus teilhaben an Gottes Weg mit seinem Volk Israel. An die waren die Worte des Propheten Hesekiel zuerst gerichtet. Amen.



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König
E-Mail: wkl-bad.koenig@t-online.de

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