Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Misericordias Domini, 30.04.2017

Predigt zu Hesekiel 34:1-2, 10-16, 31, verfasst von Paul Kluge

Liebe Geschwister,

Abschnitte aus dem Buch über den Propheten Ezechiel kommen recht selten als Predigttexte vor. Dadurch ist der Prophet selber vielen Christen ziemlich unbekannt. Nach Aussagen des Buches Ezechiel hat der Prophet von 597 bis 571 gewirkt, und zwar im fernen Babylon.

Er war Priester und wurde 593 oder 592 zum Propheten berufen. Das geschah in dem Ort Tel Ahib im Lande Babylon. Fünf Jahre zuvor ist er zusammen mit vielen anderen verschleppt worden. Und als die Babylonier im Jahre 587 Jerusalem zerstörten, kam bis auf die Unterschicht das ganze Volk Juda als Arbeitssklaven nach Babylon.

Ezechiels Aufgabe ist es, sich um die Deportierten zu kümmern, ihnen Mut zu machen, Zuversicht zu geben. Wie sein Kollege Jeremia empfiehlt auch Ezechiel den Vertriebenen, ihr Schicksal anzunehmen, sich in ihrer neuen Heimat einzurichten, der Stadt Bestes zu suchen. Ezechiel wie auch Jeremia sind davon überzeugt, dass die Zerstörung des Tempels nicht das Ende der Treue Gottes zu seinem Volk ist. Denn Gott ist nicht an bestimmte Gebäude oder Orte gebunden.

Das ist eine neue Erkenntnis. Sie hilft den Menschen im Exil, ihre Sehnsucht nach der Heimat und dem Tempel, ihre Mutlosigkeit, ihre gelegentliche Verzweiflung zu überwinden: Gott ist ja auch hier, im Exil, bei und mit ihnen.

So kommt es, dass die Verbannten ihre eigenen Gebetshäuser einrichten und sich dort versammeln. Die Regierung sieht das nicht ungern, denn Menschen, die ihren Glauben frei ausüben und leben können, sind zufriedener, als wenn man ihnen das erschwert oder gar verbietet. An einem solchen Gebetshaus versieht auch Ezechiel seinen Dienst als Prophet, als Prediger.

Einen babylonischen Feiertag nutzt Ezechiel für einen Ausflug in die Umgebung von Tel Ahib. Viel Sand gibt es da, spärliches Gras, dürres Gebüsch. Immerhin reicht, was da wächst, als Weidegrund für Kleinvieh-Herden. Ist eine Fläche abgegrast, packt der Hirt seine Sachen zusammen und zieht mit der Herde weiter.

Die Hirten sind raue Burschen, nicht sehr angesehen bei den Leuten. Es gibt Hirten, die vor allem für sich selber sorgen. Die gern mal ein Lamm schlachten und grillen; die sich in den Schatten legen und die Herde sich selbst überlassen. Die gegen Geld einen guten Weidegrund abgeben und in magere Gegend ziehen. Die, wenn Raubtiere auftauchen, zuerst sich selbst in Sicherheit bringen. Solche Hirten haben den ganzen Berufsstand in Verruf gebracht.

Aber es gibt auch andere, gute Kerls, ehrlich, zuverlässig und um die Herde besorgt. Sie verteidigen ihren Weideplatz gegen andere Hirten und die Tiere, die Lämmer vor allem, gegen Raubtiere. Doch über sie hört man nichts, man hört nur von den schlechten Hirten, obwohl sie in der Minderheit sind.

Ezechiel denkt darüber nach, wie es sein kann, dass eine kleine Zahl schlechter Hirten den ganzen Berufsstand in ein schlechtes Licht rücken kann. Das ist ja auch sonst so: Da gibt es unter den Philistern ein paar gerissene, hinterhältige Händler, und schon heißt es „Die Philister betrügen!“ Wofür brauchen die Leute solche Pauschalverurteilungen, die das Miteinander schwer machen, die Misstrauen säen und Ängste schüren?

Fast ohne es zu merken, hat Ezechiel einen Hügel erklommen. Von oben sieht er im Tal eine kleine Herde aus Ziegen und Schafen, sieht einen großen Hund und, auf seinen Stab gelehnt, den Hirten. Er hört, wie der Hirte mit Pfiffen Kommandos gibt, der Herde und dem Hund. So bleiben die Tiere zusammen und der Hirte behält den Überblick.

„Ein schönes Bild“, denkt Ezechiel, „wenn unsere Regierenden sich auch so verhalten hätten, wären Jerusalem und der Tempel nicht zerstört, wären wir jetzt nicht hier im Exil. Aber was nützt jedes ‚Wenn!‘ – sie haben es nicht. Schlechte Hirten hatte das Volk, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht waren. Gute Hirten braucht das Land.“

Ezechiel steigt vom Hügel herab der Herde, dem Hirten entgegen. Er unterhält sich gern mit sogenannten kleinen und einfachen Leuten. Sie geben ihm oft gute Anregungen für seine Predigten.

Der Hirte winkt ihm zu, freut sich offenbar, einem Menschen zu begegnen. „Hoffentlich lacht er mich wegen meiner schlechten Sprachkenntnis nicht aus“, denkt Ezechiel, denn auch nach Jahren beherrscht er die fremde Sprache nicht.

Als er in Hörweite ist, grüßt der Hirte mit vertrautem „Schalom.“ Ezechiel freut sich: Der Hirte ist ein Landsmann.

Wie es denn so geht, fragen sie sich gegenseitig, und woher sie stammen. Der Hirte setzt sich auf einen Felsbrocken, gibt Ezechiel ein Zeichen, sich ebenfalls zu setzen. Holt dann Brot und Käse aus seinem Beutel und den Wasserbeutel. „Meine Tagesration“, erzählt er, „aber üppig. Nimm dir auch davon.“

Immer wieder lässt der Hirte seinen Blick über die Herde schweifen. Er pfeift, als zwei Böcke aneinander geraten. Sofort schafft der Hund Ordnung. Der Hirte lächelt zufrieden. „Ohne meinen Hund“, erzählt er, könnte ich die Herde nicht zusammenhalten. Er passt auf, er übersetzt meinen Willen so, dass die Herde ihn versteht.“

Nun ist es Ezechiel, der lächelt: „So ähnlich verstehe ich meine Aufgabe auch: Den Menschen Gottes Wort vermitteln, dass sie es verstehen. Denn es ist gut für sie. Nur: Sie haben Gott verloren, halten ihn für tot oder wenigstens abwesend. So lange der Tempel stand und erreichbar war, hatten sie ein sichtbares Zeichen für Gottes Gegenwart. Aber hier, in der Fremde? – Nichts!“

Beide schwiegen ein Weilchen, dann sagte der Hirte: „Vor einiger Zeit geriet die Herde durch irgendetwas in Panik. Vermutlich hatten sie Raubtiere gehört oder gewittert. Jedenfalls rannte sie davon, da half kein Rufen, kein Pfeifen, kein Hund. Die ganze Herde rannte einen Berg hinauf. Der Hund und ich also hinterher. Lämmer und alte Tiere holten wir als erste ein, der Hund brachte sie zusammen. Schließlich erreichten wird die Herde. Ängstlich stand sie dichtgedrängt in einer Bergmulde. Mein Hund bellte Entwarnung, ich rief der Herde beruhigende Worte zu. Bald fingen die ersten Tiere an, Gras zu rupfen; die Herde entspannte sich allmählich. Nur: Wir waren so weit von unserem Lager entfernt, dass wir nicht zurück konnten.“

Ezechiel legt dem Hirten die Hand auf den Arm und sagt: „Wohin die Herde auch läuft: Du bist bei ihr. Das ist ein schönes, ein gutes Bild. Darf ich deine Geschichte in meiner nächsten Predigt verwenden?“ Der Hirte hat nichts dagegen, findet die Geschichte aber zu unbedeutend. Ezechiel findet das gar nicht und bedankt sich dafür.

Sie sitzen noch ein wenig zusammen, teilen Brot, Käse und Wasser miteinander. Dann verabschiedet Ezechiel sich und macht sich auf den Heimweg. Denkt dabei über seine Predigt vom guten Hirten nach, die er halten wird: Wo die Herde auch ist: Der gute Hirte ist bei ihr. Amen.

 



Landespfarrer Paul Kluge
Leer
E-Mail: Paul-Kluge@t-online.de

(zurück zum Seitenanfang)