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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Misericordias Domini, 30.04.2017

Zeit und Eigennutz
Predigt zu Hesekiel 34:1-12.16, verfasst von Wolfgang Petrak

Und des Herrn Wort geschah zu mir:

Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?

Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.

Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.

Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder sie sucht.

Darum hört, ihr Hirten, des Herrn Wort!

So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,

 darum, ihr Hirten, hört des Herrn Wort!

So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.

Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist

Liebe Gemeinde,

Was für ein Wort. Du hörst, wir hören, dass es der Herr ist, der selbst Hirte sein und das Recht herstellen wird. Am Ende. Zugleich höre ich, hörst du in die Zeit hinein. Das Wort des Propheten beginnt mit der Ankündigung des Gerichtes über die falschen Hirten in der Zeit, fasst sich aber in der Sprache der Hebräer in einem einzigen Laut zusammen, unserem Stoßseufzer gleich, der entsteht, wenn wir mit starren, geöffneten Lippen stoßartig ausatmen, weil die Abgründe der Welt und unserer Zeit nicht zum Aushalten sind: היו. Hau. Global ist die Sprache des Schreckens und der Abwehr. Was aber nehmen wir auf, was nehmen wir an?

Ja, du kennst es genau: Es begab sich zu der Zeit… Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Des Tags natürlich auch. Denn sie waren in ihrer Arbeit durchaus zuverlässig. Sie hielten es verlässlich, so wie die Jahreszeiten waren, so hielten auch die Zeiten zur Schafschur ein, besorgten nach Möglichkeit Futter, wenn die Nahrung der Wiesen und abgeernteten Felder nicht reichen sollte, reinigten die Klauen der Tiere, erkannten mit kundigem Auge, wenn ein Schaft lahmte und wussten zu verbinden, kannten auch Mittel gegen Würmer; und wenn ein Tier ihrer Herde sich verirrte, so suchten sie es, scheuten dabei auch nicht Felskluften und Abgründe, ging es ihnen doch um den Erhalt und die Mehrung der ihnen anvertrauten Werte. Wenn Reisende des Weges kamen und nach Milch oder Käse fragten, so verkauften sie und rechneten hinterher ab. Auch sie selbst durften sich von den Tieren nähren und Erhalten, waren sie doch die ganze Zeit, Tag und Nacht bei den Hürden. so standen auch ihnen Milch und Käse zur Verfügung, auch Wolle für die Kleidung, notfalls auch das Fell notgeschlachteter Tiere zum Schutz gegen die Kälte - aber alles natürlich nur gegen Abrechnung, Bezahlung also oder Abzug vom Lohn. Ebenso natürlich, bei der Weite der Felder, bei der zeitlichen Belastung und bei der Verantwortung, konnte es sein, dass die Abmachungen auch mal zum eigenen Vorteil ausgelegt wurden; auch dass die Entbehrungen einen dazu trieben, mal ein Stück Fleisch zu verkaufen oder es selbst braten und zu verzehren: „Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter“. Oder muss es heißen: „…kein Täter“?

Unmerklich, vielleicht auch unwissentlich verändert sich das Gleichgewicht von Gemeinsinn und Eigennutz, verändert die geordnete, vereinbarte Beziehung; ja, es kann umkippen wie das ökologische Gleichgewicht eines Biotops, und einen unumkehrbaren Prozess der Zerstörung einleiten: den Machtwechsel zum ausschließlichen Eigeninteresse, der das Schwache mit den Worten beiseite schiebt: „Das kannst du sowieso vergessen“. Das Starke wird niedergetreten zu Gunsten jenes Prinzips, dass der noch Stärkere Recht hat. So hatte es sich in der Zeit begeben, in der sich die Hirten das Recht herausnahmen zu schlachten statt zu hüten. Hau. „Wehe den Hirten, die sich selber hüten“.היו. Hau.

Du fragst dich nach der Zeit und ob du dir erzählen lässt von früher, als alles so einfach war, wie aus den Jägern und Sammlern, dann den Nomaden, welche geworden waren die sesshaft waren, das Land bearbeiteten, Vieh züchten, Handel betrieben, Waren tauschten, auch über familiäre Priester verfügten, die mit einem symbolischen Opfer Handel und Wandel abzusegnen wussten: auch eine Geschichte des Eigensinns, die sich aber nicht in der Zeit verliert, sondern als Eigennutz und der Absicherung seiner Interessen wiederkehrt. Zu fragen ist nach unserer Zeit. Zu sehen waren am vergangen Sonntag Bilder von Bergleuten in den USA, die in Kohlenflöze einfahren, in denen sie nur gebückt oder kriechend arbeiten können, zehn Stunden lang. „America First“. Das ist die Parole, die ihnen Angst vor dem Verlust der Arbeit nimmt. ein Aufruf zur Selbstabsicherung, vertreten von zum Regieren Gewählten, die Millionen durch Immobilien und Finanztransaktionen verdienen. Ebenfalls am Sonntag war zu sehen, wie auf dem Parteitag der AfD die Hände hochgingen, als es um Abgrenzung ging, und als der Hauptredner über Menschen, die in der Politik Verantwortung übernehmen, von „ solchen Figuren“ sprach: Verdinglichung als Prinzip der Ausgrenzung. Zu sehen war ebenfalls an diesem Tag die Erleichterung, dass der Front Nationale nicht den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl für sich entscheiden konnte, sondern der unabhängige Kandidat Macron, der für ein vereintes Europa eintritt, ohne, soweit ich weiß, seine Vorstellungen näher darzulegen. Doch der Wahlausgang gibt auch zu bedenken, dass in Frankreich die etablierten Parteien ihre Überzeugungskraft verloren haben, vergleichbar mit dem Polit-Establishment in den USA. Aber: sind „die da oben“ wirklich nur Figuren, die von Interessen hin - und hergeschoben werden, wirklich vergleichbar jenen Hirten, die sich selber hüten? Diese negative Denken, das um sich greift, ist gefährlich. Weil es ohne Begründung dazu berechtigen will, den Eigennutz auszuleben und die anderen Menschen auszugrenzen. Dieses kann den politischen Zusammenhalt und damit die Grundlagen unseres Zusammenleben zerstören.

Gleichwohl gilt es kritisch zu sein. So müssen Ziele der EU diskutiert und verändert werden können. Am Dienstag gab es auf der ersten Seite im Göttinger Tageblatt die Schlagzeile: „Frankreich-Wahl beflügelt Börsen und Wirtschaft“. Ist denn ein vereintes Europa nur eine wirtschaftliche Größe zum eigenen Vorteil? In diesem verengten Sinn handelt die EU, wenn sie mit Freihandelsabkommen in Afrika die Voraussetzung schafft, dass wiederum durch die EU subventionierte landwirtschaftliche Produkte, wertlose Hähnchenschenkel, Tomaten, sogar Ananas (in Ungarn abgefüllt) den heimischen afrikanischen Markt überschwemmen und so mittelbar Menschen zwingt, ihr verarmendes Land zu verlassen (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 29.12.2017). Dieses muss anders werden.

Du sagst: das ist doch politisch. gehört nicht auf die Kanzel, vielleicht ins Gebet?

Ich sage: Ja. So ist es: Wir sind in unserer Zeit auf das Gebet angewiesen. Genauso wie zur Zeit Ezechiels. Der Prophet hatte damals seine Zeit gedeutet und mit dem Bild der Hirten, die sich selber hüten, Ursachen und folgen benannt. Es sind die Könige und deren Priester gewesen, die aus Eigennutz sich bereichert hatten, Menschen vom Land vertrieben und verarmen ließen. Die Zerstörung des Tempels und die Zeiten des Exils 597 und 587 sind die Folge gewesen, ebenso die verworrenen Zeiten danach. Politisch ist seine Prophetie, grundsätzlich die Hoffnung. Neues soll werden. Der Herr wird kommen. Mit seinem Recht, seiner Gerechtigkeit und seinem Erbarmen:

 

Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist,

Wohl dem, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott,

 der Himmel und Erde gemacht hat,

das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, /

der Recht schafft denen, die Gewalt leiden,

der die Hungrigen speiset. Der Herr macht die Gefangenen frei.

Der Herr macht die Blinden sehend. Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der Herr liebt die Gerechten.

Der Herr behütet die Fremdlinge / und erhält Waisen und Witwen;

aber die Gottlosen führt er in die Irre.

( Ps. 146, 5-9).

So gehen wir in eine Zeit, in der wir um seinen Geist bitten, den Geist, der uns mit Christus verbindet und uns von ihm her verstehen lässt. Damit wir nicht eng werden und in Angst leben. Kurz, wie ein Atemstoß, ergeht das Wort des Wehe. היו. Hau. Ihm steht ein anderes gegenüber, das genauso kurz und darin ihm ähnlich ist:רוח ruach. Sieh, wenn sich ratlos, zornig und verzweifelt das Wehe, das hau ausatmet und sich so Raum verschafft, so ist das andere, ruach, so, als ob es sich einatmen lässt. Denn zum Leben brauchen wir ihn. Bitten wir darum, das wir ihn auch annehmen: Gottes Geist, der versöhnt und befreit. Amen.

 



Pastor Wolfgang Petrak
Göttingen
E-Mail: w.petrak@gmx.de

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