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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 25.05.2017

Ist der liebe Gott gerade zuhause?
Predigt zu 1. Könige 8:22-29, verfasst von Bernd Giehl

Ich stelle mir vor, ich wäre dabei gewesen. Und weiterhin stelle ich mir vor, ich sei ein vielleicht fünfjähriges Kind gewesen und an der Hand meines Vaters gegangen. Dass ich bei der Einweihung des Tempels durch den großen König Salomo dabei sein durfte, war ein großes Privileg, aber das verstand ich erst viel später. Denn natürlich waren damals nur geladene Gäste aus der obersten Gesellschaftsschicht dabei. Vom König hatte mein Vater oft erzählt, und als ich ihn dann im Tempel zum ersten Mal sah, mit seinen kostbaren Gewändern und der Krone auf dem Kopf kam er mir natürlich ungeheuer bedeutend vor. Wir standen ganz nah, weil mein Vater ein wichtiger Berater des Königs war. Mein Onkel stand natürlich noch etwas näher, denn er war der höchste Priester. Auch er trug kostbare Gewänder und er schwenkte ein Weihrauchfass und sprach Worte, die ich kaum verstand. Aber einen Satz habe ich mir gemerkt. Mein Onkel sagte, ab jetzt wohne Gott in diesem Haus, das der König für ihn gebaut habe. Früher habe er an verschiedenen heiligen Orten gewohnt, und einmal, als das Volk Israel noch auf der Wanderung gewesen sei, war er sogar in einer Kiste eingesperrt, die sie durch die Gegend getragen hatten, aber das wäre nun vorbei. Jetzt habe der König ihm ein Haus gebaut, das ihm würdig sei. Ich schaute mich um und sah, wie groß und prächtig der Tempel war und ich glaubte gern, dass Gott jetzt hier wohnte. Und wenn ich wollte, konnte ich ihn hier besuchen.

Irgendwann wurde mir aber doch langweilig und ich ging mit meinen Freunden an den Bach. Als ich später mit meinem Onkel über das Erlebte sprach, erzählte er mir von der Wolke, die das Volk Israel damals auf ihrer Wanderung durch die Wüste begleitet und ihnen den Weg durch die Wüste gezeigt hatte. Diese Wolke, so vertraute er mir an, habe ein paar Tage zuvor den Tempel besucht. Erst als die Wolke wieder hinausgeglitten sei, hätten sie selbst, die Priester, in den Tempel gehen können. Aber das könne er mir nur im Vertrauen sagen. Ich dürfe es nicht weitererzählen.

Natürlich habe ich es nur meinem allerbesten Freund erzählt. Und dabei die Geschichte ein kleines bisschen verändert. So nämlich, als ob ich selbst dabei gewesen wäre. Dabei beneidete ich meinen Onkel über alle Maßen. Er hatte die Wolke gesehen. Sie sei riesig gewesen und habe den ganzen Tempel ausgefüllt, sagte er mir.

Ich habe lange über diese Geschichte nachgedacht. Wenn das so war, dann hatte ich zwar einem feierlichen Gottesdienst beigewohnt, aber das Wichtigste hatte ich verpasst. Das Wichtigste war doch, dass Gott selbst den Tempel für sich in Besitz genommen hatte. Dafür hatte er sogar einen Teil seiner Unsichtbarkeit aufgegeben. Für eine kurze Zeit hatte er sich meinem Onkel und den anderen Priestern gezeigt. Warum hatte er damit nicht bis zur Einweihung des Tempels gewartet? Warum hatte nur mein Onkel und seine Kollegen Gott sehen dürfen?

Auch mein Freund hat nie erfahren, dass mein Onkel der Einzige war, der die Wolke sah. Oder hatte auch er die Geschichte nur erfunden, um so bedeutend vor mir dazustehen, wie ich vor meinem besten Freund dastehen wollte?

Ich habe es nie herausgefunden.

*

An diesem Punkt konnte er nicht mehr weiterschreiben. Schnell legte er das beschriebene Papier weg, ehe seine Tränen die Schrift unleserlich machten. Wie gern er dieses Kind gewesen wäre. Wie gern er selbst an der Stelle dieses Kindes die Einweihung des Tempels erlebt hätte. Was machte es schon, dass das Kind die Wolke nicht mit eigenen Augen hatte sehen können. Natürlich konnte er das noch ändern; das Kind war doch nur ein Produkt seiner Phantasie. Aber natürlich würde er es nicht ändern. Gott würde sich doch wohl niemals einem Kind zeigen.

Aber er wusste wie es weitergehen würde. Er stand ja selbst am Ende dieser Entwicklung. Und auch wenn er noch die eine oder andere Figur hinzuerfinden würde: den wirklichen Ablauf der Ereignisse konnte auch er nicht ändern. Das Schicksal würde seinen Lauf nehmen. Das Leben dieses Kindes konnte er so oder so niederschreiben. Er konnte aus ihm einen frommen Mann machen, der täglich in der Thora las oder er konnte aus ihm einen Menschen machen, dem Gott nicht wichtig war, der vielleicht eine Frau aus einem heidnischen Volk heiratete und deren Götzen anbetete. So oder so - es würde nichts am Verlauf der Geschichte ändern. Israel hatte sein Glück, das Bündnis mit Gott verspielt. Schon der König Salomo, der den Tempel gebaut hatte, hatte so gehandelt. Er hatte Frauen aus den anderen Völkern geheiratet und zugelassen, dass die ihre Götter mitbrachten. Und so war es immer weitergegangen, trotz aller Propheten, die Israel gewarnt hatten und gesagt: „Lange schaut Gott nicht mehr zu“ bis die Babylonier ihr Land erobert und den Tempel zerstört hatten.

Und er war Zeuge gewesen. Bis auf die Grundmauern hatten sie ihn geschleift.

„Gott wohnt hier nicht mehr.“ Er hatte das Schild persönlich an einem Säulenrest angebracht.

*

Nein, so einfach ist dieser Text nicht zu fassen. Beim ersten Hören klingt er ziemlich fromm. Beim zweiten Hören denkt man, dass es ja wohl ein cleverer Schachzug des Königs ist, jetzt wo Israel in einem Reich geeinigt ist, auch dem Gott Israels eine Art Palast zu bauen. Die Zeit des wandernden Gottesvolks ist vorüber, heißt das ja wohl, aber auch: Gott steht auf der Seite des Königs und seines Hauses. Wer das Königshaus hasst oder angreift, bekommt es mit Gott zu tun. Dass dieser Satz nicht unter allen Umständen gelten würde, das hat schon Salomos Vater David durch den Propheten Nathan erfahren und Salomos Erben sollten es bald erleben. So einfach lässt sich Gott eben doch nicht vereinnahmen; auch nicht durch einen mächtigen König. Die Propheten haben es den Mächtigen immer wieder sagen müssen: Macht haben heißt noch nicht unbedingt: im Recht zu sein. Und so erzählen es die beiden Bücher der Könige Israels. Am Ende steht Israel unter der Herrschaft anderer Völker und den Tempel gibt es auch nicht mehr. Der, der die Bücher der Könige zusammengefasst hat, hat es so gedeutet, dass die Mehrzahl der Herrscher Israels sich schließlich von Gott abgewandt haben und Gott die Feinde deshalb über Israel triumphieren ließ.

Womit wir also bei der uralten Frage wären: Wo wohnt Gott? Wo kann ich ihn finden? Die Juden haben nach dem Ende des Exils in Babylon noch einmal einen Tempel gebaut, der immerhin noch einmal rund vierhundert Jahre lang gestanden hat, bis er 80 nach Christus von den Römern zerstört wurde. Danach wurden sie in alle Winde zerstreut und auch nachdem sie wieder einen eigenen Staat hatten, haben sie keinen dritten Tempel gebaut. Sie haben ihre Synagogen in denen sie ihre handgeschriebenen Thorarollen in Schränken aufbewahren, vor denen eine Art Ewiges Licht brennt, und im Gottesdienst am Sabbat liest ein Mann aus der hebräischen Thorarolle. Sie feiern ihre Feste wie das Passafest oder Rosch Haschana, das Neujahrsfest sowohl in der Synagoge wie auch zuhause und zumindest beim Passafest gibt es auch Essen und Trinken, zusammen mit einer festen Liturgie. Beim Passafest versetzen sie sich, soweit das überhaupt möglich ist, in die Situation des Volkes Israel vor dem Auszug aus Ägypten. Sie selbst sind die Sklaven, die die Städte der Ägypter gebaut haben und nun kurz vor der Befreiung stehen. Und dabei erleben sie noch einmal die großen Taten Gottes.

*

Wo ist Gott zu finden? Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Fromme Menschen werden sagen, sie fänden ihn im Gottesdienst. Das gemeinsame Singen, die Gebete und manchmal auch die Predigt brächten sie in Verbindung mit Gott. Weniger fromme Menschen werden vielleicht von großen Kirchen erzählen, die sie besucht haben, vom Kölner Dom, der Kathedrale von Chartres oder von der barocken Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen mit dem phantastischen Gnadenaltar, der in der Mitte der Kirche wie ein Felsen aufragt, auf dem 14 Heilige der Katholischen Kirche aufragen, zu denen man beten kann, weil jeder für ein bestimmtes Anliegen zuständig ist. Vielleicht werden sie sagen, dass sie in der Pracht dieser Kirchen oder in ihrer wunderbaren Architektur Gott begegnet sind. Oder sie haben in Vierzehnheiligen oder einer anderen Kirche für eine kranken Angehörigen gebetet und ihr Gebet ist erhört worden.

*

Gott kann man auf viele Weisen begegnen. Er ist auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Nicht an den Tempel und auch nicht unbedingt an eine Kirche. Vor einigen Jahren habe ich einen wunderschönen Film gesehen, der hieß „Der liebe Gott im Schrank“. Der Film handelt von dem fünfjährigen Mädchen Gesa. Er beginnt damit, dass der Vater Gesa ins Bett bringt und die plötzlich beten will. Der Vater ist sehr verwundert, weil sowohl er als auch seine Frau unreligiös sind, aber da er seine Tochter liebt, lässt er sie beten. Sie beginnt mit den Worten: „Lieber Gott, heute Abend gab es Kartoffelsalat und Würstchen. Das mag ich nicht besonders. Ich habe dir etwas übriggelassen.“ Der Vater, dem das Gebet spanisch vorkommt, will wissen, woher Gesa den lieben Gott kennt, und die erzählt ihm, sie habe den lieben Gott in einer Kirche kennengelernt, die sie besucht habe. Dort habe er in einer Bank gelegen. Dann sei die Putzfrau, die gerade saubermachte, zu ihm gegangen, habe ihn an seinem schmutzigen Jackett gefasst, ihn wachgerüttelt und gesagt: „Mein Gott, du kannst hier doch nicht schlafen.“ Daraufhin sei der liebe Gott aus der Kirche gegangen und sie sei ihm gefolgt. Aus einem Gully sei plötzlich ein Mann mit einem schwarzen Gesicht aufgetaucht, sie seien in Streit geraten, weil der liebe Gott den schwarzen Mann geärgert habe und dann habe der angefangen, den lieben Gott zu beschimpfen. Das müsse der Teufel gewesen sein. Der liebe Gott habe aber nichts weiter unternommen und da habe sie ihn zu sich nach Hause eingeladen. Weil sie sich vorstellen konnte, dass die Eltern schimpfen würden, wenn sie den lieben Gott bei sich zu Hause vorfänden, habe sie ihn im Schrank versteckt. Der Vater öffnet den Schrank und darin sitzt ein unrasierter Mann in schmutzigen Kleidern. Der Vater sorgt dafür, dass der Mann erst einmal ein Bad nimmt und dann bekommt er auch noch etwas zu essen. Danach geht er wieder weg, und damit endet auch der Film.

In einer Besprechung, die auf die Frage einging, wie man mit Erwachsenen den Film einsetzen kann, wurde die Frage aufgeworfen, wie schnell man ein Kind darüber aufklären solle, dass Phantasie und Wirklichkeit zwei verschiedene Dinge seien, dass also der liebe Gott in Wirklichkeit ein Obdachloser war. Oder ob man ein Kind vielleicht warnen sollte, sich besser nicht mit einem Unbekannten einzulassen.

Ja sicher, das alles ist wichtig. Und doch habe ich das Gefühl, dass all diese Diskussionen zu schnell geführt werden und dass man den Film erst einmal auf sich wirken lassen sollte, weil er so wunderbar und so ungewöhnlich ist.

*

Kann natürlich auch sein, dass ich da falsch liege. Und dass Sie jetzt unbedingt protestieren müssen. Gott als Obdachloser, das geht ja schon mal gar nicht. Schließlich ist Gott doch allmächtig und lässt sich im Rolls Royce durch die Gegend kutschieren, falls er seinen Palast überhaupt einmal verlässt. Wenn man ihm begegnen will, dann nur in den ausgesuchtesten Räumen und mit der erlesensten Musik. Beethoven muss es schon sein. Oder besser noch: Wagner.

Ach was. Sagen Sie nur: So konservativ sind Sie gar nicht? Aber das kleine Mädchen hätte man sofort aufklären müssen, dass es sich bei diesem abgerissenen Penner gar nicht um den lieben Gott handelt? Sonst erzählt es womöglich noch weiter, dass es dem lieben Gott begegnet ist und dann kommen ihre Freundinnen vielleicht auch auf die Idee, sie wollten den lieben Gott suchen? Und dann – nein, man mag sich gar nicht ausmalen, was dann passieren könnte. Schließlich muss der Mann ja gar nicht so harmlos sein, wie der aus dem Film.

   Oder war das schon wieder falsch? Sie sagen, das sei die schönste Art der Begegnung mit Gott, die Sie sich vorstellen können? Und Sie würden das Mädchen für seine Phantasie beneiden? Und eigentlich sei es schade, dass eines Tages merken wird, dass es sich gar nicht um den lieben Gott handelte?

Gott, so sagt dieser Film, Gott kann man auch in den ungewöhnlichsten Menschen begegnen. Es ist nämlich gar nicht ausgemacht, ob er im Himmel wohnt, in einer großen Kathedrale oder ob er vielleicht manchmal unerkannt durch unsere Straßen geht oder an unsere Türen klopft.

Wichtig ist nur, dass wir bereit sind für die Begegnung mit ihm.



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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