Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 25.05.2017

Predigt zu 1. Könige 8:22-28, verfasst von Thomas-Michael Robscheit

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern & Brüder!

 

Immer mal wieder trifft man als Pfarrer Menschen, die ihre Abwesenheit im Gottesdienst entschuldigen, z. B. Den Herrn Meyer. Beliebtes Argument für die Entschuldigung ist bei ihm der Aufenthalt an der frischen Luft: „ Wissen Sie Herr Pfarrer, ich treffe meinen lieben Gott in der Natur oder wenn ich im Wald spazieren gehe.“ - die Antwort darauf (meistens nur gedacht & nicht gesprochen): „Dann lassen sie sich am besten auch vom Oberförster beerdigen.“ - Diese humorige Entgegnung ist seit einiger Zeit obsolet: im Friedwald wird die Urne vom Förster beigesetzt. Ich habe neulich einen solchen Wald besucht. Und ich war enttäuscht. Kein alter Wald mit stolzen Buchen, darunter lauschige milde Waldluft im Halbschatten. Keine andächtige Stille. Nein, der Wald ist jung und naturbelassen wie er sein sollte, es wuchert alles mögliche und versucht etwas vom noch vorhandenen Sonnenlicht zu ergattern. Keine erhabene andächtige Ruhe.

Ich fragte mich, warum sich jemand in diesem Gestrüpp beerdigen lassen möchte.

Wie dem auch sei, in diesem Wald stellte sich mir die Frage, brauchen wir Menschen besondere und als solche von jedermann erkennbare Orte? Orte, an denen uns etwas begegnet, das unseren Alltag übersteigt, Orte der Erinnerung, Orte der Trauer, Orte des Trostes, Orte des Dankes, Orte die unseren Geist öffnen?

Im alten Testament wird uns von verschiedensten Begegnungen mit Gott berichtet, erstaunlich viele davon sind in freier Natur, aber durchaus an besonderen Orten. Denken Sie an den brennenden Dornbusch: Mose begegnet Gott in der freien Natur. Wäre unser Herr Meyer bibelfester, das wäre eine gute Argumentationsgrundlage. Ebenso Jakobs Kampf am Jabbok und Elia in der Höhle. Begegnungen in Gottes lieber Natur. Aber auch diese Orte sind dann etwas Besonderes: „Zieh Deine Schuhe aus, den der Ort wo Du stehst in heiliger Boden!“ - so hört es Mose. Gleichzeitig ist Gott aber nicht an diese Orte gebunden, er zieht wandernd mit seinem Volk umher.

Jahrhunderte später schließlich lässt Salomo den Tempel errichten. Ist Gott nun dort?

Hören sie auf die Einweihungsrede des Königs:

 

Text lesen: 1. Könige 8, 22-28

 

Braucht Gott solche Wohnungen? Sicherlich nicht, und es war auch für Israel klar, dass im Tempel der Name Gottes wohnt, anwesend ist; aber keineswegs Gott dort fest einquartiert oder gar eingesperrt ist! Nein, Gott braucht das nicht!

Und wir? Brauchen wir das?

Nein: „alles, was mein Auge sieht spricht seine Sprache, singt sein Lied.“, haben wir als Credo auf die Evageliumslesung vorhin gesungen. Wir feiern Gottesdienst hier auf dem Berg, im freien & wir sind überzeugt, dass Gott auch hier mit seiner Gegenwart ist.

Herr Meyer hat recht. Wir finden Gott in der Natur. Wir erahnen den Schöpfer hinter der Schöpfung. Wir sind gewohnt Rückschlüsse zu ziehen.

 

Brauchen wir Räume der Gottesnähe?

Ja! Wir brauchen auch diese Räume!

Natur ist unsere Umwelt, unser Äußeres. Wir nehmen sie mit allen Sinnen wahr. Und genau das ist hier auch unser Problem.

„Problem? Wieso?“, werden Sie fragen. Ein kleiner Test: Wieviele blühende Kirchbäume stehen hier am Rand der Wiese? Sie haben sie alle gesehen! Oder: habe ich eben, am Anfang der Predigt, irgendwelche Tiere erwähnt? Und wenn ja: welche? Sie wissen es nicht.

Unsere Umwelt nehmen wir immer nur bruchstückhaft, gefiltert wahr. Die allermeisten Reize und Eindrücke blenden wir einfach aus. Da kann auch Wesentliches verloren gehen. Nicht immer begegnet Gott in der Natur so eindrucksvoll wie dem Mose im brennenden Busch!

Deswegen brauchen wir Menschen auch Orte und Zeiten der Besinnung, an denen Reize ausgeblendet werden. Einen Schutzraum. Die Mauern des Tempels waren für Salomo diese Schutzmauern, für uns sind es die der Kirchen: dicke Mauern, die Lärm und Unruhe abhalten und dazu ein blaues Dach: der Himmel zu Gott ist für uns offen.

Das Gästebuch in der Kapellendorfer Kirche verrät, wieviele Menschen die Ruhe der Kirche suchen. Oft nur für wenige Minuten entfliehen sie dem Lärm des Alltages, sie hören in sich hinein und spüren die Kraft Gottes.

 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder. Wir feiern heute Himmelfahrt, einen Gottesdienst in Gottes lieber Natur. Dieser Tag bringt für uns beides zusammen: Umwelt, der Lärm, Die zwitschernden Vögel, die blökenden Schafe, die Schöpfung und ihren Schöpfer, Jesus, der auf den Berg steigt. Und dann der Blick nach oben. Die Welt wird ausgeblendet, um die Jünger wird es still. Still wie im Schutz der Mauern des Tempels und unserer Kirchen.

 

Und der Friede Gottes der alles umfaßt, bewahre unsere herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.



Pfarrer Thomas-Michael Robscheit
Kapellendorf und Apolda
E-Mail: thm@robscheit.de

Bemerkung:
Hinweis: Der Gottesdienst zu Himmelfahrt wird im Freien gefeiert.
Als Credo-Lied wird „Ich glaube Gott ist Herr der Welt“ EG 704 gesungen.




(zurück zum Seitenanfang)