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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 25.05.2017

Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen?
Predigt zu 1. Könige 8:22-24.26-28, verfasst von Gert-Axel Reuss

I.

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Arbeitstag, hier in Ratzeburg. Vor allem anderen hatte ich mir den Kirchenschlüssel erbeten. Ich setzte mich in die Kirche und ließ alles auf mich wirken: den roten Backstein, die dicken Mauern, den mittelalterlichen Altar und die Kanzel, auf der ich bald stehen würde. Einfach großartig. Dazu das Licht, das durch die Obergaden ins Gewölbe fällt. ‚Wie im Himmel‘, denke ich bei mir.

Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun? (V 27) betet Salomo, nachdem er den Jerusalemer Tempel hat bauen lassen. Zur Tempelweihe wohlgemerkt.

Der niederländische Liedermacher Herman van Veen hat diesen Gedanken 1974 in seiner Geschichte von Gott aufgegriffen und setzt Gott nicht in die Kirchenbank sondern auf eine Parkbank vor der Kirche. Zur Kirchweihe lesen wir u. a. dieses prophetische Wort (Jesaja 66, 1 + 2): Was ist denn das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet? Meine Hand hat alles gemacht, was da ist. Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Herzens ist und der erzittert vor meinem Wort.

Also: Was gilt denn nun? Unsere Kirchen als Schemel der Füße Gottes – oder Gott, der sich nicht einsperren lässt, durch welche Mauern auch immer? Als Protestanten ist uns die ganze Welt ‚heilig‘, aber Menschen zieht es in unseren Dom. Hier – nicht in ihrem Alltag – erleben sie sich selbst in einer anderen Tiefe. Hier ahnen sie, dass das Leben mehr ist als Essen und Trinken. Manche finden in eine Haltung des Gebets, zünden Kerzen an, schreiben in das ausliegende Buch. Hier suchen sie Gott. Finden sie ihn? Finden wir ihn?

 

II.

Himmelfahrt. Plötzlich ist der Heiland weg, verschwunden in einer Wolke, aus der nur noch die Füße herausschauen. So haben es sich die Maler unserer Altäre vorgestellt. Jesus, der nun im Himmel über allem thront. So fern. Und doch nah?

Christian Gremmels (PrSt 1993, S. 66) schlägt einen Bogen zurück zur Krippe und fragt: „Was fällt Ihnen leichter: Zu glauben, dass Gott seinen Sohn zu sich in den Himmel hat auffahren lassen? Oder zu glauben, dass Gott seinen Sohn zu uns auf die Erde hat kommen lassen?“

Er gibt dem schon zitierten Gebet Salomos (V. 27) diese Wendung: „Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dieser Mensch tun, den du gesandt hast?“ um sogleich die Antwort, Luthers Antwort zu geben: „Du darfst nicht zu Gott emporsteigen, sondern fange da an, wo er angefangen hat: im Leib der Mutter ward er Mensch.“ (WA 40,1; 75) (zit. Nach PrSt, a.a.O.)

 

Liebe Gemeinde,

wir schauen heute – etwas ratlos – in den Himmel und fragen mit den Jüngern: Und nun?

Luther weist nicht nach vorne, er weist zurück. Auf die Erde, auf den Schoß der Maria, auf das Geheimnis von Weihnachten. Das bedeutet doch: Gott liegt vor euren Füßen. Er begegnet euch in den Aufgaben, die vor euch liegen. Er begegnet euch in den Menschen neben euch.

Das zu glauben, fällt uns schwer. Jetzt, wo es gilt, die Flüchtlinge aus Syrien und Afrika irgendwie zu integrieren. Wir ahnen, dass sie nicht so schnell wieder nach Hause zurückkehren werden. Ihre Gegenwart verändert uns, ihre Fremdheit bringt manche Verunsicherung.

Aber es sind ja nicht nur die ‚fernen Fremden‘, denen wir am liebsten aus dem Weg gehen würden. Auch in unserer vertrauten Umgebung gibt es Menschen, die wir nicht an uns heranlassen.

In ihnen die Schwester, den Bruder zu erkennen – das wäre ein Geschenk des Himmels! Der Himmel auf Erden. Kaum zu fassen.

 

III.

Wenn aller Himmel Himmel Gott nicht fassen können – wie sollte uns das gelingen?

Im Suchen – so scheint mir – werden wir ihn nicht finden. Wenigstens nicht im Drängen, im Wollen, im Erzwingen.

„Gott, wo bist du?“ – Unser Fragen ist oft so zielgerichtet, so fokussiert, dass wir ihn nicht finden. Weil wir ihn übersehen.

Ich will damit das aktive Suchen nicht diskreditieren. Vielleicht ist es nötig als eine Art Vorbereitung. Luthers reformatorische Erkenntnis mag ihn wie ein Blitz getroffen haben, aber sie wurde vorbereitet durch sein Bibelstudium, durch die Gespräche mit seinem Beichtvater, durch sein klösterliches Leben.

Aber das eigentliche Wunder ist das Finden. Manche sagen: das Gefunden-werden. Weil wir plötzlich unser Leben, uns selbst in einem anderen, viel größeren Zusammenhang sehen. Weil Gottes Geist uns erfasst. Weil Menschen uns nahe kommen in ihrem Schicksal, in ihrer Lebendigkeit, in ihrem Glauben, denen wir uns von alleine nie nahe fühlen würden. Und wir entdecken, wie reich, wie schön, wie kostbar das Leben ist.

 

IV.

Für mich ist Himmelfahrt mit Loslassen verbunden. Die Jünger müssen loslassen. Der Heiland entschwindet ihnen. Eine Verlusterfahrung. Eine schmerzliche Erfahrung im Trauerprozess.

Aber dieses Loslassen-müssen enthält die Möglichkeit des Sich-öffnens. Der Entgrenzung. Wenn aller Himmel Himmel Gott nicht fassen können, dann können wir ihn überall entdecken. In jedem Grashalm, der durch die Erde bricht. In jedem Lichtstrahl, der durch das zarte Grün der Blätter auf den Waldboden fällt. Darin, dass der Bäcker die ältere Frau in der Schlange vor uns geduldig bedient, sich ihr zuwendet (auch wenn es nervt, weil wir es eilig haben). Und ich kaufe dem Obdachlosen vor dem Supermarkt nicht nur das Straßenmagazin „Hinz und Kunzt“ ab, sondern schenke ihm ein Lächeln.

 

Gott in mir?

Ich zögere, diesen Gedanken zu denken. Weil er so kostbar ist, so zerbrechlich. Aber auch missverständlich, dem Missbrauch ausgeliefert.

Vielleicht geht es so: Die Jünger haben im Geist Jesu gehandelt. Sie haben das, was er angefangen hat, weitergetragen. Seine Botschaft bezeugt und verbreitet: ‚Dass Gott nicht nur das Gebet Salomos erhört hat (1. Könige 8, 28), sondern auch das Flehen der Elenden (Jesaja 66, 2). Dass König und Bettler zusammenstehen, nicht nur im Beten.

Und wir auch. Als Botschafterinnen der Liebe Gottes, als Zeuginnen der Hoffnung. Und zugleich bedürftig, dass andere uns beistehen, für uns beten, glauben und hoffen.

Gott mitten unter uns.

 

V.

Salomo baut einen Tempel. Den Tempel. Sichtbares Zeichen der Gegenwart Gottes, in der Mitte des Volkes Israel.

Unser Bedürfnis nach sichtbaren Zeichen ist groß. Aber es sind und bleiben Zeichen. Zeichen, die auf etwas anderes verweisen. „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel der kommt“, dichtet Kurt Marti und fügt hinzu: „Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.“

Unsere Kirchen sind Zeichen. Kostbar durch die Geschichte des Glaubens, die sie erzählen. Reich, durch die Gebete, die in ihnen gesprochen, durch die Lieder, die in ihnen gesungen werden. Wir brauchen solche Orte, die Gemeinschaft stiften – auch wenn ich ganz für mich (an einem Freitagmorgen im Mai) in der Kirchenbank sitze. Orte, an denen ich mich öffnen kann für die Gegenwart Gottes.

Unser Ratzeburger Dom ist – wie viele mittelalterlichen Kirchen (vielleicht wie alle Kirchen) – gebaut als Bild des himmlischen Jerusalem. Hier, so die Vorstellung der Baumeister und Auftraggeber, berühren sich Himmel und Erde. Hier ereignet sich schon etwas, das in unserer alltäglichen Wahrnehmung der Welt in der Zukunft liegt. Hier werden Träume von einer besseren Welt lebendig, hier berühren sich Himmel und Erde.

Ohne uns bleiben diese Kirchen Kunstdenkmäler. Ohne unser Beten und Flehen, unser Glauben und Hoffen bleiben sie leer. Gott lässt sich nicht einsperren hinter dicken Kirchenmauern. Aber er lässt sich finden; nein: er findet uns, wenn wir uns öffnen für ihn. Wenn wir ihm vertrauen.

 

So feiern wir Himmelfahrt.

So feiern wir Gottes Gegenwart, die uns berührt und erfasst.

So feiern wir IHN, den kein Himmel und aller Himmel Himmel nicht fassen,

der aber unsere Gebete und unser Flehen erhört.

 

Amen

 



Dompropst Gert-Axel Reuss
Ratzeburg
E-Mail: gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de

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