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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Himmelfahrt, 25.05.2017

Predigt zu 1. Könige 8:22-24.26-28, verfasst von Andreas Pawlas

Liebe Gemeinde,

Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: „HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. … Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

 

Liebe Gemeinde!

Was für ein schönes und strahlendes Fest ist der Himmelfahrtstag! Seit frühster Jugend will mir da einfach nur Sonne, sanfter Wind und etwas aufgeregte Fröhlichkeit in Erinnerung kommen! Bereits als Jugendlicher habe ich Himmelfahrtstreffen genießen dürfen. Was wurde da gesungen, vor, nach und im Gottesdienst, fast genauso schön, wie heute hier im Gottesdienst. Und dann entsinne ich mich noch, dass der Himmelfahrtstag häufig auch die Gelegenheit, zu Gottesdiensten unter freiem Himmel war, allerdings auch zum ersten Bad im Freien.

Jetzt halt! Sollte hier etwa insgeheim ein erster Anklang an das in der Predigt zu bedenkende Wort aus dem Tempelweihgebet des Königs Salomo zu finden sein, dass der Himmel und aller Himmel Himmel Gott eigentlich nicht fassen können - eigentlich wohl auch nicht der neu gebaute Tempel -, weshalb es nun alle mit Macht unter den freien Himmel ziehen muss?

Vermutlich ist das eine überzogene Sicht. Und dennoch: zum Himmelfahrtstag gehört ein Zug ins Freie, wobei ich mir allerdings sicher bin, dass solche nachdenklichen Fragen bei jenen jungen Leuten keine Rolle spielen, die meinen, am so genannten „Vatertag“ ihren feuchtfröhlichen Spaß suchen zu müssen.

Wenig spaßig und zweifellos ernst ist, dass Christi Himmelfahrt ein Fest ist, das offensichtlich mit Trennung zu tun hat. Jedenfalls haben es die Alten Meister zum Himmelfahrtsereignis immer wieder derart in satten bunten Farben gemalt. Und vielleicht können wir es uns als Menschen auch gar nicht anders vorstellen: Der auferstandene Christus wird von seinen Jüngern getrennt, eben von einer Wolke aufgehoben in den blauen Himmel – mit Sonne, Mond und Sternen oder Engeln.

Und unten sieht man dann die zurückgebliebenen Jünger, wie sie dem in den Himmel aufgefahrenen nachschauen. Und sehr glücklich sehen sie dabei nicht aus. Aber dafür hätten wir doch volles Verständnis. Denn wer unter uns kennt es nicht, dieses bei einer Trennung Nachschauen? Etwa auf den Bahnhöfen oder auf den Straßen, in den Häfen und auf den Flughäfen. Und das hat in der Regel eben nicht mit guten und schönen Erinnerungen und Gefühlen zu tun. Daher dürfte der Impuls ein fröhliches Himmelfahrtsfest zu feiern nicht in dieser Gefühlslage verankert sein. Denn offenbar ist unsere Erfahrung zu stark, dass Trennung und Abschied vielfach mit Sorge verbunden ist, oder mit Abschiedsschmerz, und vielleicht auch mit so manchem stillen Gebet um Schutz und Bewahrung auf der Reise.

Jedoch wem beim Himmelfahrtstag allein dieses schwermütige Thema Trennung und Verabschiedung vor Augen steht, der hat zwar in gewisser Weise recht, zeigt aber, dass er in den rein diesseitigen Kategorien unseres Lebens auf dieser Welt. gefangen ist. Woran man das merken kann?

Das fällt einem ganz deutlich auf, wenn man einmal auf die englische Übersetzung des Himmelfahrtsberichtes schaut. Denn wie heißt in der englischen Bibel die Stelle im 51. Vers von Lk 24, wo ins Deutsche übersetzt wird: “und fuhr auf gen Himmel”? Dort heißt es: “was taken up into heaven!” Da finden wir also nicht das Wort, das für den blauen Himmel mit den weißen Wolken und der strahlenden Sonne benutzt wird, denn das müsste ja so etwas wie “sky” heißen! Nach der englischen Übersetzung wird Jesus eben nicht in den blauen Himmel aufgehoben zwischen alle die Wolken, Sonne, Mond und Sterne, Flugzeuge und Satelliten, sondern er ist aufgefahren in den Himmel, der für Gottes ganz andere Lebenswirklichkeit steht, und wo er sitzt zur Rechten Gottes, und von wo er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Und genau das ist das Thema, um das es heute am Himmelfahrtstag eigentlich geht. Es geht um die Gewalt und Herrschaft Gottes, in die Christus nun in aller Vollmacht aufgenommen ist.

Allerdings, so erfreulich die Klarheit über das Thema des Himmelfahrtstages auch ist, gleichzeitig wird damit deutlich, dass dieses Thema nur aus einer sehr grundsätzlichen Weltsicht bzw. Glaubensüberzeugung verständlich wird, die gegenwärtig keine Konjunktur hat. Offensichtlich fällt es uns modernen Menschen schwer, mit dieser Gewalt und Herrschaft Gottes wirklich in unserer Alltagswelt zu rechnen.

Wie selbstverständlich ernst wird dagegen diese Gewalt und Herrschaft Gottes von dem Repräsentanten des Alten Gottesvolkes, von dem König Salomo genommen. Denn dem ist es ganz klar, dass es in dem Gott geweihten neuen Tempel nicht darum gehen kann, ob man vielleicht irgendwann einmal Lust hat, sich mit den Fragen der Gewalt und Herrschaft Gottes spekulierend zu beschäftigen, sondern für ihn gibt es hier kein Ausweichen, denn er betet zu Recht: „HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich.

Ja, weshalb können wir das als moderne Menschen nicht genauso sagen und empfinden? Sind wir da viel zu sehr von dem fasziniert, was wir Menschen selbst tun und vollbringen? Sind wir da viel zu sehr in dem gefangen, was wir selbst alles gestalten und vollenden? Jetzt müssen wir nicht darüber reden, wie tragisch wir uns dabei vielfach verrennen. Ist aber hier nicht bedeutsamer, dass wir, wenn wir ganz redlich vernünftig denken, uns eingestehen müssen, dass Gott und seine Macht höher ist als unsere Vernunft? Aber wie sollen wir uns denn anders verständigen, als eben vernünftig?

Muss uns da nicht ganz nahe stehen, was Karl Barth über sich und die Theologen und damit über die Unfähigkeit des Menschen, Gottes Größe zu fassen, so eindrücklich festgehalten hat: »Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden«.[1]

Aber, wenn also eigentlich derart aufgrund der Größe und Unfassbarkeit Gottes geboten wäre, sich aller unvollkommener Worte zu enthalten, könnte es nicht dennoch irgendwelche Spuren oder Indizien auf dieser Welt geben, über die Gewalt und Herrschaft Gottes zu reden, um damit Gott die Ehre geben?

Dem König Salomo sind jedenfalls solche Spuren völlig offensichtlich. Denn er sieht diese Spuren in dem Bund, den Gott mit denen geschlossen hat, die vor ihm „wandeln von ganzem Herzen“. Er sieht diese Spuren in dem Bund, den Gott insbesondere mit dem König David geschlossen hat, und in allem, was er ihm dann zugesagt hat. Aus dieser Gewissheit heraus traut er sich dann den so ganz anderen Gott zu bitten: „Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.“

Wenn wir es recht bedenken, ist allerdings für uns heutige Menschen, für uns Menschen, die wir nicht zum Alten Gottesvolk gehören, diese Spurensuche nicht wirklich hilfreich. Warum? Weil wir doch nicht als Juden geboren sind und daher aus dem Zusammenhang des Alten Gottesvolkes schlicht ausgeschlossen bleiben. Wie sollte es also für uns heute irgendetwas bedeuten können, wenn Christus am Himmelfahrtstag in eine solche Gewalt über das Alte Gottesvolk einbezogen würde, wenn er so in der heutigen „Inthronisation“, alle Vollmacht und Kraft über das Alte Gottesvolk erhalten würde?

Was die Dinge hier aber völlig anders macht, ist, dass Salomo in seinem Gebet nicht von einer auf das Alte Gottesvolk beschränkten Herrlichkeit und Macht Gottes redet. Ja, der hier angesprochene Gott ist keine der vielen auf eine Region oder auf ein Volk beschränkte Lokal-Gottheiten, mit deren Macht und Gewalt man in alten Zeiten im Umkreis ihrer Kultstätten rechnete, sondern Salomo spricht in seinem Gebet von der Gewalt und Herrschaft Gottes, der über alle Welt herrscht, fügt, wirkt vollendet, auch über uns, gestern, heute und in Ewigkeit. Und was wir nun weiter von Jesus Christus dazu haben erfahren dürfen, ist, dass wir um Christi willen diesen unaussprechlichen Gott als Vater anreden und bitten dürfen. Und das ist wirklich unglaublich!

Aber es ist genau diese unvorstellbare Wendung, die im Glauben an Jesus Christus erfahren wird, die nun als Weltprinzip bis in Ewigkeit erhoben wird. Ja, auch wir modernen Menschen sind durch Christus für würdig befunden worden, trotz der unfaßbaren Größe Gottes und seines allmächtigen Eingreifens in unsere kleines Schicksal, ihn anzurufen: „Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Und es ist diese unvorstellbare Wendung im Glauben an Jesus Christus, durch die nun alles unabänderlich von Gott gefügt scheinende daran gebunden wird, dass sich der allmächtige Gott von uns Staubkörnern im Weltall bitten lassen will, sich von uns bewegen lassen will und uns in seine Liebesbewegung für diese Schöpfung hineinziehen will.

Das ist die neue Herrschaft, die mit der Himmelfahrt Christi von seinen Jüngern stammelnd begriffen wird. Oder vielleicht doch nicht wirklich begriffen wird und nur in Gebet und Anbetung erahnt wird. Aber möglicherweise sind wir da mit uns selbst zu streng. Denn aus gutem Grund bleibt Karl Barth ja nicht bei seinen ersten beiden Sätzen stehen, sondern er ergänzt sie durch einen Zusatz: »Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen und eben damit Gott die Ehre geben«.[2]

Aber wenn wir dann trotz allen unvollkommenen Redens über Jesus Christus Gott am Himmelfahrtstag die Ehre geben, dann nehmen wir die völlig andersartige Wirklichkeit und Macht Gottes ernst.

Und dann nehmen wir auch ernst, dass Christus in seiner Hineinnahme in diese Wirklichkeit und Macht Gottes auch aller Begrenztheit von uns Menschen entnommen ist, die wir immer nur an einem Ort zugleich sein können und deren Lebenszeit begrenzt ist. Aber für Christus in der Gewalt Gottes sind diese Begrenzung jetzt aufgehoben.

Und damit kommen wir zum Paradox des Himmelfahrtstages: So kann Christus jetzt, obwohl er fern im Himmel ist, uns dennoch nahe sein und uns beistehen und uns erlösen. Gerade weil Christus sich von uns Menschen trennt, um an der Wirklichkeit und Macht Gottes Anteil zu haben, deshalb kommt er uns nun unaufhebbar und zeitlos nahe, ja, auch genau uns heute, die wir räumlich und zeitlich so fern von ihm scheinen. Wenn das kein Grund ist, Gott die Ehre geben und Jesus Christus zu loben und zu danken, jetzt und in Ewigkeit!

Amen.

 

[1]     Vgl. Karl Barth, Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922, in: W. Härle, (Hrsg.), Grundtexte der neueren evangelischen Theologie, Leipzig 2007, S. 103

[2]      a.a.O.

 



Pastor i.R. Dr. Andreas Pawlas
25365 Kl. Offenseth-Sparrieshoop
E-Mail: Andreas.Pawlas@web.de

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