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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 05.06.2017

‚ Sie sprechen ‘
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-11, verfasst von Jochen Riepe

Wie erleichtert war ich , als ich im fremden Land in fremder Sprache nach dem Weg fragte und - eine Antwort bekam … Welch ein Vergnügen , sich von den Klängen eines Gedichtes oder eines Liedes tragen zu lassen :‘Ich sahe mit betrachtendem Gemüte / jüngst einen Kirschbaum , welcher blühte‘* … ‚Gut, daß wir uns ausgesprochen haben - ich verstehe dich jetzt besser… ich verzeihe dir…‘

Lob sei Dir, Gott Heiliger Geist , daß du uns Atem und Worte gibst und in unserem Dichten und Denken , Singen und Sagen ,Sprechen und Streiten gegenwärtig bist . Amen .

II

Marsmenschenblick** : ‚Was haben diese seltsamen Wesen dort unten gemeinsam?‘ fragt der erste mit Blick auf die Erde und antwortet auch schon : ‚Sie sprechen‘ .‘Oh weh‘, sagt darauf der zweite ,‘wer spricht , der lügt auch‘. ‚Hört doch einmal genau hin‘, meldet sich der dritte Marsmensch , ‚hört ihr es ? Sie reden ganz unterschiedlich , ob im Westen oder Osten , im Süden oder Norden… Sie sprechen wohl, aber verstehen sie sich auch ?‘

III

Ja, liebe Gemeinde , heute am Pfingstmontag sind wir Zeugen eines sehr weit von uns geführten , staunenden , aber auch sorgenvollen Gespräches. ‚Was haben die Erdmenschen gemeinsam?‘ fragt man auf dem Mars und der erste dort antwortet : ‚Sie sprechen‘ und diese Beobachtung ist ja auch biblisch , urgeschichtlich verbürgt : ‚Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache‘ heißt es im heutigen Predigttext . Wir können es den Fremden erklären : Daß der Mensch sprechen kann , die Dinge und Lebewesen kraftvoll mit Namen benennt und die Welt sich sprachlich erschließt , das ist eine Gabe Gottes , mehr noch : eine Teilhabe an der göttlichen Freiheit und Kreativität. Wir erinnern uns : Gott blies Adam seinen Atem ein , so daß er selbst atmen konnte und der Fluß des Atems eröffnete den Spielraum der Sprache . Ein Wort ist ja soz. gestaltete bewegte Luft.

IV

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache‘. Immer wieder haben die Menschen nach dieser Ur-Sprache geforscht - war es vielleicht das Hebräische? – und haben ihrer Sehnsucht nach der einen Sprache Ausdruck gegeben. Ich habe tatsächlich als Jugendlicher einmal einen Esperanto- Kurs besucht, um damit die europäische Verständigung mit voran zu bringen . Zurück zu einer Sprache , die alle verstehen, zurück an den Anfang ! Aber seien wir vorsichtig. Wer die biblische Urgeschichte kennt, weiß ja : Über dem Sprachvermögen liegt sehr schnell ein Schatten : Zu Adams ersten Sätzen gehören Vorwurf und Schuldzuweisung . Das Gespräch zwischen Gott und ihm hat schon etwas von einem Verhör und Kains Aufforderung an seinen Bruder , mit auf’s Feld zu kommen, ist der sprachliche Beginn schierer Gewalt. ‚Das Dichten des Menschen ist böse von Jugend auf an‘ (Gen 8,21) resümiert Gott schließlich . Des Menschen , des Erdlings , Atem , Stimme und darin auch sein Geist sind damit in gewisser Weise belegt und heiser . Sollte die Gabe der Freiheit, der Spielraum der Sprache , eine gleichsam belastete oder gar vergiftete Gabe sein ?

IV

‚Sie sprechen‘ , sagt der erste Marsbewohner und der zweite ergänzt :‘Sie lügen und täuschen. Die schönen Worte sind ihnen bloß Mittel dazu‘. Wir sollten uns das bewußt machen : Auch in der Welt der einen Sprache , der Ursprache , ist jenseits von Eden schon Unterstellung , Täuschung, sogar : durch Worte vorbereiteter Mord. Gott hat in seinen Atem , mit dem er den Menschen erfüllt, Freiheit gelegt und biblisch ist diese Freiheit schon immer gefährdet , verspielt zu werden. ‚Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen , dessen Spitze bis an den Himmel reicht ; daß wir uns einen Namen machen und uns nicht zerstreuen‘.

‚… und uns nicht zerstreuen.‘ Wir kennen diese bauliche Initiative von Babel seit Kindertagen und es gibt eine Menge Deutungen davon . Versuchshalber kann man ja einmal so fragen : Sollte man dieses Stadt-/Turmprojekt nicht als eine Art Notmaßnahme oder eine Weise der menschlichen Selbstbehauptung angesichts dieser vielen sprechenden Wesen verstehen ? Sie denken und dichten, sie lügen und täuschen und tun einander Gewalt an , sie brauchen einfach eine Ausrichtung und müssen wissen, wo es langgeht . Dieses ganze Gequassel und Getöne, die vielen Stimmen und Bedürfnisse , die Rechthaberei , die Vorwürfe und Anschuldigungen ,diese unberechenbare Welt der Zungen (und Ohren!) braucht soz. etwas für die Augen , das sammelt , zentriert und kontrolliert, das die Welt ordnet und jedem , wo er auch steht, seinen Platz gibt . Die Lehrerin erhebt die Hand und die Klasse blickt nach vorn und wird still . Der Blick zum Turm der Kirche mit Uhr und Glocke bestimmte einst den Arbeitstag und den Sonntag vieler Menschen . Die Spruchbänder an den Autobahnbrücken in der ehemaligen DDR zeigten dem Durchreisenden unübersehbar , worauf es in diesem Land ankam und welche Sprach-Ordnung oder Ausrichtung, welcher Turm , hier galt.

V

Nicht wahr , liebe Gemeinde, spätestens hier meldet sich der dritte Marsmensch , der, der noch einmal genau hingehört hat. ‚Sie sprechen , die Erdlinge, ja, aber sie sprechen ganz verschieden , im Osten , im Westen , im Süden , im Norden‘ . Wir pfingstlich Reisende können das wohl klären : Gott gefiel dieser Turmbau nicht. Baustopp! Uniformität, Zentralisierung oder Hierarchisierung , ein Leben im Banne des ‚Kontroll-Turmes‘ – das mag dem Bösen wehren und ist doch immer dabei ,es zu nähren : Indem es die Freiheit aus der Stadt treibt und den Geist, den lebendigen Atem Gottes, aus der Sprache.

Wo bleibt die Kreativität , der witzige und schrille Erfindungsreichtum der Jugend und ihre Lust am non-sense , wo bleibt dieses wunderbare, vergnügliche Schweben und Getragensein in den Lauten, Bildern und Reimen eines Gedichtes , wenn alles genormt ist und keiner sich mehr traut , gegen das Vokabular der Türmer oder der ‚Turmgesellschaft‘ zu verstoßen ? Ist nicht jedes Gespräch unter uns eine mitunter schmerzliche , das ‚erlösende Wort‘ suchende Grenzüberschreitung , ein ‚Über-setzen‘ in eine fremde Welt? Verbote nehmen der Sprache ihre Kraft und mit ihr dem menschlichen Geist , und alles , was dem Menschen zustößt, das betrifft auch Gott : ‚ Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren‘.

VI

Zerstreuung. Verwirrung. Alle, die die Sehnsucht hatten , die Sprache des Paradieses, die Sprache Adams , wiederzufinden, sind enttäuscht. Diese Strafe macht doch alles viel schlimmer – Nonsense hoch drei - und die Turmbauer werden nicht ruhen und es immer wieder versuchen, das Risiko / die Risiken sprechender Wesen zu minimieren , ihnen eine neue Einheitssprache aufzuzwingen oder auch eine einzelne Sprache zur Universalsprache zu machen. Lateinisch z.B. und heute im Zuge der Globalisierung das Englische . Aber ist das eine Lösung ? Gewiß, ‚der Geist weht, wo er will‘, und das kann auch für eine gemeinsame europäische Regierungs- und Verwaltungssprache nicht ausgeschlossen sein . Aber eben , weil wir , wenn wir von Sprache reden , immer auch vom Geist Gottes, seinem Odem sprechen müssen - die Verheißung des Geistes gilt doch ‚allem Fleisch(Joel 3,1), Alten und Jungen , Männern und Frauen ,Fernen und Nahen! Und nimmt nicht auch eine ‚cool‘ klingende Einheitssprache wie das Englische, sobald es eine Turmsprache wird, das Leben aus den Begegnungen und Gesprächen und macht alles steril ? Viele freute das : ‘Amar pelos dois‘ hieß der - portugiesische! -Siegertitel beim diesjährigen ESC.

VII

Lob sei Dir, Gott Heiliger Geist, daß du uns Atem und Worte gibst, daß wir in allen Sprachen um deine Gegenwart wissen dürfen.

Es ist die Botschaft von Pfingsten, daß wir die Strafe , die ur-geschichtlich Babel ereilt hat, gleichsam als Gottes weltumspannende Erziehungstat verstehen dürfen . Der Geist , der Jesus erfüllte und ihn sein Wort sagen ließ, der Geist der Vergebung , der mit dem Sünder , ja, dem ‚bösen Menschen‘ , neu anfängt , mit ihm lernen auch wir das Sprechen neu. Dieser Geist weist uns einen anderen Weg aus der Not des Mißverstehens, der Lüge oder der Gewalt . Da , wo das Wort von der Vergebung gesprochen wird, da wird der Sinn , das Innerste allen Sprechens und aller Sprachen** offenbar .Und ist es nicht wunderbar , wie entlastend und erschließend dieses Wort ‚Vergebung‘ - vielsprachig und unendlich variierbar- sein kann ? Im Osten sagt man z.B. proshkeniye . Im Westen vergiffenis oder mathanas . Im Süden perdono oder af und im Norden tilgivelse oder anteeksianto . Und die Menschen können es vernehmen : Wie dieses ‚Ich verzeihe dir‘ ein Gespräch entgiftet und klar und hell machen kann , die Muttersprache zu Jubel und Gotteslob befreit und Lust macht , die fremde Sprache zu lernen : Wie sagt man das - Evangelium bei euch?

VIII

Marsmenschenblick. ‚Das ist wirklich alles etwas verwirrend‘, sagt der dritte und der erste und zweite stimmen zusammen: ‚Und anstrengend‘. Sagen wir pfingstlich gestärkt: ‚Wo der Geist des Herrn ist , da ist Freiheit‘ (2. Kor. 3,17) und da wird auch das Anstrengende ein ‚irdisches Vergnügen in Gott‘ .

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*Barthold Heinrich Brockes, Kirschblüte bei Nacht (‚Irdisches Vergnügen in Gott‘)

**frei nach N. Chomsky (s. J. Trabant, Europäisches Sprachdenken (2003)2006(BsR) , S.228)

***s. Luthers Bemerkung : ‚Niemant hat gewust , warumb Gott die sprachen erfür lies komen , bis das man nu aller erst sihet, das es umb des Evangelio willen geschehen ist‘ (WA 15,37,11-13 zit. n. J .Ringleben, Gott im Wort Luthers Theologie von der Sprache her, Studienausgabe 2014, S.58 Anm. ).

 



Pfarrer i.R. Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen.Riepe@gmx.net

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