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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 05.06.2017

Ein Plädoyer für Pluralismus
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1ff, verfasst von Wolfgang Schmidt

Liebe Gemeinde,

 

vor ein paar Monaten hatten wir ein israelisches Ehepaar bei uns zu Gast. Ihre Vorfahren kamen aus Deutschland und Polen, seine Vorfahren aus dem Jemen. Dort hatten auch die Juden früher selbstverständlich Arabisch gesprochen. Aber in Israel legte seine Familie das Arabisch ab und sprach nur noch Hebräisch. Mit Bedauern erzählte unser Gast von dieser Entwicklung. Wie hilfreich könnte es doch heute für das Zusammenleben von arabischen und jüdischen Israelis sein, wenn alle, die damals aus arabischen Ländern eingewandert sind, ihre Muttersprache gepflegt hätten.

 

Wieviele gesellschaftlichen Konflikte ließen sich wohl viel leichter lösen, wenn die Menschen eine gemeinsame Sprache sprächen, wenn sie sich ihrem Gegenüber wirklich verständlich machen könnten mit ihren Sichtweisen und ihren Anliegen. Kämen wir da nicht dem Frieden auf Erden ein Stückchen näher, wenn die Völker wenigstens eine gemeinsame Sprache sprächen?

 

Wohlauf, laßt uns herniederfahren und ihre Sprache verwirren, daß keiner des anderen Sprache verstehe!“ Was uns so einleuchtend, so hilfreich und segensreich erscheint - eine gemeinsame Sprache der Menschen - trifft bei Gott auf keine Gegenliebe. Ja, im Gegenteil! Gott setzt auf die Verschiedenheit der Sprachen! Er setzt auf Vielfalt statt auf Einheit.

 

Schauen wir uns einmal die Umstände näher an! Ein Kapitel vor dem Turmbau zu Babel finden wir eine lange Liste verschiedener Völker, die den damaligen Orient bevölkerten. Da wird auch ein gewisser Nimrod erwähnt, von dem es heißt: „Der war der erste Mann, der Macht gewann auf Erden.... und der Anfang seines Reichs war Babel.“ - In Babel fing es also an mit dem Gewinnen von Macht. Dort sprachen die Menschen zueinander: „Wohlauf, laßt uns Ziegel streichen und brennen. Laßt uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht.“ Die Herstellung gebrannter Ziegel war eine der folgenreichsten Erfindungen, die je gemacht worden sind. Mit dem fabrizierten Ziegelstein hat sich der Mensch von dem naturgegebenen Stein und seinen Fundstätten unabhängig gemacht, und kann so auch in der Ebene in unbegrenztem Umfang Häuser und Städte bauen. Mit dem Ziegel beginnt die Kultur, die große Menschenmassen zusammenführt, er ist der Baustein der Großstadt.

 

Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen, denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.“ Eigentlich haben sie doch bereits einen Namen: „Adam“ - „Mensch“, geformt aus „Adama“ - „Erde“ und zurückkehrend zum Staube. Aber wie gering das klingt, wie sterblich! Soll nicht die Erde ihnen untertan sein? Sie werden doch nicht geformt - sie formen doch selbst, die Bürger von Babel! Aus dem Lehm der Erde formen sie Ziegel und brennen sie, aus Erdpech gewinnen sie Mörtel, die Zikkurate, ihre vielstufigen Tempeltürme ragen in schwindelnde Höhen. Wolkenkratzer, den anderen turmhoch überlegen. Himmelsstürmer wird man sie nennen, Unbesiegbare, die von ihrem Turm-Thron herab jeden Feind auf der Erde schon von weitem erblicken und deren Macht grenzenlos ist. Ihr Name wird für immer in aller Munde sein. Das ist ihr erklärtes Ziel. Das gemeinsame Ziel eint sie. Sie sprechen eine Sprache, sie ziehen an einem Strang. „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ ... und schon steht die erste Stufe der Himmelstreppe, die zweite, die siebente... immer höher, immer weiter, immer mehr. „Über den Wolken, muß die Freiheit wohl grenzenlos sein.“

 

Ein solches Schöpfungswerk, menschliches Schöpfungswerk, muss sich der himmlische Schöpfer persönlich anschauen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß die Bibel das Herabsteigen Gottes erzählt. Man sollte doch meinen, daß jener gigantische Turm bis an den Himmel heranreicht. Aber Gottes Dimensionen sind eben doch andere. Was uns groß scheint, ist vor ihm allemal klein, so klein, dass er herabsteigen muß, um sich persönlich einen Eindruck zu verschaffen. So klein vor Gott - und doch groß genug, daß er sich dafür interessiert.

 

Was Gott dann schließlich handeln lässt, ist aber nicht das Bauwerk an sich. Warum sollten Menschen nicht die Fähigkeiten entfalten können, mit denen Gott sie begabt hat? Was ihn eingreifen läßt, ist das Motiv ihres Tuns, die Absicht der Baumeister. Was ihn eingreifen lässt, ist die Ideologie, die hinter dem gigantischen Werk steckt: „Wir machen uns einen Namen, daß wir nicht zerstreut werden in alle Länder.“ Das ist es, was Gott missfällt. Es ist der Drang nach Überlegenheit, der ihm missfällt. Es ist der Drang dieses Volkes, groß rauszukommen gegenüber allen anderen. Es ist diese massive Selbstbehauptung, mit der die Leute von Babel auftreten. „Nimrod - der war der erste, der Macht gewann auf Erden....Wir machen uns einen Namen.“ Dieses Motiv läßt Gott eingreifen. Dem will er einen Riegel vorschieben.

 

Wir machen uns einen Namen.“ Ist nicht diese Geisteshaltung liebe Gemeinde, gerade in den beiden letzten Jahrhunderten und bis in unsere Zeit hinein die Quelle von so viel Unheil geworden? Völker, die sich einen Namen machen wollten! Völker, die den eigenen Namen hochhielten, zuerst und vor allem den eigenen Namen - und danach kommt lange, lange nichts! Das blutige Zeitalter des Nationalismus schien schon vorüber, da entfachte serbischer Nationalstolz in den 90er Jahren schon wieder einen Krieg auf dem Balkan. Die türkischen Nationalisten dulden keine Kurden in ihrem Land. In Ungarn und Polen stellt die augenblickliche Politik die eigene Nation über alles. Marie Le Pen wurde gerade noch von den Wählern als französische Präsidentin abgewendet. Die Briten machen England wieder groß und Donald Trump gibt die Parole aus: America first! „Wir machen uns einen Namen.“

 

Gott hat seinen eigenen Weg gegen menschlichen Größenwahn vorzugehen. „Wohlauf, laßt uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, daß keiner des anderen Sprache verstehe! So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, daß sie aufhören mußten, die Stadt zu bauen.“ Gott zerschlägt das Volk, zerschlägt die Einheit, die so triumphal den anderen Völkern gegenübertritt. Fast fühle ich mich an die Geschichte unseres eigenen Volkes erinnert, wenn ich diese Wort lese. Hat nicht auch in unserer Geschichte der Versuch, sich einen Namen zu machen, der über allen Namen ist, mit der Zerstreuung und Teilung unseres Volkes geendet? Deutschland, Deutschland über alles! Und am Ende war es ein geteiltes Land und Millionen von Flüchtlingen!

 

Gott zerschlägt die Einheit und eröffnet die Vielfalt. Will er die Leute von Babel damit strafen für ihren Größenwahn? Nun, sie selbst werden es vermutlich als Strafe erlebt haben, daß ihre Unternehmen mißglückte. Doch im Blick auf Gott halte ich twas anderes für angemessener als gerade den Gedanken der Strafe. Die Grenze, die Gott mit Hilfe der Sprache zieht, liegt vielmehr im Interesse des Menschen selbst. Gott bewahrt den Menschen vor Unheil, das er sich selbst zufügt. Es wirkt, als korrigiere er noch einmal die Schöpfung. So wie er schon einmal zu Noahs Zeiten die Schöpfung zu korrigieren versuchte. Unser Predigttext steht ja im letzten Kapitel der sogenannten Urgeschichte, die der Geschichte Israels, wie sie mit Abraham beginnt, vorausgeht. Die Urgeschichte handelt von den Grundbedingungen unseres Daseins, unseres Lebens als Geschöpfe Gottes auf Erden. Gott legt hier den Rahmen fest. Und Babel ist gewissermaßen der letzte grundlegende Fall, bei dem sich Gott zu einem Eingriff in sein Schöpfungswerk genötigt sieht. Und es ist dabei zugleich der erste Eingriff, der sich ausdrücklich auf ein politisches Gemeinwesen, nämlich ein Volk auswirkt. Adam und Eva und Kain und Abel und Noah und seine Familie sind Individuen, das Volk von Babel ist hingegen ein politisches Gemeinwesen.

 

Gott korrigiert noch einmal die Schöpfung, könnte man sagen. Und diese Korrektur zugunsten der Menschen ist, wenn man das einmal so sagen darf, Gottes Bekenntnis zum Pluralismus. Pluralismus der Sprachen zunächst einmal, aber damit dann natürlich auch der Kulturen und Anschauungen. Denn jede Sprache ist mit einer bestimmten Kultur verknüpft, mit einem bestimmten Erfahrungshorizont des Lebens. In der Einheitlichkeit hingegen, in der Vereinheitlichung liegt die Gefahr des Totalitären. Und das ist es, wogegen sich Gottes Wille wendet. Staaten, die den Sprachen der Minderheiten im eigenen Land keinen Platz einräumen, huldigen der Einheit meist um den Preis der Benachteiligung solcher Minderheiten. Das erleben wir gerade in Israel, wo ein Gesetzesentwurf eingebracht wurde, mit dem Arabisch als zweite offizielle Landessprache nun verdrängt werden soll. Das Gesetz will den jüdischen Charakter des Staates stärken. Den Preis sollen die 1,6 Millionen Bürger arabischer Herkunft bezahlen.

 

Gott korrigiert noch einmal die Schöpfung. Uns verhilft diese Erzählung zu einer neuen Sicht auf die Sprachenvielfalt in dieser Welt. Sie ist Gottes Wille. Sie ist Ausdruck des Pluralismus, den Gott den Menschen als Geisteshaltung nahelegt. Die Mühe bleibt, die Mühe der Verständigung. Es ist wie mit der Geburt, die unter Schmerzen geschieht. Es ist wie mit der Arbeit, die der Mensch im Schweiße seines Angesichts verrichtet, wie es in der Urgeschichte heißt. Die Mühe der Verständigung bleibt. Sie ist gewissermaßen der Stachel im Fleisch der Völker. Aber dieser Stachel erinnert uns immer wieder an Babel und an Gottes Willen: überhebt euch nicht einer über den anderen, ein Volk über das andere! Opfert nicht dem Ruhm eurer Nation! Macht vielmehr den Namen Gottes groß, statt eures eigenen! Sucht die Freiheit nicht über den Wolken, sondern auf Erden, indem ihr der Vielfalt, die Gott geschaffen hat, Raum gebt.

 

Um uns darin zu unterstützen, hat Gott an Pfingsten den heiligen Geist über uns ausgegossen: Jeder hat in seiner eigenen Sprache die gute Botschaft von der Gnade Gottes zu hören bekommen. Der Geist Gottes ist es, der die Menschen in aller Vielfalt und Verschiedenheit eint und verbindet - in aller Vielfalt und Verschiedenheit!



Propst Wolfgang Schmidt
Jerusalem
E-Mail: propst@redeemer-jerusalem.com

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