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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 05.06.2017

Erzwungene Einheit oder gegebene Vielfalt
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Thomas Bautz

Liebe Gemeinde!

In der hebräischen Bibel gibt es Erzählungen, die für bestehende Gegebenheiten oder Zustände einen Grund, einen Ursprung oder eine Ursache angeben möchten. Sie kleiden ihr Anliegen oder Thema in ein mythologisches Gewand. Sie sind außerdem durch ihre Abgrenzung von benachbarten Religionen, Kulten und ihren Überlieferungen motiviert. Auf dieser Basis ist die Erzählung vom Bau einer Stadt mit einem besonders hohen Turm in Babel, verbunden mit dem Ansinnen der Bewahrung von Einheit der Sprache und Zusammenhalt der Gemeinschaft am gleichen Ort, zu verstehen.

Die alten Mythen wollen nichts erklären, sie rationalisieren nicht, aber sie erzählen Geschichten, die es einer Gemeinschaft ermöglichen, sich im Glauben und im Denken an etwas Plausibles halten zu können. Der Frage, wie es zur Vielfalt der Völker und Sprachen kommt, geht der Mythos in Genesis 11 nach, indem er nach einer Ursache für die Völkervielfalt und damit auch die Vielzahl der Sprachen sucht (cf. Uehlinger: Weltreich und „eine Rede“, 343), die in Gen 10 bereits vorausgesetzt wird. Die biblische Erzählung erwähnt zwei Bauprojekte: eine Stadt und eine Zitadelle; der Bau der Stadt bildet den Mittelpunkt. Die Bauvorhaben gelangen nicht ans Ziel; der Abbruch des Baues der Zitadelle wird zuletzt gar nicht mehr erwähnt.

Die Wortverbindung „Stadt und Zitadelle“ verweist auf eine ummauerte Stadt mit erhöhter, weithin sichtbarer Zitadelle. Das entspricht Bildern aus dem alten Vorderasien und aus Altägypten. In solch einer Zitadelle konnten Stadtpalast, Haupttempel und noch andere Gebäude liegen. Auslegungs- und Wirkungsgeschichte der biblischen Erzählung sprechen immer wieder von einem „Turm“ im Sinne einer Ziqqurrat, doch ist damit im Hebräischen kein sakrales Gebäude gemeint (Uehlinger: Weltreich und „eine Rede“, 232), bezeichnet hingegen oft eine Zitadelle.

Seit der Antike gibt es zahlreiche Versuche, den sog. „Turm“ mit entsprechenden Überbleibseln, die er hinterlassen haben soll, zu identifizieren. Einige Zeit war die These akzeptiert, dass die Ziqqurrat (Stufenturm) von Babylon, „E-temen-an-ki“, der biblische Turm wäre (Widerlegung bei Uehlinger: Weltreich und „eine Rede“, 201–253). Das sumerische Wort bedeutet „Haus der Gründung von Himmel und Erde“, „dessen höchster Punkt 100 m über die Umgebung herausragte“.

„Das Bauwerk wurde Mitte des 7. Jh. (v.d.Z.) unter Nabu-polassar (1. König des neubabylonischen Reiches) restauriert; er redet vom Bau als vom ‚Haus, dessen Grundmauern im Schoß der Unterwelt und dessen Spitze in den Himmel ragen‘ (…)“ (Soggin: Genesis, 183–184; cf. „Turmbauerzählung“, Baumgart, wibilex).

Im angrenzenden Gebiet gab es den wichtigen Tempel des Nebo (Nabu; babylonisch-assyrische Gottheit): sumerisch „e-ur-imin-an-ki“, „Haus der sieben Stufen Himmels und der Erde“, restauriert unter Nebu-kadnezzar II., doch nie vollendet (Soggin: Genesis, 184). Der Name des herausragenden neubabylonischen Königs (um 640–562 v.d.Z.) bedeutet: „Der Gott Nabu schütze meinen ersten Sohn“. Er regierte von 605 bis 562 und wurde berühmt für seine in den Königsinschriften betonte umfangreiche Bautätigkeit nach der offiziellen Thronbesteigung. Er errichtete Zikkurate, Paläste, Tempel und Befestigungsmauern in damals bekannten Städten wie auch in Babylon.

Angeblich wird die Ziqqurrat in Babylon, der „Turm zu Babel“, unter Nebu-kadnezzars Herrschaft errichtet, doch „gibt es im Zweistromland (Mesopotamien) Dutzende solcher Tempel“ zu seiner Zeit. Solch ein babylonischer Tempelturm ist ein „Ort der Begegnung zwischen Himmel und Erde“, eine „Himmelspforte“: Der Gott, zu dessen Ehre der Tempelturm errichtet wurde, steigt in der Nacht auf den Turm hinab, um dort einige Zeit mit einer Priesterin zu verbringen. Ein Bericht des griechischen Historikers und Völkerkundlers Herodot (5. Jh. v.d.Z.), um 460 v.d.Z. in der Gegend, erwähnt diesen Kult; die Glaubwürdigkeit wird im 20. Jh. religionsgeschichtlich bestätigt. Allerdings beschreibt er ein Gebäude, das mit späteren Ausgrabungsbefunden zur Identifizierung des biblischen Turms außer dem Ortsnamen Babel/ Babylon nichts gemein hat.

Die in Babylon zum Ausdruck kommende Frömmigkeit, die Begegnung von Gottheit und Mensch, dieser sakrale Berührungspunkt auf der Spitze des Tempelturms, aus der Zitadelle inmitten der Stadt herausragend, ist dem Autor der Erzählung in Genesis 11 offensichtlich ein Dorn im Auge. Gehen wir davon aus, dass die Abfassung während des babylonischen Exils oder kurz danach erfolgt ist, sollten wir zum besseren Verständnis diese Zeit kurz beleuchten.

Ab 597 v.d.Z. wird ein großer Teil der Bevölkerung Judäas, vor allem Angehörige der Oberschicht –gemäß babylonischer Praxis nach Eroberungen – nach Babylon exiliert und dort angesiedelt. Es ist belegt, dass Namen von Hebräern aus der privilegierten Oberschicht in babylonischen Urkunden auftauchen. Das Leben im Exil gestaltet sich bei weitem nicht so negativ, wie biblische Überlieferung innerhalb der hebräischen Bibel es darstellt.

Aufgrund von Fehlinterpretationen und religiösen Interessen wird bis heute ein falsches Bild vom Exil gezeichnet. So sieht man im Psalm 137 die „Bevölkerung als Gefangene zur Sklavenarbeit gezwungen, am Tagesende an den Flüssen Babylons, weinend Zions gedenkend“. Das Exil wird als religiöse Strafe empfunden, doch de facto bestehen für die Juden in Babylon komfortable Lebensumstände. Genau wie andere, in Kolonien angesiedelte Juden können sie ohne Zwang Handel, Landwirtschaft und Häuserbau betreiben. Selbst Sklavenhaltung war erlaubt.

Die Verwaltung obliegt den Exilanten selbst. Belege über speziell den Juden auferlegte Fronarbeit gibt es nicht. Bekannt ist nur, dass die babylonische Bevölkerung generell in bestimmten Fällen zur kurzfristigen Fronarbeit gezwungen wurde, etwa um königliche Bauvorhaben durchzuführen. Im babylonischen Exil können die Juden ihre Traditionen und ihre religiöse Identität bewahren. Die in und um Babylon angesiedelten Juden assimilieren sich recht schnell.

So fand man in Schriftzeugnissen jüdische Namen, die belegen, dass Juden im Hofstaat und im Militär von Nebu-kadnezzar II. Karriere machen konnten. Es gibt Berichte über jüdische Bankiersdynastien. Auserwählte Exilanten erhalten eine Ausbildung für den babylonischen Staatsdienst. Die schnelle Assimilation und die damit verbundene Versuchung zur Annahme einer fremden Religion tragen aber dazu bei, dass in der hebräischen Bibel ein düsteres Bild vom babylonischen Exil gezeichnet wird.

Um zu verhindern, dass das genuin Jüdische vollkommen im Vielvölkergemisch Babylons untergeht, betonen die jüdischen Theologen und Gelehrten die Besonderheit des Judentums, insbesondere des jüdischen Glaubens. Mittelpunkt des Lebens werden die Tora und die religiöse Gelehrsamkeit. So gilt das babylonische Exil als eine der fruchtbarsten Zeiten der jüdischen Theologie. Vor dem Hintergrund, dass der heimatliche Tempel für das gemeinsame Gebet fehlt, entstehen die ersten Synagogen.

Das Bedürfnis und die behauptete Notwendigkeit zur Abgrenzung gegenüber fremden Religionen und Kulten hat die Interpretation der Erzählung in Gen 11 von Anfang an entscheidend geprägt.

Den wirklichen, insgesamt angenehmen Lebensumständen der Exilanten zum Trotz entwickelt sich innerhalb biblischer Überlieferungen eine starke Aversion, ja, Feindschaft gegenüber Babylon. Die Erzählung in Gen 11 fungiert als Spottrede auf Bestrebungen, politische und kulturelle Einheit um jeden Preis wahren zu wollen. Die Einheit soll gefestigt, gestärkt, garantiert werden, indem man sich einen Namen macht durch spektakuläre Bauvorhaben: eine riesige Stadt mit Zitadelle, mit bis zum Himmel reichenden Turm. Der Name symbolisiert das gemeinsame Ansehen, und die gigantischen Bauwerke, weithin sichtbar, repräsentieren die Volksgemeinschaft.

Der Erzähler weiß natürlich von der Vielzahl und Vielfalt der Völker und Sprachen (Gen 10), weshalb sich folgende Elemente seiner mythologischen Erzählung als Ironie und Spott erweisen (Gen 11,1.6a): „Und alle Erdbewohner hatten eine Sprache und einen Wortschatz“. „Schau an, ein einziges Volk und eine einzige Sprache für sie alle“ (…).

Eine Welteinheitssprache könnte eine grundlegende Voraussetzung zur Erlangung der Weltherrschaft sein. Sprache ist nicht nur Vehikel der Kommunikation, sondern auch Instrument der Manipulation. Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft würden in allen wichtigen Bereichen des öffentlichen Lebens nivelliert. Das Andere, das Fremde würde maßgeblich vereinheitlicht. Was einst verschieden war – Denken, Glauben, Wahrnehmen –, dies alles verschmilzt zu einem Konglomerat ungeahnten Ausmaßes. Die Existenz nur eines einzigen Volkes mit nur einer einzigen Sprache bleibt eine reine und dazu noch unerwünschte Utopie.

Es gibt eine mythologische Erzählung aus Sumer, die ein Goldenes Zeitalter mit einer einheitlichen Sprache heraufbeschwört; doch Enki, der Gott der Weisheit, der den Menschen freundlich gesinnt ist, verwirrt ihre Sprache (Krauss/ Küchler: Erzählungen der Bibel. Die biblische Urgeschichte, 182).

Dieser sumerische Mythos ist für das Verständnis von Gen 11 wichtig, weil dadurch deutlich wird, dass die Intervention der Gottheit keineswegs als Strafaktion, noch nicht einmal als Spott betrachtet werden muss. Im Wesentlichen will das mythische Denken dahin führen, zum einen, Gegebenheiten als solche anzuerkennen, zum anderen, Fähigkeiten innerhalb der natürlichen Grenzen zu sehen: Sprachenvielfalt ist dem Menschen von jeher vorgegeben; davor gibt es nichts, was für uns fassbar wäre. Künstliche Weltsprachen wie Esperanto haben sich als solche nicht durchsetzen können und sind auch nicht mit der „ursprünglich“ einen Sprache (in Gen 11) vergleichbar. Bauprojekte großen Stils und neue, großartige technische Errungenschaften sollen nicht zum Größenwahn verführen.

Allmachtsphantasien und das Streben nach Weltherrschaft sind mit dem Zwang zur Unterdrückung verbunden; die zu unterdrückende Gesellschaft wird „uniformiert“, gleichförmig, gefügig gestaltet. Das kann sich ohne weiteres als sichtbares Zeichen ausdrücken, wie die blutige Kulturrevolution in der VR-China gezeigt hat. Diktaturen gehen zwangsläufig mit Militarisierung der Gesellschaft einher. Vereinheitlichung und Uniformierung werden durch Funktionalisierung effektiv nutzbar gemacht. Die Einheit einer solchen Volksgemeinschaft ist erzwungen und bildet keine Gesellschaft von Individuen.

Der Name, den man sich macht und das Ansehen, das man sich verschafft – etwa durch pompöse Bauwerke und gigantische Städte – sind nur scheinbar, lediglich äußerlich zu einem Kollektiv gehörig. In Wahrheit sind sie Ausdruck einer Gewaltherrschaft in Gestalt eines größenwahnsinnigen Diktators, der sich dazu eines Systems perfider Kontrollmechanismen bedient. Es ist eine Ironie des von diesen Machthabern selbst heraufbeschworenen „Schicksals“, dass ihr Reich langfristig gestürzt wird. Aber tragisch ist, dass schließlich eine Revolution die andere und eine Militärdiktatur die andere ablöst und die abscheulichsten Gewalttaten eher noch zunehmen.

Allerdings sind die meisten Machtsysteme heutzutage raffiniert aufgebaut; manche weisen partiell sogar demokratische Strukturen auf. Viele Diktaturen profitieren von Bündnissen mit Staaten, die politisch unverfänglich sind oder zumindest als demokratische Länder gelten. Ferner kommt den modernen Diktatoren das globale Netz wirtschaftlicher Abhängigkeiten zugute. Ich bin geneigt, die Auffassung zu vertreten, dass der von den USA ausgehende Turbokapitalismus und die gerade zur Zeit betriebene Politik des „America First“ gefährlich nah für eine Gesinnung steht, die man unter Umständen mit dem Symbolnamen „Babel/ Babylon“ belegen muss.

Für den Erzähler des Mythos in Gen 11 war klar, dass Vielzahl und Vielfalt der Völker und Sprachen einer realen Gegebenheit entsprechen. Wer das ignoriert, erntet Spott, redet sich selber Hohn. Aber die gewaltigen Bauprojekte: Stadt und Zitadelle, um sich einen Namen zu machen und in der Absicht des Zusammenhalts –, sie bleiben bestehen. Der Bau der Stadt bleibt zwar unvollendet, aber doch nur für kurze Zeit: Babel erlebt Aufstieg und Blütezeit, und Tempeltürme (wie gesagt) gab es damals ohnehin zuhauf. Und eine gewisse Einheit unter einem Namen hat auch bestanden.

Ich versuche, das eigentlich Mythische an dieser Erzählung zu befragen, um dem Bedeutungsgehalt näherzukommen. Offenbar bereitet eine Begegnung von Gottheit und Mensch, wie er im Falle des Tempelturms (Ziqqurrat) in Babylon als sakraler Berührungspunkt, als „Ort der Begegnung zwischen Himmel und Erde“ möglich war, dem Erzähler Probleme. Vermutlich beurteilt er aus seiner Sicht die Zeit des Exils und entwickelt rückblickend eine negative Schau von der imperialen Macht Babylons, pars pro toto anhand der Stadt Babel.

Der Erzähler von Gen 11 lässt seinen Gott JHWH einmal hinabsteigen, um sich die Baumaßnahmen der Menschen anzuschauen, und um festzustellen, dass ihnen (als ein einziges Volk mit einer einzigen Sprache) „nichts von dem, das sie zu tun gedenken, unmöglich sein“ wird. Ein zweites Mal, um ihre Sprache zu verwirren, so dass einer des Anderen Rede nicht mehr verstehe. Resultat des göttlichen Eingreifens ist Zerstreuung (der Menschen, des einzigen Volkes?) und Abbruch des Baues der Stadt.

Der Anthropomorphismus, dass JHWH extra hinabsteigt, um den Bau der Stadt mit Zitadelle (oder mit Turm) zu besichtigen, ist für das religiöse, kulturelle babylonische Umfeld nicht ungewöhnlich. Deshalb kann dem Erzähler diese Vorstellung nicht direkt als literarisches Mittel der Ironie oder gar des Spottes dienen, etwa nach dem Motto: So winzig wirkt das gigantische Bauprojekt in den Augen JHWHs, dass dieser hinabsteigen muss, um das Menschenwerk überhaupt zu sehen.

Lediglich die Sprachverwirrung oder –vermengung und die Zerstreuung in Folge als Bestätigung des ohnehin Gegebenen, nämlich Vielzahl und Vielfalt der Völker und Sprachen, zeigen, dass die Motive und Pläne der Menschen von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Vom Schluss der Erzählung her betrachtet, entlarvt der Mythos Bestrebungen der Vereinheitlichung als Illusionen; verdeutlicht, dass die Vielzahl der Sprachen nicht auf eine Einheitssprache reduziert und die Vielfalt der Völker nicht auf ein einziges Volk zurückgeführt werden kann. Der vorläufige Abbruch der Bauvorhaben ist nur Beiwerk zur Veranschaulichung, dass selbst die Pläne einer politischen Macht wie Babylon nicht immer gelingen, sondern auch an ihre Grenzen stoßen. Darüber mag der Erzähler spotten.

Deshalb befremdet mich zunächst der Gedanke, den der Erzähler JHWH in den Mund legt (Gen 11,6): „Siehe, sie sind ein Volk und sprechen alle eine Sprache. Das ist erst der Anfang ihres Tuns. Fortan wird für sie nichts mehr unausführbar sein, was immer sie zu tun ersinnen“ (Krauss/ Küchler, 182).

Normalerweise wird vom „Gott Israels“ ausgesagt, dass er alles vollbringt, was ihm gefällt (Ps 115,3; 135,6), dass ihm also nichts unausführbar ist, und nun wird plötzlich in einer Erzählung, die doch wohl eher die Begrenztheit menschlichen Tuns anspricht, dargelegt, dass für den Menschen auch alles machbar ist?! Und deshalb müsse ihn eine Gottheit, in dem Falle JHWH, darin hindern?!

Vielleicht handelt es sich gerade hierbei um eine versteckte Ironie, die der Erzähler in Gen 11 mehr oder weniger geschickt einflechtet: Natürlich vermögen Menschen längst nicht alles, was sie sich vornehmen, was sie planen, was sie ausführen wollen. Aber allzu oft halten sie de facto alles für machbar, schießen weit über das Ziel hinaus und haben sich so verrannt, dass sie ihren Wahnsinn erst erkennen, wenn es zu spät ist.

Die Mythen in der Urgeschichte der hebräischen Bibel bemühen das Eingreifen einer Gottheit bzw. JHWHs, um den Menschen ihre Begrenztheit aufzuzeigen, um Grenzen zu setzen, wo der Mensch über das gesteckte Ziel hinausschießt und bleibenden Schaden anrichtet. Wir modernen Menschen täten gut daran, diese mythologischen Erzählungen, die uns gerade heute tiefe Weisheit vermitteln, neu zu entdecken und mit ihnen zu arbeiten. Wir sind es gewohnt, weniger eine Gottheit oder Gott zu bemühen, um unsere Probleme aufzuarbeiten; wir verlassen uns auf unsere Vernunft, scheitern damit aber immer wieder.

Mythen können mit ihrem kritischen Potential beschützen vor dem Machbarkeitswahn in vielerlei Gestalt, nur bedarf es ihrer Lektüre; wer sich nicht mit ihnen beschäftigt, läuft Gefahr, weiterhin blind in die Zukunft zu stolpern. Selbstgemachte Stolpersteine sind längst global wahrzunehmen. Dennoch gibt es viele Mächtige (in) dieser Welt, die unseren Planeten ausnehmen wie eine Gans und den Globus aufheizen bis zum Abschmelzen der letzten Gletscher. Glauben die Ausbeuter der Natur, dass sie die verheerende, weltweite Entwicklung mit ausgefeilter Technologie wieder rückgängig machen können? Meinen sie etwa, eine Rückführung sei machbar?

Die mächtigen Nationen sind längst an entscheidende Grenzen gestoßen; verwirrt ist weniger ihre Sprache, verwirrt ist eher ihr Verstand und verworren ihr Denken. Was sie eint, ist der Glaube an die Allmacht des Mammon; ihre Religion des Geldes hat weltweit Verbindungen, Verflechtungen, Regeln, Gesetzmäßigkeiten geschaffen, die millionenfach Menschen in armen, wirtschaftlich sehr schwachen Ländern unter Militärdiktaturen verhungern, in den reichen Ländern eine Minderheit immer reicher und stärker werden lässt. Wo die Wirtschaft floriert, sind die meisten Menschen satt und zufrieden, werden dadurch aber auch ruhig gestellt; ihr kritisches Potential verkümmert.

Deshalb ist es gut und weiterhin absolut notwendig, dass es in der Gesellschaft unseres Landes und weltweit einzelne Gruppen, Institutionen und Organisationen gibt, die deutlich gegen den Strom derer schwimmen, die auf ein unheilvolles Ende zutreiben. Das Internet ermöglicht die Vernetzung gemeinsamer Anliegen und Ziele sowie Hinweise auf aktuelle Publikationen und Veranstaltungen. Internetforen bieten die Gelegenheit zum Austausch, zu Nachfragen und für kritische Beiträge. Ich nenne stellvertretend für viele einige Organisationen, die natürlich einen Namen haben, die sich aber keinen Namen machen. Ihr zum Teil weltweites Engagement spricht für sich selbst. Sie tun ihren Dienst, lassen sich nicht von ihrer Arbeit abbringen, auch wenn sie mitunter nicht mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein sein mag. Wir können sie wenigstens finanziell unterstützen:

Das International Commitee of the Red Cross; das Kinderhilfswerk Terre des Hommes; Ärzte ohne Grenzen, die Hilfsorganisation für medizinische Nothilfe in Kriegen, Krisen und Katastrophen; die Initiative Global Marshall Plan, eine Plattform für Aktivitäten von Personen und Organisationen, die sich für eine Welt in Balance mit einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft einsetzen, also für eine faire und gerechte Weltordnung; die Stiftung Denkwerk Zukunft, die wirtschaftswissenschaftlich und sozialpolitisch fundiert und kompetent für notwendige Neuerungen und Veränderungen in unserer Gesellschaft eintritt, dazu gehören auch mahnende Hinweise auf die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums und Vorschläge zum notwendigen Ausgleich zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen. Die Welthungerhilfe sowie die Hilfswerke Misereor, Adveniat, Brot für die Welt und die Organisation Greenpeace mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Klimaschutz sind hinreichend bekannt.

Weniger bekannt ist die Initiative Plant-for-the-Planet, eine Kinder- und Jugendinitiative mit dem Ziel, bei Kindern und Erwachsenen ein Bewusstsein für globale Gerechtigkeit und Klimawandel zu schaffen und letzteren aktiv durch Baumpflanzaktionen zu bekämpfen. Jeder gepflanzte Baum wird von den Schülern zum Symbol für Klimagerechtigkeit ernannt. 2007 gründet ein Neunjähriger die Initiative; sie ist inzwischen eine weltweite Bewegung, die von namhaften Künstlern und Schauspielern, aber auch von Staatschefs gefördert wird. Bislang wurden über 14,2 Milliarden Bäume gepflanzt. Jeder gepflanzte Baum entzieht der Atmosphäre pro Jahr ca. 10 kg CO2. Ziel ist, in jedem Land 1 Million Bäume zu pflanzen, was den Anteil an Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre in der Tat beträchtlich ausgleichen würde.

Ich berichte von diesen Beispielen vorbildlichen Engagements für Menschen in Not und für die Natur und damit auch für die Zukunft unseres Planeten und seiner Bewohner (Pflanzen, Tiere, Menschen), weil sie uns davor bewahren können, gleichgültig zu werden oder allmählich abzustumpfen. Es hilft auch niemanden, wenn wir nur ohnmächtig auf die Gigantomanie verschiedener Herrscherdynastien starren und uns ihrem hypnotischen Blick aussetzen. Ihr Blendwerk dürfen wir nicht unterschätzen. Sie gaukeln uns vor: Ihr könnt auf uns bauen. Seid dabei, und macht euch einen Namen! Gemeinsam planen wir großartige Projekte und führen sie aus. Wir schaffen uns eine Welt, die auch alle anderen Länder beeindrucken wird. Wir werden an Macht und Ansehen gewinnen.

Babel/ Babylon ist längst zum Symbol geworden; die Namen wechseln. Aber wofür sie stehen, lässt sich allzu leicht benennen: Selbstüberschätzung, Größenwahn; Militärdiktatur; verbrämte Diktatur in Gestalt einer Pseudodemokratie; pseudokommunistische Herrschaft mit faktischen Anleihen beim Kapitalismus, und das zwitterhafte Gebilde einer demokratischen Gesellschafts- und Regierungsform, die sich obendrein sehr religiös gibt, die faktisch derart auf die Wahrung der nationalen Sicherheit, ihr eigenes wirtschaftliches Wachstum und den Ausbau der eigenen Macht weltweit bedacht ist.

Der Mythos (bei Homer kann das Wort sogar „Bericht“ bedeuten) in Gen 11 kann uns wahrlich die Augen öffnen: Es gilt die Vielzahl und Vielfalt der Völker und Sprachen als gegeben anzunehmen. Daraus ergibt sich die notwendige Aufgabe der Völkerverständigung, die aber in jeder Hinsicht für alle Beteiligten eine Bereicherung darstellt. Dabei ist aber vorauszusetzen, dass sich kein Land auch nur annähernd erträumt, so etwas wie eine Weltherrschaft anzustreben. Leider üben indirekt die wirtschaftlich stärksten Staaten eine Herrschaft über die ärmsten Nationen aus. Allerdings zeigen die gewaltigen Flüchtlingsbewegungen, dass die kapitalistischen Länder allmählich lernen müssen, dass sie etwas Entscheidendes nicht überdacht haben, weil sie nun die Ärmsten direkt vor sich haben.

Fazit: Man sollte nur (wenn überhaupt) auf Kosten anderer leben, wenn man rechtzeitig die Kosten überschlagen hat. Keine Nation sollte sich für den Nabel der Welt halten; aus dem „Nabel“ wird sonst rasch ein „Babel“, und dann erkennt man gezwungenermaßen die eigenen Grenzen. Wenn Völker sich begegnen, indem ihre Oberhäupter sich respektvoll verständigen, sich vielleicht sogar einigen, wenigstens zu einem Minimalkonsens finden, dann kann die Völkergemeinschaft langfristig davon profitieren. Künftig müssten allerdings noch weit mehr Anstrengungen unternommen werden, um Armut und Verhungern zu bekämpfen, auch wenn man sich gegen Militärdiktaturen stellen muss.

Amen.

Bemerkungen: Literatur

J. Alberto Soggin: Das Buch Genesis. Kommentar (1997); Christoph Uehlinger: Weltreich und „eine Rede“. Eine neue Deutung der sog. Turmbauerzählung (Gen 11,1–9), OBO 101 (1990); Ulrike Sals: Die Biographie der „Hure Babylon“. Studien zur Intertextualität der Babylon-Texte in der Bibel, FAT 6 (2004): (II.) Die Geburt der „Hure Babylon“ (1.) Die Nicht-Entstehung der Stadt: Genesis 11, 1–9 (S. 146–163); Heinrich Krauss/ Max Küchler: Erzählungen der Bibel. Das Buch Genesis in literarischer Perspektive: Die biblische Urgeschichte (Gen 1 – 11), (2003): Die Zerstreuung der Menschheit (Gen 11,1–9), S. 180–185; Hubert Bost: Babel. Du texte au symbole (1985).



Pfarrer Thomas Bautz
Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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