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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 05.06.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Bernd Giehl



Vielleicht ist ja doch alles eine Frage der Zeit, in der man lebt. Jahrzehntelang hat man über den Turmbau gepredigt und vor ihm gewarnt und plötzlich stellt man fest: Alles ganz anders. Stellen wir uns doch für einen Moment mal vor, da käme plötzlich so ein Prominenter auf die Idee, einen neuen Turm zu Babel zu bauen. Ich sage bewusst nicht: da käme ein Politiker auf die Idee. Allein die Vorstellung … Bis der das durch die Gremien seiner Partei durchgebracht hat und dann muss ja auch noch der Koalitionspartner davon überzeugt werden. Und was sagt die Opposition? Lässt vorsichtige Zustimmung erkennen. Um Himmelswillen, wo ist der Fallstrick?

Kein Politiker also? Ich fürchte, ihre Karos sind momentan zu klein. Im Moment wähle ich lieber einen Bühnenstar. Einen Musiker vielleicht. Die erreichen die Leute noch eher. Der sagt: Leute, ich habe folgende Idee, und wenn es gelingt, ist es das größte Ding der letzten hundert Jahre. Kostet natürlich Geld. Viel Geld. Das wir erst aufbringen müssen. Vor allem junge Leute sind begeistert und sagen, sie machen mit, aber natürlich reicht das nicht. Sponsoren müssen gefunden werden, eine Menge Sponsoren mit einer Menge Geld und verschiedene Gesetze müssen geändert werden. Glauben Sie, dass das geht?

Keine Frage: Das geht nie und nimmer. Da kommen die grünen Bedenkenträger und wenden ein, dass das nie und nimmer klimaneutral sein kann und die anderen sehen die Gefahr, dass sich die großen Konzerne daran eine goldene Nase verdienen werden. Die Naturschützer kritisieren das Projekt, weil es zu viel Landschaft verbraucht und die Sozialdemokraten sagen, man solle das viele Geld lieber für die Bedürftigen einsetzen.

Die Zeit der großen Projekte, das war einmal vor vierzig oder fünfzig Jahren. Damals plante man doch tatsächlich, einen Menschen auf den Mond zu bringen und keiner gab zu bedenken, wie viel Treibstoff dabei verbraucht würde und wie schädlich das für das Klima wäre. Nicht einmal das Argument, wieviel Krankenhäuser man dafür bauen könnte oder wie viele Straßen man mit dem Geld sanieren könnte, wurde laut. Es war eine Vision, die viele Menschen hinter sich brachte.

Vorbei. Erledigt. Gone with the wind.

*

Und Gott schaute mit seinem großen Fernrohr vom Himmel, sah die Mutlosigkeit der Menschen und ihre große Angst vor der nächsten Katastrophe, hinter der vielleicht schon die übernächste wartete und dachte darüber nach, was es war, dass seinen Geschöpfen den Mut genommen hatte, groß zu denken. Angst vor der Zukunft hatten sie schon immer gehabt, aber eben auch neue Ideen. Und nicht immer waren aus diesen Ideen babylonische Türme geworden. Vor einer Sekunde noch hatten sie die Grenzen geöffnet und Menschen aus anderen Nationen zu sich hereingelassen. Sie hatten sich keine größeren Gedanken gemacht, wie all die Italiener, Spanier, Portugiesen, Türken und später die Menschen aus Jugoslawien oder der Sowjetunion die Sprache lernen oder sich integrieren würden. Irgendwie würde das schon funktionieren. Aber einen Wimpernschlag später hatten sie Angst vor den offenen Grenzen bekommen. Was würde alles passieren können? Diese Muslime kamen aus einer fremden Kultur, sperrten ihre Frauen ein und gingen in die Moschee. Konnte man wissen, was da gepredigt wurde? Aber die Muslime waren doch auch schon vorher dagewesen, waren in die Moschee gegangen, aber sie hatten auch gearbeitet und deutsch gelernt. Manche mehr, andere weniger. Und plötzlich fingen die Briten damit an, die Grenzen zu schließen. Ausgerechnet die Briten mit ihrer kolonialen Vergangenheit. Dann wollten die Amerikaner, die jahrzehntelang gut mit den Einwanderern aus dem Süden gelebt hatten, eine Mauer zwischen Mexiko und den USA bauen. Die Produkte, die sie bis dahin von anderen bezogen hatten, wollten sie nun im eigenen Land herstellen. Und die Europäische Union von der alle gerade eben noch geschwärmt hatten? Da hatten sie zwar schon immer gestritten, weil jeder  Vorteile für das eigene Land herausholen wollte, aber irgendwie waren sie sich doch einig gewesen, dass ein Zusammenschluss vieler Länder besser war, als wenn jeder allein vor sich hin wurstelte. Aber dann schlug das Pendel zurück, viele schimpften auf die Union, wollten die Grenzen wieder dichtmachen, und alle schienen überfordert zu sein, von den Kompromissen, die man immer gemacht hatte. Vielleicht wäre die Europäische Union in der nächsten Sekunde ja nicht mehr da. Wer wusste das schon? Nein, dachte Gott. Nicht einmal ich bin allwissend, auch wenn alle Welt das zu glauben scheint.

Man sehe es Gott nach, dass vor ihm 50 oder 60 Jahre wie ein Wimpernschlag sind. Aber bekanntlich sind ja auch tausend Jahre vor ihm wie ein Tag.

*

Und jetzt würde ich gern mit dem reden, der die Geschichte vom Turmbau zum ersten Mal in den größeren Zusammenhang seines Werks eingefügt hat. Erfunden hat er sie nicht; da bin ich mir sicher. Vermutlich ist sie uralt. Aber ich denke, auch dieser Erzähler hat schon verstanden, dass diese Geschichte vor seiner Zeit zwar von einem einzelnen Projekt erzählt hat, das schließlich an seiner eigenen Größe scheiterte, dass die Erzählung aber eher ein Gleichnis ist. Ein Gleichnis, das erzählt, wie die Menschen sind. Lange bevor sie die Erfahrung am eigenen Leib machen, wissen sie, dass sie sterblich sind. Und dass womöglich nichts von ihnen bleiben wird, weil die Zeit über sie wie über alles hinweggehen wird. Spätestens nachdem sie anfingen aufzuschreiben, was vor ihnen war, wird es ihnen gedämmert haben: Nur das wirklich Große bleibt in Erinnerung. Sei es als Bauwerk, sei es als Gesang oder als Buch. Menschen wollen, dass etwas von ihnen bleibt.

Also kommen sie auf die Idee, etwas zu hinterlassen. Vermutlich ist der Turmbau nicht umsonst in Babel angesiedelt worden. Zum einen gab es dort die Zikkurat, die wunderbaren Tempeltürme, die Brueghel gemalt hat; zum anderen war Babylonien über viele Jahrhunderte ein Weltreich und Weltreiche werden nicht durch Überzeugung und demokratische Abstimmung gebaut, sondern durch Gewalt. Dass sich vor allem die Herrscher dieser Reiche einen Namen machen und ihre Denkmale bauen, während die eigentlichen Erbauer im Dunkel der Geschichte verschwanden, mag in diesem Zusammenhang weniger wichtig sein. Die Pyramiden von Gizeh künden noch heute vom Glanz der Pharaonen, und ihre Namen kennt man noch immer. In den Augen dieser Geschichte sind sie Hybris, menschliche Überhebung, weil da Menschen sich an die Stelle des Schöpfers setzen wollten.

Aber warum zerstörte Gott dann nicht die Pyramiden? Oder den Koloss von Rhodos? Warum ließ er die riesigen Buddha Statuen von Bamian in Afghanistan stehen? Waren nicht auch sie Denkmale der Überhebung?

Ich habe eine Idee. Ich werde mich erst gar nicht an den Erzähler dieser Geschichte wenden; ich werde Gott selbst fragen.

 

*

Diesmal habe ich Glück. Ich bekomme einen Termin. Wie das alles abgelaufen ist, darf ich nicht verraten. Ich habe Gott mein Versprechen gegeben, und wenn ich es breche, bin ich mir sicher, dass es das letzte Mal war, dass Gott mit mir redete.

Ich frage ihn: „Wie hast du das gemacht? Wie hast du verhindert, dass die Menschen den Himmel stürmten“?

Er sieht mich über den Rand seiner Brille an und sagt dann: „Du hast die Geschichte wohl nicht mehr so ganz in Erinnerung? Ich musste erst vom Himmel kommen um mir das Bauwerk überhaupt ansehen zu können. Und selbst von da aus brauchte ich noch mein stärkstes Fernrohr. Der Turm sah aus wie ein winziger Punkt. Fast konnte man ihn schon nicht mehr erkennen.“

„Aber dennoch hast du ihn zerstört?“

„Mein lieber Junge“, sagt er gütig, „du solltest die Geschichte wirklich einmal richtig lesen. Brauchst du auch eine Lesebrille? Nein, ich habe das Bauwerk nicht zerstört. Eigentlich habe ich gar nichts getan.“

„Und wie war das mit der Verwirrung der Sprachen?“ frage ich zurück. „Davon steht aber ganz bestimmt etwas in der Bibel.“

„Bist du sicher? fragt Gott. „Es ist alles schon so lange her. Ich muss mal nachschauen. Es wird ja wohl noch eine Bibel im Himmel geben.“

Nach einiger Zeit kommt tatsächlich ein Engel und bringt Gott eine Bibel. Eine Zeitlang liest er leise und dann zitiert er: „Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben. Wohlan, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner die Sprache des anderen verstehe!“ Dann schlägt er die Bibel zu, lächelt und sagt: „Du hast recht. So steht es geschrieben.“

„Und?“ frage ich. War es wirklich so?

„Meine Güte“, sagt Gott. „Du fragst Sachen. Das ist alles doch schon so lange her.“

Seine Antwort verwirrt mich. Wenn ich die Bibel richtig verstehe, dann war das doch ein ziemlich wichtiges Ereignis in der Geschichte zwischen Gott und den Menschen. Das müsste er doch noch wissen. Aber bevor ich ihn fragen kann, verabschiedet Gott sich von mir. Er habe noch viel zu tun, sagt er und schon ist er verschwunden. Ich bleibe ratlos zurück.

In der Nacht habe ich einen Traum. Gemeinsam mit vielen anderen baue ich einen riesigen Turm. Bis in den Himmel soll er reichen. Aber ich habe keine Lust mehr. Wir bauen schon so lange daran und ich habe immer nur Steine geschleppt, höher und höher. Mein Rücken tut mir weh, aber es ist kein Ende in Sicht. Den anderen, so scheint es, geht es genauso. Auch sie sind müde. Die Arbeit ist furchtbar monoton und sie geht auf die Knochen. Wir würden auch gern in einem Büro sitzen und zeichnen oder die Arbeit der anderen überwachen. Aber das dürfen wir nicht. Dazu seien wir nicht ausgebildet, heißt es. Wir sollen auch weiterhin Steine schleppen oder bestenfalls mauern. Aber das wollen wir nicht. Also wächst die Unzufriedenheit. Dann wollen wir wenigstens eine bessere Bezahlung, sagen wir. Aber auch die wird uns verweigert. Also treten wir in den Streik. Sollen die in den Büros doch sehen, wie sie ohne uns klarkommen. Immer mehr Unzufriedene schließen sich uns an. Wir fordern höhere Löhne und mehr Freizeit. Und unsere Namen sollen auch auf dem Schild stehen, das die Erbauer des Turms nennt. Die Polizei rückt an und versucht, unsere Demonstration aufzulösen. Es gibt Tote und Verletzte. Das wiederum führt zu Empörung in der Bevölkerung. Ein Untersuchungsausschuss wird eingesetzt. Am Ende stirbt das Projekt. Nur die Wunden, die es geschlagen hat, die bleiben.

*

Fragt sich eigentlich nur noch, welche Konsequenzen wir aus der Geschichte ziehen sollen. Sie handelt von der Überheblichkeit der Menschen. So viel ist gewiss. Aber was dann? Ist es denn von vornherein falsch, groß zu denken? Zumindest könnte man diesen Schluss daraus ziehen. War nicht auch das Projekt der Europäischen Union eine große Idee? Staaten, die einmal tief verfeindet waren, schließen sich zu einer Union zusammen und die Menschen lernen sich besser kennen. Aus ehemaligen Erbfeinden werden Menschen, die zusammenarbeiten und die Sprache des Anderen lernen. Oder war der Satz von Angela Merkel „Wir schaffen das“ den sie 2015 zur Öffnung der Grenzen gesagt hat, von vornherein falsch? Sie hat ja nicht gesagt: Ich schaffe das. Sie hat darauf vertraut, dass alle sich gemeinsam anstrengen. Das war und ist ein Risiko. Nur, was wäre denn die Alternative gewesen? Millionen von Menschen, die im Niemandsland herumirren? Was wäre aus ihnen geworden? Wohin hätten sie gehen sollen? Hätten sie vielleicht verhungern sollen?

Wahrscheinlich müssen wir doch differenzieren. Ganz sicher gibt es die monströsen Projekte, die mehr Schaden anrichten als dass sie nützen. Da geht es dann darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Den Schaden, den sie anrichten dürfen andere bezahlen.

Nur, wie unterscheidet man sie voneinander? Das ist gar nicht so leicht. Vielleicht an der Frage, wie mit möglichen Opfern umgegangen wird. Oder daran, dass der Zweck die Mittel heiligt und die Risiken kleingeredet werden.

Am Ende muss man wohl nach dem Geist fragen, der dahintersteht.

*

Womit ich nun also bei Pfingsten wäre. Denn natürlich ist die Geschichte vom Turmbau ja nur die dunkle Kulisse, von der die Pfingsterzählung sich abheben soll.

Vor ein paar Tagen bekam ich Post von meiner Kirche. „Impulspost“ nennt sich die kleine Broschüre und sie wird etwa viermal im Jahr an alle Kirchenmitglieder verschickt. Diesmal war das Thema: „Gott glaubt an mich.“

Wie bitte? Gott glaubt an mich? Ja, wie das denn? Müsste es nicht heißen: Ich glaube an Gott?

Mal sehen, was noch so drinsteht. Aha. Der erste Satz heißt: „Sie sehen gut aus.“ Neben dem Satz stehen die Zweifel, die einem sofort kommen. „Vielleicht vor zwanzig Jahren“ oder „noch zehn Kilo zu viel.“ Aber dann steht oben die Begründung: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“

Ja, denkt man, könnte was dran sein. Wenn Gott mich gemacht hat, sehe ich womöglich wirklich gut aus. Und wertvoll bin ich auch, wie der nächste Satz behauptet. Obwohl ich mich oft genug ganz anders fühle. Aber wenn Gott mich als wertvoll sieht, wenn er sagt, ich sähe gut aus oder ich würde gebraucht, dann ist das ja wohl wirklich so.

Und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Nicht mehr so grau in grau.

 

Und dann frage ich mich, ob das nicht doch etwas mit Pfingsten zu tun hat. Gott gibt den Menschen einen neuen Geist. Sie lernen sich selbst neu kennen. Sie erfahren sich selbst als liebenswürdig. Sie müssen nicht mehr die alten Grantler sein, die sie einmal waren. Sie müssen die Ideen, die andere haben, nicht gleich schlechtreden, nur weil es nicht ihre eigene Idee war. Sie können vom eigenen Nutzen absehen und sich an den guten Ideen anderer beteiligen. Egal ob in der Flüchtlingshilfe oder bei Projekten der eigenen Kirchengemeinde. Gottes Geist stiftet Gemeinschaft. Und macht so Verständigung möglich.

 



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

Bemerkung:
Vorbemerkung: Ich weiß ja: diese Geschichte handelt von der Überheblichkeit der Geschöpfe gegen ihren Schöpfer. Es ist ein Motiv, das in mehreren Religionen existiert. Und vermutlich stimmt die Geschichte ja auch zu vielen Zeiten. Nur manchmal passt sie einfach nicht. So wie im Augenblick, wo die Menschen eher kleinmütig sind als hochfahrend.
Deshalb habe ich versucht, mit dieser Geschichte zu spielen.




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