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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Pfingstmontag, 05.06.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 11:1-9, verfasst von Thomas Volk

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.

5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

 

Liebe Gemeinde,

warum nur Gott diesen merkwürdigen Turmbau nicht gutgeheißen hat? Das habe ich nie verstanden. Ich konnte nie etwas Verwerfliches daran finden, dass Menschen große Häuser und hohe Türme bauen. Denn eigentlich müsste sich Gott doch freuen, wenn Menschen gemeinsam ein Projekt entwickeln, es durchführen und sich nicht dabei zerstreiten.

Die gängige Antwort, die viele schon von klein auf mitbekommen haben: Das konnte gar nicht gut gehen. Die Menschen wollten immer höher und immer weiter. Sie wollten sein wie Gott, quasi seine Wohnung stürmen. Und das konnte er einfach nicht dulden.

Damit schien auch schon alles gesagt zu sein, um diese Geschichte recht zu verstehen. Nämlich als eine Geschichte des Scheiterns und als ein Beispiel für menschliche Selbstüberschätzung. Jahrhundertelang wurde diese Erzählung - meistens - so ausgelegt.

 

Unser Gottesbild entscheidet sich an Pfingsten

Die Frage, wie wir diese alte Geschichte vom Turmbau zu Babel sehen, hängt auch damit zusammen, wie wir das heutige Pfingstfest in unseren Glauben einordnen.

Glauben wir an einen Gott, der - wie die gängige Auslegung der Turmbaugeschichte festhält - ganz oben ist und wir ganz unten. Der uns Menschen klein hält. Oder abstraft, wenn wir auch nur in leisesten Ansätzen etwas, was wir geschafft haben, zu sehr auf unsere Fahnen schreiben?

Oder glauben wir an einen Gott, der uns Menschen seinen Geist schenkt und uns damit etwas zutraut. Der uns Mut macht und uns zu erkennen gibt: Du, kleines Menschenkind, bist begabt! Du kannst das! Trau dich! Mach es einfach! Probiere es zumindest aus!

Etwa doch eine Etappe auf dem Pilgerweg gehen, obwohl man nicht abschätzen kann, ob man gut über die Berge kommt und ob die Betten in den Quartieren nicht doch zu hart sind.

Oder doch noch die Zusatzausbildung machen.

Oder bei dem Menschen nachfragen, die sich so zurückgezogen hat, was eigentlich los ist.

Oder überlegen, warum die Gottesdienste immer nach dem gleichen Muster mit den immer gleichen Worten abgespult werden müssen? Warum nicht mal nach Formen und Inhalten suchen, die Menschen wirklich berühren? Und auch die Gottesdienstzeit kann hinterfragt werden. Es muss nicht immer der Sonntagmorgen sein. Man darf auch ruhig einmal eine andere Uhrzeit ausprobieren.

 

Es geht um Angst in dieser alten Geschichte

Das Gottesbild, das uns sagt, wir hätten mit unangenehmen Folgen zu rechnen, wenn wir eine gewisse Grenze überschreiten, steckt noch tief in uns drin! Es ist uns jahrhundertelang anerzogen worden.

Und es stimmt ja auch, dass die Angst in dieser alten Geschichte vom Turmbau zu Babel eine wichtige Rolle spielt.

Die Menschen befürchten, dass sie „über die ganze Erde zerstreut“ werden (V.5), wenn sie nicht mehr in einer Stadt mit einem großen Turm leben, weil sie sich damals über Internet und soziale Netzwerke noch nicht vernetzen und absprechen konnten und Angst hatten, aus ihrem bisherigen Leben herauszufallen.

Vielleicht wollten manche gar nicht erst die Gedanken an sich herankommen lassen, dass es woanders auch schön sein kann. Auch wenn man manches, was einem liebgeworden ist, aufgeben muss, so kann man sicher ganz Neues entdecken. So wie manche den Absprung von zu Hause nicht wagen, weil sie meinen: „In einer anderen Stadt, an einer fremden Universität, in einer auswärtigen Firma komme ich sowieso nicht zurecht. Da bleibe ich lieber bei dem, was ich habe.“

 

Die Befürchtung Gottes

Interessanterweise spricht der Erzähler dieser Geschichte, dass auch Gott selbst etwas befürchtet. Nämlich, dass eine eingeschworene Gemeinschaft ihm gleichsam den Rang ablaufen und ihn vielleicht nicht mehr brauchen könnte, weil sie selbst so vieles in die Wege leiten kann: Türme und Häuser bauen. Vielleicht auch das soziale Zusammenleben in der Stadt organisieren, weil sich ja alle mit einer Sprache verständigen können.

Aber dann - so der Erzähler - ist es Gott, der sich entscheidet. Er verwirrt ihre Sprache. Sie können sich nicht mehr verstehen und ihr Projekt nicht fertig bekommen. Wenn der eine gesagt hat: „Ich brauche Ziegel“, dann hat der andere verstanden: „Ich soll Stroh holen“. Oder wenn der eine gesagt hat, um 14.00 Uhr geht es weiter, dann haben die anderen verstanden: „Um 14.00 Uhr ist Feierabend“. Klar, dass am Ende nichts mehr gegangen ist.

 

Pfingsten schreibt die Turmbaugeschichte weiter

Es tut so gut, dass es dieses wunderbare Fest Pfingsten gibt, das sagt: Auch wenn Menschen in früheren Zeiten es sich so vorgestellt haben, dass es einen himmelweiten Unterschied zwischen Gott und den Menschen geben muss. Gott möchte uns Menschen allen Mut der Welt geben, dass wir unser Leben bestehen können. Deshalb gibt es Pfingsten. Gottes Geist setzt dich in Bewegung.

Wie damals die Menschen, die am Beginn der Pfingstgeschichte ebenfalls an einem Ort wie eingeschlossen sind und sich nicht vom Fleck bewegen wollen oder können. Lukas schreibt in der Apostelgeschichte, dass die Jüngerinnen und Jünger ängstlich in ihren Häusern festsitzen. Sie trauen sich nicht heraus. Sie sind immer noch in dem gefangen, was mit dem Tod Jesu für sie zu Ende gegangen ist. Vielleicht können sie sich auch überhaupt nicht mehr vorstellen, dass es in ihrem Leben noch eine Änderung geben kann.

Und dann schreibt Lukas von einem gewaltigen Wind, der alles durcheinanderwirbelt. Von Feuerzungen, die sich auf alle der Jüngerinnen und Jünger verteilen, ohne dass jemand verletzt wird. Wie Fenster und Türen aufgerissen werden. Wie die Menschen aufstehen, hinauseilen, aufeinander zugehen, sich verstehen und - das ist vielleicht das größte Pfingstwunder - wie sie ihre eigenen festgesetzten Grenzen überwinden! Durch Gottes Geist.

Deshalb ist Pfingsten einer der ganz großen Tage des Jahres: Dir ist Heiliger Geist verheißen, der dich immer mehr gewiss macht. Du hast einen Namen (vgl. V.4). Du bist wer! Du musst nicht klein von dir denken! Du hast eine Geschichte! Die ist noch nicht zu Ende geschrieben. Und sie muss sich auch nicht immer in denselben Bahnen abspielen.

 

Viel zu viele Türme und Türmchen werden heute noch in den Himmel gebaut

Natürlich wäre es schön, wenn alle Menschen eine Sprache hätten, eine Kultur, eine Religion, wenn sich alle verstehen. Es würde keine Vertreibungen mehr geben. Keine Flucht durch Wüstenlandschaft und über das Meer. Keine Kriege, aufgrund von Religion. So wie die Menschen damals in der Turmbauerzählung ein Volk mit einer Sprache an einem Ort sein wollten. Alles andere war für sie wie eine Bedrohung.

Das ist die Einheitssehnsucht. Alles soll so sein wie immer. Deshalb denken manche heute ähnlich, dass es doch am besten sei, wenn man im Dorf oder in der Straße oder im Haus nur unter sich bliebe, und die Fragen und Probleme der anderen weit von sich weg schiebt.

Manche ziehen sich in ihr kleines Türmchen zurück und meinen, dass sie dann die kleinen und großen Fragen der Menschen einfach nicht mitbekommen.

Andere wollen in ihren eigenen Mauern oder Gartenzäunen alleine bestimmen, was gemacht wird und wo es langgeht. Sie lassen andere für sich tanzen und möchten dass alle sie anhimmeln.

 

Der Pfingsttraum des anglikanischen Erzbischofs von Kapstadt Thabo Makgoba

Es war wie eine vorweggenommene Pfingstpredigt, die der anglikanische Erzbischof von Kapstadt Thabo Makgoba beim Abschlussgottesdienst des Evangelischen Kirchentags vor einer Woche in Wittenberg gehalten hat, als er in Anlehnung an Martin Luther Kings berühmte "I have a dream"-Rede sagte, dass auch er einen Traum für die Welt hat: "Dass eines Tages, bald schon, die derzeitigen Parolen des Narzissmus, des Nationalismus und der Abschottung verschwinden". Es solle sich ein "weltweites Bewusstsein erheben, dass wir alle Teil der einen Menschheit sind". Die Kinder der zukünftigen Generationen sollten in einer Welt leben, in der es "unbegrenzten und gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, zu Wasserversorgung und zu wirtschaftlichen Chancen gibt".

Auch nach 500 Jahren war der verändernde Geist in Wittenberg auf den Elbwiesen zu spüren.

 

Pfingsten und jammern passen nicht zusammen

Für alle, die meinen, dass dies bloß schöne Worte an einem Kirchentagsgottesdienst sind, sei gesagt: Jammern, vor allem an Pfingsten, bringt nichts. Denn damit hätte Gottes Geist ja gar keine Möglichkeit bei uns irgendwie anzudocken.

Es liegt auch an uns, damit dieser Traum von Pfingsten neuen Auftrieb bekommt. Auch wenn wir nicht die ganze Welt mit einem Mal verwandeln können. Auch wenn Christen immer weniger werden. Und auch wenn die Zahl der Gottesdienstbesucher in unseren Kirchengemeinden immer überschaubarer wird.

Wichtig ist, dass wir uns bewegen lassen. Dass der Begleiter unseres Glaubens der Mut ist und nicht die Angst. Pfingsten, ja Gottes Geist, macht Mut über unsere eigenen Grenzen hinauszuschauen. Wir dürfen über die eigene Zukunft nachdenken, die sich nicht nur im Umkreis von 5 km abspielen muss.

 

Ganz egal, ob wir uns sofort aus unseren Türmen heraustrauen oder ob wir erst zögerlich manche alte Grenze übertreten: Gottes guter Geist weht nicht nur an zwei Pfingsttagen. Er weht das ganze Leben lang. Er will uns bewegen, damit wir unseren Horizont erweitern können.

Und die Weite Gottes, die umfassender und höher und umfangreicher ist als alles was uns in seinen Bann ziehen will, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



Pfarrer Thomas Volk
97340 Marktbreit
E-Mail: thomas.volk@elkb.de

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