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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 11.06.2017

Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Hilmar Menke

Manchmal wäre ich schon gern ein Profet - nicht so, wie man das landläufig versteht: Ich will nicht hellseherisch die Zukunft wissen; ich will nicht als Wahrsager vorhersagen können, was geschehen wird.

Nein, wie die Profeten des Alten Israels wäre ich manchmal gern:

In gleicher Weise wie sie von Gott beauftragt und legitimiert - auf so im wahrsten Sinne überwältigende Weise berufen: "Weh mir, ich vergehe"... vor der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes, vor seiner Macht und seiner spürbaren Kraft, erschüttert von seinem Wort, von "der Stimme seines Rufens", die aber ganz deutlich mich gerufen hätte; mit reinen Lippen trotz allem, was mich von Gott getrennt haben mag in der Vergangenheit - wie neu geboren; und fraglos und ohne Einwände bereit, den Auftrag anzunehmen, Gottes Bote zu sein, sein Wort wirklich hineinzusprechen in die Situation der Menschen, zu denen ich geschickt werde - so dass kein Bereich des Lebens ausgespart bliebe ...

Manchmal wäre ich gern wie ein solcher Profet, von denen ich ja weiß, dass sie ihrem Volk ohne Angst und ohne Einschränkung Gottes Wahrheit sagten, auch und gerade dann, wenn man es nicht gern hörte - auch und gerade dann, wenn es um die große und die kleine Politik ging, um Frieden im Inneren und im Äußeren - was wäre da nicht alles heute zu sagen ...

Manchmal wäre ich gern ein Profet wie Jesaja.

Und dann lese ich, dass das doch wohl so erstrebenswert gar nicht war für ihn - und wäre, für mich? Wer spräche schon gern wie gegen ein Mauer - wer predigte schon gern tauben Ohren - wer würde schon gern zeigen wollen, was recht ist, wenn doch keiner hinsehen mag - wer möchte schon von vornherein wissen, dass er mit harten Herzen zu rechnen hat, und dann trotzdem versuchen, die Herzen zu erweichen, die Augen zu öffnen, die Ohren aufzutun.

"Ich aber sprach: 'Herr, wie lange?'" - da wird Jesaja klar, so scheint mir, schlagartig klar, worauf er sich wirklich eingelassen hat.

Die Geschichte eigentlich aller Profeten des Alten Bundes zeigt, dass er mit seinem Seufzer recht hatte: Kaum jemand hat ihre Botschaft hören wollen - alle haben lieber auf die gehört, die ihnen nach dem Munde redeten, ihnen herrliche Zeiten und große Siege versprachen, ihnen die Sorgen "entsorgten"; und kaum jemanden hat es interessiert oder beeindruckt, wenn sie berichteten, wie Gott sie persönlich berufen und beauftragt hatte - sie haben lieber auf die gehört, die eine ordentliche Ausbildung hatten, die Fachleute, ordnungsgemäß berufen und verbeamtet.

Die Profeten Gottes sind abgelehnt worden und verfolgt, gefangenge- setzt und verurteilt, ja sogar umgebracht worden - und es ist sicher kein Zufall, dass Jesus selbst in einem Gleichnis - in dem es um die Pächter eines Weinbergs geht, die die Pacht nicht zahlen wollen, die Beauftragten des Eigentümers abweisen, schlagen und sogar töten - und die schließlich sogar den Sohn, den der Eigentümer als letzten Versuch schickt, umbringen - - dass Jesus mit diesem Gleichnis sich selbst in die Reihe der Profeten einreihte: Selbst ihm ging es nicht anders als jenen ...

Manchmal wäre ich gern ein Profet? Wäre ich es wirklich immer gern - unter diesen Bedingungen, unter solchen Voraussetzungen - denn das erlebt doch jeder auch heute, der den Menschen nicht nach dem Munde redet - besonders von Seiten derer, die mehr Macht und mehr Einfluss haben als Du und ich - aber auch sonst:

Wer den Schutz unserer Mitwelt (die wir lieber "Umwelt" nennen, weil dann ja doch deutlicher wird, wer der Mittelpunkt der Schöpfung ist) wer diesen Schutz - profetisch fast - über oder auch nur neben andere Ziele stellt (wie Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung vielleicht), der ist in den Augen vieler ein unverantwortlicher Spinner, oder der Propaganda einer aufstrebenden Großmacht erlegen… Sie wissen, worauf ich anspiele.

Wer Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen wollen, nicht abweisen oder abschrecken will; wer Fremde in unserem Land nicht nur zu vereinnahmen versucht oder zur Anpassung zwingen lassen will, der ist in den Augen vieler unverantwortlich unrealistisch - und wird von manchen sogar mitverantwortlich gemacht für die Gewalt gegen Fremde... Lieber eine Mauer bauen – vielleicht auch bei uns und diesmal nicht gegen die, die das Land verlassen wollen.

 

Was aber, wenn ich Profet nicht bin - und nicht sein möchte, was bin ich dann?

Vielleicht - so mag der eine oder die andere denken in Erinnerung an etwas, was ich eben sagte - vielleicht dann doch so etwas wie der beamtete Fachmann - geprüft und beauftragt von der Kirche - und daher auch nur "zuständig" für "religiöse Fragen" und seelische Erbauung derer, die dazu gehören - und vielleicht noch für die Gewinnung neuer Mitglieder...?

Lassen wir das einmal so stehen - Sie wissen ja schon, dass ich damit nicht zufrieden bin - aber selbst wenn - was seid dann Ihr - Ihr alle - Christen, Glieder der Gemeinde Jesu Christi - was seid ihr - nicht berufen, nicht beauftragt, nicht verantwortlich - nur Empfänger, nur Hörer, nur passiv...?

Im Evangelium für den heutigen Sonntag berichtet Johannes von einem Gespräch, das Jesus mit einem Pharisäer namens Nikodemus führt - dieses Gespräch gibt Hinweise auf die Lösung dieser Frage: Was sind wir?

"Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen" so sagt Jesus; und auf die Frage des Nikodemus, wie dann denn möglich sei, schließlich könne doch niemand zurück in den Mutterschoß und noch einmal geboren werden - auf diesen Einwand antwortet Jesus:

- "Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen".

Wiedergeborene, neu Geborene aus Wasser und Geist - das sind wir: Getauft mit Wasser durch Menschen und mit dem Geist durch Jesus Christus

Getauft auf den Namen des Dreieinigen Gottes, dessen wir an diesem Sonntag "Trinitatis" gedenken – so wichtig übrigens, dass sich alle Sonntage bis ans Ende des Kirchenjahres danach nennen.

Alle sind wir "Priester" und "Bischöfe" - so haben es Luther und die Lehrer der Reformation erkannt und bezeugt - alle berufen, alle beauftragt - beauftragt, Gottes Wort zu verbreiten - überall - "bis an die Enden der Erde" bei allen, nicht nur bei denen, die es hören wollen - auch bei denen, die es - und die Boten - ablehnen.

Beauftragt, die gute, frohe, frohmachende Botschaft von Gottes Liebe weiterzugeben - und genauso das Wort Gottes, das aufdeckt, wie wir Menschen wirklich sind, das Wort, das ist "wie ein scharfes Schwert" - das Wort, das ermahnt und zurechtweist, beauftragt, es überall zu sagen - und das bedeutet nicht nur in aller Welt und allen Menschen, sondern auch in allen Bereichen des Lebens – privat und öffentlich – in den engen Grenzen unserer Gemeinden und der Weite der Welt - in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, in Kunst und Kultur – wo immer auch Menschen fühlen und denken, planen und handeln, arbeiten und feiern.



Superintendent i.R Hilmar Menke
Cadenberge
E-Mail: hhfjmenke@aol.com

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