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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 11.06.2017

Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Sibylle Rolf

Liebe Gemeinde,

 

Wo ist der Himmel? Mit meinen Zweitklässlern denke ich über Christi Himmelfahrt nach. Auch wenn sie es nicht ganz ausschließen wollen, dass Jesus vielleicht doch auf einem Wolkenfahrstuhl nach oben gefahren ist, finden sie eine Unterscheidung hilfreich: es gibt den unsichtbaren Himmel und den sichtbaren, an dem die Wolken ziehen. Könnt ihr den Himmel spüren?, frage ich, und sie nicken. Ja, sagt Marie, manchmal ist der Himmel hier auf der Erde. Und wann spürst du denn den Himmel?, frage ich. Sophia sagt: wenn es mir richtig gut geht. Wenn alles so ist, wie es sein soll. Nick wird nachdenklich. Der Himmel ist da, wo Gott ist. Stimmt, nickt Clara, wenn ich Gott spüre, spüre ich den Himmel. Und das geht eigentlich überall. In meinem Zimmer, wenn ich ganz still bin. Und in der Kirche. Ich spüre den Himmel in meinem Herzen, sagt Franziska. Wenn es mir gut geht, so wie neulich nach meinem Klaviervorspiel. Wenn ich einfach glücklich bin. Oder wenn mich jemand tröstet.

 

Wo ist der Himmel? Wo begegnet mir Gott? Wie kann ich ihn spüren? Wir erleben ganz unterschiedliche Geschichten mit Gott, jeder von uns auf seine und ihre Weise. Manchmal kommt Gott ganz überraschend, wenn wir nicht damit rechnen. Auf einmal berührt der Himmel der Himmel die Erde. Und manchmal trifft es uns so eindrücklich, dass wir uns ein Leben lang daran erinnern. So erging es dem Propheten Jesaja ungefähr 700 Jahre bevor Jesus zur Welt kam. Für ihn öffnet sich der Himmel im Tempel, und er wird es sein Leben lang nicht vergessen – es ist das Jahr, als sein König starb. Hören wir, wie er von seiner Begegnung mit Gott und seiner Berufung berichtet.

 

Jes 6

1 In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. 2 Serafim standen über ihm; ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! 4 Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch.

5 Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. 6 Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, 7 und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.

8 Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! 9 Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet's nicht; sehet und merket's nicht! 10 Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. 11 Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. 12 Denn der HERR wird die Menschen weit wegführen, sodass das Land sehr verlassen sein wird. 13 Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals kahl gefressen werden, doch wie bei einer Terebinthe oder Eiche, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

 

Wo ist der Himmel? Er kann sich mitten auf der Erde öffnen, und wir spüren Gott. Jesaja erlebt das im Tempel von Jerusalem. Ich stelle mir vor, wie er zum Gottesdienst kommt und auf einmal Gott spürt. Er persönlich, Jesaja, so, wie er da steht und gekommen ist, hat eine Begegnung mit Gott. Ein großartige, gewaltige, erschreckende Vision. Jesaja erfährt den mächtigen, majestätischen Schöpfer, den König der Welt. Eine geheimnisvolle Aura umgibt ihn, Jesaja sieht ihn auf dem Thron sitzen, von geflügelten Serafen umgeben, die ihm dienen. Das sind die himmlischen Heerscharen, in deren Gesang wir vor jedem Abendmahl einstimmen: heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll. Die biblischen Autoren stellen sich diese geflügelten Wesen als himmlischen Hofstaat des mächtigen Schöpfergottes vor.

 

Jesaja erlebt den mächtigen Schöpferkönig, in dessen Gegenwart er sich seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst wird. Ich habe unreine Lippen und wohne in einem Volk mit unreinen Lippen. Er bekommt einen Auftrag, der ihn erschreckt haben wird. Weil Israel Gott immer wieder verlassen hat, will Gott sein Herz verfetten, seine Augen blind und seine Ohren taub machen. Eine rätselhafte Botschaft. Menschen sollen nicht mehr verstehen, was sie sehen und hören, ihr Herz soll unempfindlich werden für Gott und für das, was er tut – so lange, bis alles zerstört ist, was sie sich aufgebaut haben. Segnen und loben – das gehört für die Bibel zusammen. Gott segnet uns mit vielem Guten, das wir dankbar empfangen sollen und ihn loben, dem wir alles Gute und unser Leben verdanken. Die Menschen zu Jesajas Zeit haben die Dankbarkeit verloren. Sie nehmen das Gute für selbstverständlich. Gottes Segen beantworten sie nicht mit Lob. Jesaja sieht das mit Sorge und Erschrecken.

Er steht in der Reihe der Gerichtspropheten des Alten Testaments. Gott leidet darunter, dass sein Volk ihm nicht vollständig vertraut. Wenn du deine Dankbarkeit verlierst, verlierst du den Maßstab für dein Leben. Gott ringt um das Volk und sieht keinen anderen Weg als es zu bestrafen. Der König wird entmachtet werden, die Städte und Häuser zerstört, die Menschen in Gefangenschaft geführt. Gute 100 Jahre nach Jesaja hat sich die Weissagung erfüllt, als die Babylonier, die damalige Weltmacht, in Jerusalem Tempel und Königspalast zerstören und einen Großteil des Volkes gefangen nehmen.

Gibt es überhaupt eine Hoffnung? Ganz am Ende von Jesajas Vision scheint sie auf: ein Spross, der aus dem verdorrten Stamm wieder wächst, mit dem etwas neues beginnen wird. Christen haben dieses Bild auf das Geschick Jesu von Nazareth hin gedeutet: den Neubeginn, den Gott seiner Welt und seinen Menschen ermöglicht: ein junger Spross, der nicht wieder abgehauen wird.

 

Über Jesaja öffnet sich der Himmel. Er begegnet Gott und bekommt einen Auftrag: er soll das rechte Wort zur rechten Zeit sagen. Häufig suchen sich Propheten ihr Geschick nicht aus. Sie hadern mit ihrer Botschaft. Jesaja hadert mit sich selbst, als er spürt, wie groß und mächtig Gott ist. Ich bin viel zu klein und unwürdig für dich, hat er wohl gedacht, als er Zeuge dieser großartigen Szene wird: der Schöpfer der Welt auf seinem Thron, umstellt von Serafen, besungen mit dem dreimaligen Heilig. Die Pracht dieser Szene verlangt unbedingte Ehrfurcht, und Gott, der sich in dieser Pracht offenbart, verlangt unbedingten Glauben.

Die Menschen, zu denen Jesaja gehen soll, sind unempfindlich für Gott geworden. Ihr Herz kann nicht fühlen, die Augen nicht sehen und die Ohren nicht hören. Sie sehen und erkennen nicht, dass sie anderen und sich selbst schaden, weil sie ihre Dankbarkeit verloren haben. In einer Zeit, in der Klimaschutzprotokolle verlassen werden und Menschen im Internet mit unendlicher Häme überzogen werden, ist das gar nicht so weit weg. Menschen tun nicht, was ihnen und anderen gut tut und wollen das noch nicht einmal erkennen. Mit grandioser Überheblichkeit setzen sie sich über Vereinbarungen hinweg und fühlen sich auch noch im Recht. Jesaja spürt: Gott leidet darunter. Es macht ihm etwas aus, darum öffnet er den Himmel und beruft einen Propheten, den er zu den Menschen sendet – als Mahner, der die Menschen ihrem eigenen Handeln preisgibt.

 

Wo ist der Himmel? Wo begegnet mir Gott? Jesaja spürt Gott, als er bemerkt, wie unempfindlich die Menschen für Gott geworden sind. Er schaut den mächtigen Schöpfergott, der alles in seinen Händen hält. Der Himmel kann überall sein. Wann immer er sich über uns öffnet, spüren wir Gott. Für Martin Luther hat sich der Himmel im gekreuzigten Jesus Christus geöffnet. Dort, wo die Not am größten und der Schmerz am tiefsten ist. Hier sollst du Gott finden, allein im Kreuz ist unsere Theologie. Denn hier am Kreuz zeigt Gott seinen Menschen und seiner Welt, dass sie nicht mehr ihrem eigenen Handeln ausgeliefert sind. Es fällt nicht mehr alles auf uns zurück. Gott erträgt es mit uns und für uns. Gott teilt unser Leid und unseren Schmerz. Er geht mit hinein, um uns zu trösten. Und er nimmt uns an die Hand und führt uns ins Leben.

 

Für Franziska spürt den Himmel in ihrem Herzen. Dort, wo die Liebe ist. Wo sie ganz bei sich selbst sein kann und sich geliebt weiß, geborgen wie ein Kind bei seiner Mutter. Gott begegnet uns auf unterschiedliche Weise. Manchmal spüren wir seine erschreckende und machtvolle Seite, die vielleicht sogar unverständlich ist und zu groß für unseren Verstand. Dann stehen wir fassungslos vor seiner Größe. Und wir werden ermutigt, von dieser Größe zu erzählen und Menschen zur Dankbarkeit zu ermutigen – wie Jesaja.

Manchmal begegnet Gott uns im Leiden, dort, wo es so aussieht, als wäre alles am Ende. Aber wir bekommen gerade dann, wenn alles am Ende scheint, neuen Lebensmut und neue Kraft, weil er unseren Schmerz teilt und uns tröstet. Und manchmal spüren wir ihn im Herzen, wenn er in unserem Herzen die Sorgen zur Ruhe kommen lässt und uns mit Zuversicht erfüllt. Er öffnet den Himmel so über uns, wie wir es brauchen. Und dann lässt er uns davon erzählen, damit sich auch über anderen der Himmel öffnet. So verwickelt er sich in unsere Geschichte, der lebendige, ewige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.



Sibylle Rolf
Oftersheim
E-Mail: sibylle.rolf@kbz.ekiba.de

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