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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Trinitatis, 11.06.2017

Verstockung
Predigt zu Jesaja 6:1-13, verfasst von Rainer Oechslen

In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm: ein jeder hatte sechs Flügel: Mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei. Und ich hörte die Stimme des Herrn, wie er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! Verfette das Herz dieses Volks und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt. Denn der HERR wird die Menschen weit wegführen, sodass das Land sehr verlassen sein wird. Auch wenn nur der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals kahl gefressen werden, doch wie bei einer Terebinthe oder Eiche, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stumpf sein.

Jesaja 6,1-13

 

 

Liebe Gemeinde!

Einer meiner Lehrer in der Theologie hat mir folgende Geschichte erzählt: Er hatte in seinem Garten Salat gepflanzt. Doch die Schnecken, die jede Nacht kamen und die Salatköpfe anfraßen, verdarben ihm die Freude. So streute er Schneckengift auf das Salatbeet. Kleine rote Brocken waren das. Ein paar Tage später saß mein Lehrer über seinen Büchern am Schreibtisch. Als er aufblickte und zum Fenster hinaussah, war da im Nachbargarten ein Kind. Mit großen Augen schaute es durch den Zaun auf die roten Brocken im Salatbeet. Schließlich zwängte sich das Kind durch eine Lücke im Zaun, lief zu den Salatköpfen hin und grapschte mit seiner kleinen Hand nach ein paar Giftbrocken. Das Kind sah sich um und rannte dann zurück zum Zaun und kroch durch das Loch.

Inzwischen war mein Lehrer aufgesprungen und in den Garten gelaufen. Er kletterte über den Zaun und erreichte das Kind. „Gib mir, was du in der Hand hast“ sagte er. „Das ist nicht gut, das ist bäh. Es tut sehr weh im Bauch. Gib es mir.“ Doch die kleinen Kinderhände schlossen sich umso fester und hielten das Schneckengift fest, das so schön leuchtete. „Komm, gib es mir“ sagte mein Lehrer – immerhin ein berühmter Professor der Theologie. Doch der kluge Kopf beeindruckte das Kind nicht. Sein Mund wurde trotzig. „Nein, will selber haben“ kam schließlich heraus.

 

„Nein – will selber haben“ – und wenn es das schärfste Gift ist: das ist Verstockung oder wie es in der neuen Lutherrevision wieder heißt: Verfettung des Herzens. Gegen die kommt auch ein Professor der Theologie nicht an und hieße der Professor Jesaja. Die Verstockung wird sogar noch schlimmer, wenn der Prophet redet und den Menschen das Gift aus der Hand nehmen will. Er redet für die Katz, ja er redet dafür, „dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihren Herzen“.

Wir sind mitten drin in der Verstockung in diesem Jahr 2017. Wir sehen nicht mit unseren Augen, noch hören wir mit unseren Ohren, noch verstehen wir mit unseren Herzen. Die politischen Ereignisse der letzten Zeit legen dafür genug Zeugnis ab.

Vor ein paar Jahren stand in der Zeitung, dass sich auf der Autobahn zwischen München und Nürnberg bei Allershausen nun viermal hintereinander schwere Unfälle mit mehreren Toten ereignet haben. Die Autobahn ist dort dreispurig und gerade, das Wetter war gut. Die Unfallursache war immer zu hohe Geschwindigkeit bei zu geringem Abstand zum Vordermann. Immer das gleiche – und immer wieder geschehen die Unfälle. Die Polizei wollte übergroße Tafeln am Autobahnrand aufstellen mit der Aufschrift: „Abstand mindestens halber Tacho“ – „dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen“.

Freilich: Die Polizei meint es anders. Sie will, dass die Autofahrer sehen und verstehen und sich bekehren. Aber ich bekenne: Auch ich halte nicht immer genug Abstand.

Seit Jahren ist außerdem bekannt, dass an bestimmten Samstagen zu Ferienbeginn sich auf unseren Autobahnen riesige Staus bilden. Seit Jahren werden die Urlauber gebeten, nicht gerade an diesen Tagen eine Reise anzutreten und seit Jahren werden die Autoschlangen an den kritischen Tagen immer länger. Wenn dann Durchsagen im Radio kommen und auf Umgehungen hingewiesen wird, wenn die „Stauberater“ von Auto zu Auto gehen und die Fahrer bitten, die Autobahn zu verlassen – dann folgt ihnen fast niemand. Die Berater berichten, dass viele nach Stunden im Stau durchaus zufrieden wirken. Es ist die blanke Unvernunft, die sich hier zeigt. Es ist die Unvernunft, die auf die Autobahn sieht und nicht sehen will oder sehen kann, was neben der Autobahn ist.

 

In der Woche nach Ostern haben Wissenschaftler in aller Welt für die Freiheit der Wissenschaft demonstriert. Das ist offenbar nötig, weil die Wissenschaft bekämpft wird – aus politischem Interesse. Man will nicht glauben, dass die Erde sich erwärmt, dass ganze Länder vom Untergang im Meer bedroht sind. Noch schlimmer wird es, wenn man für den Kampf gegen die Wissenschaft Argumente des christlichen Glaubens missbraucht. Da verbinden sich Unvernunft und Unglaube. Denn ein Glaube, der meint, gegen die Wissenschaften kämpfen zu müssen, ist in Wahrheit Unglaube.

Der Unglaube ist der Zwillingsbruder der Unvernunft. Die Unvernunft kann sich nicht lösen von den eigenen Vorstellungen und kann die Welt nicht sehen, wie sie ist. Der Unglaube kann sich nicht lösen von den eigenen Wünschen und Absichten und kann nicht auf das sehen, was Gott tut in dieser Welt.

 

Diesen Unglauben, diese Blindheit für das, was Gott tut, erlebt Jesaja bei seinen Zeitgenossen. Ein paar Zeilen vor unserem Abschnitt sagt er: „Weh denen, die des Morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, dass sie der Wein erhitzt, und haben Harfen, Zithern, Pauken, Pfeifen und Wein bei ihren Gelagen, aber sehen nicht auf das Werk des HERRN und schauen nicht auf das Tun seiner Hände.“ (Jes 5, 11f)

Jesaja hat offene Augen für das Werk des Herrn. Er sieht und hört, was Gott tut. Augen und Ohren sind ihm aufgegangen in dem Jahr, als der König Usija starb, nach unserer Zeitrechnung 736 vor Christus. Jesaja hat erkannt, dass alle Lande voll sind von der Ehre des Herrn. Er hat verstanden, dass Gott überall regiert und dass die politischen Veränderungen seiner Zeit Gottes Werk sind. Was da geschieht – der Sturm, der heraufzieht, der Umbruch – Jesaja sieht ihn kommen. Aber die Bürger Jerusalems haben weder Augen noch Ohren dafür. Sie sind berauscht vom Wein, haben Ohren nur für das, was die Stimmung steigert. Als Jesaja sagt, was er kommen sieht, da verstehen sie kein Wort. Sie glotzen ihn nur an, den Propheten. Als lächerliche Figur erscheint er ihnen. Sie ahmen die Worte nach, die sie nicht verstanden haben. „Zawlazaw, zawlazaw, kawlakaw, kawlakaw“, so rufen sie Jesaja nach. Und bei den Großen des Landes, beim König und bei den Ministern, geht es dem Propheten nicht viel besser. Unverständlich ist für sie, was Jesaja sagt. Er erkennt: Wer so verbohrt ist, wer so blind und taub ist für alles, was Gott tut und sagt, zu dem wird Gott einmal mit unverständlicher Sprache reden. (Jes 28, 10-11)

Jesaja redet zu den Leuten wie der Professor zu dem Kind mit dem Schneckengift oder wie der Stauberater zu den Autofahrern. Aber die Leute hören nur das, was sie hören wollen, und verstehen nur, was sie ohnehin schon wissen. Jesajas Worte machen sie nur noch eigensinniger, nur noch verstockter, nur noch unvernünftiger.

 

Wozu dann das Ganze? Wozu hat Gott den Propheten berufen? Wozu hat Gott ihm Augen

und Ohren geöffnet für sein Werk? Wozu hat er die Lippen Jesajas gereinigt und ihm seine

Schuld vergeben?

„Und der Herr sprach: Geh hin und sprich zu diesem Volk: Höret und versteht`s nicht; seht und merkt’s nicht! Verfette das Herz dieses Volkes und ihre Ohren verschließe und ihre Augen verklebe, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen.“

Gott hat Jesaja berufen in einer Zeit der Unvernunft und des Unglaubens. Solange diese Zeit dauert, sind die Augen blind für das Gute und die Ohren taub für die Wahrheit und die Predigt des Propheten macht die Leute nur noch hartnäckiger in ihrem Unglauben. Gott will es in dieser Zeit nicht anders. Jesajas Worte sind bestimmt für die Zeit danach, für die Zeit, wo der Unglaube ein Ende hat. Jesaja ist der erste Prophet, der seine Botschaft „in ein Buch“ (Jes 30,8) schreiben soll. „Wer schreibt, bleibt“ sagt man. Die Botschaft ist für eine spätere Zeit. Das ist eine harte Einsicht. Als Jesaja sie entdeckt, schreit er auf: „Herr, wie lange?“

Das ist nicht nur die Frage des Propheten Jesaja, nicht nur die Frage dessen, der Gottes Auftrag erhält und ausführt. Es ist die Frage des Menschen, der an der Unvernunft und am Unglauben der Welt leidet. Es ist die Frage dessen, der sieht, wohin Unvernunft und Unglaube führen. „Herr, wie lange?“ Wie lange sollen noch die Toten von der Autobahn bei Allershausen aufgesammelt werden? Wie lange sollen noch die Autos von Würzburg bis München im Stau stehen? Wie lange noch glauben die Leute, sie könnten wieder zurückkehren zu der Zeit vor der großen Völkerwanderung unserer Tage? Wie lange noch will man das Offensichtliche leugnen?

„Bis die Städte wüst werden, ohne Einwohner, und die Häuser ohne Menschen und das Feld ganz wüst daliegt.“

Das ist die Antwort auf Jesajas Frage. Es muss nicht die Antwort auf unsere Frage sein – Gott sei Dank. So lange muss es bei uns nicht dauern bis die Stadt wüst wird, ohne Einwohner und die Häuser ohne Menschen. So lange müssen unsere Unvernunft und unser Unglaube nicht dauern.

Wir feiern das Fest des dreieinigen Gottes. Wir feiern den einen Gott, der als Gott Vater seine Schöpfung trotz unserer Schuld erhält, und als Gott Sohn seine Liebe aufschließt und uns als Gott der Heilige Geist den Glauben schenkt. Auch unser Glaube, auch unser Vertrauen kommt von Gott. Die Zeit dafür bestimmen wir nicht. Aber wir warten darauf, dass er der Verstockung ein Ende macht und Glauben schenkt – unseren Mitmenschen und uns selber.

 

Amen



Pfarrer Dr. Rainer Oechslen
Scheinfurt
E-Mail: rainer.oechslen@elkb.de

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