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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Trinitatis, 09.07.2017

„Zweifach minus, dennoch plus“
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Manfred Mielke

Liebe Gemeinde,

manchmal warten wir bei einem Tatort-Abend im Fernseher ein paar Minuten ab, wer die Kommissare sind. Manchen schauen wir gerne zu, oder wir zappen in andere Sender. Dann rätseln wir, aus welchem Land der dort bereits begonnene Krimi stammt. Die Gaunerkomödien aus Frankreich erkennen wir schnell, auch die schrulligen englischen. Skeptisch sind wir bei den Psycho-Krimis aus Skandinavien. Vor 2 Wochen erkannten wir erst spät, dass der Film über Datenkriminalität aus Australien kam. Gaunerei, Generationenzwist, psychische und sexualisierte Gewalt und Datenfälschung - all das kommt in der biblischen Josephsgeschichte zusammen. In einem über viele Kapitel gehenden Drama erleben wir heute die letzte Szene mit. Sie spielt im Alten Testament, nachdem der Erzvater Jakob verstorben und begraben ist. Zwischen seinen 12 Söhnen könnte nun eine gewalttätige Abrechnung ausbrechen. Doch wie sie sich letztlich aussöhnen, hören wir im letzten Absatz des 1. Mosebuches so:

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (1.Mose 50, 15-21)

Liebe Gemeinde,

mir geht der Doppelsatz nach: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ Aber auch das bekannte Zitat: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen!“ Joseph benutzt hier „das stärkste Wort für Sünde, das die hebräische Sprache kennt“, nämlich „Verbrechen“ 1). Doch dagegen übt er nicht kalte Rache, sondern handelt nach dem Vorsatz: „Vorwärts leben und rückwärts verstehen.“ 2) Denn nun, nach der staatsmännischen Beerdigung ihres Vaters, könnte Joseph mit der Abrechnung beginnen. Aber da er der Großzügigkeit Gottes mehr traut als dem Gaunerhaften seiner Brüder, inszeniert er eine späte Versöhnung. Damit sind wir nicht mehr nur Zuschauer eines Krimis mit happy end, sondern wir finden uns mittendrin wieder. Ja, wir dürfen uns detektivisch erinnern, welche Kränkungen wir erlitten, aber wir erkennen dabei auch Gottes Kontrastprogramm. Wir dürfen und können Menschen, die übel mit uns umspringen, ins Gesicht sagen, dass wir nicht schutzlos waren und schutzlos sind. Es tut uns unendlich gut, in fremdverursachten Krisen Gott auf unserer Seite zu wissen. Auch, wenn seine schützende Gnade leider lange und oft unterschwellig blieb.

Welche „Missetaten“ haben denn die 11 Brüder an dem Zweitjüngsten begangen? Nun, Vater Jakob und Mutter Rahel schenkten dem Knaben Joseph an allen vorbei ein hochwertvolles Gewand. Als er von einem Traum erzählt, in dem sich vor einer Ähre 11 andere Ähren verneigten, entreißen sie ihm sein Obergewand und stoßen ihn in ein ausgetrocknetes Brunnenloch. Das Traumkleid besudeln sie mit Tierblut und belügen ihren Vater, dass Joseph von einem Raubtier gefressen worden sei. Diese „Fakenews“ stürzen Jakob jahrzehntelang in tiefe Trauer. Doch Joseph wird von einer Karawane gefunden und an den ägyptischen Königs-Beamten Potifar verkauft. Dessen Frau bezichtigt ihn eines Vergewaltigungsversuchs, was ihm „Lebenslänglich“ einbringt. Immerhin keine Hinrichtung, von der es im Lied „In der Bar zum Krokodil“ heißt: „Mit Ramses saß heut in der Bar der Gatte der Frau Potiphar und aß von einem Feigenblatt gehackte Mumie mit Spinat.“ 3) - Doch Joseph endet nicht als „gehackte Mumie mit Spinat“, vielmehr kann er einige Horrorträume des Pharao deuten. Dem waren 7 magere Kühe erschienen, die 7 fette Kühe auffraßen. Diesen Traum deutet Joseph nun nicht mehr ich-bezogen, sondern wie ein Wirtschaftsweiser. Er deutet die Kühe auf kommende Konjunkturzyklen. Das überzeugt den Pharao und er macht aus dem Zuchthausinsassen den Zentralminister für nachhaltige Volkswirtschaft. Joseph baut und verwaltet riesige Kornspeicher, zu denen Karawanen kommen, um Brotgetreide zu kaufen. Seine Dienstkleidung? Ein Traumgewand 4) mit Edelsteinen und Goldkette!

Doch auch in Gottes Stammland Kanaan bricht ein Hungersterben aus, woraufhin der Patriarch Jakob seine Söhne losschickt zum Großeinkauf. Als Joseph inkognito seinen Brüdern Getreide aushändigt, greift er zum Mittel des Trickbetruges. Er beschuldigt sie der Spionage. Als sie Jahre später noch einmal kommen, versteckt er im Getreidesack seines jüngsten Bruders sogar einen Silberbecher. In Mafia-Krimis folgt dann meist eine lange Schießerei. Doch endlich, endlich gibt Joseph sich als ihren Bruder zu erkennen. In der gesamten Krimi-Staffel weint er sieben Mal 5), meist heimlich und heftig. Doch jetzt berichtet die Bibel von seinen Tränen an jeder Brust seiner 11 Brüder. Letztlich lädt der Pharao sogar die gesamte Familie nach Ägypten ein. Als er Jakob nach seinem Alter fragt, antwortet der: „Wenig und böse war die Zeit meines Lebens!“ Kein Wunder, bei einer solchen Bagage! Daraufhin segnet Jakob den heidnischen Pharao mehrfach.

Als Jakob spürt, dass sein Leben endet, „tut er seine Füße auf dem Bett zusammen und verstirbt und wird versammelt zu seinen Vätern.“ (49, 33) In taktischem Frieden beerdigen die 12 Brüder ihren Vater in Gottes Herkunftsland. Doch schon bei der Rückreise nach Ägypten beschleicht sie die Angst, dass sie mit dem Vater auch ihren Schutzpatron verloren haben. Jetzt könnte sich Joseph mit all seiner Amtsgewalt an ihnen rächen für die kriminelle Energie, mit der sie ihm tiefe Kränkungen zugefügt hatten. Die Lyrikerin Else Lasker-Schüler beschrieb sie so: „Sie ketteten des Jakobs Sohn bis ihm die Häute drohten mit dem Eisen zu verrosten!“ 6) Joseph war traumatisiert durch das Böse „bis ihm die Häute drohten mit den Eisenfesseln zu verrosten!“ Aber er steigt aus aus dem Drehbuch seiner Rachestrategien und seiner eigenen Verleugnung. - Noch einmal versteigen sich die Brüder zu den „Fakenews“, der sterbende Vater hätte befohlen, dass Joseph ihnen verzeihen müsse. Doch Joseph sagt darüber hinaus: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen!“

 

Liebe Gemeinde,

der doppelte Satz: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ geht mir nahe. Und zwar in zweifacher Hinsicht, was ich kurz erklären möchte. Zum einen spüre ich eine positive Energie, weil - wenn Joseph sowas sagen kann, dann kann ich das evtl. auch. Wobei ich mich beschenkt fühle, denn der Satz: „Fürchtet euch nicht!“ kommt ja ursprünglich aus Gottes oder seiner Engel Mund. Das „Fürchtet euch nicht!“ ist zudem der Ansagetext Jesu. Leihe ich mir diesen Satz aber aus dem Munde Josephs, dann wühlt er mich auf. Er gilt ja nach außen, weil er innerlich gilt. Er ist die Zusage für uns alle, dass wir uns nicht vor endlosen Wiederholungen fürchten müssen, weder in einem Familienkrieg noch im Mobbing oder Ähnlichem.

Gleichzeitig ist das aber auch ein Gedanke, den ich oft nur andeute. Bei Hausbesuchen, wo ein Patriarch verstorben ist und die Kinder Panik haben, dass die Narben wieder aufbrechen, sage ich sinngemäß: „Fürchtet euch nicht, die Wahrheit wird euch frei machen.“ Und wenn eine Konfirmandin mir die neue Adresse nennt, wo sie mit Mutter hingezogen ist, meine ich im Sinne Bonhoeffers: „Fürchte dich nicht; Gott kann im Wirrwarr für dich etwas Gutes finden.“ Jeder von uns kann sich so äußern und gewiss sein, dass die innere Kraft der eigenen Worte ursprünglich von Gott kommt.

Hinzu kommt noch die zweite Hälfte des Doppelsatzes, den Joseph uns in den Mund legt: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?“ Darin höre ich im Abspann dieses Joseph-Krimis eine wirksame Alltagshilfe. Denn wenn wir einander ermutigen mit: „Fürchte dich nicht!“ gehört dazu auch die Bescheidenheit: „Ich stehe aber nicht an Gottes statt!“ Mit Überheblichkeit helfen wir niemandem, seine Angstpläne zu beenden. Doch da unsere Bescheidenheit ja Platz macht für den Mut aus Gott, wird die Angst auf beiden Seiten schwächer. Wenn Gott persönlich oder global sagt: „Fürchtet euch nicht!“, wird er uns nicht zugleich in die Knie zwingen. Oder im Bild gesprochen: Er wird uns keinen Skorpion geben, wenn wir Getreide brauchen, und er wird uns keinen Silberbecher unterjubeln, wenn wir in seinem Mut und Segen Versöhnung beginnen. So kann jeder von uns den Rückblick wagen und sagen: „Gott macht das Plus, auch wenn wir auf beiden Seiten im Minus handelten. Ich habe übel mit euch gespielt und ihr habt es böse mit mir gemacht, aber Gott wandelte es auf beiden Seiten zum Segen!“ Wie das Leben dann verantwortlich weitergeht, kennen wir vom Programme-Zappen. Dann werden wir nicht mehr in weitere Tatorte ausweichen. Wir werden innerlich umschalten und im Programm der Versöhnung bleiben. Amen

 

1) Hans Jochen Boecker: Die Josefsgeschichte; Neukirchen-Vluyn 2003, S. 90

2) Kindergottesdienst-Material der Nordkirche zum Thema „Joseph“ im Juli 2015

3) “In der Bar zum Krokodil“ von Fritz Löhner-Beda, 1927, die Comedian Harmonists haben diese Zeilen nicht gesungen.

4) vgl. Tim Rice & Andrew Lloyd Webber: Joseph and the technicolor dreamcoat, 1968

5) Laut Konkordanz: 42,24; 43,30; 45,2; 45,14; 45,15; 46,29; 50,1; 50,17

6) Else Lasker-Schüler: „Joseph“ in »Die weißen Blätter« (Jg. 7, Heft 4. S.155), dort von den ismaelitischen Händlern.

 



Pfarrer Manfred Mielke
Reichshof
E-Mail: Manfred.Mielke@ekir.de

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